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Self ist der Mensch

Die optische Selbstermächtigung

Jeder ist Fotograf. Zumindest behaupten das die Hersteller von Smartphones, die ihren Kunden immer ausgefeiltere Bildgeneratoren an die Hand geben. Im vergangenen Jahr wurden laut statista.de weltweit 1,2 Billionen Fotos gemacht, 85 Prozent davon mit Telefonen. Mit der Masse der Datensätze verändern sich auch die Vorstellungen vom Bild und seiner Bedeutung.

//Ralf Dombrowski

Eigentlich irre. Rund zehn Jahre haben genügt, um Weltwahrnehmung durch Technik nachhaltig zu verändern. Am 9.Januar 2007 stellte Apple in San Francisco sein erstes iPhone vor und initiierte damit eine Gattung von Multimedia-Werkzeugen, deren Mischung aus Hightech, Haptik und Multifunktionalität den Alltag eroberte. Bereits sieben Jahre später gründete Graham Dugoni ebenfalls in San Francisco sein Start Up Yondr, das bei öffentlichen Anlässen und Konzerten Handytäschchen verteilt, deren Sicherheitsschloss die User daran hindert, aus jedem Seitenblick eines gesellschaftlichen Events einen Datensatz zu machen. In diesem kurzen Zeitintervall fand ein von der Geräteindustrie und zeitgleich damit wachsenden Internetmonopolisten wie Google, Facebook und Amazon massiv unterstützter Prozess der optischen, ästhetischen und inhaltlichen Selbstermächtigung der Konsumenten statt, der unter Behauptung individueller Gestaltungsprozesse einen verführerisch sedierenden gedanklichen Mainstream optischer Darstellung zementierte.

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Es ist ein Widerspruch, der in die Kamera lachend hingenommen wird. Menschen erleben sich mit einem Smartphone in der Hand als kreativ, obwohl sie lediglich an den Möglichkeiten der Abbildung partizipieren, die ihnen die Entwickler zur Verfügung stellen. Sie erleben sich als frei und selbstbestimmt, obwohl sie nur selten über die ersten drei Ergebnis-Plätze der Schlagwortsuche hinaus recherchieren. Die eigene Erfahrung und an Fakten orientierte Analyse tritt zugunsten einer inhaltlich effektvoll reduzierten, dafür häufig optisch untermauerten Fake-Gläubigkeit in den Hintergrund. Politik etwa wird nicht mehr über Diplomatie, sondern über Twitter rezipiert, Denken durch Meinung ersetzt und durch Bilder oft ungeklärter Herkunft gestützt. Der Netz-Philosoph Jaron Lanier nennt diese neue Weltwahrnehmung die Bummer-Ära, als Akronym für „Behaviors of Users Modified and Made into an Empire for Rent“ (Jaron Lanier: Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst, Hoffmann & Campe, 2018). Eindringlich beschreibt er den Prozess der Veränderung des ursprünglich als Option zur Freiheit gedeuteten Internets zum Medium der intellektuellen Verknappung, wobei der einzelne User den Profis der zumeist profit- oder geschäftsorientierten Beeinflussung auch noch freiwillig die Türen zu seinen Gehirn- und Datenströmen öffnet. Für Lanier ergibt sich dadurch ein Effekt der Vereinzelung im Angesicht der Vielfalt, dessen Realitätsferne auch aus der Intensität und Menge der Bilder resultiert, die ihm über elektronische Hilfsmittel präsentiert werden.

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Der Legende nach entstand der Begriff 2002, als ein junger Australier ein unscharfes Foto von sich ins Internet stellt, um Freunden seine blutige Lippe zu zeigen, die er sich betrunken bei einem Treppensturz zugezogen hatte. Das Bild nannte er „Selfie“, ein Schnappschuss, der sich wie viele darauf folgende inhaltlich und ästhetisch deutlich von dem unterschied, was zuvor in der Kunst- dun Fotografiegeschichte als Selbstporträt bekannt war. Je leichter diese Abbilder sich mit den Frontkameras der Smartphones, die eigentlich die Videotelefonie beflügeln sollten, erzeugen ließen, desto beliebter wurde auch der Begriff. Ein Jahrzehnt nach dem australischen Malheur platzierte das „Time Magazine“ das „Selfie“ unter den zehn wichtigsten Wörtern des Jahres, andere kulturelle Wertungsmedien wie das Oxford English Dictionary zogen bald in der Einschätzung nach. Unterdessen wurde geknipst, was die Speicherkarten hergaben, mit und ohne Stange, mit und ohne Erfahrung, mit und ohne Vision. Die Option auf Selbstbespiegelung, gerade in Verbindung mit dem Like-Button der Social Media Plattformen, der zweiten cleveren Erfindung dieser Jahre, wirkte wie ein Schlüsselreiz.

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Spaß trifft Eitelkeit trifft Belohnungssystem – die Erklärungen für die Motivation, die hinter dem Selfie-Trend steht, reichen vom Ausstoß von Glückshormonen, der im Anschluss an Lob durch andere folgen kann, über Selbstmarketing bis hin zu schlichter Dokumentation authentischer Erfahrung. Psychologen haben ihrer Freude an der Untersuchung des Narzissmus, Suchtforscher wie Daria Kuss von der britischen Nottingham Trent University beschäftigen sich mit den Zwängen zur bis ins Pathologische reichenden Selbstoptimierung und entdecken vor allem bei Nutzern von Instagram potentielle Gefahren für die Eigenwahrnehmung, da der Vergleich der individuellen optischen Persönlichkeit mit der von so genannten Influencern und deren vermeintlich bunten Lebenswelten in der Regel nicht zugunsten des Normal-Users ausfällt. Was folgt, sind Komplexe oder Kompensationen, ideale Anknüpfungspunkte für Luxus-Produkte der Konsumindustrie. Auf der anderen Seite behaupten Medientheoretiker wie Daniel Rubinstein im Katalog der Ausstellung „Ego Update“, die 2015 im NRW-Forum in Düsseldorf das mediale Selbstporträt als Phänomen zu fassen versuchte, dass das Selfie „das erste Kunstwerk des Netzwerkzeitalters“ sei, schon weil es sich durch seine Autoreferentialität einer vergleichenden Beurteilung entziehe.

 

Die Ästhetik des Selbstgemachten

 

Die Weltwahrnehmung jedenfalls hat es schon verändert. Wer früher durch den Louvre schlenderte, konnten Besucher entdecken, die versuchten, heimlich Bilder von der Mona Lisa zu machen. Wer heute die gleiche Runde dreht, wird allenfalls Menschen treffen, sie sich selbst mit Leonardos Belle im Hintergrund abzulichten gedenken. Aus „Ich habe gesehen“ wird „Ich war da“ oder sogar „Guck, hier bin ich mit reizvoller Dekoration“ und alle Kunstsinnigen wünschen den Kultur-Marodeuren Yondr-Täschchen ums Display. Die Tendenz geht vom Abbild hin zur Inszenierung, nicht nur an historischen oder touristischen Orten, sondern auch beim Knipsen in Gemeinschaft mit anderen und der als zur Beurteilung freigegeben Selbstbetrachtung. Erlebte man früher optische Belanglosigkeiten im schlimmsten Fall beim Diaabend in beschaulicher Runde, lassen sie heute nach jedem auch nur marginal nennenswerten Ereignis die sozialen Medien überquellen. Das Private wird zum Gegenstand der Beurteilung, ergo lernen Laien Techniken der optischen Selbstdarstellung, die sich an Bildern professioneller Öffentlichkeitsgurus und damit wiederum am Standard, sei es der Normalität oder auch der Dekadenz orientieren. Der Schein dominiert das Sein, eine der Fotografie von jeher eingeschriebene Ambivalenz, die mit der Vereinfachung und Vervielfältigung der Archivierung ihre Gestalt ändert.

 

Denn die meisten Bilder, die Fotografen machen, beinhalten eine klare Wertung, die beispielsweise im bewussten Umgang mit Licht und Perspektive, mit Blenden und Verschlusszeiten, Schärfe und Farben besteht. Die Wahl der Motive, die Ausschnitte, Hintergründe, Fokussierungen lenken die Betrachter. Sie folgen im Idealfall einem Ethos, oft auch einem identifizierbaren Geschmack oder brechen schon mal mit Gewohnheiten. Mit solchen Vorgaben machen Bilder jenseits des individuellen Schnappschusses einen Sinn und stehen in einem Wirkungszusammenhang. Sie erzählen und dokumentieren Geschichten, rufen Emotionen, Assoziationen hervor und wenn nicht, dann landen sie im Papierkorb. Man kann künstlerische, journalistische, dokumentarische Intentionen unterscheiden, ein Wirkungsgefüge, das Fotografen in ihrer Bildsprache ausmacht. Handybilder und Selfies brechen optisch und funktional diese Zusammenhänge auf. Sie folgen einer Ästhetik des Situativen, inzwischen durch aufwändige Apps zuweilen auf Effekt und Hochglanz optimiert, oder im umgekehrten Fall gerade durch das Laienhafte der Aufnahme als mehr oder weniger authentisch markiert. Zugleich sind sie keiner Überprüfung verpflichtet, können frisch von der Leber weg Beliebiges behaupten, ohne zu belegen, weil sie keinem Kodex verpflichtet sind, eine Eigenschaft, die sie mit allen Laienfotos teilen. Sie konkurrieren allerdings im gleichen Medium Internet mit den Bildern der anderen.

 

Optischer Kontrollverlust

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Werden sie in Sozialen Netzwerken geteilt, verlieren sie den Charakter des Artefakts und werden Allgemeingut. Dann sind sie Teil eines kollektiven Narrativs, das zwar durchaus von Influencern oder von Unternehmen lanciert worden sein kann, aber nicht mehr als Promotion oder gar Propaganda wahrgenommen wird. So wie der einzelne durch das Selfie zum Avatar im öffentlich-virtuellen Raum wird, so kann er sich auch vom Wahrheitsgehalt des Dargestellten entfremden. War die kommunikative Situation im Falle eines Fotografen klar (Fotograf macht Bild), verschwimmen im Selfie die Grenzen (Fotograf = Bild). Das bringt einerseits Freiheiten mit sich. Denn der/die Dargestellte hat im Prinzip die volle Kontrolle über Form und Inhalt. Es verringert aber auch die Distanz vom Produzenten zum Produkt, macht beispielsweise angreifbar in Form von Mimes und verzerrenden Bearbeitungen aller Art. Der Fotograf als wertenden, kontrollierende, auch manche Geschmacklosigkeit abpuffernde Instanz ist nicht mehr vorhandenen. Musiker zum Beispiel empfinden das längst als Defizit. Wenn Mark Everett bei der Eels-Show seinem Publikum entgegen blafft, es möge doch bitte seine Smartphones stecken lassen und die Musik genießen, wenn Jack White die Yondr-Täschchen zu seinen Konzerten sogar vorschreibt, dann ist das vielleicht ein wenig Eitelkeit, nicht allmorgendlich wieder Abertausende „Ich war da“-Botschaften der Fans im Internet zu finden. Es ist aber auch eine Aufforderung der Künstler zur Bewusstheit einer zunehmend selbstvergessenen Gesellschaft: Leute, kommt her, schaut hin, hört zu! Und lasst euch nicht von Spielzeugen ablenken, die euch die Wirklichkeit abhanden kommen lassen!

 

Ralf Dombrowski

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