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Wohnst Du Noch?

Die ernüchternde Wirklichkeit alter Jazzhelden in einem Buch

Musiker, egal welchen Genres, nehmen wir auf der Bühne, auf Tonträgern, auf Youtube oder in Interviews wahr. In welcher Lücke verkriechen sie sich aber, wenn sie keine Musik machen? In seinem Buch „American Jazz Heroes Volume 2“ wirft der Leipziger Fotograf Arne Reimer einen faszinierenden Blick auf die Lebensumstände amerikanischer Jazzmusiker.

//Rolf Thomas

Ganz entspannt, in Polo-Shirt, kurzen Hosen, Socken und Sandalen steht Hubert Laws, Jahrgang 1939, neben seinem Swimming-Pool und spielt Flöte. Über einen Tennisplatz verfügt das Anwesen des Flötisten in Los Angeles auch, denn der Musiker spielt neben der Flöte auch gerne Tennis. Die Fotos, die Arne Reimer im Inneren von Laws‘ Villa aufgenommen hat, sind ebenfalls von gediegen-luxuriöser Ausstrahlung. Neben diversen Auszeichnungen an der Wand – im Mittelpunkt die Dauersiege beim Downbeat Readers Poll – fallen ein Flügel und eine überbordende Glasvitrine mit Familienfotos ins Auge.

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Laws hat es offenkundig geschafft. Er gehört zu den wenigen Musikern, die mit Jazz wohlhabend geworden sind und es gibt durchaus noch mehr Beispiele in Reimers Buch, die von auch finanziell geglückten Karrieren künden. Die in Würde gealterte Pianistin Carla Bley und ihr Lebensgefährte, Bassist Steve Swallow, leben in der Nähe von Woodstock in einem kleinen Ort namens Willow, wo sie es sich in einem dreigeschossigen Holzhaus gemütlich gemacht haben: „Im Untergeschoss sind im Musikzimmer Flügel, Orgel und Bass aufgebaut. Gleich daneben stehen im Archiv alle Partituren, die Carla Bley geschrieben hat, ebenso die Kompositionen von Swallow.“

Ganz in der Nähe wohnt Jack DeJohnette, der schon um 1970 für Miles Davis getrommelt hatte, ebenfalls in einem Holzhaus. Auch der Schlagzeuger, der als Pianist mit der Musik angefangen hat, hat im geräumigen Wohnzimmer Platz für einen Flügel und holt Reimer mit einem Audi A5 von der Bushaltestelle ab. Sein Kollege Billy Cobham hat sich ebenfalls fürs Landleben entschieden, allerdings in einem kleinen Dorf in der Schweiz. Seine Instrumente, darunter mehrere verpackte Drum Sets, hat der Schlagzeuger in eine ehemalige Werkstatt ausgelagert. Auch hier sind es Reimers Blicke für die Zwischenräume („Billy Cobham ist gerade mit seinem blauen Mercedes vorgefahren“), die dem Leser auch etwas vom Leben der alten Jazzhelden verraten, die allesamt das Rentenalter längst erreicht haben. Doch diese „Besuche bei 50 Jazz-Legenden“ – wie das Buch im Untertitel heißt –  sind allein schon durch die unglaubliche Vielfalt der beleuchteten Biografien eine wahre Schatzkiste, die auf dem Buchmarkt kaum eine Entsprechung findet.

Denn natürlich haben nicht alle Musiker es so gut getroffen wie Cobham oder Laws. Vom Appartement im Seniorenheim, in dem der Posaunist Curtis Fuller seinen Lebensabend verbringt, bis zur Einzimmerwohnung in Paris, in der Free Jazz-Drummer Sunny Murray sein Dasein fristet, reicht die Bandbreite. Doch letzterer hat schon schlimmere Zeiten hinter sich: „In New York lebte Murray zeitweilig auf der Straße oder in schäbigen Hotels, wo er 35 Cent für eine Nacht zahlte.“ Schönfärberei ist Reimers Sache nicht. Er widersteht jedoch auch dem Drang, sich in ergötzlichen Schilderungen des Elends zu ergehen, sondern es gelingt ihm, Murrays Lage wieder mit einer präzisen Sicht auf die Details auf den Punkt zu bringen: „Seit einigen Jahren ruft ihn niemand mehr mit einem Jobangebot an, die Trommeln seines Schlagzeugs stehen neben dem Schreibtisch. Er verbringt die Tage vor dem Fernseher, telefoniert oder raucht amerikanische Zigaretten, eine Packung im Monat.“

Der Saxofonist Odean Pope hat es zu einem Reihenhaus zehn Kilometer nördlich von Philadelphia gebracht. Auch hier schafft Reimer es, mit einem Satz eine ganze Welt zu beleuchten: „Im Wohnzimmer steht ein großer Tisch, auf dem Noten, Blätter für das Saxofon und eine Tablettendosis mit Portionsfächern für jeden Wochentag liegen.“ SPAM Musik Ausgabe eins: money money

Im Löwenanteil der Interviews, die Reimer mit den Musikern geführt hat, geht es natürlich um Musik, und auch hier kitzelt der Fotograf und Journalist mit empathischer Gesprächsführung und immensem Detailwissen immer wieder die Anekdoten und Geschichten hervor, die die besonderen Wege und Weichenstellungen in den Karrieren der Protagonisten beleuchten. So erinnert sich Odean Pope an seine Zeit in der Band des Bebop-Pioniers Max Roach: „Bei Konzerten wussten wir nie, wer ein Solo spielen durfte. Max hat einfach spontan unsere Namen gerufen. Er mochte es nicht, wenn man ein Solo zu lange spielt. Es gab Konzerte, bei denen er kein einziges Mal deinen Namen aufrief.“

Seit einigen Jahren ruft ihn niemand mehr mit einem Jobangebot an, die Trommeln seines Schlagzeugs stehen neben dem Schreibtisch.

Der große Clou des Buches ist es – und war es auch schon beim ersten Band von „American Jazz Heroes“ –, dass Reimer seine Hauptdarsteller zu Hause aufsucht. Erst in der vertrauten Umgebung und natürlich verführt von der Warmherzigkeit und beeindruckt vom umfangreichen Wissen des Interviewers sind die Musiker bereit, ihre Lebensgeschichte, ihre Philosophie, ihre Sorgen und Nöte einem ihnen eigentlich fremden Menschen anzuvertrauen. Mit halbstündigen Gesprächen in Hotelzimmern ist ein derartiger Ertrag undenkbar. Die Portraits im zweiten Band sind noch tiefgründiger, mit noch mehr sprechenden Details.

„Die ursprüngliche Idee bestand darin, bei einem Aufenthalt in den USA alte Legenden des Jazz aufzusuchen und zu fotografieren“, erzählt Reimer. „Axel Stinshoff vom Magazin Jazzthing, der die beiden Bücher verlegt hat und in dessen Zeitschrift die meisten Beiträge erstmals erschienen sind, fand die Idee gut. Ich wollte nicht an Konzerte oder Pressetermine gebunden sein. Die Grundidee hieß: Was ist eigentlich aus dieser oder jener Legende geworden, vor allem bei Leuten, von denen man nicht mehr soviel gehört hat. Daraus hat sich ergeben, die Leute zu Hause zu besuchen und das hat sich dann als Prinzip entwickelt.“

Der Ertrag dieses Prinzips ist dem Fotografen schnell klar geworden. „Der Vorteil ist, dass man für einen kurzen Moment in die Lebenswelt und das soziale Umfeld der Musiker hereinschauen kann“, sagt Reimer. „Man begreift, wie sie leben und wie es ihnen geht. Dadurch, dass die Musiker eine persönliche Leidenschaft bei mir gespürt haben, waren die meisten auch sehr offen. Ich bewerte die Umgebung des jeweiligen Musikers auch nicht, weder im Text noch in den Fotos. Ein gewisser Respekt soll stets sichtbar sein. Die persönliche Umgebung des Musikers ist für den Leser schon interessant, ohne dass ich ihn entblöße oder ein Geheimnis preisgebe.“

Auch die kleinen Stillleben, auf denen Reimer die unmittelbare Umgebung der Musiker im Bild festhält, sind eine unerschöpfliche Fundgrube. „Die Gegenstände oder Erinnerungsstücke sagen etwas aus über den Menschen“, findet der Leipziger, der natürlich meist die Menschen selbst fotografierte. „Die Musiker wollen meist gar kein weiteres Foto von sich und es war oftmals schwer, ihnen zu erklären, dass ich als Fotograf eine eigene Bildsprache habe, so wie sie als Musiker eine eigene Sprache haben.“

Was ist eigentlich aus dieser Legende geworden

Was ist eigentlich aus dieser Legende geworden?

Den Aufenthaltsort vieler Musiker zu ermitteln war echte Detektivarbeit. „Das war eine unglaubliche logistische Herausforderung, die wesentlich mehr Zeit gekostet hat als die eigentlichen Besuche“, weiß Reimer. Den Pianisten Horace Parlan hat er in Dänemark ausfindig gemacht. Dort lebt er seit über vierzig Jahren, mittlerweile in einem Pflegeheim, denn Parlan ist erblindet und sitzt im Rollstuhl. Zudem kann er aufgrund seiner Kinderlähmung nicht mehr Klavier spielen. Doch von Verbitterung ist bei ihm kaum etwas zu spüren. Munter wirft er Schlaglichter auf sein ganzes Leben und erzählt seine Erinnerungen an seine Zeit bei Charles Mingus und an bei Blue Note Records, wo Parlan in den sechziger Jahren unter Vertrag stand.

Ein schweres Schicksal hat auch den Pianisten und Sänger Les McCann getroffen, der nach mehreren Schlaganfällen nicht mehr laufen kann. Doch auch er lässt sich nicht unterkriegen und erzählt mit guter Laune und viel Humor aus seinem Leben. Das Ende des Besuchs gelingt es Reimer ganz unsentimental und dennoch sehr berührend zu schildern: „Ich bahne mir meinen Weg zwischen ausgedienter Gehhilfe und Rollstuhl hinaus, vorbei am offenen Bad, CD-Regal und Kleiderschrank. ,Du darfst die Tür nicht ins Schloss ziehen, sonst kann mich niemand mehr besuchen.‘„

Das Buch „American Jazz Heroes Volume 2“ von Arne Reimer im LP-Format ist im Jazzthing Verlag Axel Stinshoff in Köln erschienen und kostet 55 Euro.

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