SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Bahnsteig

MIND THE _____ GAP

„Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun“ skandierte einst der deutsche Dichter Christian Morgenstern.

// Wolf Kampmann

Was er meinte, war die Lücke. Sie gewährt keine Draufsicht, aber immer den Durchblick. Doch ist das häufig mit der Nische verwechselte Konzept der Lücke überhaupt noch zeitgemäß?
Wo finden wir in der scheinbar lückenlos verlinkten Gesellschaft doch noch Zwischenräume, und welche Chancen ergeben sich aus ihnen?

Lückenlos

Die Lücke! Wollten wir sie adäquat beschreiben, müssten wir am besten schweigen. Eine leere Seite. Die Lücke ist das, was nicht ist. Ein unbesetzter Platz. Eine Leerstelle. Das Funkloch. Sowie wir sie erklärten, wäre sie keine Lücke mehr, denn wir hätten sie ja mit unserer Beschreibung ausgefüllt.Es mag paradox klingen, aber in der Informationsgesellschaft ist kein Platz für die Lücke. Jeder Atmer fällt der digitalen Schere zum Opfer.Etwas nicht darstellen zu können, ist nicht vorgesehen. Und wenn wir doch an die Grenzen der Darstellbarkeit gelangen, beschreiben wir eben solange etwas anderes. Anstelle der Lücke. Und schließen sie somit auf Umwegen.

Im Internet finden sich diverse Definitionen für die Lücke. Sie wird sehr treffend als „eine Stelle, an der etwas fehlt, was eigentlich da sein sollte“ charakterisiert. Aber auch als „Mangel an etwas, das eigentlich nützlich wäre.“ Auf Wikipedia – der lexikalischen Antithese zur Lücke – wird sie als Zwischenraum beschrieben, doch klicken wir auf den Link zum Zwischenraum, so werden wir auf die Lücke verwiesen. Und so fahren wir bei der Klärung des Begriffes Karussell. Versuchen wir es also anders.

Die Lücke an sich ist ein rein abstraktes Konstrukt. Sie existiert nur in unsere Vorstellung. Die Lücke erscheint als semantisches Vakuum, das nicht durch sein substanzielles Vorhandensein, sondern durch die Abwesenheit von einem Etwas jedweder Art gekennzeichnet ist. Ob das der Löwenzahn in der Baulücke genauso sieht, ist die Frage. Aber der kann ja bekanntlich nicht denken.

Der ebenso hilf- wie aussichtslose Versuch, einen Begriff für etwas zu finden, das nur durch sein Nichtvorhandensein definiert werden kann, stellt uns vor eine Herausforderung. Eine Negativmasse, etwas im wahrsten Sinne des Wortes Sinnloses, das einzig danach giert, mit Sinn ausgefüllt zu werden. Die Lücke ist keineswegs ein Dauerzustand, denn sie führt uns unsere Unfähigkeit vor Augen, alles mit Sinn zu erfüllen, und bleibt damit eine temporäre Schnittstelle zwischen unbewältigter Vergangenheit und zu bewältigender Zukunft.

Urban und Dental

Das moderne Leben findet in Großstädten statt. Die ideale Stadt hat die Lücke überwunden. Und doch finden wir die Schmach der Leerstelle in allen materiellen und ideellen Bereichen der Gesellschaft, im Stadtbild ebenso wie in unseren Köpfen. Als Herrscher über die Natur ist das Zivilisationsprodukt Mensch bestrebt, das vegetative Prinzip der Lücke überall schließen. Am augenfälligsten passiert das mit der Baulücke. Urbaner Platz ist wertvoll, wir können es uns nicht leisten, kostbare Immobilien unbebaut verkommen zu lassen.

Europa ist eine einzige große Kulturlandschaft. Jeder unbebaute Platz ist eine potentielle Parzelle und kann nur geschützt werden, indem er als landwirtschaftliche Nutzfläche oder Nationalpark ausgewiesen wird.

Mit der Wissenslücke verhält es sich kaum anders, nur dass wir sie nicht als schützenswert erachten. Im Gegenteil, sie raubt uns den Nerv, denn permanentes Lernen ist ein Grundprinzip der Wachstumsgesellschaft. Wachstum ist immer lückenlos. Wissensvermittlung wird zum zusehends einträglichen Geschäftsmodell. Wer nicht teilhat am Wissen, ist draußen.

Die eben noch proklamierte barrierefreie Wissensaneignung rückt dabei in immer weitere Ferne. Politische Strömungen, die eine Vergesellschaftung des Wissens forderten, sind längst verstummt. Die Wissensgesellschaft privatisiert den stetig wachsenden Erkenntnisfundus in Liegenschaften, deren Zugang sie sich teuer bezahlen lässt. Welch ein Widerspruch. Als wären das Wissen und sein Zugang nicht grenzenlos. Doch auch Unendlichkeit widerspricht als spiritueller Kontrapunkt zur Legislaturperiode den Gesetzen prognostizierbaren Wachstums.

Die Floskel vom Schlüssel zum Wissen löst nicht einmal mehr Protest aus. Wer die Lücke findet, sich Informationen im weltweiten Netz ohne Legitimation des Informationsinhabers anzueignen, macht sich strafbar. „Meiner hat den geileren Arsch“, heißt es hinsichtlich sogenannter Video-Piraten selbst auf Lucky-Luke-DVDs, die ohne Altersbeschränkung freigegeben sind. Die Botschaft ist klar. Auch die Jüngsten sollen unmissverständlich wissen, wo lang der Hase läuft. Und keine Freiwillige Selbstkontrolle nimmt an derart perfiden Drohungen Anstoß.

Dass nicht jede Lücke auch als solche wahrgenommen wird, zeigt sich ganz deutlich in der Diskrepanz zwischen institutionellen Wissenslücken auf der einen und individuellen Wissenslücken auf der anderen Seite. Während es gilt, erstere um jeden Preis zu überwinden – wofür alle möglichen internen und externen Geheimdienste sowie Forschungseinrichtungen geschaffen werden – lassen sich letztere doch seit Alters her geschickt instrumentalisieren, um Einzelne und größere Menschengruppen zu Dingen zu forcieren, die sie von sich aus niemals tun würden. Gezielte Fehlinformation findet sich auf allen Gebieten von Konsum und Politik durch Produktangaben, Werbung, Medien und politische Propaganda. Paradoxer Weise werden die immer größeren individuellen Wissenslücken meist als kollektive Aufklärung empfunden. Aber nach dem Motto, wenn alle so handeln, kann ich ja persönlich nicht ganz falsch liegen, funktioniert das System. Weltverschwörung mittels Wissensmonopolisierung? Keineswegs, nur geschicktes Informationsmarketing.

Ein ursächlicher, wenn auch nicht so gravierender Zusammenhang besteht auch zwischen Wachstumsgesellschaft und Parklücke. Der Trend geht eindeutig zum Zweit-, teilweise sogar schon zum Drittwagen. Die deutschen Straßenränder sind chronisch überparkt. Der unvermeidliche Stau zum Arbeitsplatz oder ins Wochenende kann noch so enervierend sein, die Suche nach einer Abstellmöglichkeit für den fahrbaren Untersatz entpuppt sich oft als ungleich größeres Problem. Trotzdem setzt sich jeden Morgen und Abend der unaufhaltbare Lavastrom von Blechkarossen, die jeweils nur mit einer einzigen Person besetzt sind, in Bewegung. Lösungen sind weder gewollt noch in Sicht. Denn die Metropolen der Welt schlagen das kostbare Gut Parklücke längst in bare Münze um. Zu Recht. Das Nachsehen haben die Radfahrer, deren markierter Freiraum nur allzu oft als Ausweichparkspur missbraucht wird.

Die Zahnlücke ist im Zeitalter optimierter Persönlichkeitsfassaden untragbar geworden. Eine unvollständige Kauleiste ist das eindeutige Bekenntnis zum Prekariat. Man stelle sich einen Nachrichtensprecher oder Schauspieler mit fehlendem Schneidezahn vor. Nicht einmal für einen Bankangestellten, eine Lehrerin oder eine Arbeitsvermittlerin wäre ein derartiger Makel denkbar. Die Zeiten, in denen James-Bond-Darsteller Sean Connery mit einem abgestorbenen Vorderzahn in die Kamera lächeln und trotzdem zum sexiest man alive gekürt wurde, sind eindeutig vorbei.

Im Fadenkreuz

Seit jeher ist unser gesellschaftliches Leben durch einen Normenkanon geregelt, der in Gesetzestexten niedergelegt ist. Wer Gesetze übertritt, handelt kriminell und wird entsprechend von der Exekutive bestraft, sofern er sich erwischen lässt. Eine Form der legalen Regelübertretung bietet sich durch Gesetzeslücken. Sie sind das tägliche Brot von Anwälten. Die Rechtswissenschaft unterscheidet zwischen Norm-, Regelungs- und Gebietslücken. Die gesetzesübersteigende Rechtsfortbildung ist sogar ein eigenständiger und nicht nur von Winkeladvokaten gepflegter Zweig der Jurisdiktion, dem das Bundesverfassungsgericht entgegentritt, indem es den Richtern das Werkzeug der schöpferischen Rechtsprechung in die Hand gibt. Dass sich dabei neue Lücken auftun, versteht sich von selbst. So findet sich gerade im Steuerrecht ein weiteres Synonym für die Lücke, die treffend mit Schlupfloch umschrieben ist.

Zunehmendes Gewicht erhält in der allgemeinen Debatte die Sicherheitslücke. Vermeintlich lückenlose Überwachung gaukelt uns umfassende Sicherheit vor. Sicherheitslücken gilt es in allen Lebensbereichen ebenso unnachgiebig auf den Pelz zu rücken wie den Baulücken im Stadtraum. Ursprünglich bezeichnete der Begriff der Sicherheitslücke in der Computertechnik eine schadhafte Software. In wachsendem Maße findet er aber Anwendung auf die allgemeine Sicherheit, vor allem im Hinblick auf die weltweit wachsende Terrorgefahr. Die Alternative ist Überwachung. Je flächendeckender die virtuelle und direkte Observierung, desto geringer das Risiko der todbringenden Sicherheitslücke. Doch flächendeckende Überwachung hat nicht einmal die DDR vor Abwicklung geschützt.

Big Brother mag heute um ein Vielfaches ausgereifter sein als vor 1989, doch die Terroranschläge in Brüssel und Paris haben jüngst gezeigt, wie anfällig der ganze Sicherheitskomplex ist.
Eine Mischform aus Gesetzes- und Sicherheitslücke ist das Datenleck, das zwar immer wieder illegale Aktivitäten von individueller oder systembedingter Natur an die Öffentlichkeit bringt, aber nicht wohl gelitten ist. Das Datenleck ist das Geschäft des sogenannten Whistleblowers, der sich als Geheimnisverräter, Nestbeschmutzer und Wirtschaftsverbrecher weltweit vor Gerichten verantworten muss. Die Aufdeckung der Übertretung wiegt dabei meist wesentlich schwerer als die Übertretung selbst. Julien Assenge und Edward Snowden sind prominente Beispiele für dieses Paradoxon, dasselbe gilt aber auch für schweizerische Bankangestellte, die auf schwarze Konten verweisen, oder Nato-Angehörige, die Kriegsverbrechen offenlegen. Dabei tun sie nichts Anderes, als im Sinne des Gemeinwohls Mut zur Lücke an den Tag zu legen.

Am Ende wird die variable Lücke immer mehr zum bedrohlichen Symbol für Kontrollverlust. Die Angst vor dem individuellen, gesellschaftlichen oder am Ende wird die variable Lücke immer mehr zum bedrohlichen Symbol für Kontrollverlust. Die Angst vor dem individuellen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Blackout ist riesig. Im Zeichen allgemeiner Leistungsoptimierung und Erfolgsprognosen bleibt für das Scheitern jedweder Art kein Platz. Dabei ist Scheitern genau besehen nichts anderes als eine unvermeidliche Lücke in der Erfolgskurve. Speziell in Deutschland ist dieser Blackout aber so schlecht angesehen, dass der einmal Gestrauchelte kaum die Möglichkeit erhält, wieder auf die Beine zu kommen. Im Gegenteil, um den Fall nachhaltig zu implantieren, wurden eigens Einrichtungen wie die Schufa geschaffen. Wer einmal am Boden ist, hat keinen Anspruch mehr auf seinen Anteil am gesellschaftlichen Wachstum und bleibt auf unbestimmte Zeit in der Lücke hängen.

Lücke, Nische, Pause

Dabei könnte man es auch genau anders herum definieren. Jede Lücke ist ein Glücksfall. Die Chance, einen Platz zu besetzen, der noch unbesetzt ist. Ein Ausweg aus der Stagnation. Ein Claim, der noch abgesteckt werden will. Der Wunsch, etwas zu finden, das noch keiner gefunden hat, ist so alt wie die Menschheit. Materialien, Farben, Ausdrücke, Klänge, Fortbewegungsmöglichkeiten, fremde Welten. Alchimie war die Wissenschaft von der Lücke in der Logik des Erklärbaren. Auch in der Kunst stellt sich immer wieder die Frage, was man noch sagen kann, das nicht schon tausend Mal zum Ausdruck gebracht worden ist. Wie viele Melodien kann man mit denselben zwölf Tönen erfinden? Und doch gelingt es seit Jahrhunderten immer wieder, unser Herz mit neuen Weisen in Aufruhr zu versetzen.

Anders als die Zivilisation kennt die Natur keinen Kontrollverlust. Die Vegetation findet überall die Lücke. Im dominant rezessiven Miteinander gewinnt immer das stärkere Prinzip, auch wenn das im Einzelfall nicht offensichtlich sein muss. Wir können den öffentlichen Raum noch so zupflastern und sehen trotzdem im Stadtbild, wie sich Wurzeln ihren Weg durch den Beton bahnen und immer mehr Tiere und Pflanzen breitmachen. Gegen die botanische Globalisierung sind wir so gut wie machtlos. Der aus China stammende Götterbaum wuchert ebenso als Unkraut unsere Großstädte zu wie die aus Nordamerika stammende Ambrosia zusehends unsere Atemwege verstopft. Kaum sind wir einem Erreger auf den Leib gerückt, überkommt die Menschheit die nächste Plage. AIDS und Vogelgrippe haben die Medizin vor neue Herausforderungen gestellt, im Moment bedroht der Zika-Virus von Brasilien ausgehend die Hirne unserer Säuglinge. Wir werden ihn ohne Frage erfolgreich bekämpfen, und doch wird es neue Lücken geben, in die die Natur eindringt.

Das Prinzip Lücke wird oft mit dem Konzept der Nische verwech- selt, und in der Tat sind beide nur schwer zu entwirren, obwohl sie doch etwas zutiefst Gegensätzliches ausdrücken. Eine Gesellschaft, die sich sozial und kulturell zunehmend über den Antagonismus einer immer größeren Mitte zu ausfransenden Rändern definiert, verhält sich wie die Mandelbrot-Menge, auch Apfelmännchen genannt. Die einzelnen Nischen und Randbereiche bilden das Gesamtsystem ab, indem sie ihrerseits ein Epizentrum und Ränder ausprägen. Die Nische bleibt jedoch stets ein besetzter Raum, während die Lücke offen ist. Es steht außer Frage, dass die Lücke sich zur Nische wandeln kann, wenn sie erst einmal ausgefüllt ist, sie kann aber ebenso gut in die Mitte integriert werden oder für längere Zeit offen bleiben. Der Underdog oder Aussteiger besetzt eine Lücke und macht sie somit zur Nische. Die Nische ist jedoch niemals ein Zwischenraum, der sich im oben beschrieben Sinne durch Abwesenheit von einem definierten Inhalt ergibt, sondern sie definiert sich durch eben diesen Inhalt.

Ein wesentlich engeres Verwandtschaftsverhältnis als zur Nische besteht zwischen Lücke und Pause. Die Pause ist die geplante Zäsur, die gar nicht überwunden werden will, während die Lücke immer einem chaotischen Prinzip folgt, das nur dadurch kalkuliert werden kann, indem man es schließt. Niemand hat die Pause so kongenial kanonisiert wie John Cage mit seinem Stück „4:33“, denn seine Pause ist niemals wirklich leer, sondern mit Geräuschen aller Art bevölkert wie die Baulücke mit Pfützen, Unkraut und Regenwürmern und die Zahnlücke mit Fermenten, Bakterien und Essenresten.

Die Zukunft selbst ist eine gigantische Lücke, die vor uns liegt. Der Unterschied zur herkömmlichen Lücke besteht einzig darin dass wir nur eine Grenze festlegen können, die in der Gegenwart liegt. Erst wenn sich der Fokus des gegenwärtigen Augenblicks so weit verschoben hat, dass aus Zukunft Vergangenheit wird, können wir diese Lücken in Epochen umwandeln, die von den historischen Eckpfeilern Beginn und Ende eingerahmt werden. Doch dann sind sie eben auch keine Lücken mehr, sondern durch Geschichte definierte Zeiträume.

Und was machen wir aus alledem? Die Lücke ist ein intolerabler Anachronismus. Mind the gap! Wer in die Lücke gerät, stürzt ab. Die Lücke ist das Gegenteil von Kraft und Masse, den sinnstiftenden Parametern von Leistung. Der Leistungsträger nimmt sich bestenfalls eine Auszeit, um seine Leistungsfähigkeit zu regenerieren. Sabbatical ist nichts anderes als eine weitere Beschönigung für das Unwort Lücke, diesmal auf die Karriere bezogen. Die Flucht nach vorn, die kalkulierte Pause, um im Leistungsfluss gar keine Lücke entstehen zu lassen. Die Kapitulation vor diesem Prinzip ist der Burnout. Womit wir wieder beim Scheitern wären.

Eine einzige Ausnahme gibt es jedoch, die alles auf den Kopf stellt. Eine Ausnahme von der Regel, die wir allein den Kindern zubilligen, solange diese noch das Privileg genießen, sich den Anforderungen der Leistungskausalität zu entziehen und Wachstum uneingeschränkt mit dem Zuwachs ihrer Körpergröße zu assoziieren. Kinder sind nicht jünger oder älter, sondern größer und kleiner. Es ist das wunderbare Geschenk der Langeweile, das spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben abhanden kommt. Das kreative Verträumen des Tages, aus dem heraus so viel entsteht. Unter berufstätigen Erwachsenen ist Langeweile verpönt. Wer sich langweilt, weiß nichts mit sich anzufangen und die vielfältigen Angebote zur Selbstverwirkli- chung nicht zu nutzen. Dabei umreißt Langeweile exakt jene informelle Lücke, die am meisten darauf wartet, neu besetzt zu werden. Langeweile ist alles andere als stumpfes Nichtstun. Langeweile verlangt niemals nach einer Lösung. Langeweile ist die Muße, die uns den Durchblick gewährt, wo uns ansonsten die Perspektive verstellt ist.

Und was machen wir aus alledem? Die Lücke ist ein intolerabler Anachronismus.

Wie aber ging es mit Christian Morgensterns Latten- zaun weiter? „Der Architekt, der dieses sah, stand eines Abends plötzlich da – und nahm den Zwischenraum he- raus und baute draus ein großes Haus.“ Ob der Dichter wusste, wie visionär seine harmlosen Zeilen waren?