SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Im Bann des Dreiecks, Schuster

Im Bann des Dreiecks

HipHop und Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien sind durch das Internet aus dem Untergrund herausgetreten und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich geworden. Davon sind auch die Musikbranche und insbesondere der HipHop betroffen: Jay-Z soll Mitglied des Illuminatenordens, Beyoncé ein reptiloides Wesen sein.

//Peter Schuster

Im Frühjahr 1991 folgen hochrangige Vertreter der amerikanischen Musikindustrie einer Einladung in eine Villa am Rande von Los Angeles. Es soll über die Zukunft eines Genres debattiert werden: HipHop. Verschwiegenheitserklärungen werden an die Anwesenden verteilt, man unterschreibt zögerlich, ahnend, dass es sich um keinen alltäglichen Termin handelt. Dann betritt der Gastgeber den Raum. Seine Grußworte sind schmeichelhaft, er gratuliert zu den bisherigen Erfolgen der Branche. Nach diesem obligatorischen Vorgeplänkel offenbart er den verdutzten Zuhörern, dass deren Arbeitgeber, die großen Labels, kürzlich Anteile privater Gefängnisanstalten erworben haben. Weil die Regierung für jeden Insassen eine festgeschriebene Summe an die Investoren ausschüttet, würden volle Gefängnisse für klingelnde Kassen sorgen. Er fügt hinzu, dass Gangsta-Rap hierzu einen Beitrag leisten könne. Der dort illustrierte Lebensstil, welcher Kriminalität und Drogenkonsum propagiere, würde die Zuhörer zur Nachahmung anhalten und schließlich hinter schwedische Gardinen bringen. Ein doppeltes Geschäft also für die Musikindustrie, sofern sie bestimmte Künstler fördere. Nachdem der Vortrag zu Ende ist, herrscht Totenstille. Manche stehen kopfschüttelnd auf und gehen, niemand hindert sie. Andere wiederum bleiben sitzen. Die Namen derjenigen, die damals bei besagtem Treffen zugegen waren, sind bis heute unbekannt. Doch so viel ist sicher: Gangsta-Rap wurde in den folgenden Jahren zu einer großen Sache, seine Protagonisten zu berühmten Stars. Und parallel dazu füllten sich in den USA die Gefängnisse.

Die vorangegangene Schilderung ist eine in den Vereinigten Staaten kursierende, fiktionale Erzählung, die jedoch als faktual rezipiert wird und daher im allgemeinen Sprachgebrauch als Verschwörungstheorie bezeichnet wird. Eine Studie, die von den Politikwissenschaftlern Eric Oliver und Thomas J. Wood im Jahr 2014 erhoben wurde, kam zu dem Ergebnis, dass etwa die Hälfte aller US-Bürger an mindestens eine vermeintlich stattgefundene Verschwörung glaubt. Zumeist erhalten dabei Ereignisse von großer Tragweite eine Umdeutung: Die Terroranschläge auf das World Trade Center, die Mondlandung und der Mord an John F. Kennedy sind nur drei von vielen Beispielen, an denen sich das Misstrauen gegenüber den offiziellen Darstellungen entzündet und in teils absurden Erklärungsversuchen mündet.

Auch wenn die bisher genannten Konspirationen sich im 20. und 21. Jahrhundert abgespielt haben sollen, ist es ein weitaus älteres Phänomen. Johannes Baldauf von der Amadeu Antonio Stiftung, die sich für die Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaft einsetzt und gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus arbeitet, weist darauf hin, „dass es Verschwörungen schon immer gab, Verschwörungstheorien, in dem Sinne, wie wir sie heute kennen, allerdings nicht. Zwar finden im Mittelalter Gerüchte Verbreitung, die Frauen als Hexen und Juden als Agenten des Teufels diffamieren, Verschwörungstheorien kommen tatsächlich aber erst mit der Aufklärung auf. Immer dann, wenn Ereignisse auftreten, die nicht mehr für die Menschen greifbar sind und ihr Weltverständnis so fundamental in Frage stellen, dass die Antworten, die sonst angeboten werden als nicht ausreichend erachtet werden, greift man zu Verschwörungstheorien.“

Die eingangs ausformulierte, angebliche Verschwörung impliziert charakteristische Merkmale, die solche Narrative miteinander teilen. Im Kern wird eine Schwarz-Weiß-Einteilung der Akteure vorgenommen, die die Komplexität gesellschaftlicher Entwicklungen ignoriert und monokausal argumentiert. Auf der einen Seite agiert eine kleine Gruppe, hier verkörpert durch die Unterhaltungsindustrie, welche steuernd auf die Gesellschaft einwirkt. Je nach Verschwörungstheorie sind die Strippenzieher wahlweise die CIA, die Bilderberger, die Illuminaten, die Rothschilds und im Fall von Weltverschwörungstheorien mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit das imaginierte Weltjudentum. Diesen Eliten diametral gegenüberstehend befindet sich die uneingeweihte Allgemeinheit, die unter den Machenschaften zu leiden hat. Die Quelle, auf die sich die Apologeten der Gangsta-Rap-Verschwörung berufen, ist aufgrund ihrer Herkunft und ihres apodiktischen Duktus typischerweise äußerst unseriös: Ein im Internet aufgetauchter, anonymer Bericht, verfasst von einem Teilnehmer des  Meetings, soll den Wahrheitsgehalt der Geschichte beweisen.

Die Popularität von Verschwörungstheorien ist in modernen aufgeklärten Gesellschaften weder auf ein bestimmtes Milieu noch auf eine gesellschaftliche Sphäre beschränkt. Dennoch scheint es so, als wäre der Diskurs im und um Hip-Hop besonders anfällig für Verschwörungstheorien. Ein Erklärungsversuch, der durchaus Plausibilität für sich beanspruchen kann, führt die Tatsache an, dass Hip-Hop einerseits ein genuin politisches Genre ist, das – wegen des hohen Stellenwerts, den der sprachliche Ausdruck dort genießt – die Möglichkeiten nutzt, soziale Missstände adäquat zu thematisieren. Die USA betreffend kann andererseits davon ausgegangen werden, dass innerhalb der afroamerikanischen Minderheit ein großes Misstrauen vor allem gegenüber staatlichen Institutionen herrscht. Die bis ins 20. Jahrhundert gesetzlich abgesicherte Segregation und rassistische Vorfälle, wie die vom Gesundheitsministerium durchgeführte, menschenverachtende Tuskegee-Syphilis-Studie, haben sich tief ins kollektive Gedächtnis gegraben und können Verschwörungstheorien Vorschub leisten.

Die Verschwörungserzählung, Musiklabels hätten die Fans von Gangsta-Rap kriminalisiert, um daraus Profit zu schlagen, setzt den Fokus auf die Management-Ebene. Doch auch vor den Künstlern selbst wird nicht haltgemacht. So kursiert beispielweise die Behauptung im Internet, Jay-Z sei ein Mitglied der Illuminatenverschwörung. Die häufig in Youtube-Videos vollzogene Beweisführung konzentriert sich zuallererst auf die Dreiecke, die er auf den Covers seiner Alben und in seinen Musikvideos verwendet. Zudem formt Jay-Z bei öffentlichen Auftritten mit seinen Händen zuweilen eine Geste, die man als umgedrehte Merkel-Raute bezeichnen könnte. Laut Johannes Baldauf handelt es sich hier um einen Mechanismus, der in der Betrachtung kultureller Erzeugnisse greift: „Vieles von dem, was die Illuminaten betrifft, ist Teil eines popkulturellen Wissensschatzes, auf den gerne und schon lange zurückgegriffen wird. Da werden dann Symbole wie das Dreieck, das allsehende Auge und die Pyramide überall entdeckt. […] Das wird schließlich hochstilisiert zu: ‚Das sind die Bösen‘. Im Musikbusiness sind natürlich nicht nur Philanthropen beschäftigt, aber sie sind nicht diejenigen, die die Welt beherrschen. Künstler wie Lady Gaga oder Jay-Z werden in diesen Verschwörungstheorien als Marionetten betrachtet, weil sie bestimmte Werte verkörpern, weil sie in vielen Punkten progressiv sind. Und Verschwörungstheorien sind dann ein Mittel, um das ‚dekadente, böse System‘ insgesamt zu diskreditieren.“

Die bisher genannten Verschwörungstheorien projizieren von außen ihre ThesenSPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Im Bann des Dreiecks, Schuster auf das Musikgeschäft im Allgemeinen und das HipHop-Genre und dessen Vertreter im Besonderen. Allerdings gibt es auch Musiker, die sich als Anhänger zumindest einzelner Versatzstücke von Verschwörungstheorien outen, wie etwa Alicia Keys. In einem Interview mit dem Musikmagazin Blender postulierte sie eine Variation der Gangsta-Rap-Verschwörungstheorie: „‘Gangsta rap‘ was a ploy to convince black people to kill each other. ‘Gangsta rap‘ didn’t exist.“ Zum anderen nutzen Rapper ihre Musik und Reichweite, um die eigenen Ansichten auf vermeintliche Verschwörungen zu kommunizieren. Jedi Mind Tricks, eine HipHop-Gruppe aus Philadelphia, widmete sich in der Vergangenheit ausgiebig dem Thema. In dem Song „End of Days“ wird über Chemtrails („Everybody enslaved, only some are aware / that the government releasing poison in the air“) und weitere angebliche Konspirationen der US-Regierung fabuliert. Diese hanebüchenen Zeilen sind todernst und keinesfalls ironisch gemeint, denn im Intro und Outro darf David Icke, seines Zeichens rechtsesoterischer Verschwörungsideologe, verschwurbelte Ausführungen zu Politik und Medien zum Besten geben. Ein relativ aktuelles Negativbeispiel lieferte der Rapper B.o.B, der scheinbar kein Fettnäpfchen auszulassen versuchte. Auf Twitter wollte er Anfang letzten Jahres mittels Fotografien beweisen, dass die Erde eine flache Scheibe sei. Zur gleichen Zeit veröffentlichte er den Song „Flatline“, in dem er, mit Verweis auf den Holocaustleugner David Irwing, zu verstehen gibt, Barack Obama müsse eine Kippa tragen, weil Stalin viel schlimmer als Hitler gewesen sei. Vermutlich hatte B.o.B bei seiner Recherche ein Bild von Obama beim Besuch einer Synagoge entdeckt und seine ganz eigenen Schlüsse daraus gezogen.

In Deutschland erfreuen sich Verschwörungstheorien und -ideologien ebenfalls großer Beliebtheit. Chemtrails, Hohlerde, Reptiloiden, Reichsflugscheibe – das sind einige der Schlagworte, die in einschlägigen Foren und Facebook-Gruppen heiß diskutiert werden. Vor allem die Reichsbürgerbewegung rückte durch einen prominenten Fürsprecher in den Blick einer breiteren Öffentlichkeit. Die Rede ist von Xavier Naidoo, welcher unter anderem in einem TV-Interview und auf einer Montagsmahnwache seine Einschätzung zur Souveränität des deutschen Staates verkündete: „Aber nein, wir sind nicht frei, wir sind immer noch ein besetztes Land. Deutschland hat keinen Friedensvertrag und dementsprechend ist Deutschland auch kein echtes Land und nicht frei.“ Spätestens nachdem der NDR beschlossen hatte, dass der R&B-Sänger doch nicht beim Eurovision Song Contest teilnehmen dürfe, gilt er als Sonderling. Nichtsdestotrotz folgten auch hierzulande insbesondere HipHop-Künstler seinem Beispiel. Der Rapper Afrob arbeitete für einen Song mit Naidoo zusammen. In „Weit weg“ sind verschwörungsideologische Zeilen zu finden, die auf ein relativ geschlossenes Weltbild hindeuten: „Man sagt, es gäbe keine Kraft, die das Weltgeschehen steuert / Deswegen gebe ich nicht nach, glaubt ihr, was so eine Regierung beteuert?“

Egal ob Kollegah, der in einem Noisey-Interview für eine große Mehrheit zu sprechen glaubt, wenn er auf die Gefahren von Chemtrails hinweist („Aber dass das keine Kondensstreifen von Flugzeugen sind, die da rasterartig am Himmel sind, das ist mittlerweile eigentlich angekommen bei den Leuten.“), oder Prinz Pi, der davon ausgeht, dass die Gebäude des World Trade Center gesprengt wurden: Man muss nicht lange suchen, um deutsche Rapper zu finden, die meinen, die richtige Wahrheit zu kennen. Das HipHop-Duo Die Bandbreite bekam für seine Verdienste um die sogenannte Wahrheitsbewegung sogar Beifall von Jürgen Elsässer, dem Chefredakteur des Querfront-Magazins Compact. Eine Vielzahl verschwörungstheoretischer Elemente bringen Snaga und Fard in ihrem unrühmlichen Lied „Contraband“ unter. Verkürzte Kapitalismuskritik, Antiamerikanismus und Antisemitismus gehen hier Hand in Hand. Und nebenbei fordern sie noch die „Todesstrafe für Kinderschänder“.

Dass der Glaube an vermeintliche Konspirationen nicht belächelt werden sollte, ist seit der Tötung eines Polizisten durch einen Reichsbürger letzten Jahres eindeutig klargeworden. Selbstverständlich werden die Fans von Rappern, die Verschwörungserzählungen in ihren Liedern unkritisch wiedergeben, nicht automatisch zu Gewalttätern. Jedoch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass gerade Jugendliche, für die Musiker die Idolfunktion einnehmen können, sich in einer Lebensphase befinden, in der sie beginnen sich für politische Themen zu interessieren. Rapper, die sich kritisch mit Verschwörungstheorien beschäftigen sind rar oder besitzen eine geringe Reichweite. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang Grim104 von Zugezogen Maskulin, der in „F.R.E.S.S.E (Das politische Lied)“ die Auseinandersetzung mit dem durchaus komplexen Thema sucht. Johannes Baldauf sieht in pädagogischer beziehungsweise politischer Bildungsarbeit das Potenzial, Jugendliche für den Umgang mit Verschwörungstheorien zu sensibilisieren: „Lange Zeit hat man sich dafür gar nicht interessiert, was daran liegt, dass man das Problem nicht richtig ernst genommen hat. In unserer Stiftung haben wir ein Planspiel dazu entwickelt, das wir an Schulen anbieten. Generell gelten Planspiele als Königsweg politischer Bildungsarbeit. Denn man kann so im Kleinen ein immersives Erlebnis simulieren und aufzeigen, wie unrealistisch es ist, dass eine kleine Gruppe alles kontrolliert.“

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