SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial, Hiddentrack, Vinyl, iPod, CD

Hiddentrack

Vorsicht Falle!

Ein unsentimentaler Nachruf auf den Hiddentrack

//Wolf Kampmann

Heute mag das kaum noch vorstellbar sein, aber es gab ein Zeitalter vor der CD. Und selbst als die Compact Disc 1982 auf den Markt kam, trat sie nicht sofort einen Siegeszug an. Viele Hörer hatten über Jahre und Jahrzehnte ihre Plattensammlungen aufgebaut, liebten das Ritual des Auflegens und die großzügig gestalteten Plattencover, und jedes Knacken war ein persönlicher Triumph. CD oder Vinyl – das war selbst um 1990 herum noch keine Frage der Praktikabilität, sondern eine erbittert ausgefochtene Glaubensfrage. Die CD-Strategen mussten sich also etwas einfallen lassen, um den Vinyl-Junkie zum Konvertiten zu machen. Und sie ließen sich etwas einfallen.

Die unbegrenzte Lebensdauer war von vornherein etwas fadenscheinig. Aber sie hatten den Bonustrack in petto. Eine CD hatte viel mehr Platz als eine Vinyl-Scheibe. Nicht in der Fläche, versteht sich, denn die Schallplatte ist ja bekanntlich deutlich größer als der CD-Silberling, aber eben mehr Platz für die Musik. Für neue Produktionen konnte man bewusst einen zusätzlichen Track produzieren – meist einen ziemlich guten – und CD-Pressungen älterer Aufnahmen konnten durch besondere Schmankerl bereichert werden. In manchen Fällen – ich erinnere mich an Tom Waits’ Live-Album „Big Time“ – wurde das sogenannte Bonus-Material auf eine halbe Stunde ausgewälzt. Keine Frage, das musste man haben. Nicht immer ging die Nummer mit dem Bonustrack auf, denn Doppelalben wurden gelegentlich auch mal um einen Track gekürzt, um auf die handliche CD-Länge zu kommen.

Neben dem Bonustrack gab es auch noch eine andere, viel perfidere Methode, den Platz auf einer CD zu strecken, die vor allem Anfang der 1990er Jahre wie eine Epidemie um sich griff: den Hiddentrack. Der Terminus Technicus beschreibt schon das ganze Prinzip. Zu jener Zeit waren die meisten Musiker und Bands noch auf LP-Länge geeicht, weil ihre Alben zeitgleich als CD und LP erschienen. Wenn eine CD dann regulär nach etwa 45 Minuten aufhörte, herrschte Stille. Der Zähler auf der Uhr der Anzeige ging indes weiter. Das letzte Stück wollte nicht enden. Und wenn man vergessen hatte, die CD zu diesem Zeitpunkt aus dem Player zu nehmen, knallte plötzlich aus dem Nirvana wieder die Musik rein, die auf dem Cover nicht angegeben war. Der Hiddentrack.

Apropos Nirvana, das wohl bekannteste Beispiel für einen Hiddentrack hat Nirvana auf „Nevermind“ geliefert. Das Album endet nach reichlich 42 Minuten regulär mit dem letzten Song „Something In The Way“ um dann nach einer gefühlten Ewigkeit von zehn Minuten in dem Instrumental „Endless/Nameless“ wieder Fahrt aufzunehmen. Andere Bands haben mit Nirvana gleichgezogen. Pearl Jam auf „Ten“, Monster Magnet auf „Dopes To Infinity“, die Smashing Pumpkins auf „Gish“, die Ärzte auf einer ganzen Reihe von Alben. Placebo, die Eels und selbst die Pet Shop Boys fanden es lustig, ihren Hörer auf diese Art in die Irre zu führen. Cracker haben mit „Euro Trash Girl“ sogar einen ihrer allerschönsten Songs zunächst nur als Hiddentrack veröffentlicht. Die Liste ließe sich endlos weiterführen. Der Witz hatte sich schnell abgenutzt und war irgendwann nur noch nervig. Man stellte alles Mögliche an, um die lästige Pause zu überbrücken. Vergeblich. Bands, Labels und Produzenten hielt das nicht davon ab, weiterhin CDs mit der Plage des Hiddentracks auf den Markt zu bringen.

Wollte man den Hiddentrack hören, musste man die exorbitante Pause in Kauf nehmen, und hatte man auf die Lücke im Songgebälk keine Lust, konnte man den Track eben nicht hören. So einfach, so dämlich. Eine Alternative gab’s nicht, denn der versteckte Song hatte ja keinen eigenen Startpunkt, sondern hing an der letzten Nummer mit dem unausweichlichen Loch dran. Im MP3-Zeitalter werden die ehemaligen Hiddentracks meist als eigenständige Songs angeboten, die Pause ergibt angesichts von Shuffle und Random keinen Sinn mehr.

Ganz neu war die Idee mit dem Leerlauf allerdings nicht. Schon die Beatles hatten auf „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ mit einer sogenannten Endlosrille gearbeitet, ebenso Carla Bley auf ihrer Jazzrock-Oper „Escalator Over The Hill“. Der Tonarm des Plattenspielers sprang dann nicht in den Off-Modus, sondern blieb in einer Art Loop hängen, sodass die Musik kein wirkliches Ende fand. Dies ließ sich mit der digitalen Wiedergabe der CD freilich nicht abbilden. Auf „Abbey Road“ haben die Beatles sogar mit einer Pause (von schlappen 20 Sekunden) vor „Her Majesty“ gearbeitet. Pink Floyd hatten auf der Originalausgabe von „The Wall“ zudem die Lyrics zu einem Song, der auf dem Doppelalbum gar nicht enthalten war. Auch Neil Young gefiel sich 1982 auf seiner Platte „Trance“, die erst 1998 auf CD konvertiert wurde, mit einem Hiddentrack. Doch was bei den Beatles und Pink Floyd noch ein künstlerisch-psychologisches Experiment und bei Young sicher eine Provokation war, sollte in der CD-Ära fast ebenso zur Pflichtübung werden wie der unverzichtbare Parental Advisory.

Jedes Zeitalter hat seine eigenen Marotten. Die CD ist auf dem Rückmarsch. Das Vinyl feiert seinen Wiedereinzug in die Plattenschränke, und der Hiddentrack ist ausgestanden. Gott sei Dank.

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