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Mülltonne und Goldkette

Romano  

// Ralf Dombrowski

 

Ralf Dombrowski: Wie findet man eigentlich immer noch Geschichten? Ist im HipHop nicht längst schon alles erzählt worden?

Romano: Ich bin nach der Wende erst einmal mit HipHop groß geworden, ebenso wie mit Techno und Metal. Da gehörten viele Einflüsse zu meiner Welt. Ich sehe mich daher nicht als festen Bestandteil der HipHop-Szene, sondern eher als Szenenwanderer. Als jemand, der schon damals von verschiedenen Richtungen geprägt wurde und nicht gesagt hat: ‚Das geht überhaupt nicht!‘ Ich war eher wie ein Kind, das meint: ‚Ah, lass es erst einmal auf dich zukommen. Mal sehen, was das wird!‘ Und ich habe sehr viel Unterschiedliches erlebt. Mein guter Freund Erik beispielsweise hatte schon 1988 einen Ausreiseantrag gestellt. Ich traf ihn dann ’91 in Spandau wieder. Er hatte eine Lehre als Krankenpfleger angefangen, war aber gleichzeitig Techno-DJ und schleifte in die namhaften Clubs in Berlin. Auf der anderen Seite habe ich Hendrik kennengelernt, einen überzeugen Metal-Hörer. Der gab mir dann die ersten Kassetten. In der Schule wurden HipHop-Tapes getauscht und gehandelt. Ich bin auf diese Weise an die verschiedensten Dinge gekommen. Die Geschichten findet man daher im Leben. Wenn man eine bestimmte Szene bedienen will, wird es schwer, weil man dann immer in den gleichen Thematiken hängt. Wenn man das aber nicht beschränkt und die Straße lang läuft, in die Ecken und Gassen guckt, die Details wahrnimmt, dann kann man immer etwas Neues finden. Das ist ein unendlicher Nährboden.

Ralf Dombrowski: Ein bisschen wie Street Photography…

Romano: Stimmt, so kann man sich das vorstellen. Ob das ein Gespräch mit der Postfrau ist oder der Besuch im Copy Shop – ich habe ja jahrelang im Copyshop gearbeitet, da trifft man die verschiedensten Leute. Vieles passiert einfach im Gespräch mit Menschen.

Ralf Dombrowski: Wie darf man sich das vorstellen, wenn man als aufmerksamer Jugendlicher der DDR quasi über Nacht in den Westen geworfen wird?

Romano: Ich beschreibe das wie einen Kochtopf, dem der Deckel wegfliegt, weil es drin zu heiß geworden ist. Wir als Jugend waren gierig auf alles, was aus dem Westen kam, ob das jetzt die Gothic-Kultur oder Hip Hop oder Hardrock war. Es war wie ein Befreiungsschlag, man wollte sich von der Kette reißen. Ich habe ja einen Song geschrieben, wo es genau darum geht – kleiner Junge, neue Welt. Die Stimmung war kreativ aggressiv und hatte für mich etwas extrem Faszinierendes. Es war ja beinahe ein rechtsfreier Raum. Auch die Polizei war in Umstrukturierung, aus der Volkspolizei wurde die heutige Polizei, aus der NVA die Bundeswehr. Der Geschichtsunterricht war verrückt, wir bekamen neue Bücher, hatten aber die alten Lehrer. Der Staatsbürgerkundeunterricht war ja der Politikunterricht der DDR, und jetzt wussten die oft nicht, was sie unterrichten sollten. Eine Lehrerin meinte zu mir: ‚Ach, die Französische Revolution war ja doch nicht von Arbeitern angetrieben und sozialistisch orientiert! Auch die Bauernkriege und der Spartakusaufstand!‘ Man hatte in der DDR versucht, die Geschichte immer so zu frisieren, dass es den Anschein hatte, es wäre immer der Arbeiter, der die wichtigen Dinge durchgeführt hat. Wir jedenfalls stellten dann allerhand Fragen. Man hat das neue System nicht ganz für voll genommen, das alte sowieso nicht, und leider entstanden dann auch Extreme, die Nazi-‚Kultur’ etwa, die dann von Rostock bis Hoyerswerda aufgeflammt ist. Jedenfalls gab es die verschiedensten Richtungen, in denen man sich ausleben konnte. Da die Staats-Organisationen, die Pioniere, die FDJ wegfielen, habe viele in neuen Szenen ein Zuhause gefunden.

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Ralf Dombrowski: Da kann man heute aus der Westperspektive fast ein wenig neidisch werden, zumindest auf diese Möglichkeit, völlig von vorne anfangen zu dürfen …

Romano: Deswegen zogen ja auch so viele nach Berlin, um noch eine kleine Nase dieser Zeit einatmen zu können. Und es gibt das ja noch. Man muss nur mehr suchen. Ich wiederum würde gerne mal die andere Seite erleben, die Achtzigerjahre am Ku-Damm. West-Berlin war eine Insel und ich wäre da gerne für eine Nacht tanzen gegangen. Diese ganze Bilderflut, die ganzen Lichter, schon deshalb musste die DDR irgendwann mal kippen, natürlich auch weil das Land marode war. Wir jedenfalls waren als Kinder Fans von Serien wie ‚Airwolf‘ und so. Das hat uns begeistert.

Ralf Dombrowski: Ist das auch Thema deiner Texte? Oder zu persönlich?

Romano: Ich wiederhole mich nicht gerne. Die ‚Metalkutte‘ gab’s nur einmal, ich wollte da nicht noch eine ‚Metaldauerwelle‘ oder so hinterherschicken. Soll ja auch für mich spannend bleiben. Und deshalb habe ich diesmal einen Song – ‚König der Hunde‘ – aufgenommen, wie die Ketten reißen, die Mauern brechen, ich stehe ohne Maulkorb auf dem Mittelstreifen, frischer Wind in der Nacht, Weichspüler, Scorpions im Ohr, Zweitakter mit Schwarz-Rot-Gold auf dem Kühler. Das war die Situation dieser Wendezeit, das zu beobachten, nicht breitbeinig mit angeknipstem Ventilator und offenem Haar auf der Mauer, nicht Scorpions oder Westernhagen, sondern die Perspektive des kleinen Jungen von nebenan, der die Straßen lang läuft, Sachen entdeckt und die beste Zeit seines Lebens hat – weil es wirklich sehr verrückt war.

Ralf Dombrowski: Gibt es etwas, worüber du nicht rappst?

Romano: Ich könnte mir nicht vorstellen, die ganze Zeit aufzuzählen, was ich mir in meiner Wohnung hinstelle, mir umhänge, welches Auto ich fahre. HipHop ist für mich immer schon eine Mischung aus Mülltonne und Goldkette, die Verbundenheit zur Straße und Statussymbol. Viel Künstler, die nur noch über Goldketten rappen und diese übereinander stapeln, haben den Bezug zur Straße ein wenig verloren. Es gibt so viele spannende Themen, und ich finde es schade, wenn man sich auf Money, Bitches und Cars beschränkt. Das ist einfach langweilig.

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Ralf Dombrowski: Die Zöpfe sind ja schon Ironie, genauso wie die minimalistischen Beats …

Romano: Ich bin selbst kein dauerhafter Rap-Hörer. Ich habe lieber mal etwas Black Metal oder Klassik dazwischen. Wenn es aber doch dazu kommt, fällt mir auf, dass der deutsche HipHop breit aufgestellt ist, von den Straßen-Gangster-Themen über Leute, die im Comedy- und Party-Bereich unterwegs sind, bis hin zu alternativen Rappern, die verschiedene Gesellschaftsprobleme ansprechen. Man hat eine gute Auswahl, da kann sich jeder was raussuchen. Weil du die Zöpfe ansprichst: Ich habe seit 1994 lange Haare, war immer ein großer Fan von Snoop Doggy Dog, der hatte auch Zöpfe. Ich fand, das sah geil aus. Oder Korn, da trug der Bassist Zöpfe, irgendwie war das etwas Besonderes. Ich finde, wenn man lange Haare hat, kann man damit was machen, und ich habe 96, 97 auch angefangen, meine Haare zu flechten. Hat mir gefallen. Wenn man Drähte einflechtet und die nach oben biegt, bekommt das sogar etwas leicht Diabolisches – wie auch immer, ich mag es, es ist auch ein kleines Statement.

Ralf Dombrowski: Ein Stadtindianer …

Romano: Ja, genau! In der DDR, und im Westen war das kaum anders, gab es ja diese Indianer-Begeisterung. Wir hatten Gojko Mitič, den Ost-Indianer, im Westen war es Pierre Brice. Wir spielten als Kinder gerne Cowboy und Indianer, und ich war der Indianer. Auf dem Album habe ich das in dem Song ‚Karl May‘ ein wenig als Vater-Sohn-Beziehung verarbeitet. May hatte seinen Wohnsitz in Radebeul, das war Osten und irgendwie gehört das auch zu meiner Geschichte.

Ralf Dombrowski: Zurück zu den Beats. Warum diese auffällige Reduktion?

Romano: Die Beats macht Moritz Friedrich, selbst elektronischer Produzent. Ich kenne ihn aus Köpenick, 1996 sind wir durch ein Schulprojekt zusammengekommen. Ich brauchte damals für eine Abschlussarbeit einen Soundtrack, habe ihn besucht, er hat ihn geschrieben. So ist eine Freundschaft entstanden. Moritz ist dann in die Stadt gezogen, ich habe auch immer wieder für seine Alben Songs aufgenommen. Ich mag seine Ästhetik, weil er beim Bauen der Beats nicht typisch hiphop-mäßig, sondern mit seinem eigenen, sehr breit aufgestellten Geschmack rangeht. Einiges ist typisch HipHop, anderes aber sehr elektronisch, ganz unterschiedlich. Wenn wir ein Thema besprechen, hat er oft schon einen Beat parat. Wenn nicht, schreibe ich erst einmal einen Text in Gedichtform und dann erarbeiten wir gemeinsam die Form. Es ist ein Team, über Jahre gereift, und ich bin sehr glücklich, dass ich Moritz habe.

Ralf Dombrowski: Man hört das auch, das Homogene …

Romano: Oh, cool, das freut mich! Übrigens hat Moritz am selben Tag, an dem ‚Copy Shop‘ erschienen ist, auch sein eigenes Album veröffentlicht, unter seinem Künstlernamen Siriusmo: ‚Comic‘. Nur so als Reinhörtipp. Das hat sich durch Zufall ergeben und erscheint bei Monkeytown, dem Label von Modeselektor und Moderat. Die haben ihn gesignt und ‚Comic‘ ist dort inzwischen sein drittes Album.

Ralf Dombrowski: Das interessiert mich. Ich bin ja auch Comic-Fan …

Romano: So von Kindheit an?

Ralf Dombrowski: Klar, früher Lustige Taschenbücher, jetzt auch gerne einmal Mangas, wobei mich die Story oft weniger interessiert, als die Art und Weise, wie optisch erzählt wird …

Romano: Ich finde es ja auch spannend wie sich Film immer mehr an Comics orientiert. Ganz eindeutig bei Sachen wie ‚Sin City‘…

Ralf Dombrowski: Hast Du ‚Valerian‘ gesehen?

Romano: Ganz abgefahren, wenn auch zum Schluss doch ziemlich viel Hollywood-Kitsch, obwohl das gar kein Hollywood-Film ist. Aber die Rührung darf nicht fehlen, am Ende kommen sie zusammen, das ist vorhersehbar. Viel spannender fand ich da die Erzähl-Technik, wie die Figuren entwickelt werden, aus der Comic-Welt heraus, mit den vielen Zitaten. Und es war für mich klar ein Popcorn-Kinospaß.

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Ralf Dombrowski: Du hast ja auch anderes gemacht, sogar in der Schlager-Branche. War das ernst gemeint?

Romano: Das ist auch über Moritz entstanden. Damals nannte ich mich manchmal MC Ramón und unter dem Namen hat er mich Jan Driver weiterempfohlen. Wir kannten uns schon ein bisschen, da bekam Jan den Auftrag, ein paar Songs zu remixen, also clubtauglich zu machen. Da war eine englische Band dabei, den Namen weiß ich gar nicht mehr, und Jan hörte das immer wieder und ächzte. Dieser Frauengesang, unter aller Kanone! Ich stand gerade am Klo, machte mir die Haare, als er den Gesang ausschaltet, und ich singe ‚Es sind die Worte der Liebe, die nicht vergehn‘ vor mich hin. Jan hört das, meint: ‚Was ist denn mit dem los! Komm mal rüber!‘ Wir haben an dem Abend eine Flasche Sekt geköpft, den ganze Song schlagermäßig umgebaut und neu eingesungen. Klar hat er auch den richtigen Remix gemacht, aber außerdem unsere Version mit einem Augenzwinkern der Plattenfirma geschickt. Die fanden es ganz geil, haben es in die Schlagerabteilung weitergegeben und ich habe dann mit denen weiter gemacht und die EP ‚Blumen für Dich‘ veröffentlicht. Ich war damit richtig auf Tour. Im Harz, da wurden teilweise Hochzeiten meinetwegen zusammengelegt. Ich habe auch bei Geburtstagen gesungen und gemerkt, dass man so nah wie beim Schlager sonst an Menschen gar nicht herankommt. Keiner bucht eine Metal-Band zur Familienfeier. Ich fand das sehr spannend und habe sogar bei der Schließung einer Pizzeria gespielt. Da wollte der Chef seine Mitarbeiter noch einmal richtig aufmuntern. Na ja, teilweise habe ich das geschafft.

Ralf Dombrowski: Wohin gehen denn die Pläne?

Romano: Irgendwo in der Ferne – ich weiß noch nicht, wie ich es mache, aber es poppt immer wieder auf – möchte ich mal etwas im Opernbereich machen. Ich gehe seit Jahren zum Gesangsunterricht, da singe ich dann italienische Arien. Das wäre etwas, italienischen Arien schmettern und im barocken Kostüm auf der Bühne stehen. Das wäre ein weiterer bunter Punkt in meinem Leben.

 

Album: Romano: Copyshop, Vertigo / Universal 00602557761054

Website: www.romanomusik.de

Video: das Original: https://www.youtube.com/watch?v=6Z0lWw4Jw9c

Und die Fälschung: https://www.youtube.com/watch?v=Uwz27g4GcWY

 

Illustration: Patrizia Straubhaar