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Womöglich gar nicht so verschieden?

 
Captain Sensible, The Damned, Punk Rock und Pink Floyd

// Bernd Gürtler

 

Begonnen hätten sie aus derselben Motivation heraus wie die meisten damals, nämlich aus Frustration über den ambitionierten Progressive Rock solcher Bands wie King Crimson, Yes, Emerson Lake & Palmer oder Pink Floyd, erzählt Captain Sensible. „Ich kann nur für mich sprechen, aber wir waren ein Clique von Gleichgesinnten, die Besuche bei Konzertauftritten im London von 1975/76 als äußerst unerfreulich empfanden. Irgendwelche Supergroups gaben zwanzigminütige Schlagzeugsoli zum Besten und sangen blödes Zeug von Kobolden oder Zauberern. Das ergab keinerlei Bezug zur Wirklichkeit. Wir wollten aufregende Bands, die etwas zu sagen hatten!“ Zwar blieb der Progressive Rock nicht unbeeindruckt vom britischen Alltag, der sich Mitte der siebziger Jahre mit einem dramatischen Niedergang der Wirtschaft, mit wachsender Arbeitslosigkeit und Sozialabbau konfrontiert sah; die Schulabgänger traf es am schlimmsten, vermerkt Jon Savage in seinem mehr als fünfhundert Seiten starken Punkrock-Standartwerk „England’s Dreaming“. Doch weder der Progressive Rock noch sonst eine etablierte Rockform reagierte in einem Maße, wie der Alltag für Captain Sensible und seine Kreise prekär war. „Wir hatten die Dreitagewoche, ein Streik folgte dem nächsten, es wurde darangegangen, die Gewerkschaften zu zerschlagen. Jede Menge Konfliktstoff lag in der Luft.“

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Hinzu kam, dass der Sommer 1976 übermäßig warm war, von Trinkwasserrationierungen begleitet wurde und es Ende August auf dem Höhepunkt des Londoner Notting Hill Carnivals zu Straßenkämpfen zwischen karibischen Einwanderern und der Polizei kam. Bei diesen seit Jahren schwersten Rassenunruhen ist Captain Sensible zwar nicht vor Ort gewesen, an die Sommerhitze erinnert er sich sehr gut. „Es war extrem warm. Die einzigen Klamotten, die ich besaß, waren die, die ich am Leib trug. Ich schlief bei wildfremden Leuten auf dem Fußboden. Mit der Zeit fing ich an, streng zu riechen. In einem Dokudrama über Boy George sagt dessen Schlagzeuger Jon Moss, Captain Sensible, war das nicht der, der so gestunken hat? Ich war mal bei Boy George zu Hause zu Besuch. Seine Eltern sind sehr vornehme Leute gewesen. Ich bot an, die Schuhe in der Wohnung auszuziehen, sie lehnten dankend ab.“

Ein Glück, dass Punkrock auf den Plan trat. „Ich war nach der Schule in eine streng nach Klassen und Schichten getrennte Gesellschaft entlassen worden. Jemand aus der armen Working Class wie ich, schlecht ausgebildet noch dazu, ahnte, dass er im Leben nicht auf Rosen gebettet sein würde. Ich schlug mich als Kloputzer durch. Wenn ich Konzerte besuchte, hatte ich kein Geld für ein Bier, ich musste andere anbetteln. Dem zu entkommen, standen mir drei Möglichkeiten offen. Ich konnte gewerbsmäßiger Einbrecher werden, Fußballstar oder mir eine Gitarre kaufen und mich einer Band anschließen.“ Captain Sensible entschied sich für letzteres, denn die Botschaft des Punk war, sei „kreativ und mach‘ was aus dir. Wenn dir gesagt wird, das kannst du doch gar nicht, such‘ dir einen anständigen Job, es kann nicht jeder ein Gitarrist werden, jemand muss auch die Klos putzen – dann entgegnest du, nö, ich mach‘ genau das, was ich will.“

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Stilistisch berief sich Punk auf den Sixtiesbeat der Beatles, der Kinks, der Troggs beziehungsweise den amerikanischen Garagenrock von The Seeds oder Chocolate Watch Band. Bei Captain Sensible kam eine Begeisterung für die frühen Pink Floyd der Syd Barrett-Ära hinzu. „See Emily Play“ nennt er als einen seiner absoluten Lieblingssongs. Auf sein Betreiben hin wurde das zweite The Damned-Album „Music For Pleasure“ bei Pink Floyd im Studio eingespielt. „Wir hatten denselben Verleger, Peter Barnes, bei ihm unter Vertrag auch Elvis Costello. Ich fragte Peter, ob Syd Barrett vielleicht ein weiteres Album plant, und wenn ja, ob er nicht unser Produzent sein könnte. Das wurde tatsächlich ins Auge gefasst. Leider ist Syd nicht aufgetaucht. Statt seiner kam Schlagzeuger Nick Mason im Studio vorbei und meinte, sorry Jungs, ihr müsst mit mir Vorlieb nehmen.“

Seine Wahl fiel auf uns, weil er mich bei einem Fernsehauftritt in einem T.-Rex-T-Shirt gesehen hatte

The Damneds „Music For Pleasure“ entstand im August 1977 im Pink Floyd-Studio an der Londoner Britannia Row. Ein knappes Jahr zuvor hatten eben dort Pink Floyd ihr eigenes Album „Animals“ aufgenommen, das wegen seiner Frontcoverabbildung des Londoner Battersea-Kraftwerks berühmt wurde und darüber hinaus als düsterstes, radikalstes Pink Floyd-Album überhaupt gilt, so dass die britische Musikzeitschrift Melody Maker der Band empfahl, sich in Punk Floyd umzubenennen, berichtet Mark Blake in seiner erschöpfenden Pink Floyd-Biographie „Pigs Might Fly“. Nach „Dark Side Of The Moon“ und „Wish You We’re Here“ hatte Roger Waters die kreative Federführung übernommen und angeregt durch die Lektüre von George Orwells „Animal Farm“ bissige Tieranalogien auf charakteristische menschliche Wesenszüge verfasst. Die „Dogs“, schreibt Cliff Jones in „Echos – Die Geschichte hinter jedem Pink Floyd-Song“, sind „listige und aggressive Raubtiere, die im Rudel jagen und höllisch anpassungsfähig sind, wenn es ums Überleben geht.“ Die „Pigs“ wiederum stehen für „gerissene, tyrannische Moralisten, geborene Führer, die von ihrer Machtgier getrieben werden und trotz ihrer Furcht vor dem Unbekannten oft in bürokratische Spitzenämter aufsteigen“. Während die passiven „Mitläufer, die folgsamen Unschuldslämmer“ artgerecht als „Sheep“ beschrieben werden. Captain Sensible kannte keins dieser Stücke, wusste aber, dass Roger Waters ein streitbarer Geist ist, der Dinge anzusprechen riskiert, die sich sonst keiner traut. Und in der Tat, die Gesellschaftsanalyse des „Animals“-Albums unterscheidet sich in der Schärfe ihrer Aussage kaum von Punkklassikern wie dem „God Save The Queen“ der Sex Pistols, dem „White Riot“ der The Clash oder dem räudigen Sound von The Damneds „New Rose“. Lediglich die Perspektive ist eine andere. Pink Floyd betreiben weiterhin eine Draufschau auf elementare Menschheitsthemen, die Punks indes agieren aus Alltagsbefindlichkeiten heraus.

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Ein Mythos der angloamerikanischen Populärmusikgeschichtsschreibung lautet, Punk konnte sich deshalb durchsetzen, weil mit ihm durch den Progressive Rock verdrängte Urtugenden des Rock wie Einfachheit, Eingängigkeit und Tanzbarkeit zurückgekehrt seien. Was nicht ganz den Tatsachen entspricht, parallel zum Progressive Rock war beispielweise der Glamrock mit vergleichbaren Eigenschaften ausgestattet. Der Unterschied zum Punk, denkt Captain Sensible, lag „höchstens in den Klamotten. Nimm‘ ein Stück von Slade oder The Sweet und stelle es gegen die Buzzcocks oder The Stranglers. Wer es nicht weiß, wird keinen Unterschied erkennen. Derselbe phantastische Seventiessound!“ Den britischen Glamrockstar, Marc Bolan von T. Rex nämlich, sollten The Damned auf seiner letzten Großbritannientour begleiten. „Seine Wahl fiel auf uns, weil er mich bei einem Fernsehauftritt in einem T.-Rex-T-Shirt gesehen hatte“, schwärmt Captain Sensible. „Er war ein netter Kerl, wir reisten zusammen im selben Bus, aßen gemeinsam in denselben Restaurants. Stets hatte er einen guten Rat auf Lager. Zum Beispiel, dass wir bei der Studioarbeit immer den Toningenieur auf unsere Seite bringen müssten, der kann euch gut oder miserabel klingen lassen, je nachdem.“

So gesehen keine große Überraschung, dass The Damneds jüngstes Album „Evil Spirit“ von Marc Bolans Stammproduzenten Tony Visconti betreut wurde. Zwar weniger stilistisch, jedoch politisch und von der Haltung her knüpft es nahtlos an den Mittsiebzigerpunk an, jedenfalls soweit es Captain Sensible betrifft. „Ich empfinde heute nicht anders als damals. Mir behagt es nach wie vor nicht, wenn Politiker versuchen, mich für dumm zu verkaufen. Ich will keinen Schwachsinn im Fernsehen serviert bekommen, das finde ich abstoßend. Jeder sollte das als abstoßend empfinden. Nichtsdestotrotz werden wir tagtäglich belogen. Die Songs zu ‚Evil Spirit‘ sind aus der Perspektive von jemandem geschrieben, der immer wieder zuversichtlich war, dass die hochnäsigen Bastarde aus der Politik verschwinden. Aber kaum dass die nächste Regierung im Amt ist, zerstören sie deine Hoffnungen, tut ein Tony Blair eben nicht das, wofür er gewählt wurde, sondern verwickelt das Land in einen Krieg im Irak. Wenn man einmal die sich wiederholenden Muster erkannt hat, zeigt sich, dass wir einem massiven Betrug aufgesessen sind.“ Finanziert wurde „Evil Spirit“ durch Crowdfunding. Warum, fand sich keine Schallplattenfirma?! „Nein, wer wollte uns schon haben“, entgegnet Captain Sensible. Außerdem, sagt er, garantieren die selbst beschafften Finanzmittel maximale kreative Freiheit.