SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Geschichten, wir brauchen Geschichten

Geschichten! Wir brauchen Geschichten!

Es ist ein Widerspruch. Wer Künstler ist, kann nicht für Donald Trump spielen, schon aus strukturellen Gründen. Dementsprechend schwer tut sich der amerikanische Präsident mit der Musik als Zeichen seiner Onmipotenz. Und das hat Zukunft.

//Ralf Dombrowski

Donald Trump hat es geschafft, sich als Mann des Mittelstands zu inszenieren, obwohl er steinreich ist, Absolvent einer Elite-Uni und vor allem ein sich über die Regeln der Fairness hinwegsetzender Geschäftsmann. Das konnte funktionieren, weil er damit an eine tief in der Vergangenheit verankerte Geisteshaltung anknüpft, die eine Polarisierung der Gesellschaft anstrebt. Amerika ist in diesem Denksystem stolz darauf, sich vom über europäische Einwanderer importierten, sowohl erbaristokratischen wie bildungsbürgerlichen Standesdünkel der Alten Welt in Richtung Tellerwäscher-wird-Millionär-Mythos emanzipiert zu haben. Grundlage dafür ist ein im Kern agrarisch präfeudal denkender, zeitweilig in Industriearbeiterschaft überführter, aber nun wieder freigesetzter mentaler Landbürger, dessen soziales Ausgrenzungsmodell am Erhalt des eigenen Clans orientiert ist. Sein Traum ist, dass alles bleibt, wie es ist, nur mit etwas mehr im Beutel. Dafür zieht er seinen Colt, setzt seinen Stetson auf und hält Trump den Steigbügel als vermeintlich Seinesgleichen, der ihm prosperierende Statik verspricht.

Die Feinde

Des weißen Proto-Amerikaners Feind ist das Urbane, Kooperative, Intellektuelle. Es steht für Miteinander und Veränderung, für Innovation und damit für eine Unsicherheit, die in Eigenverantwortung fußt. Im vereinfachten, an die Sprache des Totalitarismus anknüpfenden trumpublikanischen Diskurs sind die Verkörperungen dieses irritierend vielgestaltigen Freiheits-Modells die so genannten Eliten, Banker und Ärzte, Journalisten und Beamte, als Randgruppen verstandene Mittelstandsabweichler jedweder Couleur, Schwarze, Ausländer, Studierte, Künstler. Sie sind Gefährder der Abschottung, weil ihr Blick zumeist über die Scholle hinausweist und damit Alternativen zum Modell des stolzen Verharrens präsentiert. Die damit zuweilen verbundene Arroganz, wenn etwa Hilary Clinton im Wahlkampf von den Bürgern der „flyover states“ wie Wisconsin als „deplorables“, also „Klägliche“, „Bedauerliche“ spricht, steht zwar der trumpublikanischen Vereinfachungstaktik kaum nach. Im Prinzip aber ist ein Denken, das sich an Bildung und Reflexion orientiert und kreative Offenheit als Grundwert einfordert, die Basis künstlerischen Schaffens.

Das Problem

Deshalb hat Donald Trump ein Problem mit Kunst und Kultur. Denn jederSPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Geschichten, wir brauchen Geschichten Künstler, jeder Musiker, der sich nicht nur als Reproduktionsdienstleister versteht, setzt auf kreatives und strukturoffenes Denken, um gestalterisch nicht auf der Stelle zu treten. Damit ist er Teil jener so genannten Elite, die der Präsident mit Beleidigungen überzieht und deren Existenzberechtigung er in Frage stellt. Unabhängig von inhaltlichen Differenzen kann ein Musiker daher nicht für Donald Trump singen oder spielen, ohne seine eigene Arbeit grundsätzlich zu torpedieren. Nicht einmal die üblichen Rettungsanker der Pragmatik greifen noch. Denn beruft man sich auf das Honorar, das womöglich üppig ausfällt, wird man käuflich, außerdem ziemlich sicher inhaltlich instrumentalisiert und beraubt sich der Glaubwürdigkeit, die im Sinne der Authentizität einen der letzten Eckpfeiler der Wertschätzung durch die Community darstellt. Ironie ist in einer humorfreien Umgebung unbrauchbar, wenn nicht gar gefährlich, weil sie nicht verstanden wird, Zynismus wiederum selbst ein Mechanismus der Verachtung. Resignation bringt niemanden voran, Widerstand gilt im System der populistischen Logik nur als ein Zeichen der Schwäche, die sich im Aufbäumen gegen das vermeintlich Unvermeidliche manifestiert. Als einziger Schluss bleibt die Missachtung in Form von Absagen. Kein Künstler von Rang wollte daher den Totengräber des Kulturellen ins Amt singen. Und nahezu alle verwahrten sich gegen die unerlaubte Inanspruchnahme ihres Schaffens durch einen rhetorischen Feuerteufel, der sie bei nächstmöglicher Gelegenheit bereits vor den Greyhound der Verachtung stoßen könnte.

Finger weg!

Trumps Stab hat es probiert. Zahlreiche Stars waren für die Inauguration und die „Make America Great Again Celebration“ angefragt, Céline Dion, Elton John, Kiss, Paul Anka, Kanye West, Garth Brooks, sogar Moby. Niemand wollte, und wer versehentlich zugesagt hatte wie die Broadway-Sängerin Jennifer Holliday oder die B-Street Coverband, machte nach weiterer Überlegung einen Rückzieher. Es blieben international wenig bekannte Künstler wie die 16jährige Talentshow-Sängerin Jackie Evancho, der christliche Country-Sänger Lee Greenwood, sein Stil-Kollege Toby Keith, die Mainstream-Rocker 3DoorsDown, der 81jährige Soul-Sänger Sam Moore oder auch der Mormon Tabernacle Choir, um für die musikalische Umrahmung zu sorgen. Damit setzte sich der Trend des Wahlkampfs fort, als sich namhafte Musiker dagegen wehrten, dass der Kandidat ihre Stücke einsetzte., R.E.M. wehrten sich gegen ein trumpublikanisches „It’s The End Of The World As We Know It“, Adele hatte etwas dagegen, „Skyfall“ und „Rolling In The Deep“ parteiisch zu hören, Everlast sperrte sein „Jump Around“ für die Instrumentalisierung. Neil Young verbot ihm zwar nicht nachdrücklich die Verwendung von „Rockin’ In The Free World“, distanzierte sich aber von Trump als Person.

Präsident ohne Hymne

Trump hat keine Hymne, nicht Frank Sinatras „High Hopes“ wie John F. Kennedy, nicht Fleetwood Macs „Don’t Stop“ wie Bill Clinton, nicht U2s „City Of Blinding Lights“ wie Barack Obama, nicht einmal Woody Guthries „This Land Is Your Land“ wie der erste George Bush. „My Way“ wiederum kann sich nicht wehren, unbeholfen getanzt zu werden, verliert aber durch den gereckten Wahlkampfdaumen, statt präsidialer Souveränität viel von seiner Brillanz. Zwei Stücke der Rolling Stones, „You Can’t Always Get Wat You Want“ bei seiner ersten Amtsansprache und „Heart Of Stone“ während seines Auftritts bei der „Celebration“ usurpiert er ungefragt, ein Akt der Piraterie. Die Stones haben sich vergeblich dagegen gewehrt. Dafür hat Donald Trump Künstler, die gegen seine Präsidentschaft und die dadurch vermittelten Botschaften von Intoleranz, Rassismus und Ignoranz auf die Straße gehen: Madonna, Cher, Katy Perry beim „Marsch der Frauen“ in Washington, Barbara Streisand, Pearl Jam, Miley Cyrus beim Pendant in Los Angeles. Bruce Springsteen proklamiert während seiner Welttournee in Australien: „Wir sind der neue amerikanische Widerstand“. Indie-Musiker veröffentlichen bei ourfirst100days.bandcamp.com jeden Tag einen neuen Song gegen den Präsidenten. Weitere Proteste sind wahrscheinlich.

That makes fun!

Donald Trump kümmert es nicht, solange es nicht seine Eitelkeit tangiert. Es ist ihm egal, dass sich viele Menschen an den Kopf langen angesichts seines jähzornigen, unkontrollierten Auftretens. Kultur ist ja Sache der von ihm verhassten so genannten Eliten, ihre Ausdrucksformen sind im trumpublikanischen Weltbild obsolet, so sie nicht der Unterhaltung dienen. Das Gleiche gilt für kritische Medien, wohingegen Massenmedien von Twitter bis Fox TV die Funktion haben, die Menschen von Wichtigerem fernzuhalten und von ihm eifrig bespielt werden. Trump generiert unübersichtliche, zum Teil emotional provokante Kurzzeitaufmerksamkeit, und versucht alle, die nicht für ihn sind, in Zugzwang zu bringen. Bislang lassen sich viele von diesem Mechanismus fangen, stöhnen auf, sehen schwarz. Ein Präsident ohne Kulturverständnis regiert ein Land, dem seine Identität doch so wichtig ist.

Viel zu tun

Da bieten sich Chancen für Künstler aller Gattungen. Denn die Trumpublik definiert sich ex negativo. Sie formuliert sehr laut, was sie nicht ist und nicht will. Die Kraft der Kunst, wie auch der Musik, aber besteht gerade darin, Utopien zu entwerfen. Amerika braucht Geschichten, die das Land und seine Menschen in einer Gegenwart verorten, die sich im Vergleich zur Nachkriegsordnung grundlegend verändert hat. Es braucht produktive, offene Träume und Musiker, die sie formulieren und verkörpern. Das ist Arbeit, erfordert Hirnschmalz und viel Aufmerksamkeit, um nicht in die Hassfalle zu tappen oder Reaktionsmustern aufzusitzen. Häme bringt nichts, denn sie gehorcht vergleichbaren Regeln des Deklassierens wie der Populismus. Ein bisschen Spott kann erleichtern und die Emotionalität entzerren, hat aber keine Perspektive. Am Ende geht es um Alternativen. Es geht um die Neubesetzung vereinnahmter Werteraster.

Auf das Einfachste runtergebrochen, hat Trump ein romantisches Oppositionsmuster des 19. Jahrhunderts wiederbelebt, indem er das Schlichte, Natürliche mit einem Wir-Gefühl besetzt, das keine Rechtfertigung benötigt, weil es ja ursprünglich ist. Damit wird die andere Seite, die Kultur, als nicht-natürlich diskreditiert, obwohl sie die eigentliche Leistung des Menschen ist, die ihn vom Darwinismus des Tierreichs befreit. Dieses Verhältnis muss wieder umkodiert werden. Denn nur Kultur, nicht Natur, kann Identität schaffen, die sich vom Schollendenken befreit. Nur Kultur öffnet das Denken. Sie lässt sich am leichtesten über Geschichten, Erzählungen, Erlebnisse vermitteln, in denen sich die Menschen wiederfinden. Real, nicht fake. Tatsächlich, nicht alternativ generiert. Und schneller als die Nebel-Mythen des Populismus. Da haben Künstler, Musiker, Medien ordentlich Arbeit vor sich. Aber es ist eine Herausforderung, für die es sich zu schuften lohnt. Denn am Ende steht der Mensch als Wesen des Miteinanders, nicht des Kampfes.

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