SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Leitartikel

Leitartikel

Pop = Populismus?

Zeiten ändern sich. Das ist nicht neu, nur in manchen Phasen ist es offensichtlicher als in anderen. Seit der Abschaffung der Machtblöcke in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und damit der Überwindung der Nachkriegsordnung hat es keine Umwälzung mehr gegeben, wie wir sie seit einigen Monaten mit dem Brexit-Votum in Großbritannien, der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten und dem Erstarken der AFD in Deutschland erlebt haben. Natürlich wäre es zu kurz gesprungen, wollte man den weltweiten Rechtsruck allein auf diese drei Fanale beschränken. Der von breiten Schichten der Bevölkerung tolerierte Abbau der Demokratie in Polen und Ungarn, der Erfolg rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen in den Niederlanden und Frankreich, der unverhohlene Machthunger von Recep Erdogan in der Türkei, die Muskelspielereien Wladimir Putins in Russland – wohin man auch blickt, überall scheint das Bedürfnis nach einer starken Hand um sich greifen. Die Kunst bleibt davon nicht unberührt.

//Wolf Kampmann

POPulismus

Bis Ende 2016 war Donald Trump eine groteske Bedrohung, eine überzogene Karikatur seiner selbst, jetzt ist er eine Tatsache. Er ist nicht nur da, sondern er ist demokratisch legitimiert, genau wie Putin und Erdogan. Griffige Parolen waren es, die ihn zu seinem eigenen Erstaunen an die Spitze des mächtigsten Staates der Welt katapultiert haben. Donald Trump ist ein Populist. Und er ist ein Popstar, genau wie Boris Johnson in England oder Geert Wilders in den Niederlanden (man vergleiche allein die Frisuren der drei Politiker). Manch einer geht so weit, Trump als Punk zu bezeichnen, weil er mit allen Regeln bricht. Schlechte Zeiten in der Politik sind gute Zeiten für die Kunst, tönt es aus allen Rohren. Sollen wir uns damit zufrieden geben?

Zumindest stellt sich die Frage, was hinter alledem steckt. Lässt sich das wirklich auf das simple, alte Rechts-Links-Schema reduzieren, das uns vom 19. Jahrhundert vererbt wurde? Die Gesellschaft ist komplexer geworden. Globalisierung vereinfacht, denn sie passt weltweit Strukturen an. Diese Vereinfachung betrifft nicht zuletzt auch den Austausch unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Sprachen. Doch sie verkompliziert auch den Alltag, denn die daraus resultierende offene Gesellschaft verändert die gewohnten sozialen Biotope. Es gibt keine einfachen Erklärungen dafür, wie Demokratie funktioniert, wie Flüchtlingsströme zustande kommen, auf welchen Säulen unser vermeintlicher und tatsächlicher Wohlstand beruht. Wer kann schon noch erklären, wie seine Rente einst berechnet werden wird? An den latenten Existenzängsten und daraus resultierenden Verteilungskämpfen hat sich seit Anbeginn der Menschheit kaum etwas geändert. Wie auch? Es reicht nicht mehr, das globale Ungleichgewicht mit den Folgen des Kolonialismus zu begründen und auf Völkerwanderung, Kolonialisierung und Industrialisierung zu verweisen. Je undurchdringlicher das soziale und wirtschaftliche Räderwerk für den Einzelnen ist, desto größer wird sein Verlangen nach einfachen Antworten, weil sie nichts anderes verheißen als schnelle Lösungen. Einfache Antworten auf komplexe Sachverhalte – der Gong für den Auftritt der Populisten.

Populäre Kultur, kurz Pop, und Populismus haben einen gemeinsamen Wortstamm. Er leitet sich aus dem lateinischen Wort „populus“ ab. Volk. Nun wäre es sicher ein gewagter Umkehrschluss, wollte man der Popkultur unterstellen, sie sei völkisch. Natürlich ist sie das nicht. Aber Kunst ist immer ein Spiegel der Gesellschaft und somit auch ein verlässlicher Katalysator aller gesellschaftlichen Haltungen und Meinungen. Umso verständlicher, dass Inhalte, Form und Vermittlung von Kunst immer Teil unserer Wertedebatte sind.

Der Kampf um die Meinungshoheit in der Kunst ist nicht neu. Zu allen Zeiten hatten Künstler die Narrenfreiheit zu sagen, was an anderer Stelle nicht geäußert werden durfte. Der Künstler war dem Rest seiner Umgebung immer ein Stück voraus. Aber er lief auch Gefahr, geköpft zu werden, wenn er sich mit seiner Meinung zu weit aus dem Fenster oder in diesem Fall unter das Fallbeil wagte. Zensur ist keine Erfindung von Tyrannen, auch in Demokratien ringen Zensoren um das Reinheitsgebot der Kunst. Das führt zu Auswüchsen wie der paranoiden Kommunistenhatz in der so genannten McCarthy-Ära, von der in erster Linie Filmschaffende im damals als liberal verschrienen Hollywood betroffen waren. Freiwillige Selbstkontrolle, der Parental Advisory oder Quotenregelungen wie in Frankreich sind derzeit gemäßigtere Werkzeuge, um das die staatliche oder halbstaatliche Kontrolle über den künstlerischen Output und seine Verbreitung nicht aus der Hand zu geben. Ob Donald Trump und seine Parallelerscheinungen nur eine kuriose Episode der Weltpolitik sind oder wir eine Epoche später von Trumpismus werden reden müssen, wird sich in den nächsten Monaten herausstellen.

Dass staatliche Sanktionen oder ein Bann seitens Interessenverbänden oder Religionsgemeinschaften den betreffenden Künstlern zu zusätzlicher Popularität verhelfen können, haben wir in der Vergangenheit oft erlebt. Eine mittelmäßige DDR-Rockband wie die Klaus Renft Combo zehrte über Jahrzehnte vom Nimbus, ein Sprachrohr der Opposition zu sein. Ein nur Eingeweihten bekannter Künstler wie Wolf Biermann wurde erst durch seine Ausweisung aus der DDR zum Volkshelden, Schriftsteller wie Salman Rushdie oder Alexander Solschenizyn erlangten ihre Popularität nicht unwesentlich durch die religiösen oder staatlichen Repressionen. Einige wenige Pop-Künstler bezahlen ihr Engagement auch mit dem Leben, wie zum Beispiel der chilenische Song-Poet Victor Jara. Und die Rolle von Kunst und Kultur im Propagandaapparat des Dritten Reichs, aber auch als Katalysator des Widerstands gegen selbiges füllt ganze Bücher.

Political Correctness

Populistische Tendenzen in der Kunst sind so alt wie die Kunst selbst, da Kunst ja immer nur dann funktioniert, wenn sie die Befindlichkeit des Einzelnen in der Masse aufgreift. Es gibt wohl keine künstlerische Sparte, die ohne Vereinfachungen und Klischees auskommen würde. Vom Film bis zum Ballett, vom Gemälde bis zum Song, vom Gedicht bis zum Graffiti drückt Kunst immer die Verhandlung des individuellen Schöpfungswillens mit der Erwartung der Masse aus. Kunst im leeren Raum hat keine Überlebenschance. Die Schöpfung allein zählt nicht, der kreative Akt wird erst durch die Rezeption im Adressaten zur Kunst. In der griechischen Tragödie finden wir bereits dieselben Archetypen wie in der heutigen Kunst.

Der Grat zwischen der offenen Auseinandersetzung mit Wahrnehmung und Empfindung auf der einen und Statements, die als diskriminierend wahrgenommen werden, auf der anderen Seite, ist schmal. In einer pluralistischen Gesellschaft ist es nahezu unmöglich, sich zu positionieren, ohne jemandem auf die Füße zu treten. Was ist also tolerabel und was nicht? Da sich der Wert von Popkultur nicht zuletzt an ihrer Aneignungsgeschwindigkeit misst, bedarf sie im Normalfall möglichst leicht verdaulicher Botschaften und ist somit umso anfälliger für Klischees und Verallgemeinerungen.

Das Ringen um die Definition des moralischen Reinheitsgebots in der Kunst findet auf vielen Ebenen statt. Auswüchse populistischer Tendenzen in der Popkultur in Form von rechtskonservativen, sexistischen, nationalistischen, xenophoben oder homophoben Äußerungen finden ihren Gegenpart im vorauseilenden Gehorsam, zum Beispiel in Form der weltweit um sich greifenden Political Correctness. Denn wo die Aussagen selbst Verunsicherung stiften, verlegt man die Auseinandersetzung von der Inhaltsebene auf die Sprachebene. Was darf wie gesagt werden und was nicht?

Wie schnell man zum Opfer von moralischem Übereifer werden kann, ohne dass auch nur ansatzweise eine verletzende Äußerung vorliegt, musste Ende 2004 die deutsche Band Juli erfahren. Mit ihrem Song „Perfekte Welle“ hatte sie einen riesigen Sommerhit gelandet. Ein unverfängliches Liedchen mit eingängiger Hook. Als am 26. Dezember desselben Jahres ein Tsunami im Pazifik mehrere hunderttausend Menschen in den Tod spülte, wurde der Song plötzlich von zahlreichen Radiosendern aus der Rotation genommen. Angeblich war sein Text für die Opfer der Riesenwelle verletzend. Absurder geht es kaum. Zumal dieselben Radiosender keinerlei Problem haben, beispielsweise einen Propaganda-Schlager des Dritten Reichs wie „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn“, egal ob in der Version von Zarah Leander oder Nina Hagen, unhinterfragt zu spielen. Der Band blieb aus purem Überlebenswillen am Ende nichts übrig, als die Maßnahme gegen den eigenen Song öffentlich zu legitimieren.

Wenn es darum geht, die öffentliche Meinung ins Feld zu führen, um Einzelmeinungen jenseits der Mitte im Zaum zu halten, ist die Political Correctness immer ein beliebtes Mittel. Das ist umso bemerkenswerter, als es einen verbindlichen Sprachkanon weder gibt noch jemals gegeben hat. Die verbalen Verrenkungen, die zugunsten politisch unverfänglicher Benennungen unternommen werden, sind enorm. Das fatale „Innen“ zur Feminisierung männlicher Begrifflichkeiten in der deutschen Sprache ist nur eines von vielen traurigen Beispielen. Denn dabei geht es immer nur um die Form, niemals um den Inhalt.

Bei der Political Correctness folgt man immer noch dem mittelalterlichen Prinzip, dass der Überbringer der Botschaft geköpft wird. Als 1992 zahlreiche amerikanische Rapper bissig auf die Vorkommnisse der L.A. Riots reagierten, eines folgenschweren Aufstands der Black Community in Los Angeles aufgrund ausufernder Polizeigewalt gegenüber Schwarzen, wurden deren Lieder kurzerhand auf den Index gesetzt. Ice-T’s Song „Cop Killer“ kam aus Solidarität auch in Deutschland auf den Index, nicht etwa, weil er auf Gewalt reagiere, sondern weil er sie verherrlichen würde. Zu Recht fragte der Rapper, wer Filme mit Arnold Schwarzenegger indizieren würde, in denen reihenweise Polizisten gekillt würden. Die amerikanische Punk-Ikone Jello Biafra reagierte, indem sie auf Country Music umstieg, um so seine radikalen Inhalte in der politisch gewollten Form noch gezielter unters Volk zu bringen.

Camouflage

Populismus ist meist sehr plakativ, denn er hängt sich an Ängste und Vorurteile an. Es gibt aber auch recht subtile Methoden, sich sozialer Phobien und Befindlichkeiten zu bedienen. Eine beliebte Taktik, kritischen Künstlern den Wind aus den Segeln zu nehmen, ist die sogenannte Camouflage, was in diesem Fall soviel bedeutet wie Systemkritik zwecks Systemerhaltung. Im Gegensatz zur Political Correctness, die eine bewusste Entscheidung für oder gegen einen bestimmten Duktus voraussetzt, wirkt die Camouflage unterbewusst. Wir kennen sie aus der Kunst der DDR, wenn lapidare Probleme angesprochen wurden, um im Nachhinein behaupten zu können, die DDR-Kunst und -Kultur sei durchaus kritisch, ohne sich der Gefahr staatlicher Sanktionen auszusetzen. Dass es dabei nicht ans Eingemachte gehen durfte, wie Mauertote, Gleichschaltung der Kultur, Reiseverbot, latenter Militarismus, massive Einschränkungen der Meinungsfreiheit oder ein verschleiertes Einparteiensystem, durfte dabei freilich nicht ins Feld geführt werden.

DDR-Jazzmusiker erfreuten sich auf der ganzen Welt großer Beliebtheit. Sie waren kaum noch in Honeckers Staat zu hören, weil sie permanent im Westen Werbung für den ostdeutschen Arbeiter- und Bauernstaat machen sollten. Das Kalkül war so einfach wie erfolgreich. Mit der freien Improvisation, made in GDR, konnte man für die Freiheit der künstlerischen Äußerung in der DDR werben. Die Adressaten dieser Taktik waren vor allem westdeutsche intellektuelle Jugendliche. Was aus heutiger Sicht ebenso grotesk wie perfide anmutet, ging tatsächlich auf. DDR-Jazzer waren auf jedem westeuropäischen Festival gern gesehene Gäste. Der populäre niederländische Saxofonist Willem Breuker bezeichnete die DDR gar als „gelobtes Land der freien Improvisation“. Ein viel kolportierter und in der DDR gern gehörter Ausspruch.

Diese Taktik und Methode waren freilich nicht neu. Genau genommen stammten sie aus den USA der Eisenhower-Ära, und die hatten es womöglich sogar von der deutschen Wehrmacht. Als der Zweite Weltkrieg sich für die Deutschen zu wenden begann, sollen über Truppen der westlichen Alliierten Schallplatten mit deutschem Big Band Jazz abgeworfen worden sein, um kulturelle Verbundenheit zu demonstrieren. Diese Rechnung ging freilich nicht auf. Mit ungleich mehr Erfolg hat das amerikanische State Department schwarze Jazz-Musiker wie Louis Armstrong und Dizzy Gillespie während des Kalten Krieges in Richtung Ostblock und Naher Osten geschickt, um für seine Politik zu werben. Dafür wurde sogar eigens eine Abteilung im Außenministerium gegründet. Es war höchst makaber, dass diskriminierte schwarze Musiker in den 1950er Jahren in die Welt zogen, um in Krisengebieten für die Freiheit der amerikanischen Politik zu werben. Der Effekt wirkte allerdings in beide Richtungen, da Louis Armstrong so über ein Druckmittel verfügte, um Forderungen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung direkt an Präsident Eisenhower heranzutragen.

Viel größere Massenwirkung entfaltete die Camouflage-Taktik im Film. Speziell in den 1970er Jahren, als der amerikanischen Politik im In- und Ausland viel Kritik entgegengebracht wurde, produzierte Hollywood eine ganze Reihe von Filmen mit dezenter Systemkritik, die dennoch in erster Linie auf Unterhaltung und Stars setzten und am Ende eine dem Zeitgeist angepasste Version des „American Way of Life“ promoteten. Prominente Beispiele dafür sind Streifen wie „Der elektrische Reiter“ mit Jane Fonda und Robert Redford oder „Unternehmen Capricorn“ mit James Brolin und O.J. Simpson.

Ähnliche Tendenzen sehen wir heute bei medialen Massenveranstaltungen wie Grammy-Verleihungen oder dem Unterhaltungsprogramm der Superbowl, bei denen Stars wie Kendrik Lamar oder Beyonce auf Missstände in der amerikanischen Gesellschaft reagieren, ohne das System als solches zu hinterfragen, an dem sie ja letztlich selbst nicht unerheblich partizipieren. Kalkulierte Systemkritik, die sich – anders als Ice-T oder seinerzeit Country Joe McDonald und Gil Scott Heron – nicht über den Tellerrand des Konsenses hinauswagt, weil sie weder provoziert noch aufdeckt, sondern lediglich künstlerisch rekapituliert, was ohnehin schon in weiten Teilen der Öffentlichkeit akzeptiert ist.

Nichts anderes ist es schließlich auch, wenn die Gesichtszüge von Karl Marx oder Che Guevara zu Mode-Accessoires auf T-Shirts reduziert werden, ohne dass sich der Träger mit ihren Inhalten oder identifizieren würde oder auch nur könnte. Die Coen Brothers karikieren dieses Phänomen auf sehr anschauliche Weise in ihrem Film „The Big Lebowski“, wenn Donny, gespielt von Steve Buscemi, bei der Erwähnung des Namens Lenin der Song „I’m The Walrus“ von John Lennon in den Sinn kommt.

Hedonismus

Die vordergründige Aufgabe von Popkultur liegt ganz bestimmt nicht im Protest. Da Popkultur in Form von Teilen der Counter Culture auch immer die Antithese ihrer selbst und somit im sozialen Raum die Gegenbewegung zu sich selbst ist, bis sich der jeweilige „Underground“ abermals in den Mainstream transformiert und von einer neuen Counter Culture unterminiert wird, ist es unmöglich, eine allgemeingültige Definition von Popkultur zu finden. Nicht zuletzt ist Popkultur immer das, als was sie sich selbst jeweils abbildet. Neben ihrer eigenen Mystifizierung und Mythologisierung besteht ihre wesentliche Funktion darin, den Menschen unabhängig von seiner Sozialisation im Alltag zu begleiten. Die Gleichsetzung mit Volkskultur im Sinne einer Kultur der niederen Schichten des Volkes mag um 1900 noch Sinn ergeben haben. Spätestens seit Andy Warhol kann Teilhabe an Popkultur auch ein sehr exklusives Unterfangen sein.

Pop ist in seinem Wesen zutiefst hedonistisch. Wollte man ihm überhaupt eine gesellschaftliche Aufgabe unterstellen, dann dass er den Alltag auf sehr kurzen Wegen angenehmer macht und von Sorgen und Problemen ablenkt, statt auf sie hinzuweisen. Zugespitzt ist Popkultur daher immanent populistisch. Sie ist über Massenmedien zugänglich, wird eher aktiv und passiv konsumiert als mittels kritischer Auseinandersetzung rezipiert, schafft Identifikation ohne inhaltliche Unterfütterung. Ihr jeweiliger Stellenwert ermittelt sich aus Charts, Einschaltquoten und Bestsellerlisten.

Die Telenovela oder Daily Soap ist längst eine Art Second Life geworden, in das man seine eigenen Probleme bequem auslagern und in dem man für das eigene Leben passende Lösungsansätze finden kann. Laiendarsteller kommen trotz mangelhafter schauspielerischer Leistungen gerade deshalb so glaubhaft rüber, weil sie zumindest vorübergehend nicht dem „elitären“ Starsystem angehören. Getreu dem Motto, wir alle sind nur Amateurschauspieler in unserem eigenen Leben. Das Auftreten von Laiendarstellern in TV-Gerichtsserien hat mittlerweile den Ablauf realer Gerichtsverhandlungen beeinflusst. In den USA wird der sogenannte CSI-Faktor registriert, der besagt, dass forensische Beweise aufgrund entsprechender Fernsehsendungen unter Geschworenen enorm an Bedeutung gewinnen würden.

Das Internet eröffnet noch ganz andere Möglichkeiten. Über Youtuber, also „Menschen wie du und ich“ wird Lebenserfahrung vorgegeben, die jederzeit und überall abrufbar ist und nicht durch einen eigenen Erfahrungshintergrund untermauert werden muss. Das ist nicht einmal wertend gemeint, denn schon in den 1970er Jahren hat ein Magazin wie die BRAVO Lebenstipps gegeben. Verändert haben sich lediglich das Medium, die Schnelligkeit des Zugriffs und das Gefühl der Teilhabe.

Mit anderen Worten, in einer Gesellschaft, deren Überforderungen für den Einzelnen immer eklatanter werden, erhöht sich verständlicherweise das allgemeine Bedürfnis nach Lenkung und Ablenkung. Das Eine geht mit dem Anderen einher. Die Trennlinie zwischen hedonistischer Harmlosigkeit und bewusster Beeinflussung über das scheinbar Unverfängliche ist nur sehr schwer auszumachen und mag zuweilen nicht einmal den Ausführenden bewusst sein. Was sich gut anhört, muss auch gut sein, wenn man den Gesetzen der Political Correctness folgt. Und was kritisch rüberkommt, muss auch kritisch sein, macht die Camouflage-Taktik unser Unterbewusstsein glauben.

Andererseits ergibt sich sogar unter dem Schirm konzentrierter bürgerlicher Wohlanständigkeit wie beim deutschen Schlager die Möglichkeit, gesellschaftlich heikle Themen aufs Tapet zu bringen. Alexandras „Mein Freund, der Baum“ war das weltweit erste Lied, das sich mit dem Thema Ökologie auseinandergesetzt hat, Bernd Clüwers „Mike und sein Freund“ trug den Umgang mit Homosexualität in die Wohnzimmer der deutschen Durchschnittsfamilie, und Udo Jürgens thematisierte unbeirrbar gesellschaftliche Vorurteile, Stigmatisierungen und Ausgrenzungen wie in „Dieses ehrenwerte Haus“ oder „Griechischer Wein“. Es geht also.

Popkultur ist nicht besser oder schlechter als jedes andere gesellschaftliche Phänomen. Sie birgt ebenso viele Chancen wie Gefahren. Kein Mensch lebt im luftleeren Raum, es sei denn, er zöge sich auf einen fernen Berggipfel oder in ein Baumhaus auf einer einsamen Insel zurück. Niemand wird gezwungen, Radio zu hören, ins Internet zu gehen oder sich Bücher und CDs zu kaufen. Und es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass am sprichwörtlichen Kneipentisch keine relevanten Gespräche geführt würden. Letztlich ist der Umgang mit den Erscheinungsformen von Popkultur ein Zeugnis demokratischer Mündigkeit jedes Einzelnen. Seien wir ehrlich, niemand ist gegen Populismus gefeit. Es lohnt sich deshalb, zweimal hinzuschauen. Denn eine jede Gesellschaft kann nur so demokratisch, pluralistisch und offen sein, wie ihre Protagonisten das zulassen.

Epilog: Ein guter Tag

Der Erfolg von Donald Trump, Boris Johnson oder Geert Wilders beruht nicht zuletzt auf deren Gabe, die Gesetze der Popkultur in die Politik zu übertragen und mit ihrem Gebaren das Gegenteil dessen zu suggerieren, wofür sie politisch einstehen. In der deutschen Populistenszene gibt es gottlob keine Figur mit ausreichendem Pop-Appeal. Dass ein Popsänger wie Xavier Naidoo durch seine populistischen Äußerungen erheblich an Glanz eingebüßt statt gewonnen hat, spricht für die Kraft des deutschen Pluralismus.

Die Popkultur kann sich vor politischen Problemstellungen nicht dauerhaft abducken, aber umgekehrt wäre es wünschenswert, wenn sich die Politik von den Spielregeln der Popkultur freihalten würde. Am 15. März dieses Jahres haben Wilders und Trump schwere Niederlagen hinnehmen müssen. Trump ist mit seinem zweiten Versuch baden gegangen, sein Einwanderungsgesetz durchzubringen, Wilders ist weit hinter seinen Erwartungen bei den niederländischen Parlamentswahlen zurückgeblieben. Das Ruder der Weltpolitik ist nicht noch weiter nach rechts herumgerissen worden, die Demokratie hat sich als stärker erwiesen.

Der 15. März 2017 ist ein schlechter Tag für Populisten. Er sollte als guter Tag für die Demokratie und für die Popkultur in die Geschichte eingehen.

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