SPAM Musikmagazin, Aimee Mann, Mental Illness, Ulrike Reichel

Aimee Mann

AIMEE MANN

MENTAL ILLNESS

(Superego Records)

 

Spätestens seit ihren Songs für den Episodenfilm „Magnolia“ übetemp1r eine Reihe liebenswert gescheiterter Existenzen in L.A. hat Aimee Mann ihren Ruf weg: als eingeschworene Depri-Sirene. Auf ihrem neunten Album gibt sie nun dem persönlichen Stereotyp augenzwinkernd Futter: „Mental Illness“ heißt das Konzeptwerk extra-düster; darin erzählt die Songautorin von Protagonisten, die von Zwängen und Obsessionen geplagt werden. Die Storys von der dunklen Seite der Psyche verkuppelt sie wie gewohnt in zauberhafte, am Pop der Sixties geschulte Melodien, die scheinbar von selbst laufen, etwa im melancholischen Langsamtreter „Simple Fix“. Wo der Vorgänger „Charmer“ noch vom Synthie flankierten US-Studiopop der Siebziger inspiriert war, hält Mann ihre Klangpalette diesmal rein akustisch, veredelt von feinen Streicher-Arrangements. Die sind mal feierlich und üppig wie im Finale „Poor Judge“, in dem die Stadt L.A. zum Patienten wird, oder sie bringen, sparsam eingesetzt, Manns wunderbar entspannten Sopran zum Glänzen, der auch mit 57 Jahren keine Alterung aufweist. Bei aller Schönheit ergeben sich auf Dauer Ähnlichkeiten zwischen Harmonien und Tempi – ein bekannter Begleiteffekt bei Charakterköpfen wie Mann, die sich in ihrem stilistischen Lieblingsterrain fest eingerichtet haben.

Jetzt reinhören!

//Ulrike Rechel