SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Review, Unheilig, Von Mensch zu Mensch

Unheilig

Unheilig

Von Mensch zu Mensch

(Vertigo Berlin)

Vor zwei Jahren verkündete der Graf öffentlichkeitswirksam, mit Unheilig sei bald Schluss. Nach einem langen Abschiedsbrief an seine Hörerschaft, dem letzten Album „Gipfelstürmer“ und einer ausgiebigen Tour durch die größten Hallen des Landes wollte sich der selbsternannte Aristokrat im Kreise seiner Familie endlich zur Ruhe setzen. Zusätzlich hatte der Musiker, um die Hoffnungen seiner hartgesottenen Fans auf ein etwaiges Comeback von vornherein im Keim zu ersticken, in Interviews vollmundig versichert, dass eine Rückkehr Unheiligs „zu tausend Prozent“ ausgeschlossen sei. Leider hat sich er selbst Lügen gestraft und mit „Von Mensch zu Mensch“ sein ohnehin durchwachsenes Œuvre um ein neues Machwerk erweitert. In musikalischer  SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Review, Unheilig, Von Mensch zu MenschHinsicht weiß die Platte dem bisherigen Repertoire nichts hinzuzufügen. Die sich dem Schlagerpublikum anbiedernden Lieder erzeugen dank eines schmierigen Cocktails aus Streicherarrangements, Synthie-Beats und den obligatorischen Klavierklängen ein Pathos, das lauthals zum Fremdschämen einlädt. Bei den vermeintlich härteren Titeln, wie zum Beispiel „Egoist“, dürfen dann auch rammsteinsche Gitarrenriffs nicht fehlen. Die sind jedoch so geglättet und unterkomplex geraten, dass sogar Apologeten der Neuen Deutschen Härte verständnislos darauf reagieren dürften.
Das alles könnte man noch irgendwie verkraften, wären da nicht die lyrischen Ergüsse des Grafen. Die größtenteils willkürliche Aneinanderreihung von Phrasen lässt glauben, er habe sich am Tagebuch eines Teenagers vergriffen. Immer geht es ums Durchhalten und Warten auf bessere Zeiten, um Träume, Freiheit und Gipfel, die es zu erstürmen gilt. Nachdem sich bereits das gesamte vorherige Unheilig-Album textlich mit dem Bergsteiger-Fetisch des Sängers beschäftigt hatte, lässt einen die unverblümte Frechheit, dass gleich mehrere Songs des aktuellen Longplayers erneut Berg-Metaphern bemühen, umso ratloser zurück. Statt sich der Vielfalt deutscher Sprache zu bemächtigen, bevorzugt „Von Mensch zu Mensch“ plumpe Beliebigkeit und Redundanz. So bleibt folglich nur zu hoffen, dass der Graf am Rentnerdasein doch noch Gefallen findet.

Jetzt reinhören:

//Peter Schuster