SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Leader in the mix, Brigitte Biehl

Leader in the Mix

Wie DJs sich von Tänzern beeinflussen lassen

In Zeiten der Selbstinszenierung werden DJs oft als starke Leader wahrgenommen. Diese Sicht täuscht, denn die Party wird interaktiv und von Moment zu Moment gemeinsam mit den Tänzern geschaffen. Interviews mit DJs zeigen, was aus der Welt der Musik für die Politik und die Wirtschaftswelt gelernt werden kann, wenn es um Führung und Folgen geht: Leadership ist eine Beziehungssache.

//Brigitte Biehl 

Kaum ein Musikkünstler sieht auf den ersten Blick so unabhängig und selbstbestimmt aus wie ein DJ. Die Arme hingebungsvoll ausgebreitet, die dunklen Beats pumpen, die tanzende Masse in Ektase. Ein Jazzmusiker ist vollständig eingebunden in das Improvisieren mit der Band, ein klassischer Dirigent gestikuliert hochkonzentriert, um dem Orchester seine musikalische Vision zu entlocken. Der DJ hingegen wird landläufig als recht autonome Gestalt gesehen („God is a DJ“), wird in Publikationen mit einem Priester auf der Kanzel und einem „digitalen Schamanen“ verglichen, der als Medium die Masse führt. Ein DJ scheint zu bedienen, was das Tanzvolk will: Ekstase und Party, durch Sounds, die beliebt sind, und Moves, die anstecken – eine Art Populismus in Tönen. Beim Blick in die heutige politische und wirtschaftliche Welt stellen sich immer stärker Fragen, wer sich wie „bewegen“ lässt und welche alternativen Sichtweisen es gibt. Aber ist es wirklich so einfach, dass es einen starken Leader gibt, dem die Follower willenlos folgen? Wie stark ist zum Beispiel im Techno der Einfluss der tanzenden Masse? Anders gefragt, ist es wirklich so, dass einer führt, und die anderen nur folgen?

Der Schein des starken Leaders trügt. DJs fungieren als sexy Ikone in Hollywoodfilmen (“We are your friends”, mit Zac Efron). In Reality TV-Shows (“Your Shot” in Australien) wollen gut gebräunte Jugendliche, deren Worte nicht viel sagen, zumindest durch Töne sprechen und das Auflegen lernen. Magazine wie „Gala Men“ überlegen, ob man DJs nicht als „überbezahlte Knöpfchendrücker“ dissen oder vielmehr die Mechanismen der „bizarren Wachstumsbranche“ für den erfolgsorientierten und potenziell neidischen Leser ergründen sollte, damit sich der männliche Bürohengst von David Guetta, Tiësto oder dem mittlerweile finanziell unabhängigen, aber ruhebedürftigen Avicii ein Scheibchen Wirkung abschneiden kann.

Entgegen der heutigen Wahrnehmung steht die Tätigkeit eines DJs in einer Tradition, in der er als „menschliche Jukebox“ zunächst kaum eine Rolle spielte, die Tänzer ihm oder ihr auch gerne mal den Rücken zukehrten. Neben dem Trend zur Selbstinszenierung wird aber auch die musikalische Aktion zunehmend wertgeschätzt: Kürzlich hat das Finanzgericht Berlin-Brandenburg die Arbeit eines DJs als künstlerische Leistung anerkannt, bei der nicht nur Platten zur Unterhaltung aufgelegt werden, sondern eine zusammenhängende Performance geschaffen wird. Hier scheint mehr im Gange zu sein, als nur einfach gestrickte Bedürfnisse der Tanzfläche zu bedienen.

SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Leader in the mixFür ein wissenschaftliches Projekt wurden zwölf Techno-DJs vertraulich interviewt, die in Berliner Clubs wie Berghain, Tresor oder Sisyphos und international auflegen. Deshalb sind Zitate, die im Folgenden zu lesen sind auch anonymisiert. Ursprünglich stand die Frage im Mittelpunkt, was eine Führungsperson, genauer gesagt ein Manager, von einem DJ lernen kann. Der Ansatz, für die Managementforschung in die scheinbar so gegensätzliche Welt der Kunst zu blicken, mag überraschend klingen, ist aber nicht so ungewöhnlich. Die Wirtschaftswelt hat sich stark verändert. Im 21. Jahrhundert machen Kreativität, Selbstverwirklichung und zwischenmenschliche Faktoren sowohl in den Creative Industries als auch in traditionellen Branchen viel mehr den Erfolg von Unternehmen aus als mechanische Pflichterfüllung und Entlohnung als einziges Äquivalent für Arbeit. So hat sich die Managementforschung der Welt der Kunst zugewandt, um zu lernen, wie kommuniziert und innovativ gedacht wird bzw. wie Menschen motiviert und „bewegt“ werden.  Diese interdisziplinäre Studie über DJs zeigt, dass Menschen nicht nur folgen, sondern Leadership (Führung) in stetiger Beziehung zu den Followern (hier: Tänzern) steht, sich ständig ändert, andauernd verhandelt und somit gemeinsam geschaffen wird. Diese Beziehungsdynamiken aus der Welt der Musik bringen neues Verständnis für das wirtschaftliche und politische Leben.

Die Musik der DJs allein garantiert nicht die Qualität der Party. Es ist die Interaktion zwischen allen Anwesenden. Zwischen DJ und Tänzern besteht eine Beziehung, die sich ständig ändert. Das Verhältnis ist also ein relationaler Prozess. DJ-Urgestein Laurent Garnier sah seine Tätigkeit als einen Prozess, um „Masse und Energien zusammenzuschmelzen“. DJ Westbam sprach davon, „Menschen mit Musik zu mixen“.

Das Programming, also der Ablauf der Tracks, steht bei den untersuchten Sets nicht fest, sondern variiert permanent. DJs suchen in der Regel selbst die erste Platte spontan heraus, indem sie auf die Atmosphäre reagieren, die weiteren folgen. Die Atmosphäre ist für jede Situation besonders, woraus sich ein interessanter Gedanke ergibt. Kein Set, sollten auch alle Titel in derselben Reihenfolge wiederholt werden, wird an einem anderen Zeitpunkt das gleiche sein. Das zeigt auch das folgende Interview-Zitat: „Wenn alles durchgeplant ist, ist das Scheiße. Wenn ich irgendwo ein geiles Set gespielt habe, am nächsten Wochenende wieder spiele und mir denke, ich muss das Set nochmal spielen, weil das ja funktioniert hat, dann wird das eiskalt.“

Die Theaterwissenschaft weiß, dass dasselbe im Theater gilt: Obwohl der Text immer konkret feststeht, kann ein Auftritt scheitern und der andere bejubelt werden. Jede Professorin und jeder Dozent wird die leidvolle Erfahrung gemacht haben, dass eine gut vorbereitete Vorlesung zünden oder floppen kann – abhängig von der Verfassung der Anwesenden. Man stelle sich etwa auch eine bekannte politischeRede unter verschiedenen Umständen und Zeiten vor. Die Interaktion zwischen DJ und Tänzern wird bestimmt von dem, was die Theaterwissenschaft mit dem bedeutungsvollen Begriff „autopoietische Feedbackschlaufe“ bezeichnet: Die Bühne beeinflusst die Tanzfläche und diese beeinflusst den DJ als ständige atmosphärische Rückkopplung. Für diese Arbeit an der Atmosphäre legen DJs Wert auf Nähe: „Wenn ich auf einer hohen Bühne weit entfernt bin, fühle ich mich beobachtet und zu weit weg vom Dancefloor. Ich kriege dann die Stimmung nicht so gut mit.“ Das bekannte Boiler Room-Prinzip visualisiert auch sehr gut, wie DJs umringt von den Tänzern arbeiten. DJs erspüren also, wie es dem Publikum geht, um entsprechend zu reagieren: „Dusiehst und spürst am Tanzen und an der Atmosphäre, wie du dein Programm anziehen oder auch mal wieder abbauen kannst, wenn du zu sehr angezogen hast. Zum Beispiel fährst du Techno, der ist heftig. Ja, dann merkst du, ok, da sind jetzt ein paar müde. Du fährst dann wie mit so einem Aufzug nach unten. Du bringst sie dann auf eine ganz andere Stufe. Anstatt hoch geht’s dann runter.“

In dieser Aussage wird das Bemühen deutlich, auf die Stimmung der CrowdSPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Leader in the mix, Brigitte Biehl einzugehen, nicht um des bloßen Effekts willen, sondern konstruktiv für die gemeinsame Party. Diese interaktive Beziehung zwischen Publikum und DJ-Booth wird nicht durch Worte, sondern hauptsächlich durch Bewegung und die Atmosphäre beeinflusst. Das bedeutet, dass beide Parteien auf die Bewegung der jeweils anderen reagieren. Tanzwissenschaftlich spricht man von kinästhetischer Empathie, also Einfühlung in Bewegung und die Atmosphäre im Raum. DJs sehen ihre Arbeit als tänzerisch, Spruch „Never trust a DJ who doesn’t dance“, drückt ebenfalls aus, dass Tanzende Bewegung und Überzeugung vom DJ erwarten. Was„Clown“, „Hampelmann“) mit ausgebreiteten Armen („Eher lasse ich mich erschießen“, „Bin doch kein Dienstleister“). Gern gesehen und sofort vom Publikum in den vorderen Reihen nachgeahmt werden kleinere Gesten und Tanzbewegungen, etwa eine Welle mit den Armen. DJs bemerken dies natürlich, sehen sich aber als „zu schüchtern“ und „zu bescheiden“, um das ständig zu wiederholen, und haben auch aufgrund des Mixens – und manchmal auch aus Verlegenheit – die Hände hauptsächlich an den Geräten, Schiebern und Knöpfen. Das Drehen von Vinyls zwischen zwei Händen machen jene, die Platten spielen, recht gerne. Durch Bewegungen wird die Beziehung zwischen beiden Seiten verhandelt, wobei DJs bisweilen eine Erwartungshaltung spüren, die sie aber ablehnen: „Also das mit den Armen hoch und runter geht bei mir überhaupt nicht. Das sind immer diese jungen Mädels, die standen da vorne und dann [sagen sie:] ,ey geiler DJ, super, was du gespielt hast, aber wenn du mich das nächste Mal nicht anguckst, dann kannst du zuhause bleiben.’ Die wollen angeleitet werden. Aber darum geht’s eigentlich nicht.“

Unabhängig vom „Flow“ der Tanzsituation kann es dem DJ auch darum gehen, Erwartungen zu steigern, indem Ansprüche nicht in jedem Fall bedient werden. Führung hat auch damit zu tun, Menschen herauszufordern, was zumindest die Managementforschung länger schon diskutiert hat. Ein DJ fordert das Publikum heraus, indem die Musik auch mal vom Erwarteten abweicht, wie ein Künstler differenzieren konkret von bewegungslosen Künsten wie Malerei. Der bekannteerklärt: „Also der erzieherische Faktor ist auch wichtig. Wenn es die Platte gibt, die mich total fesselt, dann bringe ich sie natürlich auch ein. Auch wenn ich weiß, dass man dazu vielleicht nicht tanzen kann.“ Es ist dann dem Publikum überlassen, etwas Neues zu erleben, eine neue Situation zu erschaffen. So erklärte ein DJ, er spiele im Berghain gerne einen Mix von Marilyn Manson’s “Beautiful People”, auch um die die interviewten DJs jedoch verachten, ist die Pose der Stadion-DJs (Situation zu verändern: „Ich will sie alle headbangen sehen, und es ist super. Ich muss immer mal etwas anderes spielen, sonst wird es langweilig.“ DJs riskieren dann auch bewusst, dass einige der Leute dann nicht mehr tanzen.

Ein DJ ist nichts, wenn die Leute nicht tanzen. Auch ein Manager ist nichts, wenn keiner arbeitet. Selbst ein Politiker hat keine Macht, wenn niemand folgt. Oder keiner kommt. Man denke an das deutlich sichtbare Fernbleiben der Massen bei der Inauguration Donald Trumps. Da helfen auch keine „alternativen Fakten“ zur Erklärung. Wer keine Worte hat, weil man ihn nicht hört, sei es als Tänzer, Mitarbeiter oder Bürger, kann sich zumindest verweigern oder gehen. Der Einzelne muss sich nicht „bewegen“ oder führen lassen, sondern kann auch stehenbleiben. DJs versuchen nicht nur, die Masse durch ausgetretene Musik und ausgebreitete Arme zu bedienen. Vielmehr bringen sie neue, unerwartete Töne und reagieren auf die Tänzer, die die Stimmung auch ohne Worte maßgeblich beeinflussen. Ein guter Künstler arbeitet mit der Atmosphäre, um etwas Gemeinsames zu erschaffen.

 

SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Leader in the MixDie Managementforschung und -praxis hat bereits erkannt, dass eine Führungsperson ein Gespür für Stimmung, Atmosphäre und Energie benötigt, um mit Menschen gut zusammenzuarbeiten. So nehmen Manager mittlerweile auch häufig an künstlerischen Workshops teil, um nicht nur technisches, sondern auch menschliches Gefühl für Kooperation zu bekommen. Politiker haben klassischerweise ein ausgeprägtes Ohr für die Stimmung des Volkes, wobei auch ihnen zusehends der Vorwurf gemacht wird, sie hätten den „Kontakt verloren“. Hier ist es wichtig, die gegenseitige Abhängigkeit zu sehen und auch den nicht so einfach identifizierbaren Einfluss der Einzelnen. Führen und Folgen bedingen einander. Die Perspektive des Tanzens macht, etwas philosophischer, deutlich, dass Ordnungen und Strukturen nie bleiben, sondern immer flüchtig und in Bewegung sind. So wie sich auch eine Tanzfläche ständig bewegt und ändert. Es ist nötig, von der durchweg ideologischen Perspektive der „großen“ und meist männlichen Führungsperson wegzukommen. Wenn man eine differenziertere Sicht annimmt, sieht man, dass nicht einer führt und andere folgen, sondern dass Menschen ihre Interaktion und ihre soziale Ordnung beständig verhandeln. Dies wertzuschätzen öffnet den Blick für eigene Verantwortung und für mögliche Veränderung.

Mehr von Brigitte Biehl zum Thema, was selbst Professoren von DJs lernen können.

Dank für die Beteiligung an der Durchführung der Interviews gilt Paulina Kleingarn.

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