SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, "Wir sind nice, wir sind real", Moritz Demuth

Wir sind nice! Wir sind real!

Cloud Rap – eine verlorene Liebe.

Nach einer jahrelangen Beziehung voller Spaß, Vertrauen und Halt ist alles nicht mehr so, wie es einmal war. Unsere Begegnungen sind immer mehr wie Sex ohne Gefühl, und ich frage mich, wo die gute alte Zeit geblieben ist. Dennoch hänge ich an dieser Beziehung und halte mich an den Erinnerungen der schönen Tage fest.

//Moritz Demuth

HipHop hat sich verändert, hat er immer schon. Auf der Stelle stehen bleiben kann er nicht. Aber wie bei einem pubertären Kind stößt er gerade mal wieder an die Grenzen dessen, was seine Werte vorgeben. Cloud Rap klingt verzerrt, undeutlich und einfach. Es benötigt keine technisch versierten MC’s, um Texte wie „…Die Scheiße ist weiß, mein Handy ist weiß, Mein Igel ist weiß...“ (Yung Hurn – Bianco) zu verfassen. Die Kunst des Ausdruckes geht verloren. Das Klangbild wird immer wichtiger. Sphärenartige Synthesizer, 808-Beats und Autotune auf den Stimmen gehören zum Standardrepertoire eines Liedes. Dabei scheint es um mehr als die bloße Musik zu gehen.

Während im Ursprungsland des HipHop dessen Ableger Cloud Rap auch für politische und soziale Botschaften steht, geht es hierzulande nahezu ausschließlich um Geld und Status. Künstler wie Money Boy und seine Crew Glo Up Dinero Gang präsentieren sich neben der Musik mit Videos im Internet, die ihren verschwenderischen und unbekümmerten Lebensstil darstellen sollen. Provoziert dies den Großteil der klassischen HipHop-Hörer, gewinnt das Genre viele neue Fans hinzu. Die „I Don’t Care“ Attitüde fasziniert und spiegelt einen Teil der Gesellschaft wieder, der in einer Zeit der Krisen einfach ohne Sorgen leben möchte.

Schon in der Vergangenheit gab es künstlerische Entwicklungen, die angeeckt SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, "Wir sind nice, wir sind real", Moritz Demuthsind und doch eine Botschaft vermitteln wollten. Vom Dadaismus bis zum Punk waren es immer Extreme, die den Zweck hatten, über den provokanten Ausdruck von Inhalten gehört zu werden. Dass der Mainstream daran keinen Gefallen findet, wurde entweder akzeptiert oder sogar erwünscht. Der Cloud Rap scheint sich in die Geschichte einzureihen und besonders den Lebensstil der „digital natives“ zu übernehmen. Alles geht schnell; Text verfassen, Beat produzieren, Video aufnehmen. Im Fokus steht es, präsent zu sein, Videos online zu stellen und dann feiern zu gehen. Einfach authentisch und realitätsnah. „Real“ (englisch ausgesprochen) gehört zu den Schlagworten der Cloud-Rap-Szene.

Auf herkömmliche Vermarktungstechniken wird kaum Wert gelegt. Mixtapes werden ohne Vorankündigung über kostenlose Plattformen wie Youtube oder Soundcloud veröffentlicht, und für Facebook-Werbung wird kein Geld ausgegeben. Es geht darum, sich auszuleben, so als wären die Künstler Privatpersonen, die neben anderen Hobbys Lust auf Musik haben und alles hochladen, was sie für halbwegs gut befinden. Die inszenierte Beiläufigkeit suggeriert Rebellion auf dem höchsten Level, ob bewusst oder unbewusst, wird dem User überlassen. Aber Rebellion gegen was? Oder wen? Gegen die Regeln der Mainstream-Musik-Kultur? Gegen die Ermüdung von HipHop? Gegen konservative gesellschaftliche Werte? Oder einfach nur gegen die ebenso simple wie unverrückbare Tatsache, dass sich das exzessiv gefeierte Jetzt um keinen Preis der Welt festhalten lässt?

Die Protagonisten des Genres werden diese Fragen niemals beantworten. Weil sie es nicht können oder – schlimmer noch – weil sie es gar nicht wollen. Wozu auch? Sie feiern die Aufmerksamkeit der Masse, die immer weiter wächst. Mehr nicht. Sie betonen noch, dass sie einfach „machen“ und „feiern“. Das war’s. Selbst Rebellion verkommt zu einem hedonistischen Schlagwort. Wahrscheinlich ist es ja ein Fehler, sich in die oberflächlichen Texte allzu weit hineinzudenken oder ihnen gar eine Metaebene oder einen Subtext unterstellen zu wollen. Vielleicht ist ja tatsächlich alles ganz genau so gemeint, wie es zum Ausdruck gebracht wird. Aber müssen nicht genau diese Fragen gestellt werden, um dem Cloud Rap über den Flimmer-Augenblick auf dem Smartphone hinaus einen mehrwert abzugewinnen? Ansonsten wäre es letztlich Musik, die sich nur unter Drogeneinfluss hören lässt.

Am Ende ist Cloud Rap nichts anderes als das Selfie im Musikformat. Der kommerzielle Erfolg von Dat Adam zeigt uns jedoch, dass auch programmatische Marktverweigerung eine gangbare Marketing-Strategie sein kann. Ebenso wie sich kalkulierte Verblödung als Protest gegen gesellschaftliche Normen an den Mann bringen lässt. Da war doch was? Der Cloud Rap entlässt seine Kinder und wird uns auf diesem Weg noch lange erhalten bleiben. Schade eigentlich.

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