„Now we can listen to anything“

Wie sich die Musikszene in Tunis selbst entdeckt.

Viel Verkehr. Hunderte von Autos, kein rechts vor links, jeder fährt wie es ihm gerade passt. Für mich als behüteten, regelkonformen Mitteleuropäer regiert auf Tunis’ Straßen die Anarchie. Mein Freund Khaled, Pianist und gebürtiger Tunesier, fährt, raucht und telefoniert gleichzeitig. Außerdem hupt er während der 30 Minuten Fahrzeit ungefähr dreimal so viel wie ich in meinem ganzen bisherigen Leben. Es herrscht Chaos und trotzdem kommt jeder an. Vielleicht wird ein bisschen öfter aufgefahren und man parkt nicht immer richtig, aber das Regelvakuum, die gesetzesfreie Zone, auch Straße genannt, funktioniert. Irgendwie.

//Felix Unger

Wir sind auf dem Weg zu einem beliebten Club der Stadt, das „Le Duplex“. Hier spielt gleich die Band Nightcall, eine Coverband aus Tunis. Der Laden ist brechend voll und erinnert ein bisschen ans Matrix in Berlin. Draußen auf der Straße gibt es gefühlt 30 Zentimeter tiefe Schlaglöcher, drinnen sehen alle todschick aus. Aber als die Band anfängt, scheint die Außenwelt vergessen. Die Stimmung ist gut, die Leute tanzen, lachen und trinken. Popmusik und Alkohol, das funktioniert auch hier. Nach dem Konzert komme ich mit Youssef, dem Schlagzeuger, ins Gespräch.

Youssef ist Berufsmusiker. Er verdient seinen Lebensunterhalt durch AuftritteSPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Now we can listen to anything, Felix Unger mit verschiedenen Cover-Bands in Bars, auf Hochzeiten und Festivals. Die Bezahlung ist gut, sehr gut für tunesische Verhältnisse. „They pay around 60 Dinar per evening and I play a few times every week. All the bar and club owners are pretty rich and they want a show, you know“, erzählt er mir. Wenn man seine Gage hochrechnet, verdient er mehr als ein Ingenieur mit Festanstellung. Ich saß mit Berbern mitten in der Sahara ums Feuer und hörte traditionellem Folkloregesang zu, war auf einem Jazzkonzert im schicksten Hotel von Tunis und habe die Bars der Stadt kennengelernt. Mir ist eines klar geworden: Wie überall auf der Welt spielt auch in Tunesien Musikkultur eine große Rolle.

Tunis ist die Hauptstadt von Tunesien. Die auf den Ruinen des von den Römern niedergebrannten Karthago errichtete Metropole ist das kulturelle und musikalische Zentrum des kleinen Landes. Rechnet man die Vororte mit, leben knapp drei der 11 Millionen Menschen in der Hauptstadt. Für Tunesier und vor allem die Künstler unter ihnen, ist sie der „place to be“. In Tunis wurde im Januar 2011 der Diktator Zine el-Abidine Ben Ali gestürzt. Auf den Straßen der Metropole demonstrierten Hunderte Menschen für Freiheit und entfesselten so den Arabischen Frühling, die seit Jahrzehnten wahrscheinlich wichtigste Veränderung der Arabischen Welt. Seitdem hat sich viel getan, in der Gesellschaft und somit natürlich auch in der Musik.

Durch den Vorhang aus traditioneller Volksmusik, Konservatismus und Diktatur haben sich die Sounds der westlichen Welt gedrängt. Reggae, Blues und Jazz sind für Tunis schon lang keine Seltenheit mehr, die Stadt wird überrollt von der Techno-Welle und jedes Kind in Tunis kennt die tunesischen Trap-MCs. Berufsmusiker, DJs, Rastas, Popstars, bildende Künstler – alle sprechen von Veränderung. Was fehlt, ist die Euphorie.  Als ich Youssef danach frage, überlegt er kurz und antwortet dann: „Now we have Youtube!“.

Medy Esseghaier ist Produzent der Band Si Lemhaf, die durch ihren WM-Hit „Kharrej Legrinta Elli Fik“ internationale Bekanntheit erlangte. Er ist in Tunis aufgewachsen und erklärt mir, dass es vor der Revolution zwei Geschäfte und zwei Musikgesellschaften gab, andere Zugänge waren das Radio, illegale Downloads und der Schwarzmarkt.  Als Teenager ist er mit selbstgebrannten CDs und Kassetten von Tür zu Tür gegangen: „Von einem Label entdeckt zu werden war unmöglich, weil es sie einfach nicht gab.“

Zu Zeiten Diktators Zine el-Abidine Ben Ali existierte keine Musikindustrie. Plattenverkäufe, Publisher, Agenturen, all das gab es nicht. Hinzu kam der konstante politische Druck, jede antikonforme, systemkritische Aussage konnte zu einer Verhaftung führen. Ein hartes Pflaster für Künstler und Kreative. Doch dann wurde von einem Moment auf den anderen alles anders. Durch die Revolution hielt ein Teil der Welt Einzug in Tunis, der im Westen schon längst selbstverständlich geworden war: Das Internet. Unter Ben Ali fand auch in diesem Bereich eine strenge Zensur statt. Man konnte sich zwar in abgesteckten Bereichen frei bewegen, allerdings waren Seiten wie YouTube, Spotify oder iTunes gesperrt. Mit dem Fall des Regimes wurde vor allem YouTube die Erde, aus der in den nächsten sieben Jahre die neue Musikszene von Tunis wachsen würde. „Yes, because of YouTube we can listen to what ever we want“, grinst Youssef.

Von einem Moment auf den anderen kann jeder zeigen, teilen, vervielfachen, herumschicken und hören, was er will. Das Internet wurde Label, Sharing-Plattform und Publisher in einem, und so ist es bis heute geblieben. Die HipHop- und Techno-Szene findet fast ausschließlich auf YouTube statt und das im großen Rahmen. Die populären Rapper erreichen zum Beispiel Klickzahlen mit bis zu 20 Millionen Klicks. Vor der Revolution wurden sie als politisch und antikonform abgestempelt und einfach weggesperrt. Jetzt bilden sie eine der stabilsten Säulen der noch wackeligen und jungen Musiklandschaft von Tunis. Doch noch immer sprechen alle von „Underground“. Als ich Medy danach frage, erwidert er, dass nur Underground-Musik existiert, weil „es halt keinen Übergrund gibt…“.

Tunesien ist wirtschaftlich derzeit in einer prekären Situation. Seit der Revolution leidet der Ruf des Landes im Ausland. Die als unsicher eingestufte Lage hat dem Tourismus einen Kinnhacken versetzt, von dem er sich bis jetzt noch nicht erholt hat. Wenn der wichtigste Wirtschaftsfaktor von einen Moment auf den anderen weg bricht, hat das Folgen. Die Industrie kämpft, der Arbeitsmarkt wird von Perspektivlosigkeit und steigender Jugendarbeitslosigkeit dominiert. Investoren entscheiden sich gegen das Land, der Mindestlohn liegt bei 200 Dinar, umgerechnet knapp 100 €, ein Akademikergehalt bei 600 Dinar. Hinzu kommt die immer noch korrupte Polizei und eine unerfahrene Regierung. Medy erzählt mir, dass die Frage, ob die Revolution „gut oder schlecht“ war, seit 2009 ein Dauerthema ist.

Diese Entwicklung betrifft auch die Kunstszene, denn die Freiheit bringt plötzlich Probleme mit sich. In Tunis hat sich bis jetzt keine funktionierende Musikindustrie aufgebaut. Außer Liveauftritten gibt es quasi keine Möglichkeit, die eigene Kunst zu monetarisieren. Nach wie vor gibt es keine Labels, kaum Plattenverkäufe und niemand, der künstlerische Arbeiten in irgendeiner Weise schützt. Eine Verwertungsgesellschaft zum Schutz der Urheberrechte existiert zwar, allerdings hat diese keinen Einfluss. Die Künstler bekommen kein Geld von Radioanstalten, kein Geld über YouTube. Der einzige Weg sind Konzerte.

In Tunis habe ich Kontakt mit dem Reggae/Dub Promoter UNITY. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, in Tunis die Soundsystem-Kultur zu verbreiten und organisiert Sessions und Konzerte. Von ihm erfahre ich, dass es einerseits immer mehr Festivals für alternative Musik gibt, andererseits das lokale Angebot in Bars, Konzerthallen noch dürftig ist. Youssef wird zwar als Covermusiker gut bezahlt, aber auch er sagt, dass man mit seiner eigenen Musik wenige Auftritte, geschweige den Geld für Konzerte bekommt. Zitat UNITY: „The main problem is that you have to do everything by yourself. From finding a good venue for a session to negotiating the deals with the venue owners, the technical details of the soundsystem, taking care of the ticketing, etc. And sometimes the DJs or the producers are the promoters of their own gigs themselves “. Medy sagt, die großen kommen gut durch, aber ohne finanzielle Stütze hat ein kleiner Künstler keine Chance. Es gibt kaum öffentliche Förderung von Kunst und Kreativität, keinen Musikunterricht an öffentlichen Schulen und keine Ausbildung für DJs oder Producer.

Der in der Gesellschaft tief verankerte Konservatismus tut ein übriges. Wenn man in Tunis beim Kiffen erwischt wird, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man hat innerhalb einer halben Stunde 3000 Dinar Cash zur Hand oder man geht bis zu einem Jahr ins Gefängnis. Ein Bekannter von mir, Schlagzeuger der Bluesband Road 66, trägt ein Piercing. Anders als in Berlin gilt das in Tunis als Statement. Homosexualität ist juristisch gesehen immer noch illegal.  Diese Mischung aus schwacher Wirtschaft,  Moralkonservativismus und fehlenden Perspektiven ist gefährlich. Und sie spiegelt sich in jedem Tunesier wieder, mit dem man redet. Eigentlich wollen alle nur weg. Die Künstler versuchen, in Tunesien bekannt zu werden, um in Europa entdeckt zu werden. Die Rapper sprechen über die Armut im Land und rappen darüber, nach Italien zu fliehen. Die größten Techno-Künstler Tunesiens leben im Ausland. Natürlich gibt es Ausnahmen, wie UNITY, der eine Szene aufbauen will.

In Tunis reden alle von Veränderung, nur die Euphorie darüber fehlt oft. Anstatt mir mit glänzenden Augen zu erzählen, was es für eine Chance darstellt, eine ganze Musikindustrie von Null an aufzubauen, kommt meistens eher Resignation. Wer kann es ihnen verübeln, mit einem Mindestlohn von nicht mal 100 €. Was helfen Meinungsfreiheit und unendliches Internet, wenn Perspektiven und die nötige Infrastruktur fehlen? Nichtsdestotrotz wächst die Szene in Tunis. Aus sieben Jahren kreativem Chaos hat sich ein breitgefächerter Mix ergeben, der sich grade selbst entdeckt.

Es heißt, die Revolution frisst ihre Kinder. In Tunis hat sie zwar noch nicht angefangen zu essen, aber sie sitzt schon am gedeckten Tisch.

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