SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Gewagtes Spiel

Gewagtes Spiel

Beyoncé und die politische Provokation auf dem Super Bowl

Sport, Musik und Politik – zwei dieser drei Lebensbereiche mögen sich gut kombinieren lassen, doch wie sieh es mit allen dreien auf einmal aus? Sind Sport-Events die geeignete Plattform, um sich mit Musik politisch zu positionieren? Oder muss man hinter solchen Unterfangen ein anderes Kalkül vermuten? Diese Fragen drängen sich zumindest auf, wenn man Beyoncés Auftritt auf dem Super Bowl 2016 unter die Lupe nimmt.

//Desiree Meister

Während Katy Perry vor zwei Jahren noch mit lustigen Haien in quietschbunten Kostümen über die Bühne tänzelte, bei der man höchstens die Kürze ihrer Röcke kritisieren und für provokant halten konnte, lieferte Beyoncé im letzten Jahr schon ganz anderen Gesprächsstoff. Neben Bruno Mars und Coldplay dominierte sie den Super Bowl 2016. Mit ihrem Auftritt hat sich die Pop-Sängerin gewohnt medienwirksam gegen Diskriminierung und Rassismus ausgesprochen, gegen Polizeigewalt an Schwarzen und für die Bewegung Black Lives Matters (BLM), zu der sie sich erstmals öffentlich selbst bekennt. Ihre Botschaft: „Black Pride“, also „Schwarzer Stolz“. Die Aussage ist denkbar einfach: Steht zu eurer (afroamerikanischen) Herkunft, seid selbstbewusst, erhebt eure Stimmen. Noch heute sorgt ihr Auftritt für reichlich Diskussionsstoff und wirft die Frage auf, ob man während einer Massensport-Veranstaltung eine so klare politische Aussage treffen darf.

Beyoncé betritt die Arena in einem Outfit, dass stark an Michael Jacksons Super Bowl Auftritt von 1993 erinnert. Gefolgt von einer Armee von Tänzerinnen, gekleidet in schwarze Ledershorts und Baretts. Offensichtlich eine Referenz zu der 1966 gegründeten Black Panther Party, einer afroamerikanischen Bürgerrechts- und Selbstschutzorganisation, die unter anderem als Reaktion auf die Ermordung von Malcolm X im Jahre 1965 gegründet wurde. Die Bewegung polarisierte vor allem mit ihrer Drohung, auch bewaffnet für ihre Ziele und Ideale zu kämpfen. Neben ihrer optischen Erscheinung war es Beyoncés tags zuvor veröffentlichter Song „Formation“, der für Aufmerksamkeit sorgte. Da heißt es: „Earned all this money / but they never take the country out of me“, was so viel bedeutet wie: Ganz egal, was ich auch erreicht habe und wie sehr sie (die Weißen) mich auch respektieren, in meinem Herzen bin und bleibe ich afroamerikanisch. Im Gegensatz zu Michael Jackson versucht sie nicht, sich an einen weißen Standard anzupassen. „My Daddy Alabama, Momma Louisiana / You mix that Negro with that Creole make a Texas bamma.“ Wobei “Bamma” als ein Synonym verstanden werden kann, für arme Afroamerikaner aus dem Süden. Bereits in der Vergangenheit bezeichnete sich die Texanerin als Sprachrohr der schwarzen Bevölkerung, die sich für Frauenpower, Feminismus, Stolz und Anerkennung der afroamerikanischen Kultur einsetzt. Für so manchen Zuschauer eindeutig zu viel des Guten. Da war Katy Perry‘s zwölfminütiger Auftritt weitaus weniger politisch aufgeladen und wesentlich leichter verdaulich.

Zu einer Zeit, in der versucht wird, die Forderung nach Gleichberechtigung in die Welt hinauszutragen, unabhängig vom Geschlecht, der Religion oder Ethnie, scheint es nur folgerichtig, sich auch vor einem Millionenpublikum politisch motiviert zu positionieren und die Thematik von Schwarz und Weiß erneut aufzugreifen, wo Chris Martin nur ein paar Minuten zuvor das einheitliche „Wir“ gepriesen hat. Ob dieses „Wir“ wirklich existiert, ist hingegen mehr als fragwürdig. Da können noch so viele Schilder mit Herzen und Symbolen des Friedens in den Himmel gehalten werden. Wahrscheinlich weiß Martin das auch. Im Unterschied zu Martin ist aber Beyoncé ein Medienprofi, der nichts dem Zufall überlässt und weiß, wie man bewusst den Nerv einer Nation trifft.

Genau hier schleicht sich der Gedanke ein, wie viel Marketingkalkül undSPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Gewagtes Spiel Berechnung sich hinter dem Auftritt verbirgt und ob die künstlerische Aufmachung tatsächlich einem politischen Bedürfnis entspringt? Nach wie vor beherrschen Nachrichten über Polizeigewalt gegen die schwarze Bevölkerung die amerikanischen Medien. Wenn Beyoncés Tänzer sich dann vor Millionen von Zuschauern zu einem X formieren, eine Referenz an das Black-Panther-Idol Malcolm X, liefert das zumindest genügend Aufmerksamkeit, um es im Anschluss auf sämtlichen Titelseiten rund um den Globus zu schaffen. Echte Provokation, mit dem Ziel Grenzen zu überschreiten und die ungeschönte „Wahrheit“ ans Licht zu bringen, ist das aber nicht. Ungerechtigkeit, Verbrechen oder ähnliche Missstände enttarnt man nicht, indem man sich eines Ereignisses aus längst vergangenen Zeiten bedient. Dabei hätte es aktuell mehr als genug Zündstoff gegeben, um den Finger in Amerikas Wunden zu legen. Die Inszenierung von Provokation dient viel mehr der Stabilisierung des aktuellen Systems, als zu einer öffentlichen Anprangerung politischer Missstände zu führen. Unter der Präsidentschaft Donald Trumps hätte Beyoncé nach all dessen verächtlichen Äußerungen gegenüber verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit einem vergleichbaren Auftritt deutlich mehr provoziert. Liegt nicht der Verdacht nahe, dass ihr Auftritt größtenteils der eigenen Imagepflege diente und somit eine gelungene PR-Aktion war? Ähnlich dem Auftritt Katy Perrys bleibt ihr Intermezzo in der Halbzeitshow ein reines Unterhaltungsspektakel, nur weniger farbenfroh und mit leicht politischen Nuancen verziert.

Im Gegensatz dazu waren in der Vergangenheit politische Botschaften beim Superbowl wirklich brisant und deutlich näher am Zeitgeschehen angelehnt. Die irische Band U2 gedachte während ihrer Performance 2002 den Opfern des 11. Septembers, indem sie deren Namen auf einer Leinwand im Hintergrund projizierte. Für diesen Akt der Solidarität erhielt die Band damals enormen Zuspruch. Bis dahin wurde beim Super Bowl immer wieder versucht, Politik und Sport zu vereinen und das sogar mit großer Tradition. Es darf nie die obligatorische Kampfflugzeugstaffel über dem Stadion fehlen. Bilder der kämpfenden Truppen in Übersee sollen daran erinnern, wie bedroht die demokratische Freiheit ist.

Der größte Moment ist stets das Singen der Nationalhymne „The Star-Spangled-Banner“. Dieses Privileg genossen die verschiedensten Künstler mit den unterschiedlichsten Interpretationen der Hymne, die auch heute noch als Spiegel der Zeitgeschichte betrachtet werden können. Whitney Houston gab 1991 mit ihrer souligen Darbietung der Nationalhymne dem Super Bowl ihren ganz eigenen Charakter. Damals hatte „Operation Desert Storm“ gerade begonnen, gegen die Invasion Saddam Husseins in Kuwait. Whitney Houston nutzte die große Bühne, um die Verunsicherung der amerikanischen Bevölkerung vom Krieg im Persischen Golf zu nehmen und die Stärke und Macht des Landes zu demonstrieren. Ein anderes Beispiel liefert Jimmy Hendrix am 19. August 1969 in Woodstock. Mit seinem verzerrten Gitarrensolo verwandelte er die Nationalhymne in einen Protestsong gegen den Vietnamkrieg und wurde damit zum Held einer ganzen Generation. Das sind Beispiele unmittelbarer Stellungnahme, wie sie authentischer nicht hätten sein können.

Auch Janet Jacksons legendärer „Nippelgate“ schaffte, wovon Beyoncé weit entfernt war, nämlich wirklich zu schockieren. Sicherlich war auch dieser Auftritt inszeniert, aber er hatte eine Wirkung, deren Ausmaß zum damaligen Zeitpunkt nicht abzusehen war. Allein die an Präsident Nixons Watergate-Skandal angelehnte Bezeichnung Nipplegate verdeutlicht die öffentliche Wirkung dieser Aktion. Die USA fühlten sich öffentlich entblößt. Im Vergleich dazu wirkte Chris Martins kunterbunte Show, mit menschengroßen Blümchen und Batikfarben abgedroschen, langweilig und fürchterlich unglaubwürdig. Der Versuch, einen Hauch Politik hinaus in die Welt zu tragen, ist nicht aufgegangen.

Dennoch hat es sich ein Ereignis wie der Super Bowl zur Aufgabe gemacht, die Gunst der Aufmerksamkeit zu nutzen. Wo sonst erreicht man so viele Menschen, die sich im Alltag eher wenig für Politik interessieren. In dieser beschwingten Atmosphäre ist die Reichweite von Botschaften weitaus höher, als bei sonstigen öffentlichen Auftritten auf den üblichen Kanälen. Vor allem junge Leute suchen dieser Tage wieder mehr nach persönlichen Meinungsführern. Abgestumpfte Politiker, mit ihren unendlich langen und kaum verständlichen Reden finden immer weniger Gehör. Für Künstler mit Einfluss auf eine große Fangemeinde sind mediale Großveranstaltungen die perfekte Bühne, um Botschaften in aller Welt zu verbreiten. Immerhin kann schon die Möglichkeit, zugespitzte Meinungen nach außen zu tragen, an sich als wichtiger Grundsatz unserer Rechte gewertet werden.

Im Gegensatz dazu ist es fatal und unendlich altmodisch, dass die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi (Russland) stattfanden. In einem Land, dass ein Jahr zuvor ein Gesetz erlassen hatte, das die positive Darstellung von Homosexualität vor Minderjährigen oder in Medien als „homosexuelle Propaganda“ ansieht und infolgedessen unter Strafe stellt. Damals waren die Folgen diverse Boykottaufrufe, unter anderem von Pop Sängerin Lady Gaga oder dem britischen Drehbuchautor und Schriftsteller Stephen Fry. Auch mehrere Staatsoberhäupter wie François Hollande oder Barack Obama sahen unter Berufung auf dieses Gesetz von einem Besuch der Olympischen Spielen in Sotschi ab. Die Leidtragenden dieser politischen Einmischung und der medialen Aufregung waren folglich die, die am wenigsten dafür konnten, nämlich die Sportler selbst und die sportbegeisterten Zuschauer. Somit kommen Großveranstaltungen wie der Super Bowl vielleicht gar nicht um ein politisches Statement herum, weil die jeweilige vorherrschende politische Stimmung ohnehin präsent zu sein scheint. Politik, ob nun provokant inszeniert oder nicht, muss zwangsläufig den Weg über Ereignisse wie den Super Bowl gehen, um in der Gesellschaft anzukommen und Anklang zu finden.

Am Ende ist es für alle Seiten eine Win-Win-Situation. Die Organisatoren des Super Bowls bekommen durch gelegentliche Provokationen, sei es durch politische Botschaften oder „Ausrutscher“ wie das „Nipplegate“ ihre Quoten und können auch in Zukunft millionenschwere Werbedeals an Land ziehen. Die Künstler ziehen die Aufmerksamkeit der zahlreichen Zuschauer, um ihren eigenen Marktwert zu steigern und die Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben. Der Zuschauer bekommt letztendlich das, was er sich von so einem Format wie dem Super Bowl verspricht: Vorfreude, Spannung und ein mediales Spektakel, das so in dieser Form kein zweites Mal existiert. Und wenn alles fein im Rahmen bleibt, können sich alle Beteiligten rühmen, wie offen gesellschaftliche Probleme doch auch in einem derartigen Rahmen angesprochen werden dürfen.

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