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Medial Banana

Jamaica, Reggae & One Love auf Slowakisch

// Felix Unger 

„Die hatten keine Cola, aber dafür haben sie mir schon wieder lauwarme Kofola in meinen Rum gekippt….“. Basti schaut genervt in sein Glas, probiert und verzieht das Gesicht: „An Lángos kann ich mich ja gewöhnen, aber dieses Zeug geht echt gar nicht“. Ich nicke bedauernd, trinke auch einen Schluck und lasse meinen Blick über die mich umgebende Szenerie wandern.

Ich befinde mich auf dem Uprising, dem einzigen Reggae-Festival der Slowakei. Versteckt in Hügeln und Büschen wummern D&B- und Dub-Stages durch kleine Waldstücke, und vor uns ragt die Main Stage in den dunklen Himmel. Zwischen den Bäumen schaukeln Hängematten und Lichterketten, es riecht nach Pinien und scharfer Wurst, einer Spezialität hier in Bratislava. „Komm lass mal zu einem anderen Stand gucken, vielleicht haben die ja richtige Cola“, sagt Basti und macht sich auf in Richtung Main Stage. Ich kann ihm nur zustimmen, Kofola, das slowakische Cola-Äquivalent, ist wirklich gewöhnungsbedürftig, vor allem wenn sie warm ist. Planlos flanieren wir über das Gelände, kleine Zelte, Bühnen und Essenstände tauchen aus dem Wald auf. Wie das gewöhnungsbedürftige Softdrink-Angebot ist auch die kulinarische Auswahl lokal vertreten. Martina, eine Freundin aus Bratislava, empfiehlt mir ein Lángos, ein in Fett gebackener Fladen mit herzhaftem Belag. Ihr Tipp: Käse, Ketchup und ein bisschen Knoblauch.

 

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Musikalisch geht es vorbei an Reggae-Zelten, aus denen uns Jamaica entgegenschallt, hier und da findet sich ein kleiner oder größerer HipHop-Act, Dubstep wobbelt durch die Nacht. Das Festivalgelände liegt in direkter Nähe des Zlaté Piesky, einem kleinen See am Rand von Bratislava. Sveto Moravčík stammt aus der Kleinstatt Trenčín, in der Reggae-Szene einfach Trenchtown genannt. 2008 gründete er mit Freunden das Uprising und organisiert es bis heute. Er erzählt mir, dass sich seitdem viel verändert hat. Was damals als „kleine“ 3000-Besucher-Party begann, hat sich in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten Veranstaltungen des Landes entwickelt. Vertreten sind internationale Acts wie Sean Paul oder die Wailers, und musikalisch wird das Angebot immer breiter. Leicht nostalgisch erwähnt Sveto, dass sich auch die Szene verändert hat. Früher kannte jeder jeden, jetzt ist vom Rasta über seicht-alternative Intellektuelle bis hin zum Wochenend-Partygänger alles zu finden.

Mir fällt auf, dass die Menschen hier anderes feiern als in Deutschland, allerdings ist es schwer zu beschreiben, warum. Es wird mehr getanzt, die Musik ist härter und die Stimmung lauter. Wahrscheinlich machen die Leute einfach weniger Kompromisse, frei nach dem Motto: Wenn mal, dann richtig!

Vor der Arena-Stage, auf der gerade der slowakische Rapper Moe von der ehemaligen Gruppe A.M.O. spielt, treffen wir auf Marc Sipeky. Von Marc habe ich das erste Mal gehört, als mich ein Bekannter in Berlin ansprach, ob ich nicht „einen Musiker von einer der größten Bands der Slowakei“ kennenlernen will. Na klar, wer würde das nicht wollen. Es stellte sich heraus, dass Marc als Bassist bei der Reggae-Band Medial Banana aus Bratislava gespielt hatte und erst seit kurzem in Berlin lebte. Seitdem hat er mir viel erzählt über die Slowakei, über Bratislava, das Uprising und natürlich über Medial Banana. 2017 bin ich dann endlich mit ihm auf das Festival gefahren, von dem ich schon so viel gehört hatte.

Nach dem Konzert sitzen wir mit Bier bewaffnet auf eine Bank und sichten den Stage-Plan. Marc wirkt euphorisch, morgen Nachmittag spielt Medial Banana. Als ich frage, ob die Leute hier den Medial Banana kennen würden, springt er auf und beginnt den Menschen um uns herum dieselbe Frage zu stellen. Ausnahmslos jeder bejaht. Beeindruckt merke ich an, dass sich Marc hier irgendwie anders verhält als in Berlin. Er stutzt, grinst und breitet die Arme aus: „Scheiße man, dass alles hier, das ist halt Zuhause!“

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Marc Sipeky stammt aus der Kleinstadt Senec, ungefähr 30 km außerhalb von Bratislava. Zusammen mit Freunden, Idealismus und viel zu viel Unvernunft hat er eine der bekanntesten Bands der Slowakei mitbegründet: Medial Banana. Schon früh zog es ihn zur Musik. Als Kind musste er Geige lernen, konnte aber wenig bis nichts damit anfangen. Sein Schulfreund Dany lernte schon damals Gitarre, und bald begannen die beiden zusammen zu spielen. Noch gab es kein Ziel, keinen Plan, einfach nur Musik. Das Problem: Die Instrumente fehlten. Marc erzählt mir, dass er damals selbst eine Ziegenhaut gegerbt hat, um sich eine Trommel zu bauen. Sein Tipp: Als Alternative zum Leder, einfach beim lokalen Krankenhaus nach alten Röntgenbildern suchen, „die funktionieren super als Felle und klingen ganz gut.“

Bratislavas Untergrundszene zog die beiden magisch an, insbesondere die damaligen Ragga-D&B-Partys. Sie schlichen sich nachts raus und fuhren die halbe Stunde mit der Regionalbahn Richtung Bratislavas Nachtleben. Der harte Sound, gepaart mit kurzen jamaikanischen Patwa-Parts trieb Marc langsam aber sicher in Richtung Medial Banana und somit in den Reggae. Der Wunsch, selbst einmal auf den Bühnen der Stadt zu stehen, war geweckt.

Die Slowakei ist mit ihren etwa 5,4 Millionen Einwohnern eine kleine und sehr junge Nation. Lange unter dem Einfluss der Sowjets und erst seit 1993 unabhängig von Tschechien, hatte das Land wenig Zeit, eine nennenswerte Alternativszene zu entwickeln. Nach der Unabhängigkeit zog es die Slowakei in Richtung Russland, der Staatsgründer Vladimír Mečiar regierte das Land autoritär und verweigerte die vom Westen geforderte Öffnung der Wirtschaft. Die Stimmung im Land war konservativ und von Resignation geprägt. Marc sagt, in der Slowakei haben alle immer was zu meckern. Die Musik wurde dominiert von Mainstream-Pop-Künstlern und im Untergrund kämpften Punks und Nazis um ihren Platz auf den Straßen. Anfang des 21. Jahrhunderts kam es mit dem Wahlsieg von Mikuláš Dzurinda zu einem Umschwung, die Slowakei öffnete sich in Richtung Westen. Parallel dazu begann eine kleine Gruppe von DJs die ersten Reggae-Parties in Bratislava zu veranstalten. Jah Division, DJ MeSs und andere begannen mit dem Aufbau einer kleinen, aber neuen Szene. Unter ihnen befand sich Pokyman, der zukünftige Sänger von Medial Banana.

Aufgewachsen in Petržalka, einem der härtesten Viertel von Bratislava, umgeben von Heroin und Junkies, zog es auch ihn in Richtung Musik. Früh begann er als DJ aufzutreten, lies sich Dreads wachsen und verliebte sich in die Message des Reggae. Auf meine Frage, was es bedeutete, damals als Rasta in Bratislava zu leben, lacht er kurz auf, wird dann aber nachdenklich. Heute sei es wesentlich einfacher als damals, erzählt er. Mit Dreadlocks galt man vor allem in der dominanten rechtsradikalen Szene als störend. Mehrere körperliche Übergriffe und gebrochene Rippen waren die Folgen. Hinzu kam die ständige Angst vor der Drogenpolitik der korrupten Justiz. Gras und Reggae, das gehört nun mal zusammen, soviel wusste sogar die Polizei. Nichtsdestotrotz blieb er aktiv und machte sich schnell einen Namen in der kleinen Szene.

 

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Währenddessen gründete Marc zusammen mit Dany, Boris Bašista und Erik Šulc, einem schon relativ bekannten Straßenmusiker aus Bratislava, eine erste richtige Band. Musikalisch gab es keine wirkliche Richtung, wie wahrscheinlich 90% aller Schülerbands spielten sie Cover. Erik war schon länger in der Musik-Szene aktiv und kannte den damals noch als DJ auftretenden Pokyman. Die restliche Band war fasziniert von ihm, seine Texte, sein Auftreten und sein Aussehen standen im krassen Kontrast zum durchschnittlichen konservativ-nostalgischen Zeitgeist. „Plötzlich war da jemand der Texte auf Englisch schrieb und Patwa [Jamaicanischer Dialekt] sprach. Das hatte es bis dahin nicht gegeben“, erinnert sich Marc. Mit Pokyman kamen die Message, die Dreads und das bis dahin Einzigartige: Englisch/Slowakische Texte. Der Grundstein von Medial Banana, eine der ersten und bisher wenigen Reggae-Bands der Slowakei, war gelegt.

Anfangs spielte die Band kleinere Auftritte in den Bars und Clubs der Stadt. Außerdem nahmen  sie ihre Debut-EP „Naturally Lifted“ auf. Darauf: Ihr erster wirklicher Hit. „Horehronie“ ist die „experimentelle“ Interpretation eines damals bekannten Schlagers. Den Unterschied macht das Arrangement, Jamaica lässt grüßen, vor allem aber der Text: Mit „ Horehronie“ erschien 2011 einer der erste Weed-Songs der Slowakei. Die Drogenpolitik in der Slowakei ist streng, sehr streng. Marc erzählt, dass man schon mit geringen Mengen wie z.B. 0,1 Gram bis zu 12 Monate Bewährung bekommen kann. „Horehronie“ wurde ein kleiner Skandal, aber schon Voltair wusste: „Alle Künste sind gut, ausgenommen die langweiligen“.

Neben Reggae und Dancehall hielt Anfang des 21. Jahrhunderts auch ein weiteres Genre aus dem Westen Einzug in der Slowakei: Der HipHop. Auf dem Uprising unterhalte ich mich mit Moe von der Crew A.M.O., einem der ersten und einflussreichsten MCs des Landes. Als er Mitte der Neunziger anfing zu rappen, gab es keine HipHop-Szene. Er erzählt mir, dass man damals als slowakischer MC eher belächelt oder gar ausgelacht wurde: „They said, we were just copying black music and back then the people were really conservative. We were young and they did not take us seriously…“. Trotzdem machte er weiter und seine größte Stärke, der Freestyle, verschaffte im letztendlich den Durchbruch. „Right now there are seven big hip-hop groups, that make a lot of money“, grinst er.

Im Zuge seiner Karriere führte er außerdem eine Neuerung ein, die auch für Medial Banana von großer Bedeutung sein sollte: Rap mit Live Band und Reggae-Einflüssen. Um die Arbeit mit einer Reggae-Band auf der Bühne zu lernen, ging er 2007 sogar nach Jamaica. Er begann, mit der tschechischen Band United Flavor zusammenzuarbeiten, und das neue Projekt wurde zum Erfolg. Auftritte auf großen Festivals, Radiohits und ein Major-Deal mit Universal waren die Folgen. Als die Zusammenarbeitet abrupt endete, wurde er über seinen Freund Pokyman auf eine kleine, aufstrebende Band in Bratislava aufmerksam: Medial Banana.

„Und plötzlich standen da diese beiden Rapper bei uns im Proberaum.“ Marc lacht. „Mann, wir waren einfach nur ein paar Jungs, die grade ihr Instrument halten konnten, aber das waren Stars“. A.M.O. gefiel, was sie hörten und machten einen Deal, das Projekt „A.M.O. & Banana Band“ war geboren. Zusammen tourten sie durchs ganze Land, als Vorband spielte Medial Banana, unter anderem auch 2011 zum ersten Mal auf dem Uprising.

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Der Absprung in die Professionalität und auch in den Mainstream war geschafft, bis heute hat Medial Banana drei Alben veröffentlicht und spielt auf jedem Festival der Slowakei. Indem sie die Botschaft des Reggae auf Slowakisch übersetzten, sind sie aus einer Nische der Underground-Szene Bratislavas ins Rampenlicht geraten. Ende 2012 musste Marc aus finanziellen Gründen die Slowakei und somit Medial Banana verlassen. Obwohl er jeden Tag schwarz auf dem Bau arbeitete, reichte das Geld, das er mit der Musik machte, nicht aus. Er wanderte aus, erst nach Österreich, dann nach Berlin, wo ich ihn Jahre später am Bahnhof Lichtenberg erstmals traf. Hier spielt er seitdem bei der Berliner Reggae-Band „Woodman Jam“.

2017 stehen wir zusammen vor der Mainstage des Uprising Festivals. Es gibt keinen Schatten, mit über 30 Grad brennt die Sonne runter und am frühen Nachmittag bin ich sicher nicht der einzige mit einem ordentlichen Kater. Natürlich sind weniger Zuschauer da als bei Sean Paul am Vorabend, trotzdem ist es vergleichsweise voll. Als mit Medial Banana die einzige slowakische Band die Mainstage entert, verändert sich die Stimmung. Hitze und Dehydration scheinen vergessen, Still-Stehen auch und es kommt mir vor, als könnte das ganze Publikum jeden Song und jedes Wort auswendig. Später sagt mir ein durchgeschwitzter Rasta aus Bratislava „..Medial Banana on Uprising, for us thats like coming home“. Ich verstehe, was er meint, und habe das Gefühl, Marc erst jetzt, nach dem Konzert, richtig zu kennen.

Was macht nun Medial Banana aus? Auf dem Uprising hört man, dass sie das sagen, was die Menschen hier denken. Sie singen über Jamaica, Sonne, Party, ein bisschen Politik und Weed – eben das, was jede Reggaeband macht – nur dass jeder Festivalbesucher sie hier verstehen kann, egal ob Englischunterricht oder nicht. Neben One Love und Babylon hat Medial Banana eine Message die Alpha Blondy, Sean Paul und all den anderen Stars fehlt: Wir gehören zu euch und ihr gehört zu uns. Genau wie die Zuschauer und ich jetzt standen auch Marc, Pokyman, Dany und all die anderen mal hier unten vor der Main Stage und feierten als Zuschauer mit. Nur ein paar Jungs aus der Gegend, die den Wunsch hatten, dazuzugehören und selbst einmal dort oben zu stehen. Und siehe da, sie haben es geschafft.

 

 

Fotos:  Gaspo photography

Zeichnung: Patrizia Straubhaar