SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Oh Johnny, Stohlberg

„Hello, this is Johnny“

Erinnerungen an ein Interview.

Es gibt drei Sorten von Interviews, die Kulturjournalisten wenig schätzen: Das sogenannte Round-Table-Gespräch, bei dem sich mehrere Interviewer ihren Gesprächspartner sozusagen „teilen“;  das Hotelzimmer-Interview,  bei dem ein Kulturschaffender, der ein neues Buch, einen neuen Film oder ein neues Musikalbum zu bewerben hat, im 20- bis 45-Minutentakt Interview-Audienzen absolviert; und das schnöde Telefongespräch, im Branchenjargon auch „Phoner“  genannt.

//Christian Stolberg

Die Gründe, warum vor allem das Telefoninterview gerade für Printmedien eine wenig ergiebige Variante des journalistischen Gesprächs darstellt, liegen auf der Hand: Der Reporter erlebt den Künstler nicht in seinem eigentlichen Handlungsumfeld, kann in seinem Text also davon also nichts erzählen. Er sieht sein Gegenüber nicht einmal. Dessen Körpersprache und mimischen Reaktionen auf die Interviewfragen gehen an ihm, und damit auch am Leser vorbei. Unglücklicherweise sind dies auch genau jene drei Arten, die zusammen etwa 90 Prozent aller Interviews ausmachen – aus Gründen der Zeitökonomie und wegen schwindender beziehungsweise häufig kaum mehr vorhandener Reisebudgets bei den meisten Medienunternehmen. Das war auch schon so, als ich im Spätherbst 2002 ein Telefoninterview mit Johnny Cash angeboten bekam.  Ich war damals Chefredakteur der Zeitschrift „Musikexpress“. Dennoch nahm ich an, ohne nur eine Sekunde zu zögern.

Der Anlass für unser Gespräch war das Erscheinen von „American IV:  A Man Comes Around“ im November 2002, also die vierte aus jener immens erfolgreichen Reihe von Aufnahmen, mit der der vor allem durch HipHop- und Rock-Megaseller bekannt gewordene Produzent Rick Rubin den Country-Star seit  Mitte der 1990er Jahre bei ganz neuen Hörerschichten und -Generationen zu einer Kultfigur gemacht hatte.  Natürlich wäre es auch mir tausendmal lieber gewesen, den „Man In Black“ in seinem Haus am Old Hickory Lake in Hendersonville, Tennessee, besuchen zu können. Es wurde dennoch ein Gespräch, das mir bis heute nicht aus dem Kopf geht.

Ich war vorgewarnt worden, dass der alte Meister vielleicht nur zehn Minuten durchhalten würde. Der damals 70jährige war ein schwerkranker Mann – was seine Fans in diesem Winter im ergreifenden Video zu dem Song „Hurt“ deutlich zu sehen bekommen sollten. Er litt unter anderem an starkem Asthma, und seine Sehkraft war durch ein sogenanntes Glaukom eingeschränkt.

Mein Interview sollte in der Dezemberausgabe 2002 des „Musikexpress“ erscheinen. Weil es sehr spät zustande gekommen und das Heft schon weitgehend fertig produziert war, konnten wir gerade mal eine halbe Seite dafür freischlagen. Manches, worüber wir uns unterhielten, musste also, sehr zu meinem Bedauern, aus Platzgründen unerwähnt bleiben. Etwa eine längere Passage, in der wir über Cashs besonderes Verhältnis zu Songtexten sprachen; darüber, dass er darum rang, wie ein Charakterdarsteller im Theater, jeder Zeile die gebührende Bedeutung und Wirkung zu verleihen (wer gehört hat, wie er in seiner Fassung von  Bruce Springsteens „I’m On Fire“ den Hörer allein durch seine Artikulation der Phrase „I have a bad desire“ ein Drama abgründiger Sexualität ahnen lässt, weiß, was ich meine).

Das Gespräch begann schon auf bezeichnende Art. Ich hatte zum vereinbarten Zeitpunkt, nachmittags in Europa, frühmorgens die Nummer in Tennessee  gewählt, die mir Cashs Plattenfirma genannt hatte, und wäre fast erschrocken, als sich nicht etwa erst ein Manager, eine PR-Hilfskraft oder ein persönlicher Assistent, sondern in seiner unverkennbaren Stimme und mit den schlichten Worten „Hello, this is Johnny“ sofort der Star selbst meldete. Er war schon einige Stunden zuvor aufgestanden – eine feste Gewohnheit in jenen Jahren, wie er versicherte: „Ich bin seit fünf Uhr auf den Beinen und habe mir Bänder mit Folkmusic aus den Appalachen angehört. Ich kann das New-Country-Zeugs aus Nashville nicht ausstehen. Wenn, dann höre ich alte traditionelle Country-Sachen, aber auch gerne ganz alten Gospel und Fieldsongs.“

Es war ein eigenartiges Gefühl ihn so erzählen zu hören, weil seine Sprechstimme so identisch mit einer Singstimme war. Sein Vortragsstil war ja immer nahe am Sprechgesang gewesen; obwohl wir zum ersten Mal miteinander sprachen, kam seine Stimme auf seltsame Weise vertraut durchs Telefon. Wir redeten also zunächst über seine Musik. Er erklärte, wie die monströs erfolgreiche Zusammenarbeit mit Rick Rubin vonstatten ging. „Er schickt mir aus Kalifornien immer Vorschlagslisten mit Songs, die ich aufnehmen soll. Wenn sie mir gefallen, mache ich ein Demo davon, das schicke ich dann wiederum an Rick, und er mailt dann so eine Art Kritik an mich. Die Popsongs auf den American-Recordings-Alben hat häufig Rick vorgeschlagen ‚Personal Jesus‘ beispielsweise, aber Stings ‚I Hung My Head‘ wollte ich mit dabei haben. Ich höre schon auch aktuelles Zeugs.“

So lange sich das Interview um seine Arbeit drehte, war Cash ein höflicher, professioneller und präzise antwortender Gesprächspartner. Über die Beschwernisse des Alters  wollte er nicht lamentieren. „Ich bin glücklicher als früher. Ich habe meinen Frieden mit der Welt gemacht und bin dankbar für meine großartige Familie“, nur eines störe ihn: „dass meine Gesundheit keine Tourneen mehr erlaubt. Den Kontakt mit dem Publikum, vor allem den mit den jungen Leuten, den vermisse ich sehr!“

Als das Gespräch dann auf geschichtliche Themen und die Tagespolitik kam,SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Oh Johnny, Stohlberg wurde Johnny Cash zunächst immer lebhafter. Die Beschäftigung vor allem mit der amerikanischen Geschichte fasziniere ihn immer mehr und sei neben der Musik zum wichtigsten Bestandteil seines Tagesablaufs geworden.  Als ich ihn fragte, was er vom aktuellen Zustand der amerikanischen Gesellschaft halte, bekam ich eine Antwort, die mich zunächst verblüffte, ja beinahe verstörte: „Er ist sehr gut! Der Schock durch Nine-Eleven hat dazu geführt, dass die Menschen zusammenhalten wie noch nie zuvor in der Geschichte unseres Landes! Mit einem Mal kümmert man sich wieder um seine Mitmenschen – ich finde das sehr gesund!“

Nine-Eleven, also die konzertierten Terroranschläge von Al-Quaida auf die Twin Towers in New York und das Pentagon in Washington, lagen, das muss man sich heute bewusst machen, damals kaum mehr als ein Jahr zurück. Dass Cashs Einschätzung nicht aus einem Anfall von Hurra-Patriotismus rührte, wurde  klar, als ich wissen wollte, ob er die Angriffspläne der Bush-Administration gegen den Irak unterstütze. Er sei total dagegen, stellte Cash sofort klar, aber er sagte war auch: „I fear Mr. Bush will push the button!“

Später habe ich noch mehrfach von Musikern, die genauso wenig wie Johnny Cash als Rednecks gelten, ähnliche Einschätzungen über die Stimmung in den USA während der ersten Monate nach Nine-Eleven gehört. Auch sie sprachen nicht über eine Gesellschaft in paranoider Schockstarre, sondern erzählten von einem Zusammenrücken der Menschen in den Staaten.

Johnny hatte jetzt sehr engagiert gesprochen, doch nun begann ich wahrzunehmen, wie seine Stimme schwächer und brüchiger wurde, dass er müde zu werden begann. Unser Telefonat dauerte nun schon eine gute halbe Stunde und ich hatte das Gefühl, ich müsse ihn nun höflich aus seiner Interviewpflicht entbinden, doch er hatte noch eine Sache loszuwerden. Dabei ging es um seine Ehe mit June Carter Cash.  Auf der ohnehin vom Rauschen einer schlechten Verbindung verunstalteten Aufnahme, die ich auf einer Audiokassette von unserem Telefonat machte, waren die folgenden Minuten von heftigen Störgeräuschen überlagert, man versteht in dieser Passage nicht, was gesprochen wurde. Mir hat sich dennoch eingeprägt, dass der alte Herr mit seinen schlichten Worten über die Frau an seiner Seite eine fundamentale Liebeserklärung abgab, wie ich sie selten jemanden im wirklichen Leben habe machen hören.

Sie sei nicht nur diejenige gewesen, die ihm während der dunkelsten Stunden seines Lebens Ende der 60er Jahre, beim Kampf gegen seine Alkohol- und Tablettenabhängigkeit zur Seite gestanden habe, sondern auch in seinen späten Jahren noch die wichtigste Gesprächspartnerin und Ratgeberin für ihn, mit ihr teile er jeden wichtigen Gedanken. „Einen Tag ohne sie kann ich mir nicht vorstellen, sie ist das Glück meines Lebens!“

Am 20. März 2003 bombardierten die USA, ohne ein Mandat des UN-Sicherheitsrats ausgewählte Ziele in Bagdad und eröffneten damit den Irakkrieg. Am Morgen des 16. Mai las ich im Internet, dass June Carter Cash tags zuvor an den Folgen einer Herzklappenoperation gestorben war, und mich überkam sofort eine dunkle Ahnung. Am 12. September schließlich starb Johnny in Nashville. Er hatte bis zuletzt mit Rick Rubin an neuen Aufnahmen gearbeitet und wurde nun neben seiner Frau auf dem Friedhof von Hendersonville begraben.

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