philm1

Phil Manzanera

Weltbürger im besten Wortsinn

// Bernd Gürtler

 

 

Audio fürs Auge

>> Musik: PHIL MANZANERA: More Than This

Langeweile kennt Phil Manzanera keine. Im Gegenteil, zu tun gibt es immer. Zuletzt ist er als Produzent und Gastgitarrist sogar so sehr eingespannt gewesen, dass seine Solokarriere arg ins Hintertreffen geriet. Umso mehr freut es ihn, dass mit „Live At The Curious Arts Festival“ ein neues Soloalbum erschienen ist.

Phil Manzanera: Ich bin sehr froh, endlich konnte ich etwas für mich tun. Jahrelang hatte ich anderen bei ihren Albumeinspielungen geholfen, bin auf Tour mitgewesen. … Diesmal konnte ich mich einem Konzertauftritt von mir widmen, mit phantastischen jungen Musikern und Material, das das Publikum von mir hören will.

Und die Materialauswahl, noch mehr sogar die phantastischen jungen Musiker seiner Begleitformation lassen den Weltbürger erkennen.

 

>> Musik: PHIL MANZANERA: 1960 Caracas

 

Geboren wird Phil Manzanera in London, der Vater ist Engländer, seine Mutter Kolumbianerin. Kindheit und Jugend verbringt er in Kolumbien, auf Hawaii, in Venezuela, und ganz wichtig für seine musikalische Sozialisation, Havanna, die kubanische Hauptstadt.

Phil Manzanera: Havanna, Kuba stehen an erster Stelle. Meine Mutter brachte mir Gitarre bei damals, ich was sechs. Das ist auch die Zeit der Leute gewesen, die als Buena Vista Social Club berühmt wurden. Sie spielten in den Casinos, im Klub Tropicana. Ich durfte sie erleben. … Dann wurde ich vom Rock’n’Roll infiziert, entdeckte englische Musik und wollte, obwohl erst zehn Jahre alt, dass meine Eltern mich nach London auf eine Boarding School schicken. Ich wollte nach London.

 

>> Musik: PHIL MANZANERA: Magdalena

 

Der Kuba-Aufenthalt sollte sich auch deshalb einprägen, weil die Familie mitten in die Wirren von Fidel Castros Revolution gerät.

Phil Manzanera: Von unserem Haus aus wurden Feuergefechte geführt. Gegenüber wohnte Diktator Batista, sein Haus wurde von unserem Garten aus beschossen. … Nachts lagen wir auf dem Fußboden des Badezimmers, die Kugeln flogen uns um die Ohren. Meine Mutter schrie. Furchtbar!

Nachtragend wollte Phil Manzanera trotzdem nicht sein.

Phil Manzanera: Ich bin mehrfach in Kuba aufgetreten, seit den Neunzigern, auf Einladung der Regierung. Sie sind nett gewesen, ich durfte meine Geschichte im Fernsehen erzählen, unzensiert. … Ich gab ein Konzert mit einer kubanischen Band, am Malecón, Havannas berühmter Uferpromenade. Ein Free Concert, mit hunderttausend Zuschauern. Der Funktionär, der Fidel Castros Nachfolge antreten sollte, war da. Fidel selbst wohl nicht.

Lateinamerikanische Musik bleibt ein ständiger Begleiter, unter anderem entsteht ein Album mit Sängerin Tina Libertad aus Peru. Eher selten geschieht es, dass sich lateinamerikanische Einflüsse bei ihm als Kopie wiederfinden oder einfach als Rock gespielt werden. Er findet seine sehr spezielle eigene Form des Umgangs damit.

 

>> Musik: PHIL MANZANERA: Stormy Weather

 

Seine Welterfahrung lässt ihn offen sein gegenüber anderen Eindrücken. Das Erlebte verarbeitet er zu etwas von ungeheurer Eigenständigkeit. Von Belang ist das schon, als sich Phil Manzanera 1970 um die Stelle des Gitarristen bei der englischen Glam Rock-Formation Roxy Music bewirbt.

Phil Manzanera: Ich mochte ihre Demoaufnahmen und eine Menge der Musik, die sie mochten. Brian Enos avantgardistische Elektronik, Tamla Motown und Velvet Underground, wegen ihrer Verbindung von Kunst und Rock. … Und sie mochten sicher meine anarchische Haltung.

Soloalben erscheinen seit 1975 und sind ebenfalls garantiert ungewöhnlich. Mit „1960 Caracas” und “Magdalena” enthält “Live At The Curious Arts Festival” zwei Solostücke. Daneben Roxy Music-Songs, die von ihm geprägt sind. „Out Of The Blue“ zum Beispiel oder „Love Is A Drug“.

 

>> Musik: PHIL MANZANERA: Love Is A Drug

 

Die Besetzung seiner Begleitformation umfasst fünf Musiker aus fünf verschiedenen Ländern. Phil Manzanera ist mehr als begeistert.

Phil Manzanera: Einer der Hauptgründe, weshalb ich in diesem Geschäft bin, ist der soziale Aspekt. Dass ich neue, interessante Musiker anderer Länder treffen wollte. … Als ich im Konzert die Band vorstellte, dachte ich, man glaubt es kaum, Sonia Bernardo aus Portugal, Javier Weyler aus Argentinien, Yaron Stavi aus Israel, Lucas Polo aus Spanien, und Joao Mello aus Brasilien. Die multinationalste Band, die ich je hatte!

 

>> Musik: PHIL MANZANERA: Out Of The Blue

 

Dass jemand wie Phil Manzanera kein Befürworter des Brexit ist, versteht sich von selbst.

Phil Manzanera: Ich wollte mich in den nordkolumbianischen Bergen verkriechen, als ich vom Brexit hörte. Das widerspricht allem, wofür ich stehe. Ich bin halb Kolumbianer. Ausländer liegen mir am Herzen, ich selbst bin einer. … Ich erhebe jetzt meine Stimme, das erste Mal in meinem Leben bin ich auf einem Protestmarsch gewesen. Ich zähle mich zu den neunundvierzig Prozent, die nicht raus wollten und sich Gehör verschaffen müssen. Es wird Zeit sich zu engagieren.

Nicht zu vergessen, Phil Manzanera heißt bürgerlich Phillip Geoffrey Targett-Adams, sein Künstlername ist der Mädchenname seiner Mutter. Nach wie vor besteht eine enge Bindung zur Heimatregion mütterlicherseits.

Phil Manzanera: Vor ein paar Wochen bin ich in Barranquilla gewesen, wo sich meine Mutter und mein Vater 1941 begegnet sind. Er war Englischlehrer am British Council, sie, damals achtzehn, seine Schülerin. So fanden sie zusammen. … Ich habe vierundfünfzig Cousins und Cousinen in Kolumbien, sechzehn bin ich neulich begegnet.

Phil Manzanera bringt es auf den Punkt: die Zukunft, gegen die sich das Alte verbissen zur Wehr setzt, ist längst Realität. Menschen sind unterwegs, rund um den Erdball. Besser, wir lernen damit umzugehen. Noch besser, wir verstehen, weshalb die Welt so ist wie sie ist.

 

>> Musik: PHIL MANZANERA: Out Of The Blue

 

 

Bild: Patrizia Straubhaar