SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Stimmungsumschwung

Stimmungsumschwung

Die amerikanische Jazz-Szene nach dem 11. September

Jazz wird heute oft als eine Musikform wahrgenommen, die von den Höhen des Elfenbeinturms für die Niederungen des Alltags nicht mehr empfänglich ist. Das war einmal anders, aber spätestens in den mittleren 1970er Jahren begann sich der Jazz aus dem gesellschaftlichen Diskurs zurückzuziehen. Doch Jazz ist von seinem Urverständnis her zu politisch, um sich dauerhaft dem Gang der Dinge widersetzen zu können. Die großen Erschütterungen der Welt gehen nicht spurlos an ihm vorbei. Nine/Eleven war nicht nur eine der größten Erschütterungen in diesem Jahrtausend, er betraf auch das Herz des Jazz, New York. Genau drei Monate nach dem 11. September 2001 besuchte ich New York und sah mich in der dortigen Jazz-Szene um. Den folgenden Artikel schrieb ich im Anschluss an jenen Besuch.

//Wolf Kampmann

Die amerikanische Gesellschaft gibt sich unpolitisch. Politik steht im Ruch eines schmutzigen Geschäfts, Politiker werden kaum mehr geschätzt als Mafiosi, und der Mann auf der Straße hält sich lieber raus. Protestaktionen werden eher als Relikte aus der Hippie-Zeit betrachtet. In der Kunst versucht man sich genreübergreifend herauszuhalten. Menschliche Botschaften ja, aber bloß keine Politik. Davon ist auch der Jazz nicht ausgenommen. Politische Statements mit und in der Musik sind die absolute Ausnahme in einer Gesellschaft, deren soziale Zentren mit Ausnahme der wenigen urbanen Flecken Shopping Malls in der Mitte von Nirgendwo sind.
Der 11. September hat jedoch die Welt verändert. Musiker halten es auf einmal für wichtig sich zu äußern. Die einen verbal, andere sogar mit ihrer Musik. Dabei ist erstaunlich, wie viele Platten scheinbar zum 11. September Stellung nehmen, obwohl sie lange vor diesem Termin eingespielt wurden. Beispiele sind Greg Osbys „Symbols Of Light (A Solution)“, Laurie Andersons „Life On A String“, Pat Methenys „Speaking Of Now“ und der Pazifismus auf „Jim Hall & Basses“. Die Musik rückt wieder ans Leben heran. Die Straßen New Yorks stinken auch ein viertel Jahr nach den Anschlägen noch nach verbrannten Chemikalien. Der 11. September und seine Folgen sind allenthalben spürbar. Man braucht nur in ein ganz beliebiges Konzert zu gehen. Waren amerikanische Clubs zuletzt ein Mekka für Nichtraucher, geht es plötzlich scheinbar um die letzte Zigarette. „Ja, die Amerikaner rauchen wieder“, bestätigt Jazz-Gitarrist John Scofield den exzessiven Zigarettenkonsum. „Niemand achtet vor dem Abgrund mehr auf seine Gesundheit. Die Leute wollen so viel Genuss wie möglich, denn der lenkt von der Wirklichkeit ab.“
Der Dirigent und Impresario spontaner musikalischer Kontexte Butch Morris diskutiert an einer Straßenecke im East Village mit Passanten, als würde er eine seiner Conductions aufführen. „Rauchen ist immer noch gesünder als über all dieses Chaos und seine Ursachen nachzudenken“, skandiert er niedergeschlagen. „Ich sah vom Dach meines Hauses aus die Rauchwolken aufsteigen. Jemand sagte, wow, das ist, als würde man in einem Film sein. Mich erinnert es nur an Vietnam. Damals sah ich immer aus der Ferne den Qualm der Napalm-Bomben. Diesmal war es nicht anders als eine Napalm-Bombe in Vietnam. New York ist von der Wirklichkeit eingeholt worden. Interessant ist dabei eine Frage, die niemand stellt. Nicht, wer hat die Anschläge verursacht, sondern wer hat sie zugelassen.“ Er lächelt verlegen, wendet seinen Blick nach innen, schweigt. Kein Wort über seine Musik.
Dabei ist gerade Musik eine Kraft, die von vielen New Yorkern als Inspirationsquell empfunden wird. DJ Logic, Zeremonienmeister der New Yorker Jazz-Partys, erzählt eine ergreifende Geschichte. „Am 10. September gab ich eine Show. Ich spielte bis früh in den Morgen. Unter meinen Fans war einer, der in den oberen Etagen des World Trade Center arbeitete. Doch ich spielte so lange, dass er nicht pünktlich zur Arbeit kam. Am nächsten Tag rief er mich an und sagte, dass ich ihm mit meiner Musik das Leben gerettet habe.“ Ein kurzer Moment des Glücks auf Logics Gesicht, dann jedoch sofort jene Versunkenheit, die schon auf Butch Morris‘ Zügen zu beobachten war. Und nach einer längeren Pause: „Hätte ich doch nur mehr Menschen das Leben retten können.“
„Niemand weiß, wie er damit umgehen soll“
, analysiert Gitarrist Pat Metheny. „Das ist eine Erfahrung, die keiner von uns je für möglich gehalten hätte. In den ersten Wochen nach dem Anschlag herrschte gespenstische Ruhe. Ich wünschte, diese Ruhe und Besinnung hätte ein wenig länger angehalten. Doch es ist erstaunlich, wie schnell ein Jeder vorgibt, zur Normalität zurück gefunden zu haben. Es ist schwierig, derzeit Stellung zur amerikanischen Politik zu beziehen. Ich denke, Hauptopfer dieser Anschläge ist die weltweite Gemeinschaft der Moslems, die wegen weniger Krimineller auf Jahrtausende in Misskredit geraten ist. Andererseits kennt jeder von uns Menschen, die in den Towers ums Leben kamen. Allein von der Feuerwache an meiner Ecke starben 13 Männer.“
Nicht alle Musiker wägen ab wie Metheny. Selbst unter weitgereisten, weltoffenen, improvisierenden Musikern grassiert die Meinung, Terror wäre ein ganzen Völkern eigener genetischer Defekt, weshalb man alle Araber ausradieren müsse. Dass man dazu in der Lage wäre, hätte man ja schon bei den Indianern bewiesen. Und Amerikaner bräuchten auch keine besseren Informationen, denn wer ohnehin Recht hat, bedarf keiner Bildung. Ein extremer Standpunkt, geschuldet einer temporären Hilflosigkeit, weshalb an dieser Stelle auch kein Name genannt werden soll. Doch „es ist ein europäisches Vorurteil, dass liberale Künstler in Amerika auch liberale politische Standpunkte vertreten müssten“, (Anthony Coleman). Herbie Hancock findet es furchtbar, dass die USA in einen Krieg verwickelt sind, doch nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Die Afghanen lassen uns ja keine Wahl. Wir haben ihnen alle Chancen einer friedlichen Einigung gegeben. Jetzt haben wir lange genug gewartet. Wenn uns jemand einen Krieg aufzwingt, wird er die ganze Kraft des amerikanischen Volkes zu spüren bekommen.“ 

Es dürfte kaum überraschen, dass Dave Douglas, einer der ganz wenigenSPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, als wäre das Scheitern Musiker, die im letzten Jahr mit ihrer Musik konkret Stellung zu politischen Vorgängen bezogen haben, eine andere Position vertritt. „Ich denke nicht, dass die Gesellschaft langfristig so stark verändert wird, denn hier handelt es sich um Probleme, die uns schon seit langem begleiten. Das Problem des Terrorismus, der Ausbeutung und Dominanz, einer wahnsinnigen, irrationalen Angst, die auf der ganzen Welt proportional zur sozialen Ungleichheit wächst. Damit will ich den Attacken keine Absolution erteilen. Aber ich bin geschockt, wie schnell wir das Leid in anderen Teilen der Welt wieder vergessen. Wir Amerikaner haben so viele Menschen in einem kurzen Augenblick verloren. Die unmittelbare Reaktion war Trauer, Besinnung und Solidarität mit den Opfern. Nach nur drei Wochen sehen wir, dass andere Menschen, unter ihnen viele Zivilisten, bombardiert werden, und uns wird erzählt, das wäre fair. Ich halte das nicht für fair. Es ist ganz einfach eine humanitäre Frage, dass Leid und Schmerz immer angeprangert werden müssen. Es gibt sicher bessere Lösungen für diese Probleme.“
Gitarrenlegende Jim Hall ist über siebzig und hat selbst den Zweiten Weltkrieg noch in Erinnerung. „Sowas wie diese Anschläge hatte ich noch nie gesehen. Ich brauchte Tage, um zu verarbeiten, was da passiert war. Doch auch die Reaktion danach war unvergleichlich. All dieser plötzliche Patriotismus. Viele Menschen sind gegen den Krieg, doch jeder scheint zu denken, er steht mit dieser Meinung allein. Niemand weiß, wie viele Kriegsgegner es wirklich gibt, da uns über die Medien täglich vermittelt wird, das Volk würde geschlossen hinter dem Präsidenten stehen.“ Und Scofield fügt hinzu: „Die signifikanteste Veränderung besteht darin, dass wir plötzlich die Sprache des Krieges sprechen.“
Bob Hurwitz, Chef des multistilistisch ausgerichteten Labels Nonesuch versucht einen positiven Ausblick: „Wenn diese schrecklichen Ereignisse ein einziges Gutes bewirken könnten, dann doch, dass wir alle ein bisschen intensiver über die Werte des Lebens nachdenken. Das braucht seine Zeit. Aber Musik kann einen ungemein wertvollen Beitrag dazu leisten.“

Nachtrag 2017: Nach meinem Interview mit Pat Metheny fand dieser noch wesentlich drastischere Worte, um den Terror in den USA zu beschreiben. Aber er wollte in der aufgeheizten Stimmung, die damals herrschte, in keinem offiziellen Medium zitiert werden. Wer davon sprechen würde, dass der Terror mit 9/11 nach Amerika gekommen wäre, so Metheny sinngemäß, würde ausblenden, dass die amerikanische Gesellschaft auf der schlimmsten Form von Terror basieren würde: auf Sklaverei. Dass seine Vorsicht gerechtfertigt war, zeigte kurze Zeit später der Fall der Jazzlegende Jim Hall, die in einer österreichischen Lokalzeitung geäußert hatte, George W. Busch sei ein „Village Idiot“ und danach in den USA kaum noch Auftrittsmöglichkeiten erhielt. Auch in der Rockszene war die Meinungsvielfalt ähnlich weit gefächert, wie es im Jazz der Fall war. Dass ich als Europäer, speziell als deutscher Journalist in New York Fragen zu den Ereignissen am 11. September stellte, kam nicht durchweg gut an. Sonic Youth-Bassistin Kim Gordon unterstellte ganz Europa eine kollektive Arroganz gegenüber Amerika. Es ginge nicht darum, nach historischen Ursachen zu suchen, sondern einzig darum, das Trauma zu bewältigen.

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