SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Vergiftete Wurzeln

Vergiftete Wurzeln

Die Berlinale 2017 im politischen Zeitenwandel

Die Berlinale betonte auch in diesem Jahr ihren politischen Charakter und zeigte im Februar bemerkenswerte Dokus und Dramen aus der schwarzafrikanischen Community Amerikas. Immerhin ein Film darunter erlebte jetzt seinen offiziellen Kinostart.

//Ulrike Rechel

Von den großen Filmfestivals der Welt – den 15 sogenannten A-Festivals – gilt die Berlinale seit jeher als politischstes, ausgestattet zudem mit einem Schwerpunkt auf dokumentarisches Kino. Oft erntete die Programmwahl des Festivals Kritik, manchem war das alles nicht kunstsinnig genug, die Berlinale lasse mit ihrem Weltverbesserungs-Ethos die Frage nach Form und Ästhetik links liegen.

Zuletzt aber sahen selbst Skeptiker Berlins Festival in verändertem Licht. Dass der Dokumentarfilm an Relevanz gewonnen hat und seine Bedeutung auch künftig wachsen wird, ist allgemein zu beobachten. Wenn selbst bei den lange Zeit politisch unverdächtigen Oscar-Verleihungen Filme wie „I am not your negro“ – Raoul Pecks manifestartige Doku über das Werk des farbigen Autors und Gesellschaftskritikers James Baldwin – auf der Nominiertenliste landen und später ein Film wie „Moonlight“ über die Selbstfindung eines homosexuellen schwarzen Jugendlichen am Ende als bester Film ausgezeichnet wird, zeigt sich, dass sich im internationalen Film derzeit ein Wandel vollzieht.

Offenbar führen alarmierende gesellschaftliche Prozesse dazu, dass sich Filmschaffende auf eine ihrer wichtigsten Rollen besinnen – und in ihren Arbeiten gesellschaftliche Zustände spiegeln. Insbesondere das dokumentarische Kino erscheint in Zeiten von echten oder „faken“ News und twitternden Staatsführern als wertvoller Raum, um komplexen Themen mit der notwendigen Genauigkeit zu begegnen.

Die Berlinale wirkte im Februar plötzlich sehr aktuell, insbesondere mit ihremSPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Vergiftete Wurzeln besonderen Fokus auf schwarzafrikanische Filmemacher und ihre Themen. Geschichten, die auf dem afrikanischen Kontinent spielen oder aber in den schwarzen Communitys geprägten Vororten Amerikas, dort, wo sich seit drei Jahren die Protestbewegung „Black Lives Matters“ formte.

Von der schwelenden Frustration in der schwarzen Community und ihrem Drängen nach Gerechtigkeit erzählten gleich mehrere spannende Berlinale-Filme. „Dayveon“ etwa, Eröffnungsfilm der Nebenreihe „Internationales Forum“, erzählt so lakonisch wie intim die Geschichte eines Teenagers in einem Nest in Arkansas: Scheinbar banal verläuft der Alltag des Teens, der aus Schulschwänzen und Abhängen mit den Mitgliedern der berüchtigten örtlichen Gang besteht. Doch über der Natürlichkeit, mit der der junge Regisseur Amman Abbasi seinen empfindsamen Protagonisten porträtiert, liegen Schatten. Dayveons älterer Bruder wurde erschossen; die Abwesenheit der Beszugsperson ist bohrend präsent und hat den Jüngeren in eine Selbstkrise gestürzt. Sein Abdriften in die übliche Gang-Kriminalität erscheint fast unausweichlich. Mit unverbrauchten Gesichtern junger Darsteller und derbem Straßenslang erzählt „Dayveon“ eine kleine große Geschichte, die auf beiläufige Weise von einer chancenlosen Jugend erzählt, die sich so ähnlich wohl in allen schwarzen Communitys Amerikas erzählen ließe.

Zum Beispiel in St. Louis, dort wo die Doku „For Akheem“ von  Jeremy S. Levine und Landon Van Soest spielt. Ihre Langzeitbeobachtung führt in die Lebenswelt der 17-jährigen Daje Shelton, in die Slums der Stadt am Mississippi. Die müht sich ab, ihren Schulabschluss zu bewältigen, kämpft also, anders als Dayveon darum, es gesellschaftlich empor zu schaffen. Die Aussichten des Mädchens aber sind finster, die Trennung der Gesellschaft in eine weiße Gewinner- und eine schwarze Verliergruppe erscheint unüberwindlich. Die entflammten Proteste unter dem Banner „Black Lives Matter“ scheinen zu keiner Wirkung auf die immer noch rassistisch geprägte US-Gesellschaft zu führen.

Zu diesem frustrierenden Resümee kommt auch die Familie in Yance Fords eindringlicher Doku „Strong Island“: Ihr Film dreht sich, wie „Dayveon“ ebenfalls um eine traumatische Leerstelle im Leben von Ford und ihrer bürgerlich lebenden Familie in Brooklyn: Diese erlebte einen dramatischen Einschnitt, als der älteste Sohn, Yances Bruder, vor rund 25 Jahren in New York erschossen wurde. Keinen schwerwiegenden Anlass gab es für den tödlichen Schuss auf den unbewaffneten Afroamerikaner; für den Mörder, ein Mechaniker – Hautfarbe hell –, blieb die Tat jedoch ohne juristische Folgen. Nach Art einer Investigation sammelt Ford Fotografien, Tagebuchnotizen und Erinnerungen von Freunden und der Familie an den Toten wie an den Tatabend; er geht dem auffällig einseitigen Vorgehen der Behörden nach – was unweigerlich an andere Fälle in den USA von Polizeigewalt gegen unbewaffnete Afroamerikaner erinnert: Probleme, die nicht aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden dürfen, scheint das neue junge US-Kino zu fordern. Besonders die Stimme der Mutter des Opfers prägt sich in „Strong Island“ ein. Die ehemalige Schuldirektorin bilanziert bitter, dass die Frage der Hautfarben den Fall zu Ungunsten des Opfers entschieden habe. Fords ruhige Montage erzeugt harte Reibungen, die die politische Dimension dieser Familientragödie herausstellen.

Ein Film, der auf der Berlinale all diese Frustrationen und Ahnungen des jungen schwarzen Amerikas bündelt, ist Raoul Pecks Doku-Essay „I am not your Negro“. Dieser hatte schon auf dem Sundance-Festival Furore gemacht und später bei den Oscars – er stellt wohl einen der bohrendsten Kommentare zum gegenwärtigen Amerika dar, den man in nächster Zeit im Kino erleben kann. Vordergründig ein Porträt des Schriftstellers und Gesellschaftsanalytikers James Baldwin liefert Peck eine poetische Recherche aus Notizen, Schriften und Archivfilmen, die Amerikas rassistische Wurzeln beleuchtet und deren Wuchern in die Gegenwart. Der 1987 verstorbene Baldwin wirkt plötzlich wie der lebendigste Kritiker der heutigen US-Gesellschaft: ein Mahner zur rechten Zeit mit einer Stimme, die gehört wird. Auch dank einer Filmkunst, die ihr demokratisches Herz entdeckt.

„I am not your Negro“, Regie: Raoul Peck, ist kürzlich in vielen deutschen Kinos angelaufen.

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