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Odysseus 2015

Khebez Dawle

// Wolf Kampmann

Anas ist ein fröhlicher junger Mann. Man käme nicht im Traum auf die Idee, dass er eine abenteuerliche Flucht hinter sich hat. Groß, schlaksig, lebenslustig. Ein typischer Berliner, der in der kunterbunten Hauptstadt überhaupt nicht auffällt. Er lacht über sich selbst, ist mit seinem Leben im Reinen. Der schmächtige Riese ist der Kopf der syrischen Band Khebez Dawle, die 2015 in Berlin ankam. Khebez Dawle heißt so viel wie Brot vom Staat. Die erste CD der Band „Khebez Dawle“ ist nicht etwa deshalb spannend, weil sie einen Flüchtlingsbonus hätte, sondern weil sie in packender und absolut ungewohnter Weise Momente von experimentellem und teilweise recht hartem Rock mit arabischer Musik verbindet, ohne je in die Fußangeln jedweder Weltmusikverzückung zu tappen.

Der Sound von zwei elektrischen Gitarren, Bass und Schlagzeug klingt gleichermaßen fremd und vertraut. Er entspricht dem der meisten europäischen und amerikanischen Rock-Bands, doch die Harmonien klingen exotisch und der arabische Gesang mag aufs erste Ohr befremden. Khebez Dawle sind Araber, und doch entsprechen ihre Songs so gar nicht den landläufigen Vorstellungen von orientalischer oder mittelöstlicher Popmusik. Sänger und Gitarrist Anas nennt es Rock Shaabi.

Der Begriff Shaabi beschreibt eine Art intellektueller Popularität, laut Anas „something intellectual a taxi driver in Damascus can listen to“. Für ihn ist es eine Kombination aus westlichem Postrock und den Skalen, mit denen die Musiker in Syrien aufgewachsen sind. „Normalerweise werden orientalische Instrumente in einen westlichen Rahmen gepresst. Wir gehen den umgekehrten Weg, benutzen westliche Instrumente, suchen jedoch auch nach den Skalen, die die orientalische und die westliche Welt gemein haben. Im Gesang und in den Soli der elektrischen Gitarre arbeiten wir viel mit Vierteltönen. Dieser elektrische Gitarrensound macht den Charakter der CD aus. Unser Gitarrist Hekmat experimentiert viel mit diesen Skalen, ohne eine Fretless-Gitarre zu benutzen. Er hat eigens viele Tricks entwickelt, um das möglich zu machen.“

Der Sound der Syrer ist die eine Sache, ihre Geschichte eine ganz andere. Khebez Dawle sind eben nicht die fünf Jungs, die sich in einer Garage getroffen und ihre Gitarren eingestöpselt haben. Der Werdegang der Band ist ein Beleg dafür, dass das Leben am Ende doch stets größer ist als die Kunst. „Wir haben unter einem anderen Bandnamen in Syrien angefangen“, beginnt Anas die Geschichte seiner Odyssee. „Aber all das kam zum Ende, bevor wir die Chance hatten, auch nur einen unserer Songs live zu spielen. Unser Drummer war ein Aktivist der friedlichen Revolution, und unser Gitarrist erhielt seine Einberufung. Wir verloren die Kontrolle und wussten nicht einmal, ob wir mit dem Leben davonkommen würden. Zwei der verbliebenen Mitglieder gingen Anfang 2013 nach Beirut. Ich blieb vorerst in der Nähe von Damaskus, stellte unsere Songs online, und Khebez Dawle begann. Die Situation in Syrien wurde immer hoffnungsloser, und die friedliche Revolution verwandelte sich in einen blutigen Bürgerkrieg. Niemand wusste mehr, wofür er kämpft und stirbt. Im April folgte ich den anderen nach Beirut, und aus dem Online-Projekt wurde wieder eine echte Band. Wir arbeiteten an den Songs, und es wurde ein Konzeptalbum über einen jungen Menschen, der die Situation in Syrien ohne politische Rücksichten aus einem humanistischen Blickwinkel erzählt. Mitte 2013 kam unser Gitarrist Bashar nach, der inzwischen aus der Armee geflohen war. Das Album entstand von Anfang 2013 bis Mitte 2015.“

Im Libanon ist es selbst für Libanesen schwierig, Arbeit zu finden zu überleben. Syrer haben da kaum eine Chance. Etwa zwei Millionen Syrer leben im Libanon, schätzt Anas, die Hälfte davon illegal. Man könne Papiere bekommen, aber was man dafür tun muss, sei nahezu unmöglich. Lauschen wir weiter seiner Odyssee. „Wir waren also unwillkommene Illegale“, setzt Anas seine Schilderung fort. „Wir durften nicht arbeiten, bekamen keinerlei staatliche Unterstützung, mussten aber irgendwie überleben. Das war wirklich eine Probe fürs Leben. Wer das durch hat, übersteht auch alles andere. Ohne die Musik wäre niemand von uns in der Lage gewesen, so lange im Libanon zu bleiben. Der Gitarrist und ich blieben in Beirut, um die Platte zu veröffentlichen, die beiden anderen gingen schon in die Türkei. Im August 2015 ging auch ich nach Istanbul, nur der Gitarrist blieb wieder zurück, weil er keine Papiere hatte. Er war ja geflohen, seine Papiere waren bei der Armee geblieben. Inzwischen hatten wir tausend Einladungen zu Festivals, aber keine Visa. Deshalb beschlossen wir, übers Meer nach Europa zu gehen. Es fühlte sich an, als würde die Welt die Syrer zwingen, übers Meer zu gehen. Wir haben ein Leben, das wir nicht riskieren wollen, wir haben Hoffnungen und Träume, sind zivilisierte Menschen, die sich in Flugzeugen und Autos bewegen und ein normales Menschen führen. Aber uns blieb keine Wahl. Wir waren eine Gruppe von 16 Musikern und Künstlern, unter anderem drei Mitglieder von Khebez Dawle. Jeder musste 1200 Euro bezahlen. Wir nahmen ein Schlauchboot nach Lesbos. Die Reise war einfach, unser Boot war ausnahmsweise nicht überladen. Unsere Instrumente konnten wir nicht mitnehmen. Ich hatte mein Equipment verkaufen müssen, um die Reise zu finanzieren.“

Im Gegensatz zu anderen Überfahrten verlief die Reise mit dem Schlauchboot auf ruhiger See ohne Zwischenfälle. In Lesbos landeten die 16 Insassen gegen Mittag unbeschadet an einem Hotelstrand. Touristen aus ganz Europa kamen auf die Ankömmlinge zu. Die Band verteilte CDs, die Touristen waren freundlich, die Flüchtlinge fühlten sich willkommen. Die Touristen waren überrascht, wie fröhlich die Gestrandeten waren. Selbst der Hotelier bot ihnen sofort einen Gig an. Anas lacht sich bei der Erinnerung daran schlapp. Nach zwei schrecklichen Wochen in einem Flüchtlingslager ging es in einem ständigen Katz- und Maus-Spiel mit den jeweiligen Sicherheitskräften weiter über Athen und Mazedonien nach Serbien, wo sie beschlossen, nicht die übliche Route über Ungarn zu nehmen, sondern nach Kroatien zu gehen. Dort wurden sie einmal mehr vom Glück geküsst. An der kroatischen Grenze wurden sie von der Polizei gestellt, einer der Polizisten war selbst ein Drummer. „Das war eine surreale Situation. Ein Polizist hatte uns kraft seiner staatlichen Autorität verhaftet, hörte sich unsere Musik an und diskutierte mit uns darüber. Von da aus ging es weiter nach Zagreb, wo wir zwei Konzerte hatten. Das erste fand in einem Flüchtlingslager statt. Da kamen aber kaum Flüchtlinge, sondern hauptsächlich Kroaten. Unter anderem der Betreiber eines Clubs, ähnlich dem SO 36 in Berlin, der uns für den nächsten Tag buchte. Der Laden war rammelvoll, unter anderem mit vielen Medienleuten. Einen Tag später waren die Medien voll über uns. Aus ganz Europa erhielten wir Angebote. Wir beschlossen, eine Tour zu organisieren, sowie wir in Deutschland ankommen würden. Über Ungarn kamen wir nach Österreich. Dort erfuhren wir, dass wir in Kroatien in die Top 40 eingestiegen waren und bald sogar die Charts anrührten. Und jetzt sind wir in Berlin.“

Etwas später ist auch der stets zu spät kommende Bashar in Berlin eingetroffen. Anders als die anderen Mitglieder der Band hat er sofort offizielle Dokumente erhalten, erzählt Anas abermals unter schallendem Gelächter. Die Letzten werden die Ersten sein. Lange hielten es die Musiker auch in Berlin nicht im Flüchtlingsheim aus. Sie bezogen eine Wohnung, die ironischer Weise ungleich billiger war als ein Platz im Asyl. Anas macht sich Gedanken, warum so viel Geld für Flüchtlinge rausgeschmissen wird, wenn sie doch auch viel preiswerter und zugleich besser untergebracht werden könnten. „Dieses Geld könnte für andere Flüchtlinge oder für deutsche Obdachlose ausgegeben werden. Ich möchte keine Unterschiede zwischen Syrern und Einheimischen machen. Hier bin ich Teil dieser Gesellschaft. Ich wünschte, ich wäre ein Deutscher, um mich auch um diese Seite der Angelegenheit kümmern zu können.“

Die Odyssee von Khebez Dawle ist noch nicht zu Ende. Sowohl musikalisch als auch topografisch. Von Berlin aus wollen sie den Rest Europas erobern und auf ihrer Reise all die Stationen rückwärts beschreiten, die sie von Damaskus nach Berlin geführt haben. Was für andere eine Flucht ist, nennen sie Tour, aber sie wissen, dass sie Privilegierte sind.

 

Die CD der Band kann man über www.khebezdawle.com ordern.

 

Große Teile des Artikels über Khebez Dawle wurden bereits in dem Magazin Eclipsed veröffentlicht.

 

Foto: Patrizia Straubhaar