Spam Musik Magazin Ausgabe eins: Review Archiv Red Hot Chili Peppers A Moon Shaped Pool

radiohead

Radiohead

A Moon Shaped Pool

(XL Recordings)

Es ist so simpel: Radiohead enttäuschen nie. Umso größer ist bei jedem neuen Album die Angst, dass sie es doch einmal tun. Mit „The King Of Limbs“ sind sie 2011 so weit ins Extrem gegangen, wie es irgend möglich war. Was hätte man dem noch draufsetzen können, sollen, wollen? Zu dieser Erkenntnis sind offenbar auch Thom Yorke und Co. gekommen. Auf „A Moon Shaped Pool“ bleiben sie sich selbst treu und schlagen doch völlig neue Wege ein. Schon bei den ersten Tönen des Openers „Burn The Witch“ wird klar, dass es sich um ein Streicheralbum handelt. Nun sind Streicher oft das letzte Register, das Bands ziehen, wenn ihnen sonst nichts mehr einfällt. Ganz anders bei Radiohead. Gitarrist Jonny Greenwood hat bereits 2008 in dem Soundtrack zu „There Will Be Blood“ eindrucksvoll bewiesen, dass er für ein klassisches Orchester schreiben und arrangieren kann. Es war nur eine Frage der Zeit, wann diese Gabe auch Radiohead zugute kommt. Doch die fünf Artrocker gehen nie den offensichtlichen Weg. Einfach nur Streicher einzusetzen, weil es sich anbot, wäre zu leicht gewesen. Zu durchschaubar. Im Zusammenspiel von Rockband – falls man Radiohead überhaupt noch als SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Review Radiohead - A Moon Shaped Poolsolche bezeichnen kann – und Streichern wird auf „A Moon Shaped Pool“ ein Level erreicht, das so noch nie dagewesen ist. Die Strings kommen sehr subtil zum Einsatz, teilweise auch komplex, aber sie dominieren nie den Sound, sondern grundieren und pointieren auf überraschende Weise. In jedem Song werden sie anders positioniert. Im Opener sorgen sie für rhythmisches Stakkato. Im zweiten Song, dem epischen „Daydreaming“, dem wohl intensivsten Stück des Albums, legen sie erst unaufdringliche Klangteppiche aus, um im letzten Drittel wie Bomben auf das sich minimalistisch wiederholende Pianomotiv zu fallen und im Ende in Kontrabässen auszugrunzen. Alles zuvor so überwältigend Schöne verröchelt in diesen Bass-Sequenzen. In „Glass Eyes“ schwebt Yorkes brüchige Stimme allein über den Streichern. In wieder anderen Stücken sind die Streicher eher wie ein Dufthauch zu vernehmen, vielleicht auch gar nicht da, sondern nur denkbar. Manche Lieder funktionieren wie einfache Folk-Balladen nach ganz herkömmlichen Konstruktionsmustern, andere sind so dicht und verschränkt, dass es schwerfällt, sich von außen kommend einen Weg durch sie hindurch zu bahnen. Vom ersten Ton an umweht diese Musik die Aura des Meisterwerks. Einmal mehr und vielleicht zielsicherer denn je wissen Radiohead, wie weit sie in jedem einzelnen Moment gehen können, wie dick sie auftragen dürfen und wie arg sie sich in Momenten der Reduktion zurücknehmen dürfen. Egal zu welchen Mitteln sie greifen, das Level der Intensität ist gleichbleibend hoch. Als wäre das 16 Jahre nach der Jahrtausendwende noch nötig, hebt „A Moon Shaped Pool“ endgültig alle Grenzen zwischen vermeintlichen Kategorien wie E(rnst) und U(nterhaltung) auf. Diese Musik will nicht mehr eingeordnet, sondern nur noch gehört, gefiltert und verinnerlicht werden. Sie ist leicht, die Band macht Angebote, jeder kann sich daraus nehmen, was er will. Vor allem bietet sie bei jedem Hören etwas Neues an. Eine Musik, die von Anfang an darauf ausgerichtet ist, unvergänglich zu sein. „A Moon Shaped Pool“ ist bei weitem nicht das avantgardistischste Album im Gesamtwerk von Radiohead, aber gerade diesen kompromisslosen Anspruch auf Unvergänglichkeit teilt sie mit wenigen Rockalben, aber mit vielen Meisterwerken der Klassik.

 

Jetzt reinhören!

//Wolf Kampmann