SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial, Animal Collective, Malen nach Tieren

Malen nach Tieren

Animal Collective

Dieser Zoo findet auf jedem Album eine neue Lücke, in die er springen kann. Auch auf seiner aktuellen CD „Play With“ versteht sich das Animal Collective auf die hohe Kunst des lustvollen Selbstneuerfindens.

//Wolf Kampmann

Das Animal Collective aus Baltimore ist eine der ungewöhnlichsten Bands des Universums. 1999 von den Multiinstrumentalisten David Porter aka. Avey Tare und Noah Lennox – auch bekannt als Panda Bear – gegründet und kurz darauf von Brian Weitz und Josh Dibb zum Quartett ergänzt, genügt es der Band nicht, die einmal definierte Plattform zu verteidigen und auszubauen, sondern sie erfindet sich von Album zu Album komplett neu.

Im Triangel von Folk Music, Alternative Pop und elektronischer Musik treffen sie immer wieder neue Verabredungen, nicht zuletzt auch personell. Mal, wie auf ihrem letzten Album „Centipede Hz“ sind sie komplett als Quartett zugange, zuweilen treten sie auch nur in variablen Duos an. Ihre neue CD „Paint With“ haben sie im Trio eingespielt.

Die Fans des Animal Collectives haben selten Gelegenheit, sich lange genug auf den Sound der Band einzulassen. Kaum hat man sich an eine als neu empfundene Signatur gewöhnt, ist das Kollektiv schon wieder ganz woanders.

Seine neue CD „Paint With“ klingt indes wie ein Querschnitt der animalischen Errungenschaften von Anbeginn bis heute. „Man kann nicht leugnen, wer man ist“, bestätigt Noah Lennox. „Egal was du tust, es wird stets Spurenelemente geben, die wiedererkennbar sind. Ich würde die neue CD nicht als Querschnitt bezeichnen, aber wir entkommen einfach nicht uns selbst.“ Bevor sie eine neue Platte machen, so Lennox weiter, gebe es immer viel Diskussionsbedarf. Manches würde sich daraus entwickeln, anderes bleibe auf der Strecke.

Malen nach Tieren

Das Vorgängeralbum „Centipede Hz“ war randvoll mit Informationen. Lennox seufzt. „Wir waren zu viert und jeder war für sieben unterschiedliche Sounds pro Song zuständig. Die neue CD wollten wir wesentlich minimalistischer halten und uns wieder mehr auf die Songs konzentrieren. Wir sind nur noch zu dritt, so war es leichter, uns an unser Motto ‚Weniger ist mehr’ zu halten.“

Neu war auf „Paint With“ vor allem die Aufgabenteilung. Panda Bear und Avey Tare haben sich die Vocal Parts geteilt. Das allein wäre nicht gerade umwerfend innovativ, aber die beiden haben sich eben nicht in zwei, sondern sehr kleinteilig in einen einzigen Vocal Part geteilt. Das ist umso erstaunlicher, als sich die Bandmitglieder des Animal Collectives zueinander verhalten wie die späten Beatles. Vier unabhängige Künstler, die auf unterschiedlichen Levels zusammenarbeiten. Tatsächlich wurden die Songs nicht im Kollektiv, sondern separat komponiert.

Bestimmte Ausdehnungen und Vereinfachungen auf „Paint With“ hatte Lennox schon auf seinem Soloalbum „Panda Bear Meets The Grim Reaper“ ausprobiert. Obwohl der Unterschied zwischen den beiden CDs aus der Hörerperspektive weitaus geringer ist als beispielsweise zu früheren Alben des Animal Collectives, ist es für Lennox durchaus erheblich, ob er nun für die Band schreibt oder für sich selbst. „Wenn ich an einem Song für mich selbst sitze, muss ich von Anfang an alle Komponenten bedenken. Schreibe ich einen Song für andere Menschen, muss ich ihn immer unbeendet lassen, damit die anderen auch noch ihre Perspektive beisteuern können.“

Da drängt sich freilich die Frage auf, was es für Perfektionisten wie das Animal Collective, die an jedem kleinsten Detail bis zum Exzess feilen, überhaupt heißt, etwas zu komplettieren. Viele ihrer Songs klingen wie perfekte Torsi, die erst in der Imagination des Hörers komplettiert werden. „Das ist eine Sache des Gefühls“, antwortet Lennox so nüchtern, als wäre es eher eine Frage der Statistik. „Wenn es nichts mehr gibt, das du dramatisch ändern willst, dann ist ein Song fertig. Das Thema kommt dann erst wieder beim Mix hoch. Aber irgendwann musst du eine Entscheidung treffen. Und die fällt eher emotional als analytisch.“

Überhaupt hebt sich bei einer Band wie dem Animal Collective, die immer neue Lücken besetzt, der klassische Songwriting-Prozess weitgehend auf. Elvis Presley nahm einen Song wie „Hound Dog“ einfach 30 Mal hintereinander auf, bis die perfekte Version im Kasten war. Bei Lennox und Co. ist es ein endloser Prozess von Planung, Prä- und Postproduktion.

„Jedes Stück hat bei aller Hyperperfektion und Überproduktion sein eigenes Leben“, erklärt der Panda. „Es gibt immer einen essenziellen Take des Songs, von dem wir ausgehen und den wir weiter entwickeln. Das ist sozusagen das Ei, aus dem der Song kriecht. Es beschreibt die menschliche Interaktion zwischen den Mitgliedern der Band. Als Leitfäden dienten tatsächlich Demos von den Songs. Wir brauchen einen präzisen Bauplan, nach dem wir unsere Sounds Stück für Stück im Computer zusammensetzen. Normalerweise machen wir das live. Die Demos ersetzten diesmal die Performance.“

Die Reise der Band von der Gründung bis heute geht vom Ausgangsbahnhof „Emotion“ zu einem Ziel, das sich vage mit „Abstraktion“ beschreiben ließe. Jede Platte ist ein temporäres Etappenziel. Direkte Gefühle werden immer stärker in abstraktere Aggregatzustände von Befindlichkeit übersetzt. „Sicher schließen wir Gefühle nicht aus“, moniert Lennox. „Das Wort Gefühl aber kann auf sehr unterschiedliche Weise interpretiert werden. Jeder in der Band hat einen unterschiedlichen Zugang dazu. Es würde also keinen Sinn ergeben, Gefühl eindimensional auszulegen. Menschen verändern und entwickeln sich weiter. Wir definieren uns ja nicht nur über unsere Gefühle. Was immer in meinem Leben und meinem Gesichtsfeld passiert, ist für mich wichtig.“

Um seine eigene Nische zu behaupten, lässt sich das Animal Collective nur selten von anderen Bands beeinflussen. Es sind eher gesellschaftliche Zusammenhänge oder die Zufälle des Alltags, die Zugriff auf die variable Ausdruckspalette der Band haben. Was einmal gesagt wurde, steht im Raum. Warum es also erneut aufwärmen? Es geht der Band immer um eine genuine musikalische Aussage. Um einen Platz, der weder von ihnen selbst noch von anderen besetzt wurde. „Viel öfter lassen wir uns von Bildern, Klängen, Tieren oder Beziehungen beeinflussen. Gerade Beziehungen sind uns wichtig. Beziehungen finden ja nicht nur zwischen Partnern statt, sondern auch zwischen Freunden. Menschen, die man auf der Straße in unterschiedlichen Umgebungen beobachtet, bringen mich auf bestimmte musikalische Ideen.“

Dieses Beziehungsmoment drückt sich ja nicht zuletzt in der Entscheidung aus, aus zwei Gesangsparts einen zu machen. Mit ähnlichen Ideen spielte Noah bereits auf seinem letzten Panda Bear-Album. Die Idee selbst geht ja auf Opern und andere klassische und archaische Musikformen zurück. Es taucht auch im Call and Response der Gospel Music und Work Songs auf. Noah findet Entsprechungen im Händeklatschen des Flamenco. Doch die Art der Kombination ist neu. Bei allen stilistischen und konzeptionellen Wechseln der Band ist diese flexible Verabredung zwischen traditionellen Formen der musikalischen Kommunikation und neuen Produktions- und Montagetechniken das besondere Charakteristikum, das sich durch das bisherige Gesamtwerk der Band zieht.

Doch wenn es um Beziehungen geht, fragt sich, welche Art Zoo das Animal Collective überhaupt ist. „Da kommen persönliche und andere Faktoren zusammen“, referiert Lennox. „Manchmal sind die Ideen vor den Musikern da. Dann kommt es darauf an, wer für die jeweilige Idee gerade bereitsteht. Mal stehen alle vier Musiker hinter der Idee und dann auch mal nur zwei. Im Fall von ‚Paint With’ waren es eben drei. Ein Teil unserer Geschichte besteht darin, dass wir schon alle individuell Musik gemacht hatten, bevor wir als Band zueinander fanden. Diese Individualität der einzelnen Komponenten zieht sich durch unsere Band-Laufbahn. Jeder will sich selbst verwirklichen. Wir kommen so zusammen, wie es sich jeweils richtig anfühlt. Auf diese Weise vermeiden wir Routine. Dieser Zyklus fühlt sich für uns gut an. Willst du etwas voranbringen, muss du die Voraussetzungen ändern.“

Das Animal Collective gehört zu den wenigen Bands, die immer ganz am Anfang stehen. Auch „Paint With“ ist nur ein vorübergehendes Statement. Man darf gespannt auf den nächsten Zwischenstopp sein.

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