SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial - Wissen ist Macht! Ulrike Rechel

Wissen ist Macht!

Machen Wissenslücken uns immer dümmer?

Die flexible Gesellschaft verlangt danach, dass der Einzelne Ballast abwirft, um beweglich zu bleiben. Zu diesem Ballast gehört auch Wissen. Wie viel wissen wir? Aber wissen wir auch, was wir nicht wissen? Warum ist es zuweilen nützlicher, nichts zu wissen, und was hat das alles mit Musik zu tun?

//Ulrike Rechel

Selbst in Zeiten scheinbar grenzenloser Beschleunigung bleiben ein paar Dinge so, wie sie immer waren. Klosprüche zum Beispiel. Noch gibt es in der sozialen Netzwerken offenbar kein vergleichbares Werkzeug, das ihre Funktion angemessen übernehmen könnte: Ein Medium, um den potenziellen Nutzer in einem Moment garantierter, zumindest minimaler Muße abzupassen und seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Ein solcher Spruch, der vermutlich unter die Top 5 aller Sprüche an WC-Wänden von Universitäten oder Schulen gehört, ist: „Wissen ist Macht. Nichts wissen macht auch nichts“. Gefühlt 40 Jahre oder länger, hat der Satz den Zeitenlauf überlebt. Nur dass er heute eine völlig andere Bedeutung hat als noch zu Sponti-Zeiten.

Es hat, so scheint es, in der Tat noch nie weniger ausgemacht, nichts zu wissen, als heute. Wer ein Smartphon sein Eigen nennt oder anderweitigen Zugang zum digital gespeicherten Weltwissen hat, ist womöglich gefeit vor dem Gefühl der Machtlosigkeit, das der englische Philosoph Francis Bacon ursprünglich meinte, als er im 16. Jahrhundert die Macht mit den Wissenden gleichsetzte: „For knowledge itself is power“.

Wer Francis Bacon nicht kennt, braucht sich indes nicht zu genieren. Man muss es nicht wissen, dafür gibt es Google und Wikipedia, und so lässt sich mit einem Klick eine weitere Wissenslücke schließen. So wie sich das mit allen möglichen Fragen des Lebens erledigen lässt: Was etwa Salafisten von Islamisten unterscheidet, wie viele Sonette Shakespeare geschrieben hat, was die asiatische Tigermücke unlängst nach Europa verschlagen hat, in welchen Lebensmitteln Histamin anzutreffen ist, was bei einer Unverträglichkeit zu tun ist und wer gleich nochmal den Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ verfasst hat.
Alles ausgelagert ins digitale Gedächtnis.

Hätten wir keine Suchmaschinen, müssten wir uns zu unserer Wissenslücke bekennen. Was aber heißt da schon Lücke? Eher ist wohl von klaffenden Brachen der Erkenntnislosigkeit zu reden. Warum sollten wir uns die Mühe machen, unser Wissen eigenhändig heranzutragen und abzugleichen, um die öde Leere im Kopf zu verkleinern? Wäre es im hektischen Zeitstrom schnell zu treffender Entscheidungen nicht viel praktischer, sich das Wissen nur flott zu borgen, es schnell wieder zu vergessen und dann in seiner schieren Größe und Komplexität in Maschinen auszulagern, die immer kleiner werden. Oder gleich in die Cloud. Eine Wolke also.

Mut zur Wissenslücke?SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial Wissen ist Macht! Sonne, Straße, Mädchen, Sonne
Den braucht es nun wirklich nicht mehr, wo Nichtwissen längst der akzeptierte Normalfall ist. Für Schulen und Lehrer hat somit längst ein Gezeitenwechsel begonnen. Wenn der Zugang zum Wissen nichts mehr mit Anstrengung und Verstehen zu tun hat und im Zweifel im Rücken des Lehrers in Form eines Google-Schriftzuges auf dem „Smartboard“ flimmert, kommen den Lehrenden neue Aufgaben zu. Vom Wissensvermittler verwandeln sie sich in „Förderer und Coaches“, so schrieb die „Wirtschaftswoche“ begeistert und sah in der Verschiebung des Wissensmonopols hin zur Maschine „eine tolle Chance für diesen wichtigen Beruf“.

Lehrende dürfen also fortan ihr Fachwissen, so es denn noch vorhanden ist, gleich für sich behalten und übernehmen stattdessen lediglich die Moderatorenrolle im täglichen Abgleich der Internet-Treffer ihrer Schützlinge.
Wer sollte sich dann überhaupt noch die Mühe machen, sich Wissen anzueignen? Braucht es vielleicht sogar viel mehr Mut zum Wissen – anstatt zur Lücke? Ginge es nach dem Soziologen Harald Welzer, verknüpft sich mit dem rar gewordenen Gut, über Wissen zu verfügen und dieses eigenständig zu aktualisieren, nicht bloß Mut, sondern vielmehr eine gesellschaftliche Pflicht.

Im Zusammenhang mit den Auswirkungen der Finanzkrise von 2008 kritisierte Welzer in einer Rede seine eigene akademische Zunft. Der Zustand der Gesellschaft sei inzwischen in Schieflage geraten, das Leben funktioniere einfach nicht mehr so wie bisher. Doch die aus den Fugen geratene Wirklichkeit erscheint so komplex, dass keiner mehr den Mut habe, zu protestieren, nicht mal mehr nahe liegende Fragen zu stellen. Fragen etwa danach, ob Märkte wirklich „beunruhigt“ sein können? Ob es eigentlich nützt, Unruhe zu verbreiten, wenn Politiker versuchen, Entscheidungen zu treffen? Und wer am Ende profitiert von der allgemeinen Beunruhigung?

Die Zeitphänomene liegen offen zur Anschauung dar: das eklatante Anwachsen von sozialer Ungleichheit etwa – die Hälfte der Weltbevölkerung teilt sich acht Prozent des Weltwirtschaftsprodukts, dem reichsten Prozent gehört drei Fünftel –, die Ressourcenübernutzung oder die zunehmende Gefährdungslage der Demokratien. Doch Welzer vernimmt ein sonderbares Schweigen aus den einstigen Zentren des Wissens, den Fakultäten der Soziologen, Politologen oder Historiker. „Niemand sagt etwas“, resümiert er.

Wenn keiner was sagt, kommen andere Akteure zum Zuge. Sie besetzen bereitwillig die Leerstellen. Google und Facebook – weder gewählt noch sonst irgendwie als karitative Einrichtungen verschrien – verteilen das Wissen der Welt und berücksichtigen dabei bevorzugt Anzeigenkunden. Bei dem grotesk verkomplizierten Feld des Finanzsektors ermächtigen sich die Ökonomen gleich selber, ihr eigenes Tun der Öffentlichkeit zu erklären und achten darauf, dass die Wissenslücke bloß nicht kleiner oder gar verständlich und transparent wird.

Apropos Geld. Da sind wir auch schnell bei der Musik. Denn sowie wir von Musik reden, meinen wir allzu oft Musikmarkt. Und wir merken es nicht einmal. Auch das eine Wissenslücke. Bands und Künstler sind so gut, wie die Plattenfirmen und Agenturen, die hinter ihnen stehen, anzeigenstark. Wer nicht zahlt, wird auf Dauer in den Musikmedien – egal welchen – nicht vorkommen.

Wer als Hörer – oder aus der Perspektive des Marktes als Konsument – immer up to date sein will, muss auch eine Bereitschaft zum Vergessen mitbringen. Das Vergessen ist ja letztlich auch nichts anderes als eine Wissenslücke. So und nicht anders funktionieren die Charts. Aber nicht nur das. Jede Band produziert immer gerade ihre beste Platte und meist ist die Vorhergehende entsprechend eine der weniger Guten. Dass dies haargenau so auch schon auf die letzte zugetroffen hat, ist beim schnelllebigen und kurzatmigen Überangebot der Informationen schlicht in eine Wissenslücke gefallen. SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial - Wissen ist Macht! Straße, Menschen, Beine, laufen
Überhaupt erscheint es erstaunlich, dass sich angesichts der aktuellen Verhältnisse das Konzept des Albums noch immer gegenüber dem Prinzip der Playlist behaupten kann. Aber Alben kann man verkaufen. So sehr sich der Weltkonzern mit der angebissenen Frucht auch müht, ist der Industrie bislang kein schlüssiges Konzept eingefallen, das individuelle Konzept der Playlist markttauglich umzusetzen. Auch wenn – um zur allgemeinen musikalischen Demenz beizutragen – die gedächtnistechnische Wunderwaffe iPod Classic vom Markt genommen wurde. Es lebe die Cloud.

Auch die Charts halten sich hartnäckig als Phänomen. Die Top 40 gehen auf die 1950er Jahre zurück, als in einer Jukebox genau 40 Hits abgespielt werden konnten. Damit dies nicht immer dieselben Hits waren, mussten sich die Charts immer schneller drehen. Dass sich Musik länger als sechs Wochen in den Charts hält, ist eigentlich nicht vorgesehen. Der permanente Verdrängungswettbewerb der Musikindustrie setzt ganz gezielt auf den Faktor Vergessen. Es muss Platz geschaffen werden, um Neues zu verkaufen. Die merkantile Lücke geht jedoch stets mit einer bewusst lancierten Gedächtnis- bzw. Wissenslücke einher. Denn wer wüsste schon noch aus dem Gedächtnis, was vor einen halben Jahr die Top 40 aufwühlte.

Über all das wäre nachzudenken. Dafür bedürfte es allerdings einer Gesellschaft, die sich dem fraglichen Trend zur Verdummung entzieht und argumentativ Grenzen zu setzen in der Lage ist. Die also nicht nur zu allem eine – temporäre – Meinung hat, sondern gelegentlich auch wieder – dauerhaft – Ahnung. Mit dem Like-Button allein jedoch lässt sich die nicht erwerben.

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