SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Reviews Ausgabe eins Nick Cave and The Bad Feeds - Skeleton Tree

Nick Cave & The Bad Seeds

Nick Cave & The Bad Seeds

Skeleton Trees

(Bad Seeds Ltd.)

Nick Cave war in seiner langen Laufbahn nur höchst selten ein Kind von unverstellter Fröhlichkeit. Einst nannte man ihn den Prinz der Finsternis, doch diese Zeiten sind lange her. Heute ist es viel komplexer. Die plakative Lust am Horror-Trash des Alltags ist auf den jüngeren Alben einer subtilen Tiefenanalyse der menschlichen Abgründe gewichen. Stilistisch schließt seine neue CD „Skeleton Tree“ zwar an „Push The Sky Away“, die letzte Platte der Bad Seeds an, aber poetisch hat es eine völlig andere Bewandtnis. Vor zwei Jahren war einer von Nick Caves Söhnen tödlich verunglückt. Es war zu befürchten, dass er vor Kummer für lange Zeit verstummen würde. Doch er hat nicht lange darauf warten lassen, die unerträgliche Pein in neun Amphoren zu verschließen, die er nun als Songs auf seiner neuen CD mit der Öffentlichkeit teilt. Die Texte sind nicht einfach, es sind – wie man es von Cave kennt – Aneinanderreihungen poetischer Bilder, die auf den ersten Blick nicht immer Sinn ergeben müssen. Wie auch auf „Push The Sky Away“ offenbart sich die Aussage nicht im einzelnen Song, sondern über den Verlauf des Albums im Ganzen. Alles ist höchst kryptisch und symbolistisch. Cave ist kein Sänger mehr, sondern eher ein Deklamator.
Er murmelt seine Texte vor sich hin, teilweise unbeteiligt wirkend, dann wieder von einer hypnotischen, um nicht zu sagen magnetischen Inbrunst ergriffen. Streckenweise ist seine Stimme alt und brüchig. Brüchig, weil gebrochen. Über die Risse in seiner sonst als Werkzeug so makellos funktionierenden Stimme lässt er uns unmittelbar in die verloschene Glut seiner Seele blicken. Da ist im Moment nichts als Leere. Musikalisch ist das Album entsprechend. Es gilt, die Umgebung zu schaffen, in SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Review Nick Cave and The Bad Seeds - Skeleton tree der die Texte bestmöglich zur Geltung kommen. Bestmöglich ist in diesem Fall nicht gleichbedeutend mit bestverständlich. Oft ducken sich Caves Zeilen im schwer durchdringlichen Dickicht des Klangambientes, das so alles andere als songhaft ist.
Nie zuvor hat Cave so offensiv auf elektronische Mittel zurückgegriffen. Es steht nicht mehr so sehr die adäquate Dokumentation des Sounds eines einzelnen Instruments und der Gesamtheit aller im Fokus. Es geht einzig und allein ums Ganze. Immer und in jedem Augenblick. Am Anfang gibt es kaum eine klare Melodielinie, keinen Rhythmus, der diese Bezeichnung wirklich verdienen würde. Da ist eher ein unterschwelliger Puls. Erst nach und nach schälen sich aus diesem Nebel der Befindlichkeiten Konturen heraus, die sich vage als Lieder bezeichnen lassen. Alles in allem hat „Skeleton Tree“ die Tiefe und Dramatik eines Stückes von William Shakespeare. Das Niveau der Verzweiflung ist von Anfang bis Ende gleichbleibend, und doch führt das Album dezent Song für Song vom Chaos zur Klarheit. Einmal mehr entpuppt sich Nick Cave als manischer Magier, der in seiner Musik über sich selbst hinauszuwachsen vermag. Man darf mehr als gespannt sein, wohin seine Reise weitergeht.

Jetzt reinhören!

//Wolf Kampmann