SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial - John Cage und ich

John Cage und Ich

John Cage war nicht der erste Komponist, der mit seiner Beschreibung von Stille Mut zur Lücke gezeigt hat. Erwin Schulhoff war einige Jahrzehnte mit seinem nur aus Pausen bestehenden Stück „In Futurum“ noch wesentlich radikaler. Doch was bei Schulhoff ein strukturelles Experiment war, wurde von Cage auf eine soziale Ebene gehoben. Das ist nun auch schon wieder über 60 Jahre her. Was aber bedeutet dieses Bekenntnis zur Lücke heute?

//Christoph Eiwen

Ist das Stück „4’33’’“ von John Cage die beste Vorlage, um sich beim Schreiben zu konzentrieren? Nein, Spaß beiseite, wieso sollte man sich viereinhalb Minuten lang ein Stück anhören, das in drei Teile aufgeteilt ist, in denen rein gar nichts passiert?

In der Originalfassung steht ein Flügel auf der Bühne, und ein Pianist spielt 4’33’’ keinen einzigen Ton. Das bekannteste Stück des amerikanischen Komponisten John Cage verwirrt und polarisiert, aber erfreut auch bis heute noch Menschen auf der ganzen Welt. Ist das eine Art verlängerte Schweigeminute mit politischer Botschaft? Oder vielleicht doch nur ein Witz unter Musik-Akademikern? Mit welcher Emotion soll man sich „4’33’’“ anhören?

Meistens hilft es, den Künstler selbst zu fragen oder ihn zu beobachten, wenn er darüber spricht. In Interviews scheint John Cage ein netter Mensch gewesen zu sein. Er sprach behutsam und unaufdringlich, lächelte und machte Witze. Am Ende seines Lebens wirkte er wie ein lieber Opa, der seinen Enkeln den ganzen Tag lebendige Geschichten erzählt. Mit derselben Natürlichkeit erklärte er auch seine Kunst: Jedes Geräusch, jeder Klang – wofür es im englischen das bessere Wort „Sound“ gibt – machte ihn glücklich, und das reichte ihm auch schon.

Im Interview fällt kein wissenschaftlicher Fachbegriff, keine an den Haaren herbeigezogene Referenz wird aufgezählt. John Cage erfreute sich einfach nur auf ehrlichste Weise am Schall, den die Erde im Leerlauf produziert.SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial, John Cage und Ich, Treppe, Gebüsch, Nacht, Beton

4’33’’ ist eine Ode an den Gehörsinn und die Bescheidenheit. Stille gibt es nicht in Cages Welt. Wir sind ständig umgeben von Mikrogeräuschen und einem Gewusel, das man auch nicht abstellen kann, wenn man hundert Freunde der Hochkultur in einen Konzertsaal packt und viereinhalb Minuten lang schweigt.
Irgendjemand räuspert sich immer, schnieft mit seiner Nase oder rutscht mit dem Stuhl. Das ist nicht viel, aber wenn hundert Leute zuhören, wie sich jemand am Kopf kratzt, dann bekommt das unweigerlich Bedeutung.

Inzwischen gibt sogar eine iOS-App, die 4’33’’ lang Umgebungsgeräusche aufnimmt, um sie dann auf einer interaktiven Weltkarte hochzuladen und frei verfügbar zu machen. Das geht aber auch mit einem Youtube-Video, dachte ich mir und startete einen Selbstversuch.


First Movement:
00:10 „Das Video rauscht ganz schön laut“
00:32 Eine Gruppe Vögel macht sich durch mein offenes Fenster bemerkbar. Ab jetzt kann man sie nicht mehr „weghören“.

Second Movement:
01:03 Meine Atmung wird gefühlt lauter und stellt sich auf manuell um.
Ich mache gerade so wenig, dass ich Zeit habe meine eigene Atmung zu steuern.
01:05 Immer wieder machen die Menschen im Video Körpergeräusche aller Art. Sehr unangenehm.
01:10 Ein Flugzeuggeräusch von draußen zieht meine volle Aufmerksamkeit auf sich. Ich frage mich, wie es mir gelingt,
bei offenem Fenster zu schlafen.
02:10 Ich schaue nach, wie lange das Stück noch dauert. Langsam stellt sich die Frage, ob ich überhaupt auf den Bildschirm starren muss.
Darf ich mich umsehen?
02:20 Ich stütze meinen Kopf auf meinen Händen ab. Vielleicht halte ich ja so durch.
02:35 Ich werde leicht nervös, und meine Sicht wird tunnelig. War dieses Video die richtige Idee? Funktioniert das überhaupt?

Third Movement:
04:10 Ich beginne zu lachen, weil ich mir vorstelle, wie bescheuert es sein muss, wenn Leute mein Husten hören würden.
Das Lachen klingt womöglich ein bisschen verrückt.
04:13 Entspanntes Lächeln.
04:33 Ende. Ich huste aus vollster Seele, weil ich mich davor nicht getraut habe. Ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll.


drawings black and white

Um ehrlich zu sein: Das Youtube-Video-Experiment war nervig. Ich war in zwei Räumen gleichzeitig. Bei einer Performance von William Marx im McCallum Theatre in Palm Desert auf der einen und in meinem eigenen Radius von fünf Metern auf der anderen Seite. Wohin hätte ich hören sollen?

Dann wiederum stelle ich mir vor, was John Cage wohl zu mir sagen würde, hätte er mir dabei zugesehen, wie ich mir das Video anschaue und durch ein ganzes Labyrinth von sinnlichen und sinnstiftenden Emotionen gehe. Wahrscheinlich würde er lachen und mir deutlich machen, dass ich alles richtig gemacht habe. Irgendwie bleibt er der liebe Opa. Ok, weniger denken, mehr hören.SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial, John Cage und ich, Boden, Glas, Holz

Nächstes Experiment: den Wecker jeden Tag um 16.33 klingeln lassen. Vielleicht klingelt er zuhause. Vielleicht in der U-Bahn. Vielleicht im Supermarkt. Egal, ich werde mich einfach mal beruhigen und 4’33’’ lang zuhören wo ich bin.

Ein Gedanke zu „John Cage und Ich“

  1. Lieber Christoph,

    habe herzlich gelacht, nein, nicht über Dich! Weil es so schön gleich ist mit dem, wie ich John Cage kennen gelernt habe und wie ich – anders – damit umgegangen bin als Du. Wobei ich Deine Art lustiger finde. Meine hat ja dann auch nicht geklappt – wenn es so was überhaupt gibt wie nicht klappen. Irgendwas passiert ja immer. Und da sind wir dann wieder bei John.

    Ich habe ihn in Frankfurt bei „Europas 1&2“ kennen gelernt. Hatte schon einige Monate an der Oper gewirkt in der Dramaturgie, damals unter Metzger und Riehn, Du erinnerst Dich? Die Konzepte-Macher… Und dann kam John Cage, grüßte die Putzfrau, lächelte uns alle an… Ich brauch Dir die andere Atmosphäre nicht zu beschreiben. Sprach über seine Pflanzen, die Press und Computerinputs für Europas, die Handlungen, die im Programmheft erwähnt wurden….

    Es waren schöne Zeiten. dann brannte die Oper fast ab, zumindest die Bühne und Europas fiel erst mal ins Feuer. An dem Tag, ich weiß es noch wie gestern, als John die Nachricht bekam, dass alles leicht modifiziert im Schauspielhaus (im gleichen Haus) rauskommen würde, traf ich ihn auf der Straße. Er fiel mir förmlich in die Arme und lächelte: „Du wirst es nicht glauben, Europas kommt in ein paar Wochen im Schauspiel raus.“ oder so ähnlich auf breit amerikanisch. Wir lachten beide, freuten uns und gingen unserer Wege. Natürlich wollte ich damals eine Dr-Arbeit über JohnCage’s Europas schreiben… Das fiel mit seinem Tod ins Wasser, was für mich zwingend war, da irgendwie an einen lebendigen John Cage geknüpft, aber eigentlich Schwachsinn war… Nun, ich habe bis heute keine Dr.-Arbeit verfasst und werde dies vermutlich auch nicht mehr. Wozu auch ? Wir schreiben uns ja jetzt hier.

    4.33 liebe ich. Es macht mich froh, es ist wie Meditation. So ist das Leben. Es passiert nicht so, wie wir uns das ausmalen. Das Leben spielt mit uns, und wir spielen mit ihm. Danke für Deine Erfahrungen, sehr berührend. John hätte es sicher gefallen.

    Gruß, Anja Oeck

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