SPAM Musik Magazin Ausgabe 2: The Rolling Stones, Blue & Lonesome, Review

The Rolling Stones

The Rolling Stones

Blue & Lonesome

(Polydor)

Wer hätte das den alten Herren noch zugetraut? The Rolling Stones – im Alter
zwischen 69 und 75 – rücken endlich das raus, was man sich schon seit 20 Jahren sehnlich von ihnen wünscht. Ihr großes Alterswerk. Aber vielleicht muss man für ein Alterswerk auch erstmal richtig alt sein. „Blue & Lonesome“ ist eine Blues-Platte. Nun wären Jagger & Co. nicht die Ersten, die auf ihre alten Tage Zuflucht im Blues fänden. Doch hier verhält es sich etwas anders. Die Stones kommen vom Blues und haben zu allen Zeiten einen guten Blues geschoben.
„Blue & Lonesome“ ist aber mehr als eine Rückkehr zu den eigenen Roots. 54 Jahre nach ihrer Gründung finden sie einen völlig neuen Zugang zum eigenen Gründungsmythos. Da wird nichts schön gespielt, man kommt ohne Erklärungen und Beipackzettel aus. Keine Backgroundsängerinnen, die den Sound aufweichen würden, keine Synths oder Streicher, keine Postproduktion, die dem Ohr schmeicheln würde. Vier böse alte Männer SPAM Musik Magazin Ausgabe 2: Review, The Rolling Stones, Blue & Lonesomelegen ihr Credo ab, tun dies aber mit einer Lebensfreude und Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst, die für alle jüngeren Generationen beispielhaft sein sollte. Keith Richards und Ron Wood klampfen unentwegt mit voller Wucht nach vorn, in zwei Tracks sogar von Eric Clapton – der hier eine erstaunlich gute Figur macht – um eine dritte Gitarre ergänzt. Charlie Watts verschleppt in gewohnter Weise den Beat, haut aber auf die Töppe wie selten zuvor.
Die größte Überraschung ist Mick Jagger. Nicht seine Stimmgewalt, die hier ohne jede Süßlichkeit daherkommt, sondern sein Spiel auf der Mundharmonika. Er hat gelegentlich schon gucken lassen, dass er sich auf der Blues Harp auszudrücken weiß, aber was er hier gibt, ist eine ebenso dreckige wie risikofreudige Mischung aus Blues und Punk, die ihn als einen der weltweit besten Mundharmonika-Spieler outet. Auf keinem anderen Album der Rolling Stones hat die Mundharmonika eine derart klangprägende Rolle gespielt wie hier.
Neu ist auch, dass sie keine einzige Eigenkomposition präsentieren, sondern ausschließlich Blues-Nummern spielen, die zu unbekannt sind, um sie als Klassiker zu bezeichnen. Die Stücke von Little Walter, Willie Dixon, Memphis Slim und anderen gehen ganz und gar im Repertoire der Rolling Stones auf, denn nur absolute Kenner haben die Originale oder frühere Cover-Versionen im Ohr.
Die Rolling Stones verhelfen mit dieser Platte nicht nur dem archaischen Blues zu einer unerhofften Renaissance, sondern machen weiter auf ihrem Credibility-Trip, den sie bereits Anfang des letzten Jahres mit ihrem sensationellen Free Concert in Havanna begonnen haben. 2016 war ein verdammt gutes Jahr für die lebenslustige Altherrenriege, und hoffentlich bleibt uns dieser Haufen noch recht lange erhalten.

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//Wolf Kampmann