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„Musik ohne Politik ist wie eine Blume ohne Duft“

Eine Reise durch Nord-Korea

// Gunnar Leue

Manche Fragen stellen sich ganz plötzlich und unverhofft, zum Beispiel: Kann das im Westen eher dümpelnde Unterhaltungsgenre Zirkus Popkultur sein? Wenn es Staatszirkus ist, dann schon. Jedenfalls in Nordkorea. Als die Artisten des nordkoreanischen Staatszirkus’ in Pjöngjang zur 17 Uhr-Vorstellung in die Manege einlaufen, ist das der Beginn einer atemberaubenden Show. Nicht nur, dass sie im vollen Haus selbst die Handvoll ausländischer Touristen mit wenig Hang zur Akrobatik beeindrucken, vor allem zeigen sie eine Art von Zirkusshow, die in mehrfacher Hinsicht weltweit einmalig sein dürfte. Während die jungen Männer und Frauen riskant durch die Lüfte wirbeln, laufen auf einem riesigen Screen im Bühnenhintergrund Fernsehbilder von sozialistischen Produktionsbetrieben oder von der Einweihung einer Neubauwohnung. Auch ein Raketenstart flimmert über die Videowand. Abschließender Höhepunkt der Zirkusvorstellung ist die Nummer eines Artisten, der im Stile einer Rakete weit durch die Luft fliegend auf den Schultern eines Kollegen landet. In dem Moment beginnt auf dem Screen Feuer aus allen Rohren: Raketen, Stalinorgeln, Panzer. Durch den Saal fegt eine Applauswelle. Die ausländischen Zuschauer wirken – vorsichtig ausgedrückt – irritiert. So wie Herwig Porada, der mit seinem Kumpel Peter Matten zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Tage als Tourist in Nordkorea hinter sich hat, und doch zum ersten Mal in seinen Augen die Frage erkennbar werden lässt: Was mache ich hier?!

Später sagt er: „Ich wollte mir vor Ort ein Bild von Nordkorea machen und das konnte ich, auch wenn wir nur einen kleinen Ausschnitt mitbekamen.“ Touristen können keinen Schritt allein tun. Alltagsleben auf der Straße lässt sich natürlich erheischen. Bei gelegentlichen Spaziergängen durch die Prachtstraße von Pjöngjang oder durch das Sportkomplex-Areal, ansonsten aber vor allem durch viele Blicke aus dem Bus, die teils seltsame Dinge treffen. Zum Beispiel ein kleines Fußball-Icon auf einem Taxi-Leuchtschild. Ja, sagt der Reiseleiter, der Fußballverband betreibe eine eigene Taxifirma. Außerdem, weniger überraschend, eine Fußballakademie. Schon überraschender, dass Herwig Porada, 50, und Peter Matten, 46, beim Besuch eines Meisterschaftsspiels im größten Fußballstadion der Welt nur von rund 200 Zuschauern umgeben sind.

Korea ist halt anders, genau deshalb sind die beiden Freunde aus Hannover und Essen ja hergefahren, wobei der Fußballaufhänger „Groundhoppingtour“ eher nebensächlich ist. Sie wollen Land und Leute kennen lernen, so wie rund 6000 andere westliche Touristen, die jedes Jahr nach Nordkorea reisen. Sicher, manche wollen vor allem die spooky Diktatur mal persönlich in Augenschein nehmen, weil der Anekdotenstoff zu Hause für eine ganze Weile reicht. Von dem gibt’s in der Tat reichlich.

Das beginnt mit der Anreise im Flugzeug der Koryo Air von Peking nach Pjöngjang, wo man die ausliegende „Pjöngjang Times“ auf dringendes Anraten des Reiseveranstalters auf keinen Fall wegwerfen oder knicken darf, nur rollen. Wegen der Fotos von Kim Jong-un. Nach der Landung beim Einreise-Check heißt es: Bücher-, Zeitungs- und Handykontrolle (auch auf sexuelle Inhalte). Das hat natürlich massenhaft Diktaturappeal, aber viele Nordkorea-Touristen scheinen doch ein ernsthaftes Interesse an dem Land zu haben, das weltweit permanent in aller Munde ist, aber kaum jemand persönlich kennt. Er sei „kein Katastrophengaffer“, sagt Herwig Porada. In Nordkorea wolle er gucken, was dran ist am Medienbild, „ob die Leute wirklich vor Hunger die Rinde von den Bäumen kratzen, um sie zu essen“. Natürlich sei Nordkorea eine Diktatur. „Aus moralischer Sicht dürfte man dann allerdings viele Länder nicht bereisen.“

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Das sehen die zwei Sachsen, die ebenfalls für ein paar Tage im August Koryo-Hotel in der nordkoreanischen Hauptstadt wohnten, genauso. Dirk Wachler und Dierk Minkner aus Rochlitz waren mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Asien unterwegs. Wladiwostok, Baikalsee, Ural, Moskau. Eine Art Geburtstagstrip zum Fünfzigsten von Dierk Minkner. Einmal in der hintersten Ecke von Russland, unternahmen sie von Wladiwostok aus auch einen Abstecher nach Nordkorea. Eine Woche Pjöngjang und ein bisschen Wandern in den Bergen. So eine Touristenreise ist trotz Reisewarnung des Auswärtigen Amts (immer noch) buchbar. Im Falle der beiden Rochlitzer über eine kleine Agentur in Berlin-Friedrichshain.

Warum ausgerechnet Nordkorea? Die Frage, die sich natürlich viele deutsche Fans von All-inklusive-Karibikreisen stellen dürften, haben die beiden Sachsen für sich mit einer Gegenfrage beantwortet: Warum nicht Nordkorea? „Wir interessieren uns für das Land und die Leute und wir wollen uns selbst mal ein Bild von ihnen machen.“ So weit es geht.

Die ersten Bilder, die sie von Nordkorea sahen, waren die Straßenränder auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel in Pjöngjang. Ahorn- und Ginkgobäume, viele Hochhäuser und diverse bunte Propagandabilder auf riesigen Steinwänden. Dass die für viele Ausländer eine Attraktion sind, wissen auch die Nordkoreaner. Deshalb gibt es in den Touri-Shops Propagandabilder als Postkarten oder auf Briefmarken käuflich zu erwerben. Deviseneinnahmen sind wichtig. Das war ja früher in der DDR nicht anders.

Auch das Koryo-Hotel, in dem die Sachsen wohnten, erinnert ein wenig an die DDR. Im Untergeschoss des imposanten Zwillingstowers, der allein für ausländische Touristen gedacht ist, gibt es einen Supermarkt, der einem DDR-Intershop nicht unähnlich sieht. Im Angebot Kosmetik, Lebensmittel, Kleidung, Souvenirs. Viele Dinge, die man so nicht in jedem Laden der Stadt findet. Alles kostet in Euro, Dollar oder chinesischen Huan. Oben im 27. Stock gibt es einen schönen Blick auf die Stadt. Man sieht viele Hochhäuser, aber keine richtig alten Gebäude (die Stadt wurde im Koreakrieg 1950-53 von den US-Bombern völlig zerstört).

„Das Dollste“, sagt der jüngere Dirk, der ohne E, „ sind die Geräusche von draußen jeden Morgen um sieben. Wenn du das Fenster aufmachst, siehst du da unten lauter kleine grüne Punkte. Das sind Mädels in Kostümen mit roten Fahnen, die auf dem Bahnhofsvorplatz tanzen, so wie früher beim Turn- und Sportfest in Leipzig. Die Musik kommt aus einem Kleinbus mit Lautsprechern drauf und ein Spruchband in den Fenstern.“ Das seien Motivationswagen, hätte ihnen ihr Reiseleiter gesagt. Es würde die Leute motivieren, zum Beispiel die Baustellenarbeiter oder die Werktätigen, die zur Arbeit gehen.“ Solche Motivationswagen sieht man in der ganzen Stadt. Sie beschallen die öffentlichen Plätze mit Musik, Verlautbarungen und Losungen.

Beschallung gibt es in Nordkorea immer und überall. In jedem Restaurant läuft ein Flachbildschirm mit (Kriegs)filmen oder Musikshows, meist von Militärmusikensembles oder von Moranbong, einer 18-köpfigen Girl Band. Der Oberste Führer Kim Jong-un selbst, so heißt es, soll sie gecastet haben. Sie tragen weiße Fantasieuniformen, kurze Röcke. Schön anzusehende Frauen gibt es in Nordkorea viele. Auch die Verkehrspolizistinnen sind ein Blickfang, schon weil sie oft allein auf der Kreuzung stehen und wenig zu tun haben. Die Ampeln funktionieren und der Verkehr auf den großen, breiten Magistralen ist relativ übersichtlich. Ab und zu sieht man auch Autos made in Germany, wie man überhaupt relativ viel Deutsches in Pjöngjang sieht. Deutsches Bier, Adidas-Anzüge, Kati Witt auf einer nordkoreanischen Marke in der Briefmarkenausstellung oder Schriften in deutscher Sprache in der Hotelbuchhandlung: von Kim Jong-il und seinem Vater Kim Il-sung – dem Gründer der Volksrepublik, der zwar 1994 starb, aber nach Landesrecht immer noch amtiert – als „Ewiger Präsident“.

Die sind nur für die Touristen. Touristen und Einheimische kommen außerhalb des Hotels nicht so leicht in Kontakt, was Dierk Minkner schade findet. „Ich bin viel als Backpacker durch Asien gereist, da findest du schnell Kontakt zu den Einheimischen. Das ist hier natürlich schwierig, da du keinen Schritt ohne Begleitung machen kannst. Die Reiseführer sind immer dabei. Man kann auch mal Wünsche äußern, aber generell ist alles durchorganisiert.“ Und das Programm ist ziemlich straff. Kim Il-sung-Ehrenmal, Vorzeige-Kooperative, Bowlingbahn, Parteidenkmal, Staatszirkus, Klassikkonzert in der Philharmonie. Bei dem spielt das Orchester ein Potpourri pathetisch-beschwingter Melodien, von denen eine einen Tag später beim Besuch eines Vorzeigedorf erneut auftaucht: in Form von Noten und Text auf zwei großen Tafeln im Dorfkulturhaus. „Kommt reiche Ernte auf Tong San Li“ – ist das 1960 geschaffene Loblied eines bekannten Militärmusikkomponisten auf die vom Dorf ausgegangene Planerfüllungsbewegung, so die Reiseführer.

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Musik wird in Nordkorea eine hohe Bedeutung beigemessen. Alle Schüler sollen tanzen und singen und möglichst ein Instrument beherrschen. Wer letzteres kann, wird in der Gesellschaft und beim Wehrdienst bevorzugt. Auch die Bauern vom Dorforchester bekommen für ihre Proben eine Stunde früher arbeitsfrei. Musik ist eine Art Staatsdoktrin, das Prinzip „Kunst als Waffe“ wird allumfassend umgesetzt. Auch deshalb flimmern schon im Flugzeug nach Pjöngjang ständig Videos eines Militärensembles auf Bord-TV. Nordkoreanische Popkultur, wenn man sie mal so bezeichnen will, heißt: Musik und Gesang, vor allem in Form von Lobliedern auf die Führer, allerorten. Ob im Touristenbus (wo auf dem Mix-Tape des Fahrers aber auch schon mal ein Elvis-Song dazwischen gerät), mit dem man die vorgegebenen Programmpunkte abklappert, oder auf dem Weg zum Geburtshaus von Kim Il-sung, wo man von leisen Liedtönen begleitet wird. Sie kommen aus den Büschen, in denen Lautsprecher versteckt sind.

Das ist insofern passend, als die Dauerpräsenz von Musik im öffentlichen Leben Nordkoreas einen zutiefst politischen Grund hat. „Musik ohne Politik ist wie eine Blume ohne Duft und Politik ohne Musik ist wie eine Regierung ohne Herz“, soll Kim Jong-il, der Vater des jetzigen Diktators, gesagt haben. Seit der Gründung der Volksrepublik 1948 habe die nordkoreanische Regierung mit Hilfe der Musik ihre Ideologieerziehung durchgeführt, schrieb die Südkoreanerin Chang Mi-Kyung in ihrer Arbeit über Musikpädagogik in Nordkorea. Es habe immer gegolten, dass Musik sich der Politik zu unterwerfen habe. Kim Jong-il sei übrigens nicht nur durch seine Publikationen zum größten Kunsttheoretiker Nordkoreas aufgestiegen, er wurde seinerzeit auch als der großer Musiker gefeiert, einem Mozart ebenbürtig. Ein Genie, das schon als Teenager wertvolle Werke komponiert habe, darunter das „Segnungslied“ für seinen Vater. Bis heute wird Musik in Nordkorea so stark wie nirgendwo sonst auf der Welt zur Führer-, Partei-, Armee- und Heimatverehrung benutzt. Beispielsweise markiert „Das Lied des General Kim Jong-ils“ stets den Beginn der Sendezeit von Rundfunk und Fernsehen nach der Sendepause. Dass es überhaupt noch eine Sendepause gibt, dürfte in der Welt auch ziemlich einmalig sein.

So wie die Abwesenheit von Jazz- und Rockmusik im Land. Umso erstaunlicher war ja, dass die slowenische Band Laibach vor zwei Jahren eine Einladung nach Pjöngjang bekam. Ausgerechnet Laibach, die mit ihrem Provokationsrock die Blaupause für Rammstein lieferten („1,2,3,4, Wir  tanzen mit Totalitarismus /Wir tanzen mit Faschismus/Und roter Anarchie“). Das ausgewählte Publikum im Theater der Staatssicherheit stürzten sie freilich in tiefe Verwirrung mit ihrer Performance, die allerdings vergleichsweise zurückhaltend war. Trotzdem stand am nächsten Tag in der amtlichen Zeitung „Rodong Sinmun“ nur eine kleine Notiz vom Konzert, in der die „hohen musikalischen und technischen Fertigkeiten“ der Gruppe gelobt wurden. Es gibt auch keine CD oder DVD davon.

Überhaupt ist das Angebot an CDs und DVDs, die im eigenen Lande gepresst werden, recht überschaubar. Jedenfalls bekommt man als Tourist maximal die Gelegenheit, in einen Buch- oder Souvenirladen welche (für Euro) zu kaufen. Neben Moranbang sind vor allem die Militärensembles auf Tonträgern festgehalten. Inwiefern die Nordkoreaner dem Karaoke frönen – ihre Landsleute im Süden gelten immerhin als das karaokeverrückteste Volk der Welt – kann man höchstens vage ahnen. Im Stadtbild von Pjöngjang sind jedenfalls keine Karaoke-Bars zu sehen, oder sie werden den Touristen nicht gezeigt. Andererseits erblickt man hier und da kleine Karaoke-Maschinen, in der Fußballakademie, wo sie für einen Fußballtanz zur Bewegungskoordinierung eingesetzt werden, oder in Museumsfoyers. Die einzige Karaoke-Bar, die ich sah, war die in unserem Hotel. Und in deren Playlist befand sich erstaunlicherweise auch Musik aus dem Erzfeindland USA: von John Denver und Frank Sinatra. „I dit it my way“. Kürzlich hat ja auch der frühere US-Basketballstar Dennis Rodman dem britischen „Guardian“ erzählt, dass sein Kumpel Kim Jong-un ein großer Karaoke-Fan sei und dass sie auch mal zusammen sängen.

Solche Informationen über das abgeschottete Land werden in den westlichen Medien natürlich gern vermeldet. Die Frage, wie das richtige Leben der kleinen Leute in Nordkorea, wie der Alltag im Land aussieht, bekommt selten Raum. Und auch als Tourist vor Ort wird man nicht ernsthaft schlau, aber man bekommt zumindest eine Ahnung. Trotz der enormen Eindrücke vertraut Peter Matten letztlich auf sein Gespür. „Ich kann weder sagen, dass da alles ganz fruchtbar war, noch dass es da nicht so schlimm ist. Man bekommt ja vorgesetzt, was man sehen darf.“ Positiv überrascht gewesen sei er von den vielen neuen Gebäuden in der Hauptstadt, die aber oft auch sehr steril aussehe und wo das Leben relativ gleichförmig wirke. „Man sieht keine Armut, aber man sieht auch keine Leute, die sonntags mal ins Museum oder ins Fußballstadion gehen. Irgendwo guckt man doch auf eine Kulisse und die ideologische Beschallung ist schon enorm. Als Tourist im Land habe ich mich wiederum nicht unsicher gefühlt und auch von der Kriegsgefahr habe ich nichts mitbekommen.“ Das Letzteres auch irgendwie spooky ist, fällt einem nach der Rückkehr und den Drohnachrichten aus Nordkorea und USA umso mehr auf.

 

 

Fotos: Gunnar Leue