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Zum Nichts

Die Beziehung zwischen Architektur und Musik

Musik ist Klang gewordene Architektur. Das kann man immer wieder lesen. Die Sinfonie als Kathedrale der Klänge. Doch wo berühren sich Architektur und Musik tatsächlich? Etwa im Nichts?

//Julian Mannarini

In vielen architektonischen Projekten wird Raum optimiert: es geht nicht mehr um den früheren Funktionalismus als ästhetische Vorgehensweise, sondern um reine Rentabilität. „Architektur wird als Dienstleistung angesehen, ein Wort, das selbst die Theorie des Funktionalismus erstaunlicherweise nie verwendet hat“, so der österreichische Architekt Hermann Czech. Er befürwortet Stille im schöpferischen Prozess als eine starke Verteidigung der Kreativität. Dieselbe Schlussfolgerung kann man auch in der E-Musik Szene zulassen.

Sogenannte U-Musik folgt einer ganzen Reihe von Regeln, um von der Masse akzeptiert zu werden, denn der Massenkonsum tendiert dazu, die Produkte zu homogenisieren. Geld ist natürlich einer der Hauptgründe, warum in der Kunst bestimmte Erwartungen erfüllt werden müssen. In einer Gesellschaft, die ab 1950 immer mehr mit Medien überflutet wurde und dadurch immer weniger Freiraum zur individuellen Meinung gibt, repräsentiert Stille oder Leere einen wertvollen Raum zur freien Reflexion. Umso wichtiger wird es, die Bedeutung der Stille zu erkennen. Die Medien haben jegliche Leere gelöscht: im Radio wird nach wenigen Sekunden Stille automatisch das Programm gewechselt, um zu verhindern, dass Zuhörer auf einen anderen Sender schalten. Wo in anderen Kulturen das Versprechen der Leere angstfrei angenommen wird, fürchtet sich der Mensch der westlichen und christlichen Welt vor dem Nichts. Der Philosoph Blaise Pascal hat bereits im Fragment 414 der „Pensées“ erläutert: „Das Einzige, das uns über unser Elend hinweg tröstet, ist die Unterhaltung. Und dennoch, gerade diese Unterhaltung (Zerstreuung) ist unser größtes Elend. Denn diese Unterhaltung ist es, die uns daran hindert, grundsätzlich über unser Dasein nachzudenken, und die uns unmerklich uns selber verlieren lässt. Ohne diese Unterhaltung überkäme uns Langeweile, und diese Leere würde uns dazu treiben, ein noch wirksameres Mittel zu suchen, ihr zu entgehen. Aber die Unterhaltung amüsiert uns und bringt uns unmerklich näher an den Tod.“

Wolkenbett ueber Berlin

Die Entwicklung der heutigen Gesellschaft geht mit zunehmender akustischer Reizüberflutung einher. Das Zuhause wird zusehends zum Rückzugsort. Der Architekt schafft Wohngebäude, die vom Äußeren zum Inneren kontrastieren, wo das Leere seinen Platz hat. „Das Verhältnis von Öffnung und Schließung, von Be- und Entgrenzung ist ein zentrales Gestaltungsmittel, aber auch ein Gestaltungsziel von Architektur. Das hat Konsequenzen auf allen Ebenen architektonischer Bedeutung. Der Umgang mit architektonischen Grenzen kann metaphorisch als Schaffung oder Einschränkung individueller oder gesellschaftlicher Freiheit diskutiert werden”, sagen Riklef Rambow und Honke Rambow in „Grenzen der Entgrenzung: Architektur, Musik, Drogen“.

Extrem abgegrenzte Räume erfüllen aber nicht ihren Zweck: ein schalltoter Raum ist zum Beispiel für einen Menschen nicht lange ertragbar, denn Ohren, die für die Orientierung essentiell sind, können in dieser Situation nicht ihre Funktion erfüllen. John Cage hat nach einem Besuch von so einem Raum bemerkt, dass der Mensch die absolute Stille nicht erfahren kann, weil selbst der eigenen Körper Geräusche erzeugt. Dies zeigt, dass unsere Erfahrung des Nichts eigentlich keine ist. Wir empfinden das Nichts als die Abwesenheit von Etwas und nicht als etwas Absolutes.

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Architektur existiert nur durch Beziehung. Musik existiert nur durch Beziehung. Wie der französische Architekt Henri Gaudin geäußert hat: “Raum ist zur Architektur, was Stille zur Musik ist”. Genau da liegt die wichtigste Schnittstelle zwischen Architektur und Musik: ihre Beziehung zum Nichts. Das Leere modelliert den Klang im Spektrum und in der Zeit. So verändert das Leere die Musik von einer Interpretation zur anderen in der Zeit-Raum-Spanne, bis zum endgültigen Verschwinden. Ein architektonisches Werk bildet und begrenzt auch nur für eine gewisse Zeit das Leere, bis es wieder zum Nichts zurückkommt. Ohne Architektur würde in der Musik des Westens keine Stille möglich sein. Musik wird heutzutage überall konsumiert, im Auto, beim Kochen etc.

SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Eingang

Das Konzertformat in der E-Musik ist eines der letzten musikalischen Erlebnisse, bei denen Stille sowohl in der Zeit als auch im Raum ihren Platz hat und sich dieses Ereignis dadurch radikal vom Alltag abgrenzt.

 

SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: buiilding

So prägt Architektur drastisch die Musik. In gewisser Weise sind musikalische Formen Zeitvolumen, in denen Klänge zur Formulierung und Begrenzung dieser Volumen dienen, was die Analogie zwischen beiden Bereichen betont. Architektur begrenzt das Leere im Raum, Musik begrenzt die Stille in der Zeit, wenn, wie es Friedrich Wilhelm von Schilling erläutert hat, „die Architektur überhaupt die erstarrte Musik ist”.

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