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Kiev, New York

Gogol Bordello

// Wolf Kampmann

 

Wolf Kampmann: Deine Musik ist lebt derart intensiv im Moment, dass sie aus deutscher Perspektive schwer in einen verbalen Zusammenhang zu übersetzen ist.

Eugene Hütz: Ich frage mich oft, wie meine Musik wohl aus der deutschen Perspektive klingen mag. Ich habe viele deutsche Freunde. Als Internationalist komme ich nicht um die Erkenntnis herum, dass es einen Unterschied zwischen den Stämmen gibt. Was wir tun, tun wir aus Überzeugung, aber wir wissen nicht, wie es in anderen kulturellen Zusammenhängen ankommt. Ich stelle oft fest, dass es zum Beispiel den Deutschen schwerfällt, unsere Musik zu verbalisieren. Und ich verstehe das, denn ich selbst brauchte lange Jahre, um die Musik nicht nur spielen zu können, sondern mich klar darüber zu äußern. Die Intensität und Energie unserer Performance beruhen auf unkorrumpierbarer spontaner Kreativität. Das kann man an keiner Musikschule lernen. Damit wird man entweder geboren oder man bekommt es irgendwann mit auf den Weg. Das ist eben der Charakter der Roma-Kultur. Auch wenn ich in eine urbane Umgebung geboren wurde, hatte ich in meiner Kindheit genug Gelegenheit, mit der Roma-Kultur in Kontakt zu kommen. Dieser Spirit hat mich schon in frühester Kindheit infiziert, und ich habe mich noch nicht davon erholt. Es war niemals etwas anderes, als mein kreatives Pferd zu besteigen und loszureiten. Ich will nicht behaupten, das wäre super gesund, aber es ist mein Weg.

Wolf Kampmann: Für den Hörer ist diese Musik jedoch umso gesünder, weil sie so viele Aspekte des Lebens umfasst. Man weiß nie, ob du traurig oder fröhlich bist, weil du in jedem Moment beide Zustände zugleich auszudrücken scheinst.

Eugene Hütz: Genau so fühle ich mich. Wenn ich mir meine Musik anhöre, bin ich nicht selten von mir selbst überwältigt. Jeder Quadratzentimeter meiner Musik steckt voller Aktionen und Ideen. Das ist meine hyperaktive Imagination. Der zweite Aspekt ist aber der Versuch, diesen Wahnsinn zu kontrollieren und mit einer Methode zu versehen, sodass ich nicht als Krimineller durchs Leben gehen muss.

Wolf Kampmann: Wie übersetzt du diese Magie auf CD?

Eugene Hütz: Das ist brutal intensive Arbeit. Wir versuchen das Problem zu umgehen, indem wir alles live aufnehmen. Dabei handelt es sich um eine ziemlich große Band von acht Leuten. Das ist etwas anderes als ein Trio, das im Nachhinein bearbeitet wird. Die kollektive Energie ist also da. Und natürlich hilft Alkohol.

Wolf Kampmann: Was für eine wilde Truppe seid ihr. Ist es eine richtige Band oder eher ein musikalischer Stamm.

Eugene Hütz: Vielleicht sind wir ein musikalischer Stamm, aber die vielen Tourneen haben eine richtige Band aus uns gemacht. Eine echte Band, die vielleicht wie ein Jim-Jarmusch-Film funktioniert. Das Skript ist mehr oder weniger offen, aber die Magie der Schauspieler macht ein Kunstwerk daraus. Als ich mit der Band begann, war ich noch viel mehr Regisseur. Aber inzwischen versteht jeder die Energie der Band, und ich bin nur noch ein Selektor. Die Beiträge der Musiker kommen von selbst. Es ist für mich viel spannender, den spontanen Input der Musiker zu bündeln, als ihnen genau zu erzählen, was sie zu tun haben.

Wolf Kampmann: Fühlt ihr euch wie eine osteuropäische Band in New York, oder seit ihr eine New Yorker Band, die osteuropäische Musik spielt?

Eugene Hütz: Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Wahrscheinlich sind wir beides jeweils zur Hälfte. Und damit bin ich zufrieden.

Wolf Kampmann: Mit welchem musikalischen Gepäck bist du aus Europa nach Amerika gekommen?

Eugene Hütz: Den größten Teil meiner musikalischen Einflüsse aus dem Westen hatte ich schon intus, bevor ich in die Vereinigten Staaten kam. Ich hatte schon lange Nick Cave, die Stooges, Tom Waits, Einstürzende Neubauten, Deutsch Amerikanische Freundschaft, Joy Division und Sonic Youth gehört. In den Staaten entdeckte ich noch andere Bands wie Fugazi oder die Bad Brains. Aber die Wurzeln wie Clash und Mano Negra waren schon da, bevor ich die Ukraine verließ. In den USA begann ich jedoch schon nach kurzer Zeit meine eigene Kultur zu vermissen, wie es oft passiert, wenn man sich seiner Kultur verbunden fühlt. Ich traf ganz automatisch viele osteuropäische und ukrainische Künstler, die meine Kultur aus ihrer diasporadischen Perspektive ganz anders bewerteten, als ich es gewohnt war. Daraus ergab sich eine Art Hyperrealität. In Amerika wurden die osteuropäischen Einflüsse für mich viel wesentlicher als in der Ukraine. Ich begann Bela Bartok zu hören und suchte nach einer Sprache, um meine eigene osteuropäische Musik zu komponieren. Zunächst hatte ich keine Ahnung. Sollte ich das bereits vorhandene Vokabular zitieren? Das wäre mir zu langweilig gewesen. Ich begann Zigeuner-Musik zu sammeln und beschäftigte mich mit den Begebenheiten meiner Kindheit. Es brauchte Jahre, während derer ich in Rock- und Punk-Bands spielte. Das war, bevor ich nach New York zog. Irgendwann hatte ich aber das Bild von der Hauptband meines Lebens entworfen. Etwa 1996 begriff ich, dass ich das Publikum, das diese Musik verstehen würde, nur in New York finden könnte. Ich zog also mit dem konkreten Plan nach New York, eine von Bartók beeinflusste Gypsy-Punk-Band aufzubauen. Jahre, bevor es die ersten Remixe von Zigeuner-Musik gegeben hätte, gründete ich eine Reihe von Zigeuner-Underground-Bands. Ich machte erste experimentelle elektronische Aufnahmen mit rumänischen und ungarischen Melodien und Samples. Vieles davon ist unveröffentlicht. Ungefähr ein halbes Jahrzehnt später fand ich eine bulgarische Bar, in der ich diese Musik spielen konnte. Das wurde eine Art CBGB’s unserer Szene. Ich arbeitete als DJ, und die Musik gelangte unter die Haut vieler Leute. Vielleicht begann in diesem Moment ein Trend einzusetzen. Mir wird oft unterstellt, ich wäre auf einen Trend aufgesprungen oder dass ich meine Herkunft missbrauchen würde, weil sie verkauft. Das ist absoluter Unsinn, denn die Musik der Zigeuner hat niemals viel verkauft. Ich machte sie erst zu einem Objekt von allgemeinem Interesse, und das verlangt eine Menge Kraft und Leidenschaft.

Wolf Kampmann: Deine Sprache besteht ja aus vielen Sprachen. Sie scheint aber viel enger mit Gruppen wie Firewater oder Botanica verwandt als mit Shantel oder der Balkan Beat Box, die eine osteuropäische Melodie einfach mit einem Beat versehen.

Eugene Hütz: Auch wenn ich selbst die elektronische Dimension unserer Musik erforscht habe, denke ich doch, Sampling wird immer Sampling sein und Plastik-Beat immer Plastik-Beat. Die elektronischen Formen von Musik können interessant sein, sind aber zeitlich stark limitiert. Der organische Beat ist viele tausend Jahre alt und stärker als jeder Zeitgeist. Der elektronische Beat ist ein paar Jahrzehnte alt und absolut austauschbar. Er wird früher oder später wieder verschwinden. Die handgemachte Musik wird immer gewinnen. Authetizität kann man nicht generieren oder nachmachen. Das Publikum wird es langfristig immer mit dem Bauch unterscheiden.

Wolf Kampmann: Bis vor dem Zweiten Weltkrieg gab es ja enge Verflechtungen von jüdischer und Zigeuner-Musik. Du hauchst dieser Symbiose in New York neues Leben ein.

Eugene Hütz: Es ist ein historischer Fakt, das Zigeuner und Juden in Osteuropa in dieselbe Ecke gedrängt wurden. So unterschiedlich sie an und für sich waren, bestehen deshalb gewisse Affinitäten. Zigeuner waren nicht zuletzt verantwortlich dafür, dass Klezmer-Music die Nazizeit überhaupt überstand. Wenn die Nazis in ein Dorf kamen, töteten sie alle Juden, egal, ob sie Musiker waren oder nicht. Kamen sie in ein Zigeunerdorf, ließen sie die Musiker vortreten und töteten nur den Rest. Zigeuner hatten nämlich das ganze europäische Repertoire drauf. Sie lernten sehr schnell und wurden von den Deutschen für ihre eigene Unterhaltung missbraucht. Zum Beispiel mussten sie in Cabarets die Truppen unterhalten. Diese Musiker hüteten sich natürlich, Klezmer zu spielen, aber sie hatten diese Musik im Kopf und trugen sie nach dem Krieg weiter. Die Klezmer Music, die man heute hört, ist sehr stark von Zigeunern beeinflusst. Sie mag vor dem Zweiten Weltkrieg teilweise ganz anders geklungen haben.

Wolf Kampmann: Ist es nicht auch problematisch, eure Musik als Balkan-Musik zu bezeichnen?

Eugene Hütz: Was heißt schon Balkan? Eins der größten Missverständnisse besteht heute darin, dass alle Musik Osteuropas vom Balkan käme. Selbst Israel wird von manchen Leuten als Balkan bezeichnet. Balkan ist zum reinen Marketing-Begriff verkommen. Unsere Musik ist in den Karpaten verwurzelt. Die Karpaten-Musik ist genauso wild wie die des Balkan, aber die Mixtur unterscheidet sich. Es ist ungarisch, ukrainisch, russisch, rumänisch, Klezmer und Zigeuner. Ich muss mich nicht als Balkan vermarkten, wenn ich nicht Balkan bin. Was derzeit mit der sogenannten Balkan-Szene passiert, ist eine beschissene Clown-Show.

Wolf Kampmann: Deine Musik ist ja voller Spiegel. Du reflektierst etwas, reflektierst die Reflektion und dann die Reflektion der Reflektion. Wie hat New York denn die ukrainische Identität verändert?

Eugene Hütz: Ich mag das diasporadische Umfeld für jede künstlerische Aktivität. Es kondensiert die Identität einer Kultur oft viel intensiver als deren originaler Schauplatz. In der Ukraine wirst du niemals so intensive ukrainische Eindrücke haben wie im Ukrainian Social Center auf der Second Avenue. Auf einer ukrainischen Hochzeit in New York ist es faszinierend anzusehen, wie sich all diese Autohändler und Bänker plötzlich in ukrainische Folkoristen verwandeln. Sie können Stunden lang singen. Etwas derartiges habe ich in der Ukraine selbst nie erlebt. Gogol Bordello ist eine konsequente Übertreibung dieser Idee. Es ist die Super-Diaspora

 

CD: Gogol Bordello: Super Taranta! (SideOneDummy Records)

 

Foto: Dan Efram