Spam Musik Magazin Ausgabe eins: Review Archiv Stirn Westerhus Amputation

Stian Westerhus

Stian Westerhus

Amputation

(House of Mythology)

Von Jimi Hendrix wurde einmal gesagt, er spiele auf der Elektronik, als sei sie SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Review Stirn Westerhus - Amputationselbst das Instrument. Und nicht, als spiele er auf einem Instrument, das „nur“ elektrisch verstärkt sei. Daran mag man sich erinnern, wenn man – am besten via Kopfhörer – sich vom neuen Album des Norwegers Stian Westerhus mitnehmen lässt. Durch seine Arbeiten mit Puma, Sidsel Endresen, Jaga Jazzist, Supersilent, Motorpsycho, Nils Petter Molvaer und sein eigenes Trio Pale Horses hat Westerhus in den vergangenen Jahren derart nachdrücklich auf sich aufmerksam gemacht, dass er bereits mit allerlei Auszeichnungen und Preisen bedacht wurde – und hierzulande trotzdem noch zu entdecken ist. „Amputation“, eine Art Konzeptalbum über Phantomschmerz, Verlust, Gedächtnis und Melancholie setzt jetzt die Reihe seiner eher dunklen, sehr körperlichen und auf ihre Art radikal schönen Soloalben wie „Pitch Black Star Spangled“ fort. Textlich auf den Spuren von Scott Walker und sanglich sehr nachdrücklich auf denen von Antony & the Johnsons respektive Anohni. Mit nicht mehr als Gitarre, Stimme, Drum Machine und diversen elektronischen Devices changiert er 40 Minuten und sechs Tracks lang zwischen fragilem Schönklang am Rande der Stille und bohrenden Noise-Wänden und erzählt dabei auf mithin schmerzhaft intensive, aber immer eindrucksvolle Weise. Spannend ist dabei, dass Westerhus hier deutlicher als sonst bei ihm üblich daran erinnert, dass konkrete Songs das Ausgangsmaterial seiner Klangforschungen sind, selbst, wenn von ihnen mitunter auch kaum mehr als ein Phantomschmerz geblieben ist. Was psychologisch die Wahl zwischen zwei Übeln ist, ist akustisch mitunter anstrengend und fordernd, belohnt den mutigen Hörer aber mit erstaunlichen und auch erstaunlich zarten Sounds für die einzigen Öffnungen, die im Feld des Unbewussten unmöglich zu schließen sind: die Ohren.

Jetzt reinhören!

//Ulrich Kriest