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T.R.A.N.S.F.E.R.L.E.I.S.T.U.N.G

Das Ostwest-Syndrom

// Friederike Merz 

In all diesem Schlamassel stehe ich auf der Bühne. Singe in einem Land, in dem das Wort „Meinungsfreiheit“ ebensowenig existiert wie das Wort „Vegetarier“, ohne Playback und ohne doppelten Boden, auf einer riesigen Bühne vor einer ebenso massiven LED-Leinwand. Ich bekomme zu spüren, welche Macht ein laut geschaltetes Mikrofon vor einer Menschenmenge bedeutet. Alle anderen Acts an diesem Abend beschallen die Zuschauer via Playback. Gefühlt zwei Mal so viele Polizisten wie Gäste, ebenso viele Herren vom Geheimdienst, doppelte Sicherheitskontrollen auf dem Weg vom Hotelzimmer zur Bühne und ganze Etagen im Hotel gesperrt.

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Mit der überpräsenten Staatsmacht im Nacken und Julian Assanges „Cypherpunks“ auf dem Nachttisch wirkt die Verspiegelung im Luxus-Hotelzimmer auf einmal bedrohlich und jede freundliche Unterhaltung beim Frühstück mit einem Fremden verdächtig. In meinem Kopf spinnen sich Verschwörungstheorien und Verfolgungswahn zu einer, nun ja, alles andere als unterhaltsamen Mischung zusammen. Die Tatsache, dass ich nur über VPN meinen Facebook-Account und Google nutzen kann, tut ihr übriges dazu und ich realisiere: ich bin hier nicht frei.

Bereits die Einreise war mit einem mulmigem Gefühl verbunden. China ist das einzige Land, in dem man 15 Tage ohne richterliches Urteil von jeder Polizeidienststelle arrestiert werden kann. Das Wissen um diesen Umstand macht etwas mit meiner sonst ungezähmten Abenteuerlust. Zum ersten Mal in meinem Leben reise ich nicht wie sonst mit staunenden, großen Augen sondern mit getrübtem Blick. Verstärkt wird dieser Mulm vom unaussprechlich scharfen und dichten Smog, der sich wie ein Schleier über die Stadt und über meine Stimmung legt. Trotz des milden Herbstwetters ist die Sonne durch die grauen Abgaswolken nicht auszumachen.

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Und ich habe noch Glück. Wird hoher Besuch erwartet, werden die größten Drecksschleudern unter den Fabriken im Betrieb vorübergehend runtergefahren. Ganz im Gegensatz zum Verkehr. Die stille Gefahr, der vermaledeite Elektro-Roller (man hört ihn einfach nicht!) lauert an jeder Ecke. Obwohl ständig gehupt wird, und alle kreuz und quer fahren, werde ich während meiner zwei Wochen in Chengdu erstaunlicherweise weder Zeugin noch Opfer eines Unfalls. Und da dämmert mir, dass es mit vielen Dingen, die mir hier merkwürdig vorkommen oder die ich nicht verstehe, so sein muss. Es hat schon alles irgendeine Ordnung, auch wenn ich mit dieser nicht vertraut bin. Immerhin muss ich mich mit dieser Ordnung bis zu meiner Abreise arrangieren.

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Beim Essen funktioniert das schon ganz gut. Chengdu liegt in der Provinz Sichuan, deren Küche vor allem für ihre Schärfe weltbekannt ist. Nach einigen abenteuerlichen Restaurantbesuchen wird mir klar, dass es beinahe noch schwieriger ist, ein Essen ohne Chilis zu bestellen als ein Essen ohne Fleisch. Und siehe da, das mit der Schärfe scheint wirklich nur Trainingssache zu sein.

Zunächst lande ich in einer Bar, die wie eine Mischung aus Korova Milk Bar, Gothic Cave und Berghain wirkt.

 

Diese Eindrücke in einem Land auf mich einprasseln zu lassen, mit dessen Sprache ich ganz und gar nicht vertraut bin, lässt alles noch viel skurriler und abstrakter erscheinen. Sämtliche Sinneswahrnehmungen werden ins Groteske überspitzt und für mich somit plastischer, aber dadurch keineswegs greifbarer. Ich bin der festen Überzeugung, durch einen Traum zu wandeln, von dem ich nicht weiß, ob es ein guter oder ein böser ist. Ich tue also was ich in solchen Situationen immer tue, wenn ich nicht gerade auf der Bühne stehe: ich stürze mich in die Nacht und ins Nachtleben. Und das geht in Chengdu verdammt gut.

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Zunächst lande ich in einer Bar, die wie eine Mischung aus Korova Milk Bar, Gothic Cave und Berghain wirkt. Herrlich abgefuckt, mit einer feinen Auswahl an Drinks, einer richtig guten DJane und Lachgasballons zu äußerst erschwinglichen Preisen. Im selben Arreal sind weitere Clubs, Restaurants, Bars untergebracht und mehr europäische als chinesische Fast Food-Läden.

Die Expat-Szene in Chengdu wächst stetig, wie ich an diesem Abend erfahre, und gerade bei Musikern ist die Stadt sehr beliebt. Während ich in der Halloween-Nacht am Ufer des Jinjiang entlang schlendere, begreife ich warum. Ein Pub reiht sich an den nächsten, aus jedem quellen trinkfreudige Nachtschwärmer und Live-Musik von Country über Chiller-Griller-Pop bis hin zu Grindcore. Genug Nachtleben und somit genug Arbeit für Berufsmusiker. In dieser Halloween-Nacht scheint die ganze Stadt komplett auszurasten. Am laufenden Band kriege ich irgendwas angedreht: Haarreife mit leuchtenden Kürbisköpfchen, die obligatorischen Leuchtstäbchen und Drinks, bei denen man besser nicht nachfragt, was alles drin ist.

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Für den nächsten Tag ist ein Katerprogramm Deluxe angesagt. Nachdem ein paar Tage zuvor der obligatorische Besuch in der Panda-Aufzuchtstation auf der Agenda stand, beschließe ich mich mit meinem Schädel nicht allzu weit aus der Stadt heraus zu wagen und auf Empfehlung eines Freundes das Manjushri-Kloster zu besuchen, wo ich auf nichts als ein wenig Ruhe und garantiert vegetarisches Essen hoffe. Das gibt es auch beides. Viel besser wird mir allerdings die Freundlichkeit einer Messdienerin in Erinnerung bleiben, die mich mit sanftem Nachdruck einlädt, am Gottesdienst teilzunehmen. Von einer Sekunde auf die nächste finde ich mich inmitten einer langsam vor sich hin dackelnden Buddhistenschlange wieder, aus der ich bis zum Ende des Gottesdienstes nicht auszubrechen wage. Zum Abschied schenkt mir die freundliche Dame einen Apfel und ein kleines rotes Gebetsradio mit dem Gebetsvers, den ich in der letzten Stunde bestimmt 1000 Mal gesungen hab, ohne dessen Bedeutung zu kennen. „Namo amituofo“ – übersetzt bedeutet das, „sich umsehen und auf das unendliche Erwachen vertrauen.“ Ob nun der Kanon oder das fantastische Essen meinen Kater vertreibt, sei dahingestellt. Aber ich bin überzeugt, dass das Lächeln und die Freundlichkeit der Messdienerin meinen Blick für den Rest der Reise für weitere Schönheiten geöffnet hat.

Der nächste Gig steht an. Zum ersten Mal erfahre ich, wie es sich anfühlt, in eine Masse aus Handydisplays anstelle von Gesichtern zu starren. Kurz bekomme ich Panik, die zuletzt gefühlte Macht des Mikrofons hier überhaupt nicht nutzen, die Menschen nicht erreichen zu können.

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Dieses Gefühl ändert sich schlagartig, als ich „Die Gedanken sind frei“ anstimme. Während die Landsleute bei Konzerten in Deutschland fröhlich mit in den Gesang einstimmen, bleibt den Deutschen beim Konzert in China ein fetter Kloß im Hals stecken. Beim ein oder anderen Anzugmenschen werden die Augen feucht, die Funken im Raum sind zu spüren und scheinen sich auch auf jene zu übertragen, die des Deutschen nicht mächtig sind.

An seine Unfreiheit in einem fremden Land, durch die Muttersprache und die sanften Kräfte der Musik unvorbereitet erinnert zu werden – das ist auch manchem CEO einfach zu viel. Für einen Moment gelingt es mir, das Polizeigeschwader auszublenden, und ich weiß wieder, warum ich diesen Beruf so liebe. Die Geschichte, die ich erzähle, wird wahr für den flüchtigen Moment, in dem sie erklingt. Jeder, der zuhört, hat die Chance, sie zu einem Teil seiner Geschichte zu machen, und wir alle werden (hoffentlich im Guten) miteinander verbunden. Für einen flüchtigen Moment … und mit ein wenig Glück bleibt etwas hängen.

 

Zurück in Berlin pfeife ich auf Ratschläge zur Regulierung des Biorhythmus, gehe direkt nach meiner Ankunft am hellichten Tag pennen und bin gegen Mitternacht hellwach. Ein Umstand, der mir in der Zeit, in der mein herzlich vermisster Mitbewohner in Nordamerika herumtingelt, sehr gelegen kommt. Per livestream bin ich bei seinem ersten Auftritt in New Orleans dabei und habe Tränen der Freude und des Stolzes in den Augen.

Mein Mitbewohner und ich kippen im Whatsapp Chat und trotz einiger tausend Kilometer Entfernung erstmal ein paar Whiskeys und beglückwünschen uns zum bevorstehenden Weltuntergang.

Diese sollen alsbald meinen Unverständnis- und Sorgenfalten weichen. Es ist die Nacht vom 8. auf den 9.November 2016, die Nacht der Präsidentschaftswahl in den USA. Wer sich den Spaß gegeben hat und lange genug wach geblieben ist, konnte live miterleben wie sich der Politkrimi der letzten Monate zum unglaublichen Finale aufschwang und uns alle mit fassungsloser Miene auf das kippende Wahlometer starren ließ. Ist. Das. Euer. Ernst.?!?? Die Frage, die viel länger nachhängt als der Schock, lautet: Wie konnte das passieren? Und da ist noch die andere Frage, die sich ganz leise aus dem Off meldet: wäre die Alternative denn besser gewesen?

Mein Mitbewohner und ich kippen im Whatsapp Chat und trotz einiger tausend Kilometer Entfernung erstmal ein paar Whiskeys und beglückwünschen uns zum bevorstehenden Weltuntergang. Als ich einige Monate später selbst in den Staaten bin, merke ich, dass das Trinken in Cleveland nicht ganz so populär ist wie in New Orleans. Könnte damit zu tun haben, dass die Geburtsstätte der Anonymen Alkoholiker, das Städtchen Akron, nur wenige Kilometer entfernt liegt. Könnte aber auch damit zu tun haben, dass die Leute ihre Süchte hier, ganz klischeehaft und deswegen nicht weniger wahr, eher aufs Fressen und den Sport verlagern. Am liebsten beides gleichzeitig.

Alles andere als klischeehaft sind hingegen die Gespräche beim Couchsurfen in Ohio und später in New York, über Trump genauso wie über andere Sachverhalte. Die in Europa vielfach belächelte Oberflächlichkeit der Amis entpuppt sich vor allem bei Leuten mit nicht-künstlerischen Berufen als euphorisches, aber nicht weniger aufrichtiges Interesse an Austausch und messerscharfer und hervorragend kommunizierter Beobachtung, die aber merkwürdigerweise ohne Reflexion und Transferleistung bleibt. Es scheint, als seien viele sehr gut im Bilde über aktuelle Geschehnisse, aber mit der individuellen Verantwortung, die aus ihrem Wissen resultiert, völlig überfordert.

Wenn ich nun China und Amerika vergleiche, ist das in diesem Kontext so, als würde ich gelebte Zensur mit dem Mutterschiff unserer Informationsgesellschaft vergleichen. Auf der einen Seite: wenig Infos, wenig Rechte. Auf der anderen Seite: zu viele, oftmals nicht verifizierte oder verdrehte Infos und somit Nichtinanspruchnahme oder Missbrauch der Rechte. Bleibt die Frage was schlimmer ist…

Einen kurzen Moment resigniere ich über die schier unlösbare Aufgabe, Menschen nicht nur zu bilden, sondern sie auch zu ermutigen und zu inspirieren. Welche Art von Bildungssystem kann ich diese Herausforderung bewältigen? Mir fällt wieder ein, warum ich mich für die Künstlerlaufbahn entschieden habe, und werde auf meinem Rückflug nach Berlin nervös, weil das nächste Flugticket noch nicht gebucht ist. Ganz egal wohin.