SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial Weniger ist Schwer

WENIGER IST SCHWER

Kunst am Rande des Zusammenbruchs

Niemand will genannt werden. Es ist peinlich, uncool, demütigend, arm zu sein. Und das, obwohl man macht, woran man glaubt. Schließlich ist man Künstler, einer von denen, der qua Definition die Republik oder gar die Welt voran bringt. Dessen gedankliche und kreative Offenheit die Gesellschaft braucht. Eine Speerspitze der Innovation, ein Um-die-Ecke-Denker, so wichtig, visionär, fundamental. Und am Ende – ein Vertreter des Prekariats.

//Ralf Dombrowski

Was für ein faszinierender Begriff! An sich bereits im 19. Jahrhundert verwurzelt, als es Mode war, Vokabeln wie „prekär“ aus dem Französischen zu entlehnen, tauchte er Mitte des vergangenen Jahrzehnts vermehrt in der medialen Diskussion auf und schaffte es 2006 in Windeseile bis auf Platz 5 unter die Worte des Jahres der Gesellschaft für deutsche Sprache. Als Analogiebildung ließ er Assoziationen zum „Proletariat“ zu – einst Kampfvokabel des Kommunismus, zwischenzeitlich entwertet durch realsozialistische Entkernung, dann sozialromantisch verklärt im Dienste rückwärts gewandter Kulturidylliker – und suggerierte Einigkeit, als wäre man Teil einer homogenen Bewegung, die ihre Bedürfnisse mit Nachdruck zu vertreten vermag.

Das Gegenteil ist der Fall. Die Prekären sind in der Regel Einzelkämpfer. Es sind Freelancer jeder Art, Selbstständige, Gewerbetreibende, Zeitarbeiter, Aufstocker. Es sind drei Viertel der wissenschaftlichen Mitarbeiter an deutschen Universitäten, Dozenten in der Erwachsenenbildung, Akademiker in befristeten Arbeitsverträgen, oft ohne sozial- und arbeitsrechtliche Absicherung. Es sind Fotografen, Promoter, Agenten, Kleinveranstalter, Bildende Künstler, Literaten, Musiker, das ganze Spektrum der so genannten Kreativen, von denen Statistiken behaupten, sie seien nach der Automobilindustrie, der chemischen Industrie und den Waffenexporten das wichtigster Standbein der deutschen Wirtschaft.

„Ich kann nur leben, weil meine Frau arbeitet“, meint ein Münchner Jazzmusiker, der nicht genannt werden möchte und in der Außensicht so wirkt, als müsse er sich um nichts Sorgen machen. „Und so ähnlich geht es vielen meiner Freunde und Kollegen. Die meisten helfen sich durch das Patchwork verschiedener Jobs, etwa durch Unterricht. Aber, ganz ehrlich, ich kenne keinen Musiklehrer, der mit seiner Arbeit dauerhaft glücklich ist.“ Solche Sätze hört man schon, seit es die freien Künste gibt, nur sind inzwischen die Behauptungen belegt, denn die vom Jazzinstitut Darmstadt, der IG Jazz Berlin und der Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ) in Auftrag gegebene Jazzstudie 2016 unterfüttert das flaue Gefühl mit Zahlen.

So muss die Hälfte aller Jazzmusiker in Deutschland mit einem jährlichen Verdienst (einschließlich nicht-musikalischer Tätigkeiten) von weniger als 12.500 Euro auskommen, gerade 16% schaffen den Sprung über die 30.000-Euro-Marke. SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial - Weniger ist schwer, Geld, Hose, Po, Wand
Ebenfalls mehr als die Hälfte spielt 25 Konzerte oder weniger im Jahr, in gerade einmal 9,5% der Fälle übersteigt die Gagenhöhe pro Auftritt den Betrag von 300 Euro. Bittere Aussichten, mit kleinen Silberstreifen am Horizont, wie etwa der weltweit einmaligen und für viele Kreative grundlegenden Künstlersozialkasse. Rund 180.000 freie Künstler und Journalisten gehören zu den Nutznießern dieser von staatlichen Zuschüssen und Beiträgen von Verwertern und Auftraggebern finanzierte Einrichtung, die, einem regulären Arbeitgeber gleich, zur Hälfte die Beiträge einer gesetzlichen Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung übernimmt.

„Es ist daher eine große sozialpolitische Errungenschaft, dass Jazzmusiker/innen in der Künstlersozialkasse versichert sind“, subsummiert die Jazzstudie, „denn diese stellt zumindest die aktuelle Krankenversicherung sicher. Die Gedanken an eine spätere Rente stimmen allerdings nicht besonders hoffnungsvoll, denn angesichts der recht geringen einbezahlten Summen sind große Sprünge im Alter nicht zu erwarten“. Will heißen: Jazzen ist schön, aber bleib bloß gesund und spiel, bis du umfällst! Denn sonst kannst du dich schon auf ein prekäres Alter einstellen.

Ähnliches gilt für alle freien Schaffenden. „Bildende Künstler geben zentrale Impulse für die Entwicklung des Marktes“, meint beispielsweise Sabine Ruchlinski vom Berufsverband Bildender Künstler München und Oberbayern e.V. (BBV). „Das steht im diametralen Gegensatz in Bezug auf das erwirtschaftete Einkommen im Vergleich zu anderen Berufsgruppen in diesem Bereich. Das Durchschnittseinkommen der 63.000 in der KSK versicherten Künstlerinnen und Künstler lag zum 01.01.2015 bei 15.112 Euro pro Jahr. Viele haben sogar Probleme, das Mindesteinkommen für die Aufnahme in die KSK von 3.900 Euro zu erwirtschaften.“

Da wirkt es wie Hohn, wenn ein Bild wie Andy Warhols „Silver Car Crash (Double Disaster)“ bei Sotheby’s in New York für 70.105.200 Euro über den Auktionstisch geht oder eine Fotografie wie „Untitled Film Still #48“ von Cindy Sherman bei der Konkurrenz Christie’s 2.231.500 Euro in die Kassen spült, während der Normalkünstler oft nicht weiß, wie er seine Aldi-Gurke finanzieren soll. „Zeitgenössische Kunst verkauft sich nicht“, sagt selbst eine Kunsthändlerin wie Tanja Pol, die in München mit einer Galerie versucht, Aktuelles an den Sammler zu bringen, und meint damit all jene, die noch keine Marke sind.SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial Weniger ist schwer, Arm, Geld, Wurf, Wand

Denn an sich ist der Markt eine Blase, die für erfolgreiche Ästhetikunternehmer wie Jeff Koons, Anselm Reyle, Andreas Gursky oder Damien Hirst immer weiter aufgepustet wird. Der Essayist Wolfgang Ulrich subsummiert daher in seinem Essay „Siegerkunst. Neuer Adel, teure Lust“ (Wagenbach, 2016), dass es bei der Kunst der Stars nur um Besitz, nicht mehr um Rezeption gehe. Man traue Artefakten als Zeichen nicht mehr anderes zu als anderen Konsumgütern. Ein kritischer Künstler sei nur mehr „ein Schmuckwerk oppositionellen Geistes, mit dem sich kritische Milieus der Gesellschaft als aufgeklärt brüsten können“. Dafür aber will kaum jemand etwas zahlen. So ist der Künstler abseits des Konsums keinen Schritt weiter als der arme Poet der Spitzweg’schen Biedermeier-Dachkammer, nur dass die romantische Verklärung längst nicht mehr heimelig wirkt wie anno dazumal. Wer es kann, zieht daraus Konsequenzen.

„Musikfotografie ist tot“, erzählt ein Fotograf, der ebenfalls nicht genannt werden möchte, aber rund ein Vierteljahrhundert lang alle Prominenz vor der Linse hatte. „Eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich das noch mache. Spätestens Ende des Jahres ist Schluss. Dann fotografiere ich wieder Hochzeiten. Da freuen sich die Leute und man wird noch gut behandelt“.

SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial Weniger ist Schwer, Geld, Boden, PistoleMan ist in solchen Fällen mit etwas Geschick nicht mehr Teil des Prekariats, sondern Dienstleister und arbeitet als Kunsthandwerker mit Talent, ein wenig unter Wert der eigenen ästhetischen Schaffenskraft. Der Mut zur Lücke, zu weniger als 3.900 Euro Jahreseinkommen, ist daher etwas für Idealisten oder Hobbyisten. Nur steckt der Teufel im Detail. Wer wirklich gut sein will, muss lernen, üben, diskutieren, Konflikte austragen, am Ärger wachsen. Das geht nicht in Teilzeit. „Irgendwann habe ich mich entschieden,“ meint ein Klavierlehrer – auch er will freilich nicht genannt werden. „Ich habe mich gegen die Karriere als Pianist gewendet und angefangen, eine Klavierschule aufzubauen. Die läuft gut, die Resonanz ist gewaltig. Konzerte allerdings spiele ich nur noch, wenn ich wirklich mag“.

War’s das? Die Perspektive des intellektuellen, oft umfassend ausgebildeten Verlierers, der seine Jugend mit dem Streben nach Utopien vergeudet, um am Ende doch im Establishment zu landen, stimmt nicht mit der Vision überein, die die Studenten der verschiedenen Künste an deutschen Universitäten umtreibt. Da geht es um die Sache, um die Verwirklichung von Träumen vor dem Hintergrund galoppierender Selbstausbeutung. Wer einmal eine Marke werden will, belegt Seminare in Selbstmanagement. Wem das egal ist, der feilt an seiner Ausdruckskraft. Denn das Prekariat der Künstler bedeutet im gleichen Maße Abhängigkeit von Geldzwängen wie Freiheit von finanziellen Verpflichtungen. Es ist Beschränkung und Verheißung. „Kunst ist schön, aber macht viel Arbeit“, kalauerte Karl Valentin. Er starb, unterernährt, an einer Lungenentzündung. Er wusste, wie Recht er hatte.

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