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Manfred Krug und Günther Fischer

Der Sixties-Soul von Ostberlin

// Gunnar Leue 

Vor ein paar Monaten erzählte mir ein alteingesessener Kreuzberger, dem ein Plattenladen im Prenzlauer Berg gehört, von einem Skandal. Anlass war die Nominierung der Amiga-LP „Uschi Brüning und das Günther Fischer Quintett“ für eine Beste-Alben-die-keiner-kennt-Liste des deutschen „Rolling Stone“. Nicht, dass es die Platte von anno 1975 ins traditionell ostignorante Musikmagazin geschafft hatte, befand der Vinylfachmann als skandalös, sondern dass Amiga (beziehungsweise Backkatalogbesitzer Sony Music) sie noch nicht wieder veröffentlicht hat. Nun, immerhin sind jetzt andere Fischer-Platten aus jener Zeit neu auf dem Markt, genau gesagt die Amiga-LPs I bis IV von Manfred Krug und dem Günther Fischer Quartett: „Das war nur ein Moment“, „Ein Hauch von Frühling“, „Greens“ (mit internationalen Standards) sowie „Du bist heute wie neu“ aus den Jahren 1971 bis 1976.

Dass der im Oktober 2016 verstorbene Schauspieler Manfred Krug nebenbei Sänger war, hatte das breite Publikum im Westen erst mitbekommen, als der sich in den Neunzigern immer öfter mit Kollege Charles Brauer durch den „Tatort“ trällerte. Swing-Standards, schön und gut, aber kein Vergleich zu den Liedern, die Krug vor seiner Ausreise aus der DDR gesungen hatte. Man muss keine posthume Lobhudelei anstimmen, nur so viel: Die Musik auf den vier Alben gehört teilweise zum Besten, was deutsche Musiker, die keine Scheu vor dem Normalhörer hatten, in jener Zeit hervorbrachten.

 

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Aus Liedern wie „Du bist heute wie neu“ oder „Wenn’s draußen grün wird“ perlt hinreißender Seventies-Sound. Großes Gefühl, soulig, kitschfrei und so weit weg vom DDR-Popmusikklischee wie damals Ostberlin von Motown Detroit. Dass so fesche Leichtigkeit, Alltagspoesie und musikalische Raffinesse tatsächlich aus den Amiga-Studios kam, verwundert heute fast noch mehr als damals. Diese einzigartige Mischung aus Jazz und Schlager, die in „Sonntag“ oder „Der Tag beginnt“ zum Vorschein kommt, hat nichts von ihrem Esprit verloren – und hält nebenbei die Erklärung parat, warum der aktuelle deutsche Stampfschlager so ist, wie er ist, sprich poesielos plump. Manfred Krug hatte nie ein Problem, sich selbst als Schlagersänger zu sehen. Auf die Frage nach seinen diesbezüglichen Vorbildern sagte er allerdings: lauter Jazzsänger.

Der gelernte Stahlarbeiter hatte früh ein Faible für Jazz, weshalb er auch den Rat seiner Gesangslehrerin ignorierte, seines begrenzten Stimmtalents wegen auf Jazzgesang zu verzichten. Einem hohen DDR-Funktionär folgte er gar mal mit einem Tonband voller Jazzhits bis ins DDR-Staatsratsgebäude, um ihm den Hass auf die amerikanische Musik auszutreiben. In den 1960ern stand er mit den Jazz-Optimisten Berlin auf der Bühne und betörte mit seinen Liedern und rezitierten Texten (nachzuhören auf dem Album „Jazz-Lyrik-Prosa”) das Publikum.

Es brauchte allerdings das Zusammentreffen mit dem jungen Fischer, um quasi das Genre des deutschsprachigen Schlagerjazz zu erfinden. Kennengelernt hatten sich beide Ende der Sechziger in der Big Band des DDR-Jazznestors Klaus Lenz. Krug war schon ein etablierter Star, auch als Sänger, während Fischer gerade sein Studium von Komposition und Arrangement an der Ostberliner Hans-Eisler-Hochschule absolviert hatte und nach avantgardistischer Jazzerei trachtete. Nachdem er Krug auf dessen Wunsch zwei Lieder geschrieben hatte, war die Kollaboration für ein Album schnell besiegelt. Natürlich sollte es ein englischsprachiges werden, denn „wir waren jung und wollten der Welt zeigen, dass wir was drauf haben“, wie Fischer, der seit 1997 hauptsächlich in Irland lebt, bei einem Gespräch rückblickend erzählt. Außerdem habe man sich von den Schlagerheinis in Ost und West, die quasi ein Monopol auf die deutsche Sprache in der populären Musik jener Zeit hatten, absetzen wollen. „Als wir beim staatlichen Label Amiga anklopften, bekamen wir zu hören: ‚Krug und der Jazz-Fischer? Um Gottes Willen, kein Mensch wird sich die anhören! Und dann noch in Englisch, nüscht is, versucht es in Deutsch und dann reden wir weiter.’“ Im Nachhinein sei er ziemlich froh, dass man sie zu deutschen Texte gezwungen hätte, sagt Fischer.

 

Eine kleine Motown-Exklave in Ostberlin! Der Ausbruch aus Amiga-Land klappte, das Publikum war begeistert

 

Seine Musik und Krugs Texte seien für viele Hörer zunächst gewöhnungsbedürftig gewesen – diese Verbindung von Schlager und Jazz, der das Elitäre total abging. „Das trieb uns richtig an: Wir machen was, das es in dieser Form noch nicht gibt. Wir wollten keine Tagesschlager, sondern uns einreihen in die Musik eines Ray Charles und Marvin Gaye.“ Eine kleine Motown-Exklave in Ostberlin! Der Ausbruch aus Amiga-Land klappte, das Publikum war begeistert und riss sich nach den Platten mit den ungewöhnlichen, einerseits nichtkonformen, aber auch nicht zu jazzig abgedrehten Liebesliedern. Im Studio erwies sich das Duo Fischer/Krug (begleitet von Topmusikern) als kongeniales Gespann, das durchaus Gefechte austrug. „Ich habe Krug manchmal kritisiert, weil ich mir den Gesang zum Teil noch mehr in Richtung Marvin Gaye oder Elton John wünschte. Ich war auch Fan von Blood, Sweat & Tears und wollte, dass Krug manchmal anders phrasiert. Jedenfalls konnten wir hart ringen, wenn im Studio etwas nicht passte. Krug hat sich von mir auch immer was sagen lassen, von anderen ja nicht. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis.“

Manfred Krug ist letztlich im Zuge der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann, die er in einer Petition mit anderen DDR-Künstlern kritisierte, 1977 nach Westberlin ausgereist. Zur Produktion des fünften Krug-Albums mit Günther Fischer kam es dadurch nicht mehr. Nur zwei, drei Lieder seien bis dato aufgenommen worden, sagt Fischer, von denen der Titel „Morgen“ wohl heute immerhin im Internet kursiere.

 

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Zudem kamen die vier LPs, die zuvor trotz hoher Auflagen für teilweise abnorme Summen schwarz gehandelt wurden, auf den Index. Die wenigen Restposten wurden sogar eingestampft. Nicht nur aus politischen Gründen, sondern weil sie im Presswerk Babelsberg die Pressmasse brauchten.

In der Bundesrepublik stießen die Sangeskünste des übergesiedelten Ost-Stars – bis zu seiner Rolle als singender „Tatort“-Kommissar – auf wenig Begeisterung. Das 1979 von Peter Herbolzheimer produzierte Album „Da bist du ja” (mit Caterina Valente und Joy Fleming) erhielt zwar Kritikerlob, floppte aber beim Publikum. Fischer produzierte derweil von der DDR aus Filmmusik unter anderem für Hollywood, beispielsweise zum Film „Just a Gigolo“ mit David Bowie und Marlene Dietrich. 1993 kam es zum Bruch zwischen den Freunden, als Krug nach Einsicht in seine Stasiakte den einstigen Partner bezichtigte, ihn vor der Ausreise fürs MfS bespitzelt zu haben. Was Fischer vehement abstreitet.
Zu einer Aussprache zwischen den beiden Männern ist es bis zum Tod von Manfred Krug offenbar nicht mehr gekommen. Jedenfalls sagt Fischer, dass ihm eine Versöhnung nur möglich gewesen wäre, „wenn er sich für die Wunden, die er meinen Kindern, meiner Frau und mir zugefügt hat, entschuldigt hätte“. Aus dem Grund habe er auch die von Manfred Krug nach der Jahrtausendwende gewünschte Wiederaufnahme der Zusammenarbeit nicht gewollt. Damals gab es auch von Veranstalterseite immer wieder lukrative Angebote für Reunion-Konzerte, die gerade von den alten Fans im Osten sehnlich erhofft wurden.

Wie bedrückend die Nachwirkung der Geschichte für alle Seiten war, zeigte sich offenbar vor einigen Monaten am Rande eines Konzerts bei einer Begegnung von Fischer mit Krugs Witwe Ottilie und Tochter Fanny. Dabei sind wohl etliche Tränen geflossen, vielleicht die einer Versöhnung, in welche Richtung auch immer.

Neben dieser dunklen Seite im Verhältnis von Günther Fischer und Manfred Krug bleibt vor allem, dass die beiden Männer vor über vier Jahrzehnten ein außergewöhnliches Musikerduo bildeten. Das belegen die neu veröffentlichten Alben genauso wie den außergewöhnlichen Humor von Krug. Zu denen Alben gehörte nämlich auf der Hülle traditionell auch ein Interview mit dem Sänger von einer gewissen Isa Karfunkelstein, hinter der niemand anders als Krug selbst steckte. Sie hatten also auch noch ein eigenes Plattentextgenre – Krug interviewt sich selbst – erfunden.

 

 

Headergrafik: Patrizia Straubhaar