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Killer vs. Killer

Die Eastcoast-Westcoast-Battle und ihr Einfluss auf den heutigen Rap  

// Paul Mühlbauer

Nachdem Suge Knight (damals noch Bodyguard und bekanntes Mitglied einer Bloods-Gang aus Compton) Eazy-E mit seiner Gang aufsuchte und ihn zwang, Dr. Dre, angeblich unter lebenslanger Abgabe eines prozentualen Anteils von Dres Einkommen, aus seinem Vertrag bei Ruthless Records zu entlassen, gründeten sie gemeinsam das Label Deathrow. Eazy-E wurde von Dre und Snoop Dogg auf dem Song „Fuckin With Dre Day“ gedisst, was E kränkte, da er und Dre zuvor langjährige Freunde und gemeinsam zwei sehr entscheidende Figuren bei NWA waren. Daraufhin legte sich Eazy-E mit Suge Knight an, disste Dre und Deathrow mehrfach zurück und erteilte Dre ein Verbot nach Compton zurückzukehren, welches das oftmals erwähnte Zentrum der vorhergegangenen NWA-Rapgruppe war. Dre und Eazy kamen jedoch noch zu gegenseitigem Einverständnis, bevor Eazy-E im März 1995 an den Folgen einer HIV-Infektion verstarb.

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Das Label finanzierte sich zuerst unter anderem durch Gelderpressungen seitens Suge Knight. Beispielsweise sicherte er sich durch seinen Einfluss und seine Angst einflößende Ausstrahlung die Rechte an einigen Songs des Vanilla Ice-Albums „To The Extreme“, welches weltweit sieben Millionen Mal verkauft wurde und so auch Deathrow mitfinanzierte. 1992 brachte Dr. Dre sein erstes Album „The Chronic“ über das Label heraus, was den kommerziellen Startschuss für den Erfolg des Labels bedeutete. Viele Künstler wurden unter Vertrag genommen, so 1992 der schon erwähnte Snoop Dogg, Daz Dillinger und auch 2Pac, der 1995 den Vertrag dort unterschrieb.

An der Ostküste waren in den 1990ern unter anderem Rapper wie Nas, Mobb Deep oder der Wu-Tang Clan populär, doch ab 1993 gab es in New York das Label „Bad Boy Entertainment“, das 1994 mit Biggies Debütalbum „Ready To Die“ anfing, richtig zu zünden. P.Diddy hatte zuvor bei Uptown Records gearbeitet und wollte dort für Biggie einen Deal arrangieren, nachdem er auf eines von Biggies Straßentapes gestoßen war. Jedoch verließ er das Label, um Bad Boy zu gründen, für das Biggie dann seinen Vertrag unterschrieb. Gemeinsam mit Craig Mack waren sie die Gründungsmitglieder des Labels. Obwohl sie sicher keine Heiligen waren, wurde den Rappern oftmals vorgeworfen, „Studiogangster“ zu sein, da sie harte Themen in ihren Texten behandelten, aber niemals einer Gang oder Ähnlichem angehört hatten. Manche unterschieden deshalb zwischen „Gangsta Rap“ und „Hardcore Rap“. Auch andere Musiker wie Lil‘ Kim wurden unter Vertrag genommen, doch das Label war zu dieser Zeit sehr auf das Duo Biggie und P.Diddy zentriert.

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Die Fehde zwischen den einst befreundeten Rappern, die zuvor schon Feature Tracks gemeinsam aufgenommen hatten, begann, als sie sich 1994 in den Quad Studios in New York gemeinsam mit Sean Combs (P.Diddy), Produzent und Chef von Bad Boy Entertainment, trafen, um einen neuen Song einzuspielen. 2Pac war zu diesem Zeitpunkt ein recht erfolgreicher Filmstar und hatte schon einige Alben herausgebracht. Er half der Gegenseite, Reichweite zu gewinnen, und hatte es so im Gegenzug auch einfacher, sich Fans an der Ostküste zu erschließen. Das Gebäude wurde nachts von bewaffneten Männern überfallen, die 2Pac fünf Mal anschossen und ihn ausraubten. Schwer verletzt überlebte er jedoch die Attacke und kam schnell zu der Vermutung, dass P.Diddy und Biggie Smalls die Identität der Angreifer kannten.

Als 2Pac Anfang 1995 wegen Vergewaltigung im Gefängnis saß, hörte er dort Biggies Song „Who Shot Ya?“, den er als Bestätigung seiner Theorien verstand. Biggie sagte im Nachhinein, dass er den Song angeblich schon einige Zeit vor dem Überfall geschrieben hätte, doch 2Pac empfand den Zeitpunkt der Veröffentlichung als so unpassend, dass er, nachdem er von Suge Knight auf Kaution für 1,4 Millionen Dollar freigekauft wurde, vollkommen auf Angriffskurs gegen seine alten Kollegen ging. Er wollte sie isolieren und drohte jedem, der mit Bad Boy zu tun hatte, einen sofortigen Diss Track und Schlimmeres an. Von befreundeten Rappern bis zu R’n’B-Sängern bewegte er sein komplettes Umfeld dazu, Diss Tracks aufzunehmen, um auf jede mögliche Weise die öffentliche Reputation Bad Boys zu schädigen. Suge Knight stand auf dieser Mission natürlich an vorderster Stelle und griff P.Diddy im August 1995 in einer Rede bei den Source Awards öffentlich an, ein gieriger Produzent zu sein, der sich immer in den Vordergrund drängen und selbst der Star sein wolle, da er oft in den Musikvideos und auch auf den Songs vertreten war. Die Vielzahl an Tracks, die von 2Pac und seinem Lager aufgenommen wurden, gipfelte in „Hit ‚em Up“, in dem 2Pac behauptete, mit Biggies Frau Faith Evans geschlafen zu haben.

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Biggie reagierte so gut wie nicht und machte in den Lyrics eher unterschwellige Andeutungen, wie auf dem Track „My Downfall“. Er wurde – wenn überhaupt – dann, in Interviews zu dem Thema befragt und antwortete meist zurückhaltender, sodass man zuletzt vielleicht auf ein friedliches Miteinander der beiden Parteien hätte hoffen können, da sie 1996 sogar beide bei den MTV Awards waren, ohne dass etwas passiert war.

Der Konflikt endete in der Ermordung der „Hauptrennpferde“ beider Seiten. Tupac Shakur wurde am 13.September 1996 in Las Vegas im Alter von 25 bei einem Drive-by Shooting tödlich verletzt. Dasselbe Schicksal widerfuhr Notorious B.I.G., als er sich im März 1997 dazu entschloss, wieder nach Los Angeles zu reisen. Er war gerade mal 24, als er ermordet wurde. Für die Motive und Täter gibt es Hunderte Spekulationen, aufgeklärt wurden beide Taten jedoch nie. Die beiden Rapper, aber vor allem Tupac, deuteten in ihrer Musik immer wieder ihren eigenen Tod an. Er wollte das letzte Album, das er vor seinem Tod aufgenommen hatte, unter dem Namen „Makaveli“ veröffentlichen. Eine Anspielung auf den italienischen Philosophen Niccolò di Bernardo dei Machiavelli (*1469; †1527), der für den Begriff „Machiavellismus“ Pate stand. Einer seiner Theorien zufolge, wird man seine Gegner am besten los, indem man seinen eigenen Tod vortäuscht. Tupac interessierte sich sehr für seine Schriften, weswegen es bis heute Behauptungen gibt, er hätte es wie seine Patentante Assata Shakur (die wegen Mordes an einem Polizisten und ihrer Befreiung durch die Black Liberation Army aus einem Gefängnis bis heute eine der vom FBI meist gesuchten Personen ist) in das kubanische Exil geschafft. Im Gefängnis schrieb er außerdem ein Drehbuch mit dem Namen „Life 2 Tell“, das vom Ausstieg eines einflussreichen Drogenbarons erzählt.

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Er wurde von immer mehr Seiten bedroht. Es würde daher durchaus Sinn ergeben, den eigenen Tod zu inszenieren. Unter anderem fing Snoop Dogg an, sich immer mehr Tupacs Feinden P.Diddy und Biggie Smalls anzunähern, die zwar öffentlich nicht so aggressiv auftraten wie Tupac, ihm aber durchaus negativ gegenüberstanden. Das wertete Tupac als unloyal, da auch Snoop kurz zuvor auf einem unveröffentlichten Diss Track gegen die Eastside vertreten war („NY87“). Im Übrigen schien Snoop Dogg in einigen Interviews durchaus neidisch auf 2Pac zu sein, da die Medien den Eastside-Westside-Konflikt mit den beiden Protagonisten 2Pac und Biggie aufbauschten, während Snoop Dogg immer mehr zur Seite gedrängt wurde. Das spiegelte sich zum Beispiel in den für seine Verhältnisse zunächst eher niedrigen Verkaufszahlen seines Albums „The Doggfather“ wieder, das kurz nach 2Pacs Ermordung erschien. Nachdem Dr. Dre Deathrow verlassen hatte, drohte Tupac damit, die bisexuellen Tendenzen und die mangelnde Kredibilität des Produzenten an die große Glocke zu hängen und disste selbigen in dem Song „Toss It Up“ direkt. Dieser Image-Schaden hätte für Dre das Aus bedeuten können, da Millionen von Fans an Shakurs Worten hingen. Außerdem wollte er sich mit einem Sublabel zu Deathrow unabhängiger von Suge Knight machen, was ebenfalls zu Konflikten führte.

Auch für den wenige Monate später verübten Mord an Christopher Wallace (Notorious B.I.G.) gibt es zahlreiche Theorien, jedoch keine öffentlichen, belastbaren Beweise. Nach der gängigsten Version verübte Suge Knight, in Verbindung mit Gangmitgliedern und korrupten Polizisten aus L.A., einen blinden Racheakt wegen des vorhergegangen Todes von 2Pac. Nachdem P.Diddy gesehen hatte, wie 2Pacs Verkäufe nach seinem Tod in die Höhe gestiegen waren, wäre auch das ein durchaus denkbares Motiv für den Mordauftrag an Biggie. Das komplette Umfeld von Gangs und ähnlichen Vereinigungen zu dieser Zeit wie den Bloods, Crips, Black Liberation Army, Jewish Defense League oder den Black Panthers, denen 2Pac angehörte, hat die angespannte Situation wahrscheinlich auch zugespitzt. Von einigen Seiten wird die Regierung in beiden Fällen verdächtigt, Informationen zu verheimlichen oder gar involviert zu sein, da zum Beispiel 2Pac in der Zeit vor seinem Tod vom FBI observiert wurde.

Schon zu Lebzeiten fühlte 2Pac sich vieler seiner Texte und Flows bestohlen, bevor er diese herausbringen konnte. Das machte ihn angeblich mehrmals so wütend, dass er ganze Alben strich. Aus diesem Grund war es möglich, so viele Alben post mortem zu veröffentlichen. Jeder, der schon einmal versucht hat, eigene Rap Lyrics zu schreiben, wird sich selbst wahrscheinlich schon beim Versuch ertappt haben, Textideen aus anderen Songs in seine eigenen umzudichten. Diese Art von Inspiration ist ganz normal und wird von heutigen Rappern ständig praktiziert. Spitzenreiter der referenzierten Rapper sind wohl aber Biggie und 2Pac. Egal ob Deutsch-Rap oder moderner Ami-Rap, Spuren dieser Zeit finden sich in beinahe jedem Track. SSIO hat den Beat von „I Get Around“ nachgebaut, Lil Wayne hat sich mit dem Songtitel „All Eyez On Me“ oder seinen „Fuck the World“-Lines wohl schon hundertfach auf 2Pac bezogen. Eminem war Produzent bei einigen posthumen 2Pac-Alben und wurde, zumindest was die Beats und Themen betrifft, stark von der Ära der beiden Rapper beeinflusst.

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Die 187-Straßenbande, die die letzten Jahre den deutschen Markt dominierte, bezieht sich mit ihrem Namen auf die 187th Straße in Compton, die auf einem Snoop Dogg-Cover zu sehen ist. In Amerika steht die 187 für eine Mordankündigung, da es auch der Paragraph für Mord in den USA ist. Einige ihrer Songs sind mehr oder weniger starke Anlehnung an Songs, die damals entstanden sind. Jeder „…dissen mich…vermissen mich“-Reim, wie Fler ihn auf dem Album „Vibe“ benutzt, ist eine Referenz an den Track „Juicy“ von Biggie. Jay-Z benutzte teilweise so viele Lines von Biggie, dass er oft für mangelnde Kreativität beim Texten kritisiert wird.

Heutzutage lebt natürlich kaum ein Rapper die oftmals brutalen, aber teils auch sinnvollen Ideale, die in dieser Ära des HipHop vertreten wurden. Doch das Bild eines Rappers, das viele der heutigen Künstler im Kopf haben, wurde damals zu großen Teilen durch diese beiden hochtalentierten Musiker, ihre Lebensumstände und ihr musikalische Umfeld geformt. Durch die Kinofilme „All Eyez On Me“ und „Notorious B.I.G.“ wurde ihre Geschichte, wenn auch verfälscht, bereits weit in den Mainstream getragen. Da ihre Musik und die Hoffnung darauf, immer noch neue Tonspuren der beiden zu entdecken, weiterlebt, wird diese sehr blutige Ära des Hip-Hop wohl noch einige Zeit maßgeblich auf Newcomer der Szene einwirken.

 

Fotos: Patrizia Straubhaar