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Von Bergen und Propheten

Kamasi Washington

// Wolf Kampmann

 

Kamasi Washingtons üppiges Tripelalbum „The Epic“ von 2014 erzählte die Historie des Jazz vom Bebop bis in die Gegenwart, seine drei Jahre später veröffentlichte, albumlange EP „The Harmony Of Difference“ war ein leidenschaftliches Bekenntnis zu vorbehaltloser Menschlichkeit. Washingtons neues Doppelalbum „Heaven And Earth“ ist einmal mehr ein Kosmos von Ideen, der von feurigen Improvisationen mit opulenten Streichern, Chören und Keyboards bis zu schmachtenden R&B- und knackigen Fusion-Nummern reicht. Die meisten Musiker veröffentlichen Alben. Kamasi Washington veröffentlicht Universen. Im Gespräch mit SPAM erzählt er, wie es zu dieser Jazz-Sinfonie kam, aber auch über die Szene in Los Angeles und über die Rolle von Flying Lotus für die zeitgenössische Musik.

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Wolf Kampmann: Deine neue Doppel-CD ist einmal mehr ein Universum von Ideen. Die meisten Musiker veröffentlichen Alben. Wie kam es zu dieser Jazz-Sinfonie? 
Kamasi Washington: Wir haben mit der Arbeit zu dem neuen Album bereits im Mai 2016 begonnen, also sogar noch vor „Harmony Of Difference“. Wir waren pausenlos für ‚The Epic’ auf Tour und hatten ein Fenster von zwei Wochen, bevor die Tour wieder Fahrt aufnehmen sollte. Die Aufnahmen zu „The Epic“ waren ja bereits 2011 erfolgt. In den fünf Jahren danach hatte sich also eine ganze Menge Material angesammelt. Ich ging ohne einen klaren Plan ins Studio, aber während der Aufnahmen kristallisierte sich die Form der Platte heraus. Manche Songs funktionierten, andere nicht. Ich unterhielt mich mit den Musikern viel über die Energie der Musik. Auf der Tour tauschten wir uns unentwegt darüber aus, warum die Welt so ist, wie sie ist. Ich vertrete die Position, die Welt ist so, wie wir sie uns vorstellen, und natürlich auch so, wie wir sie machen. Es geht auf der Platte nicht wirklich um Himmel und Erde im physischen Sinne, sondern um unser Verhältnis zur Realität und unser Verständnis von Kontrolle. Jede einzelne Person hat viel mehr Macht und Kontrolle, als wir uns dessen oft bewusst sind. Die Welt existiert in unseren Köpfen. Die eine Platte geht also darum, wie ich die Welt erfahren habe, und die andere, wie ich sie mir vorstelle. Die Reise geht zu dem Punkt, an dem man realisiert, dass beide Prinzipien ein und dasselbe sind. Es sind nur zwei unterschiedliche Perspektiven. In mir stecken zwei Persönlichkeiten. Ich mache mir wirklich viele Gedanken über die Welt und die Menschen, die auf ihr leben. Aber ich kann auch loslassen, aus dem Fenster schauen, in mein eigenes Universum abdriften und dort mein absolutes Glück finden. Beide Zustände haben die gleiche Kraft, und wenn sie sich vereinen, repräsentieren sie die Welt als Ganzes. Wenn jeder Mensch die Initiative ergreift, aus seiner Blase den wundervollsten Ort der Welt zu machen, wären wir den Menschen, die das nicht tun bei weitem überlegen. Ich bin davon überzeugt, dass 90 Prozent aller Menschen die Welt zu einem schöneren Ort machen wollen.

Wolf Kampmann: Meinst du nicht, dass alle Menschen die Welt zu einem besseren Ort machen wollen? Sie haben nur unterschiedliche Vorstellungen, was das heißt. 
Kamasi Washington:
Ich denke schon, dass es Menschen gibt, die aus der Welt keinen besseren Ort machen wollen. Sie wollen Menschen leiden lassen oder bewusst auf Kosten anderer leben. Ich glaube, die meisten Menschen wollen die Welt verbessern, aber nur ganz wenige fühlen die Kraft, dies auch aktiv zu tun. Die meisten Menschen delegieren diese Kraft von sich weg. Ich will jedem Menschen helfen, der die Welt aktiv verändern will. Die meisten Individuen, die andere Menschen leiden lassen wollen, leiden eigentlich selbst. Sie wissen, dass sie das nicht tun sollen, aber sie folgen den Ideen anderer Personen.

Wolf Kampmann: Deine CDs klingen ja wie ein Garten Eden. Alles ist ausgewogen, man kann einfach dort sein und sich des Ortes erfreuen. Die Musik verwandelt sich in Bilder, Gerüche, Landschaften.
Kamasi Washington: Ich versuche mich selbst in der Musik auszudrücken. Das Leben ist schön. Natürlich hat das Leben auch dunkle und schmerzvolle Aspekte, aber die Realität des Lebens ist schön. Wir haben Familien, machen Liebe, können wunderbares Essen genießen, schöne Bilder ansehen, großartige Gespräche führen. All diese Dinge sind doch ein Geschenk. Ich will den Schmerz und das Leid nicht ignorieren, aber es gehört eben alles zusammen.

Wolf Kampmann: Natürlich war da immer dieser Cry. John Coltranes Musik war voller Schmerz. Nicht nur persönlicher Schmerz, sondern auch die Geschichte des Schmerzes. Trotzdem war sie wunderschön und ergreifend. Das hört man in deiner Musik auch. Aber wo liegt der Unterschied zwischen der Heaven- und der Earth-CD? Von beidem ist so viel auf jeder CD enthalten.
Kamasi Washington:
Genau darum geht es. Beide sind dasselbe. Der erste Track auf „Earth“ ist „Fists Of Fury“, der erste Track auf „Heaven“ ist „The Space Travellers Lullaby”. Die Idee von „Fists Of Fury“ ist zu kämpfen, ohne zu leiden. Das Leben ist Kampf. Solange man lebt, kämpft man. Es gibt immer etwas zu tun. Das ist der Kampf des Lebens. Der hört nicht auf, bis du stirbst. „The Space Travelers Lullaby“ entstand auf Tour. Wir hatten einen Stopp, und es gab so einen wundervollen Himmel. In Los Angeles sieht man höchstens mal drei Sterne, aber in diesem Augenblick hatte ich das Gefühl, das gesamte Universum zu sehen. Ich realisierte, dass unser Potential unendlich ist. Daran erinnerte ich mich, als ich an dem Album arbeitete. Ich habe diese beiden Seiten. Der Kampf ums Leben, und die Imagination der Unendlichkeit unserer Möglichkeiten. Ich träume von unserem unendlichen Potential, und ich habe unseren unendlichen Kampf erlebt. Das unendliche Potential würde ohne den unendlichen Kampf sinnlos sein. Weil die Welt so ist, wie ich sie mir vorstelle, kann ich sie formen und gestalten, wie ich sie haben will. Und niemand kann mir das wegnehmen.

Wolf Kampmann: Wie schafft man denn Space in der Musik?
Kamasi Washington:
Es ist als würde man einen Filmscore über seine Gedanken schreiben. Als ich den „The Space Travelers Lullaby“ schrieb, stellte ich mir ein kleines Kind vor, das im Weltraum lebt, zwischen den Sternen umhertaucht und Planeten aus dem Weg schiebt. Er geht von Galaxie zu Galaxie. Ich versuche diese Reise mit bestimmten Motiven zu gestalten. Ich stelle mir konkrete Geschichten vor, die ich erzähle. Manches beruht auf Träumen. Anderem liegt ein Rhythmus zugrunde, den ich überbaue. Manchmal macht man Musik, die nach etwas Bestimmtem klingen soll, und manchmal macht man einfach nur so Musik, bis man plötzlich merkt, wonach es klingt. Beides funktioniert. Du musst nur dafür offen sein. Klang evoziert das Denken. Wenn ich etwas höre, löst es bei mir Bilder aus. Das ist nicht nur bei Musik der Fall, sondern bei jedem Klang. Wenn ich einen Wasserfall höre, sehe ich sofort eine Harfe in meinem Kopf, und wenn ich eine Harfe höre, entsteht in meinem Kopf sogleich ein Wasserfall.

Wolf Kampmann: Kam deine Fähigkeit mit Klangfarben zu arbeiten von deiner Schwester, die ja eine bildende Künstlerin ist und deren Bilder in „Harmony Of Difference“ abgebildet sind?
Kamasi Washington:
Sie ist jünger als ich. Ich lerne wirklich viel von ihr, aber diese Fähigkeit besaß ich schon, bevor sie geboren wurde. Ich war 17, als sie zur Welt kam. Aber als visuelle Künstlerin nähert sie sich den Dingen auf anderen Wegen an als ich. Mir hat es sehr geholfen, eine solche Nähe zu einer visuellen Künstlerin zu haben. Sie hilft mir definitiv, die Schönheit in allem, vor allem in den kleinen Dingen zu sehen.

Ich bearbeite jedes kleine Detail in meiner Musik solange, bis ich das Gefühl habe, es ist lebendig. Dann lasse ich es gehen und gebe es an die Musiker weiter. Die Aufnahme ist das Leben.

Wolf Kampmann: In deiner Musik geht es ja immer um Mikro- und Makrokosmos. Du denkst gern in großen Formaten, aber diese sind vollgestopft mit vielen kleinen Details.
Kamasi Washington:
So funktioniert das Universum. Jedes Individuum trägt das Universum in sich. Wenn du auf einem subatomaren Level denkst, passieren Milliarden von Dingen in jedem einzelnen von uns. Mikro und Makro sind immer dasselbe. Wir sind winzige Elektronen im Universum. Ich bearbeite jedes kleine Detail in meiner Musik solange, bis ich das Gefühl habe, es ist lebendig. Dann lasse ich es gehen und gebe es an die Musiker weiter. Die Aufnahme ist das Leben. Wenn ich das Leben in seiner Komplexität abbilden will, muss ich den kleinen Dingen ebenso viel Beachtung schenken wie den großen. Nur so wird aus einer Komposition ein Song. Das Album ist wie ein Universum, das aus all den kleinen Dingen entsteht.

Wolf Kampmann: Wer war an dem neuen Album beteiligt?
Kamasi Washington:
Ein großer Teil der Musik entstand in einer sehr hektischen Zeit. Wir hatten ja nur zwei Wochen inmitten einer wilden Tour. Ich hatte eine Liste von 35 Songs, die ich aufnehmen wollte. Meine Musiker hatten in dieser Phase teilweise andere Sachen zu tun. Ich musste also nach Musikern schauen, mit denen ich ebenfalls schon länger gearbeitet hatte. Ich rief zum Beispiel Robert Searight von Snarky Puppy an, den ich von meinen Aufnahmen mit Snoop Dog kannte. Ich freute mich, auf diesem Weg wieder mit ihm spielen zu können. Mein Pianist Cameron Graves stand nicht alle Tage zur Verfügung, also holte ich einen jungen Pianisten namens Jameel Dean ins Studio. Er war gerade erst 17 Jahre alt.

Wolf Kampmann: Es klingt, als hätte ein Orchester die ganze Aufnahme gemacht.
Kamasi Washington:
So war es auch zum großen Teil. Erst als die Platte eine bestimmte Richtung annahm, ließ ich andere Musiker daran teilhaben. Aber der Flow war da schon gegeben. Musik ist ein lebendiges Wesen. Es führt ein anderes Leben als wir, aber es folgt seinen eigenen Gesetzen. Alle beteiligten Musiker ließen sich auf diesen Flow ein. Sie standen im Dienste der Musik, statt sie zu forcieren oder zu kontrollieren. Wir folgten dem Verlauf der Musik wie einem Fluss. Man kann verschiedene Musiker daran teilhaben lassen, aber dieselbe Mentalität hält den Flow am Laufen. Was immer wir bewusst beeinflussen, wird sich trotzdem innerhalb des besagten Kontinuums abspielen. Man kann sich nach links oder nach rechts lehnen, aber man wird immer in der Strömung bleiben. Die Musiker, die ich auswähle, teilen diese Herangehensweise. Andere Musiker können trotzdem große Musiker sein, auch wenn sie diesen Anspruch nicht teilen. Man kann die Musik auch bewusst beeinflussen, aber das ist nicht mein Ding.

Wolf Kampmann: Du sprichst immer von Musik, nie von Jazz.
Kamasi Washington:
Musik kommt immer zuerst. Jazz ist nur ein Wort, das die Musik beschreiben soll, die von den Menschen gespielt wird. Zuerst wurde die Musik gespielt, dann wurde ein Wort gefunden, um ihr eine Überschrift zu geben. Wenn du einer Shakespeare-Rolle einen anderen Namen gibst, wird es trotzdem dieselbe Shakespeare-Rolle bleiben. Der Name kann daran nichts ändern. Eine gelbe Rose muss man gelbe Rose nennen, weil unsere Vorstellung von einer Rose rot ist. Es bleibt aber eine Rose. Ich denke nicht über Worte oder Definitionen nach. Musik ist ein Ausdruck. Es ist die Industrie, die Wörter dafür finden muss. Jazz ist ein Begriff der Industrie. Jazz ist ein Synonym der Industrie für Musik der Rebellion gegen die Probleme von Afroamerikanern in den USA, die sonst keine Gelegenheit hatten, sich intellektuell oder künstlerisch über ihre Situation zu äußern. Nicht das Wort wurde populär, sondern der Rhythmus, weil er die Welt symbolisierte, in der die Menschen damals lebten. Heute geht es im Jazz nicht mehr um diesen Ausdruck, sondern um die Frage, wie gut man die Musik von 15 oder 20 bestimmten Vertretern dieser Musik kennt. Wer die Musik von Louis Armstrong, Duke Ellington, Lester Young, Charlie Parker, John Coltrane und Miles Davis verinnerlicht hat, darf sich ein Jazz-Musiker nennen. Früher hat das überhaupt keine Rolle gespielt. Da ging es um das, was du selbst zu sagen und mit der Welt zu teilen hast. Was ist der Beitrag, den nur du und niemand sonst leisten kann? Ich habe die Musik von Coltrane, Miles und Bird in mir, aber ich habe nie die Notwendigkeit verspürt, beweisen zu müssen, wie sehr sie mich inspiriert haben. Coltrane hat mein Leben verändert, ohne ihn wäre ich ein völlig anderer Mensch. Aber ich tue genau das, was er getan hat, nämlich mein Leben in der Musik auszudrücken. Auf diese Weise kann ich mich teilen und mitteilen. Sicher brauche ich bestimmte technische Fähigkeiten, um mich auf diese Weise mitteilen zu können, aber ich will mich doch nicht in der Arbeitsweise verlieren.

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Wolf Kampmann: Trotzdem mag ich es, wie bei dir bestimmte Ideen von den Coltranes, Pharoah Sanders, Archie Shepp, Sun Ra und anderen zu einer neuen Musik zusammenfließen. Das sind ja ganz klar deine Ideen, aber man kann sie zu ihren Ursprüngen zurückverfolgen.
Kamasi Washington:
Diese Musiker sind wie meine Eltern. Sie haben mich geformt. Ich bin nicht mein Vater, aber man kann meinen Vater in mir sehen. Die Kraft dieser Musik hat mich inspiriert und meiner Musik Form und Inhalt verliehen. Aber ihre Musik ist nicht meine Musik.

Wolf Kampmann: Entdeckst du manchmal diese Musiker in dir?
Kamasi Washington:
Das ist ja Teil der Reise. Diese Erfahrung ist die Himmelseite der Musik. Die Erdseite sind die Stunden und Aberstunden von Üben, um hinter das Verhältnis zwischen Klang und Feeling bei diesen Musikern zu gelangen. Wenn du diese Korrelation einmal rausgefunden hast, musst du sie mit auf deinen eigenen Weg nehmen. Jeder Sound erzählt eine Geschichte. Was macht diese Geschichte mit dir? Jeder Mensch muss eigene Worte finden, um seine Geschichte zu erzählen. Obwohl wir alle dieselben Wörter benutzen, nutzen wir doch ein unterschiedliches Vokabular. Sicher können wir alle lernen, wie John Coltrane, Wayne Shorter oder Joe Henderson zu reden. Aber dann wird unser Vokabular eben immer eine Mixtur der Wörter bleiben, die aus der Vergangenheit kommen. Unsere Storys spielen sich aber in der Gegenwart ab. Die Wörter mögen cool sein, aber wo ist die Story, die wir zu erzählen haben?

Wolf Kampmann: Als John Coltrane starb, haben ja Gitarristen wie Jimi Hendrix oder Carlos Santana seinen Ton auf die elektrische Gitarre übertragen. Manchmal habe ich das Gefühl, auch deren Geschichte in deinem Ton zu hören.
Kamasi Washington:
Das trifft speziell auf die neue Platte zu. Ich hatte einen sehr kreativen Toningenieur dabei. Wir haben ähnliche Ideen. Er hatte auch „Harmony Of Difference“ gemixt. Das war zwar eine ganz andere Geschichte, aber auf dem neuen Album brauchte ich jemanden, der auf dem Soundlevel genauso kreativ ist wie ich. Ich brauche es, mich mit diesen Geistesverandten wie Thundercat, Cameron Graves, Brandon Coleman oder Ronald Bruner zu umgeben, die einfach wissen, was ich denke, ohne dass ich es ihnen sagen muss. Sie wissen, was sie zu spielen haben. Manchmal sogar besser als ich. So war es auch mit dem Toningenieur. Er benutzte Verzerrer und Envelopes, um die Klangmöglichkeiten zu erweitern. Kendrick Lamar arbeitet mit diesen Dingen, aber für mich waren sie neu.

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Wolf Kampmann: Früher waren Musiker entweder spirituell oder politisch, emotional oder intellektuell, auf Bilder oder auf Strukturen ausgerichtet. Bei dir und den anderen Musikern im Umfeld von Flying Lotus habe ich das Gefühl, das eine steht dem anderen nicht im Weg.
Kamasi Washington:
Wir alle sind gemeinsam aufgewachsen und machen immer noch zusammen Musik. Ich war mir dessen nicht bewusst, als wir aufwuchsen, aber ich kenne Thundercat, seit er ein Baby war. Brandon Coleman lernte ich kennen, als er noch gar kein Musiker war. Er war einfach unser Freund. Wir waren die Musiker, er war einfach nur cool. Erst mit siebzehn fing er an, Musik zu machen. Aber wir haben so Vieles geteilt. Jeder von uns hat seine eigenen Vorlieben, aber wir haben es gelernt, einander zuzuhören. Wann immer wir uns trafen, spielten wir einander die Musik vor, die wir mochten. Ob wir wollten oder nicht, dem konnten wir uns gar nicht entziehen. In dieser Zeit begann meine Hochachtung vor so vielen unterschiedlichen Dingen. Als Musiker ist man ja oft isoliert, weil man so viel Zeit mit seinem Instrument verbringt. Aber wenn wir alle uns alle gegenseitig inspirieren, können wir eben auch viele Entdeckungen machen.

Wolf Kampmann: Es herrscht ja immer das Vorurteil, dass die Hardbop und Avantgarde-Szene zu New York und die Fusion-Szene zu Los Angeles gehört. Dabei wird oft vergessen, dass Musiker wie Eric Dolphy, Ornette Coleman, David Murray oder Horace Tapscott aus Los Angeles kamen oder zumindest dort lebten. Das waren ja teilweise sehr politische Musiker, die diese Energie dann teilweise von L.A. nach New York trugen.
Kamasi Washington:
Natürlich identifizieren wir uns noch heute mit Musikern wie Horace Tapscott, Bobby Bradford oder Eric Dolphy. Das war der Sound, mit dem wir in meiner Wohngegend in Leimert Park in Los Angeles aufwuchsen. Das war sehr spirituell, nichts war gekünstelt oder aufgesetzt. Man wuchs einfach mit der Ästhetik von Horace Tapscott auf. Es war freie, wilde, extrem persönliche Musik ohne Grenzen oder Einschränkungen, die zu diesem Ort gehörte. Genauso wichtig war Kirchenmusik. Ich spielte oft in Kirchen. Einige der Meister der Gospel Music hingen ständig in Leimert Park rum und jammten mit den Jazzmusikern. Die Musik in Los Angeles war eine Fusion aus Gospel, R&B, HipHop und Jazz. L.A. setzt sich ja aus lauter kleinen Gemeinden zusammen. Die Menschen von all diesen Orten treffen sich überall. Es wundert niemanden, wenn der Gitarrist von Lionel Ritchie auch in einem klassischen Orchester spielt. Unser kleines Häuflein von Kids war ständig in der Stadt unterwegs. Jeder kannte uns, und wir kannten jeden. Wir verstanden, dass keine Musikform besser ist als irgendeine andere. Ich wollte alles spielen. Unser Respekt-Level für all diese verschiedenen Dinge wuchs unaufhörlich. Wir waren uns gar nicht bewusst, wie ungewöhnlich das ist. Für uns war es einfach normal. Heute profitieren wir davon.

Meine erste Tour hatte ich mit Snoop Dogg.

Wolf Kampmann: Flying Lotus scheint ja die große Musikerpersönlichkeit unserer Zeit zu sein, die all diese Einflüsse zusammenführt. Er hat aber auch diesen Coltrane-Family-Background. Wie wichtig ist er für die Szene?
Kamasi Washington:
Flying Lotus hatte die Vision und die Position. Bevor er auftauchte, blieb die Musikszene von Los Angeles in Los Angeles stecken. Ich bin immer wieder schockiert, wie wenige Leute im Ausland und selbst in den USA auch nur irgendetwas von Horace Tapscott gehört haben. Aber es gibt Hunderte großer Musiker in L.A., über die nie geschrieben wurde, denn sie blieben in dieser winzigen Blase steckten. Niemand, der eine wichtige Position in der Musikindustrie gehabt hätte, interessierte sich dafür, was wirklich in Los Angeles passierte. Und wenn es doch einer schaffte, musste er Los Angeles verlassen und nach New York gehen. In New York spielt es aber keine Rolle, woher du kommst, denn jeder ins von irgendwo außerhalb. Wir wussten von Anfang an, dass wir nicht nur in irgendeiner Horn Section oder Rhythmusgruppe spielen wollten. Wir hatten unsere eigene Musik, unseren eigenen Sound. In L.A. waren wir schon immer ziemlich populär, aber das war’s. Flying Lotus war der erste von allen, der ein Level von Erfolg etablierte. Er sah in dieser Blase mehr als ein Reservoir von Sidemen, verschaffte der Art Community von L.A. Respekt und öffnete die Türen. Plötzlich begann sich die Industrie für uns zu interessieren. Bei mir war es die Industrie außerhalb des Jazz, die sich für mich und mein Umfeld zu interessieren begann. Meine erste Tour hatte ich mit Snoop Dogg. Er half mir, der Blase zu entkommen. Über seine eigene Musik hinausgehend ist Flying Lotus eine visionäre Figur innerhalb unserer Szene.

Wolf Kampmann: Ich weiß nicht, wie es in den USA ist, aber in Deutschland gibt es durchaus Menschen, die dir gerade diese Entwicklung übel nehmen. Du bist eben nicht die normale Jazz-Ochsentour als Sideman gegangen, sondern hast dir ein Publikum im HipHop und in der elektronischen Musik erspielt.
Kamasi Washington:
Das ist in den USA nicht anders. Deshalb wurden wir ja so lange übersehen. Wir wollten uns nicht von außen kontrollieren lassen oder Spielregeln folgen, die nicht unsere eigenen waren. Ein künstlerischer Ausdruck kann nicht kontrolliert werden. Jeder Künstler sollte in der Lage sein, sich und sein eigenes Leben zum Ausdruck zu bringen. Musik gehört niemandem. Und wer sie kontrollieren will, hat keine Ahnung, um was es in unserer Musik geht. Wir lassen uns in keine Kiste stopfen. Wenn man einen Vogel in einen Käfig steckt und irgendwann die Tür öffnet, wird er vielleicht auf Nimmerwiedersehen davonfliegen. Was man liebt und achtet, wird man nicht einsperren. In Los Angeles wurden wir zwar ignoriert und übersehen, aber wir waren nicht im Käfig. Wir waren frei. Ich habe niemals den Druck gespürt, mich anpassen zu müssen. Um keinen Preis hätten wir unsere Kreativität verraten. Meine Musik ist einfach nur Musik. Ich brauche dafür keine Definition, um mein Ego in einen Käfig zu sperren. Und keiner der Musiker, die ich verehre, hat sich in einen Käfig sperren lassen. Man hat versucht, Charlie Parker in den Käfig des Swing zu sperren. Man hat versucht, John Coltrane in den Käfig des Bebop zu sperren. Und so wird es immer weiter gehen. Das ist ein Teil unserer Geschichte. Aber das ist eben auch eine Geschichte des Widerstands und wir Musiker werden immer in Opposition zu diesen Versuchen stehen.