Spam Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial Vorher, Nachher, Internet, Experiment, Internetsucht

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Ein Lamento über mein Leben mit und ohne Facebook

Stellt euch vor, jemand nimmt ein Video von seiner Katze auf, und niemand schaut hin.

Irgendwo hörte ich einmal, mit Facebook sei es ähnlich wie mit dem Rauchen: Wenn man es nie probiert hätte, habe man vielleicht etwas verpasst und kann irgendwie nicht mitreden. Wenn ich diese Metapher auf meine ehemals tägliche Facebook-Dosis anlegen sollte, dann würden sich gerade vergilbte Finger in die Tastatur graben, die pro Tag nicht zwei Schachteln, sondern zwei Feuerzeuge durchgezogen haben.
Mit anderen Worten:
Hallo, ich bin Aron, Student, und ich war süchtig!

//Aron Hentschel

Ich gehöre einer Generation an, die, zu Hause angekommen, wahrscheinlich als erste Amtshandlung den Rechner anschmeißt und sich an den sozialen Netzwerken erfreut. Was haben die eigentlich vor rund 25 Jahren gemacht, wenn sie zuhause angekommen sind?

Zumindest war bei mir immer ein Extra-Tab mit „facebook.com“ geöffnet. Und ich war keiner von diesen „Party-Rauchern“, die ab und zu mal dabei sind – mal hier was gepostet, mal da was als „gefällt mir“ markiert. Ich gab täglich meinen virtuellen Senf zu allem Möglichen dazu und teilte Neuigkeiten und belanglose Anekdoten aus meinem Halbstarken-Dasein.

Für Ablenkung war und bin ich eben anfällig. Und diese wird im Falle „Facebook“ auch noch mit der Möglichkeit garniert, nichts zu verpassen und – nicht unwichtig – wahrgenommen zu werden. So geht es sicher nicht nur mir und Menschen meines Alters. Selbst Leute, die nicht mit dem Internet aufgewachsen sind, haben heute ähnliche Dosen Online-Zeit und Rituale, wie die eben beschriebenen.

Das Internet und die sozialen Netzwerke bieten neben vielen großartigen
SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial Vorher Nachher, Laptop, Apple, Mensch, Dielen, Facebook, Social MediaAspekten auch die Möglichkeit, mit dem Kumpel von der Arbeit zu quatschen. Während der Arbeit, versteht sich, um nach Feierabend in die zweite Halbzeit zu gehen. Wenn wir ehrlich sind, handelt es sich dabei ja auch nicht zwingend um Diskussionen über die „Heisenbergsche Unschärferelation“. Und auch nicht immer nur um einen Kumpel gleichzeitig. Aber, und das halte ich für eine der wichtigsten Eigenschaften des Netzes, dort können wir uns uneingeschränkt selbst darstellen.

Bezeichnenderweise besteht der einzige Kritikpunkt von Leuten ohne Partizipation in „Social Networks“ oft darin, dass es nerve, wie selektiv die Menschen sich selbst online skizzierten.

Das Internet bietet die einmalige Chance, sich online so zu verhalten, wie dieser eine Bekannte im „echten“ Leben, der unaufgefordert Urlaubsfotos zeigt, unentwegt von sich erzählt, immer kommentiert, der einfach das Timbre seiner Stimme dem Klang von Mutter Natur, Straßenbauarbeiten und deiner Stimme vorzieht.

All das kennen wir ja zur Genüge. Genauso wie außerhalb des Internets wird der Typ auch im Netz ignoriert und nicht mehr so oft auf die Partys eingeladen. Ähnlich ist das mit der vielen (teils personalisierten) Werbung, den fragwürdigen „Nachrichten“ und der Propaganda, die online lustig auf uns einprasselt: Wir wissen, dass sie da ist – wir nehmen alles subtil wahr. Wir ärgern uns darüber, aber die Vorteile oder die Unterhaltung, die wir daraus entnehmen können, überwiegen einfach die Makel.

Die frechen bunt-flimmernden Knöpfe, Daumen, fliegenden Vögel und Event-Einladungen tun einfach zu gut. Da wird etwas „Niederes“ in uns auf eine ebenso  subtile wie perfide Weise angeregt, dass wir es nicht so leicht aus unserer Aufmerksamkeit verbannen wollen.

Letztlich ist das Internet eine riesige variable Reklametafel. Man muss schon eine Menge Quatsch herausfiltern, wenn man sich in den sozialen Netzwerken aufhalten will. Einige meinen ja, komplett über alledem zu stehen und die Werbung und Ablenkung mit oberflächlichen Reizen ausblenden können. Ähnlich wie mit dem guten alten Fernsehen: Immer mehr Leute trumpfen auf, kein TV-Gerät mehr zu besitzen und eine Existenz im Zeichen des Geistes zu verleben.

Deren Internet-Browser-Verlauf würde ich gern sehen. Für jede Stunde auf „Facebook“ und für jedes „Youtube-Video“ von lustigen Tieren möchte ich sie fragen, ob diese Alternative zum  Privatfernsehen weniger betäubend ist.

Online haben wir fraglos eine gewisse Kontrolle darüber, was wir uns wie lange anschauen wollen. Aber ist diese unbegrenzte Freiheit, seinen Interessen, Trieben und Gelüsten nachzugeben, eine Weiterentwicklung zum Fernsehzeitalter? Mich unter Aufsicht eines Mediums zu stellen, das mir erlaubt, Zeit zu „verschwenden“, und gleichzeitig Gefühl von Selbstbestimmtheit gibt, ist nicht ganz ungefährlich.

Hand aufs Herz, auch ich besitze keinen Fernseher, habe jedoch oft mehr Zeit, als mir lieb ist. Und diese wird nicht unfreiwillig in Kurzfilme von Leuten investiert, die Glasscheiben übersehen und dagegen laufen. Was sagt mir das über mich selbst? Wenn ich mit älteren Menschen in meinem Umfeld über Langeweile spreche, höre ich oft, es sei doch schön, mal wieder so viel Zeit für „echte“ Langeweile zu haben. Oder das Leben sei eben manchmal fade. Nicht jedes Verlangen würde befriedigt werden und das sei auch gut so.

SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial Vorher Nachher, Bier, Sucht, trinkenIch für meinen Teil halte Langeweile stetig schwerer aus und werde mir immer mehr der schieren Unfähigkeit bewusst, mich ohne mediale Reize im Moment zu befinden. Das ist gewiss teils bedingt durch eine glückliche Sozialisierung: Allein der Wunsch, stets unterhalten zu werden oder die Muße zur Langeweile zu haben, ist schon ein Privileg. Andererseits – so beschreibt es Neil Postman in „Wir amüsieren uns zu Tode“ – werden Informationen häufig primär auf einer Unterhaltungsebene präsentiert. Diese ersetze nach und nach die Funktion des Mediums. Er beschrieb damals zwar hauptsächlich das Fernsehen, jedoch gibt es hinsichtlich des Informationsgehalts Parallelen zum Internet, quantitativ wie qualitativ, egal ob Nachrichten oder Politik.

Im Fall von „Vice“, einem populären Online- und Print-Magazin (werbefinanziert), kann man feststellen, dass es sich schon um eine recht verträgliche Art von Journalismus handelt. Viele kurze Berichte zu „coolen“ Themen und eine eher reißerische Darstellung. Es geht um Rassismus an amerikanischen Universitäten, internationalen Waffenhandel, aber auch um „The biggest Ass in Brasil“ und um „Donkey Sex: The most bizarre Tradition“, was dann doch immerhin zwei bis drei Millionen mehr Aufrufe hat. Wenn das Medium nach Marshall McLuhan also die Botschaft ist, dann sollten wir diese versuchen zu verstehen. Denn es scheint, als teile das Internet unsere Schwächen als Nutzer. Es bedient den Zwiespalt zwischen Wissensvermittlung und dem Drang, einfach Zucker in die Blutbahn zu jagen.

Das Potential von sozialen Netzwerken ist natürlich hoch. Angefangen bei kleinen privaten Anliegen wie Wohnungssuche oder Selbstvermarktung als Künstler, bis hin zu größeren Ausmaßen wie politischer Organisation. Es ist fortschrittlich und hilfreich, sich die gegebenen Werkzeuge von „Facebook“ und „Youtube“ zunutze zu machen. Und wenn man sich nach einem mit Beiträgen über Gesäßimplantate verbrachten Tag fragt, wer Schuld daran sei, dass man wieder Zeit verplempert hat, bleibt man es am Ende selbst.

Dass es so etwas überhaupt gibt, ist doch symptomatisch SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial Vorher Nachher, Zigaretten, Aschenbecher, Süßigkeit, Verpackungdafür, dass einer wie ich sich in Schreibtisch-Flucht übt. Das Täter-Opfer-Gefüge kurzerhand umzudrehen, ist natürlich auch nicht vollkommen korrekt, soweit man betrachtet, wie schamlos in den Online-Medien nach der Aufmerksamkeit des Benutzers getrachtet wird.
Oder wie hoch sich heutzutage der Einfluss von „Likes“ und ähnlichen Online-Bewertungsformen auf das persönliche Befinden einwirken kann. Erst gestern hörte ich von einem Streit unter Freundinnen, der ausbrach, nachdem die eine der anderen keine positive Bewertung auf ihren Foto-Post gegeben hatte. Aber stellt euch vor, jemand nimmt ein Video von seiner Katze auf, und niemand schaut hin (…)

Einen Facebook-Account habe ich nicht mehr und andere Netzwerke haben mich nie wirklich interessiert. Über den Besitz eines Smartphones fantasiere ich zwar hin und wieder, wenn ich nachts an Bushaltestellen warte, aber auch das habe ich nicht.

Das mit den ganzen Nacktbildern, die man über „Snapchat“, nur für wenige Sekunden sichtbar, verschicken – und eben bekommen (!) kann – klingt ganz reizvoll. Aber wenn ich dafür täglich zwanzig Bilder vom Mittagessen meiner Freunde über mich ergehen lassen muss, dann passe ich lieber. Ich stehe mir selbst schon oft genug im Weg mit meiner Faulheit oder Affinität zum leeren Amüsement. Nun möchte ich nicht behaupten, dass es in meinem Alltag ohne Facebook und andere Netzwerke viel disziplinierter zugehen würde. Jedoch fühle ich mich von manchen Situationen, die einen gewissen sozialen und psychischen Stress auf mich ausüben könnten, befreit. Zwar sitze ich dadurch nicht mehr an der schnellen Informationsquelle für Politisches wie Popkulturelles. Dafür stellt sich die Frage, ob es vielleicht in meiner Verantwortung läge, das Defizit für zumindest ersteres auszugleichen? Ich empfinde es schon als angenehm, nicht immer die ersten Wellen von Informationen abzufangen, und vielleicht erst im mündlichen Diskurs davon zu erfahren. Wenn manches an mir vorbei geht, bekomme ich das eben nicht mit. Und das lässt mich ganz gut schlafen. Von Zeit zu Zeit.

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