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Walcz o swoje prawa do imprezowania (Fight for your right to party)

Polens blühender Musik-Underground und die restriktive politische Lage

// Nathalie Carolina Hudek

 

Eins ist klar: Polens Musikszene zeigt Reaktionen auf die sich ändernde politische Lage. Wo im öffentlichen Leben ein Ventil geschlossen wird, öffnet es sich an anderer Stelle in der Musik. Das bedeutet, Konzerte von Bands, die schon früher politisch aktiv waren, werden plötzlich wieder ausverkauft, sagt der polnische Musik-Journalist Mirosław Dzieciołowski in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur.

Polens musikalischer Underground hat eine breite Palette an Sounds von Hardcore und Punk bis zu Hip-Hop oder elektronischer Musik. Viele Veranstaltungen mit diesen Musikrichtungen werden derzeit benachteiligt, weil sie nicht in den Genuss der staatlichen Kulturförderung kommen. Die neue Regierung steht vielen Dingen misstrauisch gegenüber, die für frühere Administrationen überhaupt kein Problem darstellten. Aber in Zeiten des wachsenden politischen Drucks werden von der Jugend vor allem politische und sozialkritische Texte gern gehört und gefeiert. Nicht nur der Rapper Grubson, der offen die Zensur und die chaotische Lage in seinen Songs kritisiert, sondern auch die polnische Punk-Band Deserter, die ihre große Zeit in den 80er und 90er Jahren hatte, bekommt derzeit mit ausverkauften Tourneen wieder höchste Aufmerksamkeit. Denn ihre kritischen Texte sind wieder hochaktuell.

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Dennoch sagt Dziełciolowski, es gebe aktuell keine konkreten Leitfiguren, wie damals während der Zeit von Solidarność. Man könne die Situation nicht mit jener vor 30 oder 40 Jahren vergleichen, denn die Gesamtlage während Zeit des Kommunismus war eine ganz andere. Laut dem Musikjournalisten ist Polen heute ein unabhängiges Land mit Redefreiheit, die im Fernsehen womöglich nicht immer deutlich wird, umso mehr jedoch in der Musik. Und im Gegensatz zu früher gibt es uneingeschränkte Reisefreiheit.

Aber gerade im Vergleich zu damals stellt sich auch die Frage, welche Themen die Punk-Band Deserter seinerzeit thematisiert hat und inwiefern diese auf die aktuelle Lage passen. Die Parallelen sind verblüffend, denn es sind Texte, die sich gegen die Kirche und den Staat richten. Sie stellen Autoritäten infrage, und das tut Polens Jugend derzeit auch. Vermutlich so stark wie nie zuvor. Vor allem aber sind es Lyrics über den Mut, die Dinge beim Namen zu nennen und die Stimme gegen Ungerechtigkeit zu erheben. Zu den gestandenen Musikern, die wiederholt den Mund aufmachen erheben, kommen viele neue dazu.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen den Jahrzehnten besteht darin, dass es längst nicht mehr nur eine bestimmte Musikrichtung gibt, in der diese Themen angesprochen werden. Die Anhänger tragen nicht mehr nur Lederjacken und Nieten, sehen nicht aus wie klassische Punks. Neue Begriffe wie Techno-Punk oder Indie-Hippie haben sich etabliert, und jeder Anhänger der jeweiligen Musikrichtungen hat eben seine eigene Meinung zur politischen Situation. Zumindest optisch sind sie keinen bestimmten Gruppen mehr zuzuordnen, umso bunter ist die Vielfalt, wenn sich Polens Jugend bei einem der größten Festivals „Haltestelle Woodstock“ (Anfang 2018 in Pol’and’Rock umbenannt) in Kostrzyn an der Oder trifft, um unter dem Motto „Liebe, Freundschaft und Musik“ für mehr Frieden und Freiheit zu tanzen und zu singen. Das Festival hatte allein im Jahr 2015 über 750 000 Besucher! Und es werden immer mehr.

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Kein Wunder, dass in diesen unruhigen Zeiten Festivals oder Clubveranstaltungen mit solidarischem Hintergrund, wie sie in beispielsweise in Warschau stattfinden, viel Zuspruch finden und häufig ausverkauft sind. Natürlich ist Warschau die Hauptstadt, und ein großer Teil der polnischen Musik kommt auch von dort. Aber die Stadt steht schon immer stärker für Punk, Hardcore, Reggae oder Techno. Danzig zum Beispiel war immer der beste Ort für abgefahrenen Jazz. Krakau wiederum steht für Industrial Music. Und das im östlichen Teil von Polen gelegene Lublin wiederum ist ein Zentrum der Weltmusik und der akustischen Underground Musik. Diese Topografie der Stilistiken zeigt, dass es genügend Orte mit speziellen musikalischen Angeboten gibt. Angesichts der fortschreitenden Beschneidung der kulturellen Förderung durch die konservative PiS-Regierung sieht die Jugend genau diese Vielfalt in Gefahr. Denn – soviel wissen junge Menschen in Polen heute – Musik ist eines der wichtigsten Güter von Freiheit und Demokratie.

 

  

Bebilderung: Patrizia Straubhaar