SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Google ist Gott, Mühlbauer

Google ist Gott

Gott ist allgegenwärtig. Und Gott ist allwissend. Ebenso wie das Internet und die Onlinesuchmaschinen. Dass beide unser alltägliches Zusammenleben immer stärker beeinflussen, ist kein Geheimnis. In der Vergangenheit dienten Religion oder Ideologien oft zur Beantwortung ungelöster Fragen. Je weniger Lösungen, desto größer auch in heutiger Zeit der Zulauf der Religionen. Heute wird die Beantwortung komplexer Fragen oft der Wissenschaft überlassen. Doch nicht ihr allein. Über Suchmaschinen wie Google kann das Internet jederzeit durchforstet werden. Unmengen an Wissen ist frei zugänglich und Onlinesuchmaschinen stellen den ultimativen Zugang zu diesem Wissen dar – dass die meisten Artikel oder Anwendungen online oft recht unwissenschaftlich sind, bleibt eher im Hintergrund. Welche Auswirkungen haben diese durchs Internet gewonnenen Möglichkeiten? Und haben sich Suchmaschinen wie Google in unserer Gesellschaft zu einem Gottesersatz entwickelt?

//Paul Mühlbauer

Wo Jugendliche früher Rat bei Familie oder Freunden einholten, werden heute lieber Suchmaschinen im Internet bei den Problemen des Heranwachsens befragt. Das scheint vielen Kids diskreter, da den meisten die eigenen Pubertätsthemen eher peinlich sind. Männliche Teenager bevorzugen es zum Beispiel, sich selbst im Internet zu diagnostizieren, als sich bei der Jugenduntersuchung dem Arzt zu stellen. Dieser Trend breitet sich in der Gesellschaft immer weiter aus, wie zum Beispiel der Boom von Selbstdiagnose-Websites und Diagnose-Apps zeigt. Mit diesen Apps kann bequem von der heimischen Couch aus Doktor gespielt werden. Der Arztbesuch wird eingespart und die Unsicherheit über den eigenen Krankheitsstand mit dem Resultat der Onlinerecherche besänftigt. Eine einfache Suchanfrage, beispielsweise „Krankheit Symptome XY“ reicht für eine schnelle Diagnose aus. Ob diese äquivalent zu einem Arztbesuch sind, bleibt jedoch mehr als fraglich, da ohne das nötige Expertenwissen Fehler nicht auszuschließen sind. Durch diese Diagnoseprogramme und Websites können Symptome vom Benutzer falsch gedeutet werden, und gesundheitliche Umstände können sich verschlechtern, weshalb es in ernsten Situationen nicht ratsam ist, das Internet für bare Münze zu nehmen. Gerade Jugendliche können die Seriosität von Quellen im Internet schlecht einschätzen und nehmen diese für voll.

Die Meinung eines Dritten im Internet scheint objektiver, als die subjektivenSPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Google ist Gott, Mühlbauer Meinungen der vertrauten Personen im echten Leben. Aber da jeder seine Gedanken im Internet veröffentlichen kann, gibt es die Möglichkeit, eigene Meinungen mit vermeintlichen Fakten aus dem Internet zu untermauern, ganz egal wie abstrus diese auch sein mögen. Zum Beispiel gibt es seit einigen Jahren eine Bewegung von Menschen im Internet, die an die „Flat earth theory“ glauben und, wie es der Name schon sagt, behaupten, die Erde sei eine Scheibe. Diese Fanatiker stehen wie eine Art religiöse Gemeinschaft zusammen und verschließen sich davor, dass die Erde bewiesenermaßen eine Kugel ist. Das konnten schon die alten Griechen durch einfache Geometrie herausfinden, doch für die Anhänger der „Flat earth theory“ ist das alles eine Verschwörung der Regierungen, die angeblich Bilder von Satelliten, Raketenstarts, Mondlandungen und Raumstationen fälschen und damit die Weltbevölkerung an der Nase herumführen. Wissenschaftsbezogene Personen benutzen Suchmaschinen unter anderem, um Studien zu gewissen Themen zu finden. Doch auch Wissenschaftsskeptiker benutzen das Internet, um ihre Thesen zu bekräftigen, womit das Internet und dessen Zugang Google für diese Personen in eine gottähnliche Rolle schlüpfen. Die Suchergebnisse werden als die allgemein gültige Wahrheit angesehen.

Wo individuell menschlichen Bedürfnisse und Problemstellungen wie Kommunikation im sozialen Raum oder Motivation und Sinn im Leben, die früher oft durch religiöse Gemeinschaften und deren Gedankengut befriedigt wurden, in der postindustriellen Gesellschaft zu kurz kommen, suchen viele Menschen Bestätigung und Halt im Internet. Lange Arbeits- und Vorbereitungzeiten lassen immer weniger Sozialleben und Freizeit zu. Wenn man sich einsam fühlt, ist das Internet da, und dieses ist im Gegensatz zu Freunden und Familie jederzeit abrufbar. Unzählige Entertainment-Angebote lassen den Einzelnen die Sorgen vergessen und teilweise in eine Parallelwelt abdriften. Dies zeigen beispielsweise Youtube-Kanäle, die den Zuschauer in den privaten Alltag des Youtubers mitnehmen und damit versuchen, ein quasifreundschaftliches Verhältnis aufzubauen. Diese sogenannten VLOGs werden immer beliebter und vermitteln dem Konsumenten ein Gefühl von Gesellschaft. Man wird vor dem Bildschirm von seinem Youtube-“Freund“ an verschiedenste Orte mitgenommen und kann spannendere Dinge als im eigenen Alltag erleben. Die bekannten Youtuber werden wie Popstars gefeiert und verdienen Geld mit etwas, was die meisten aus Spaß begonnen haben. Unter den Jugendlichen entstehen Fangemeinden, die ihre Vorbilder anhimmeln und nachahmen.

Onlinesuchmaschinen können jede Frage beantworten, jederzeit und über das Smartphone überall. Gibt es eine offene Frage, wird das Internet befragt und bei korrekter Bewertung der Seriosität der Informationen, kann von jedem überall auf der Welt dasselbe gültige Wissen abgerufen werden. Diszipliniertes Vorgehen bietet jedem die Möglichkeit, sich viele Dinge im Internet selbst beizubringen. In Kürze sind Artikel, Kurse für Sprachen, Erklärungen und vieles mehr meist gratis zu beinahe jedem Thema abrufbar. Man kann seine Allgemeinbildung verbessern oder sich auch sehr spezifisches Wissen aneignen. Eine wirkliche Errungenschaft besteht darin, dass man sich mit Hilfe von Google Maps nie wieder verläuft, sofern man das Smartphone dabei hat. Vor dem Internetzeitalter blieb das meiste Wissen Experten und Wissenschaftlern vorbehalten und war für den normalsterblichen Rest schwerer zugänglich. Kaum vorstellbar, wie im Mittelalter Aberglaube und Kirche den Wissensstand der Menschen unter Kontrolle hatten. Damals waren die anerkannten Fakten der Wissenschaft auch stark lokal abhängig, da in jeder Region und jedem Königreich, andere Traditionen und Theorien galten. Natürlich weiß man heute auch nicht alles, jedoch gibt es für viele Themen bewiesene Theorien. Diese werden wissenschaftlich diskutiert und überprüft, bevor sie als belastbarer Fakt angesehen werden können. Durch das wissenschaftliche Prinzip wird erst die Grundlage für faktenbezogene Diskussionen geschaffen, wie wir sie heute kennen. Nur dass mittlerweile Suchergebnisse im Internet bei vielen den Platz der allgemein gültigen Wahrheit eingenommen haben.

Die Anfragenprofile der Suchmaschinenbenutzer bieten Aufschluss über ihre Persönlichkeiten. Zum Beispiel Browserverläufe, Kaufdaten oder GPS-Ortung lassen ein erschreckend genaues Bild über den Benutzer zu. Um „Werbungsanzeigen zu optimieren“ nutzen Seiten wie Google oder auch Facebook Algorithmen, die die Benutzungsdaten erfassen, beispielsweise wie lange sich der Benutzer welches Bild angesehen hat oder ob er lieber Hip-Hop oder Schlager hört. Diese Profile werden in Massen gespeichert und können bei Bedarf von NSA und Co. abgefragt und benutzt werden. Viele Menschen kennt das Internet besser, als diese sich selbst kennen. Das Individuum wird quasi zur Summe seiner Daten. Die meisten Daten gehen natürlich in der Masse unter, jedoch wird man theoretisch angreifbar.

Das Internet und die damit einhergehenden Anwendungen, sind wohl die am direktesten für uns spürbare Konsequenz der Digitalisierung der Welt. Dieses uns alle verbindende Netz ist für viele unbewusst in eine dreifaltige Position gestiegen und hat immer weiter wachsenden Einfluss auf unsere Gesellschaft. Es gibt also positive und negative Aspekte, wenn man Google zu seiner Gottheit auserwählt. Wie diese Konsequenzen jedoch bewertet werden, bleibt jedem wie immer selbst überlassen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.