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Flipper

Betrachtung einer Gedächtnislandschaft

// Lothar Quinkenstein 

Schon ein flüchtiger Blick in verschiedene Internetforen, die Erinnerungen an „gute, alte Fernsehzeiten“ beschwören, darf es bestätigen: Die Anfang der 1960er Jahre in den USA produzierte Serie „Flipper“ besitzt Kultstatus. Die nostalgischen Akzente in den Kommentaren verweisen häufig in Sphären der alten Bundesrepublik, doch scheint die Faszination durchaus generationenübergreifend zu wirken, und der Titelsong selbst entfaltet seine eigene Magie – die mitunter ins Absurde führt: So ist auf www.fernsehserien.de zu lesen, Komponist und Texter seien unbekannt. Es wäre vermutlich der erste Urheber der Musik für eine Fernsehserie, der seine Identität im Abspann unterdrückt hätte.

Man ruft nur Flipper, Flipper, / gleich wird er kommen, / jeder kennt ihn, / den klugen Delphin … Auch der Verfasser dieser Betrachtung hat die Melodie im Ohr, und die Bilder, die sich dazu einstellen, führen in eine Zeit, in der die Idole der Grundschüler in einem Provinznest unweit der deutsch-französischen Grenze Bruce Lee und Sepp Maier hießen. Wer sich allein von den Empfindungen (ver)leiten lassen wollte, könnte mit Weichzeichnungen hantieren, von unbeschwerten Kindheitsstunden schwärmen, war doch die Serie mit dem klugen Meeressäuger denkbar passend abgestimmt auf kindliche Gefühlslagen. Eine exotisch reizvolle Welt, spannende Höhepunkte, Momente der Bedrohung, des Nervenkitzels, die aber nie zu Katastrophen führten, denn dank Flippers Hilfe konnte jede Gefahr gebannt werden. Ob Haie oder Stachelrochen, Unbilden der Natur oder ein Verbrecher auf der Flucht vor der Polizei – am Ende jeder Episode war der Frieden im Coral Key Park wieder hergestellt, ohne dass jemand ernsthaft Schaden erlitten hätte. Ein begütigender Scherz, Flippers keckerndes „Lachen“ (das angeblich ein Synchronsprecher produzierte), dann folgte der Abspann, der selbstverständlich auch den Komponisten nannte: Henry Vars [Wars].

Henryk Warszawski – wie er eigentlich hieß – wurde 1902 in Warschau geboren (damals russisches Teilungsgebiet). Von frühester Kindheit an erfuhr er vielfältige Anregungen seiner musikbegeisterten Familie. Nach dem Abschluss des Warschauer Konservatoriums avancierte er als Pianist in Kabarett-Theatern in Kürze zum Star der polnischen Unterhaltungsmusik. Henryk Grynberg (geb. 1936) schreibt in seinem autobiographischen Prosabuch „Uchodźcy“ [Flüchtlinge, 2004]: „Polen, eben erst wiedergeboren, war verrückt nach neuen Melodien. Wars hatte sie im Überfluss, und auf den Tonfilm schienen diese Melodien nur gewartet zu haben. Filme kommen und gehen, die Lieder aber bleiben.“ Zwischen 1930 und 1939 schrieb Warszawski die Musik zu über 50 Filmen. Lieder, die er für die Leinwand komponierte, wurden im Handumdrehen zu Schlagern, die jede Straßenkapelle weiter trug. Seine Tangos wurden zur musikalischen Einstiegsdroge für eine ganze Generation.

Die Namen der Persönlichkeiten, mit denen er zusammenarbeitete, fügen sich zum „Who is Who“ einer Epoche, in der das künstlerische Leben in Polen nur so pulsierte: Hanka Ordonówna, Zula Pogorzelska, Eugeniusz Bodo. Nicht zu vergessen die Lemberger Szene: Emanuel Szlechter, das legendäre Duo Kazimierz Wajda und Henryk Vogelfänger, die als „Szczepko und Tońko“ – in den Rollen zweier Lemberger Schlitzohren und Hallodris – ihr Radiopublikum begeisterten.

Hanka Ordonówna und Zula Pogorzelska sangen Warszawskis Lieder in Filmen, deren glanzvolle Leichtigkeit zum Inbegriff einer goldenen Epoche wurde: „Der Spion mit der Maske“ (1933), „Romeo und Julcia“ (1933) – zwei Titel unter vielen. Eugeniusz Bodo, Dandy und Herzensbrecher, der sich gerne mit seiner Dogge Sambo fotografieren ließ, trat als Sänger, Schauspieler und Tänzer auf, schrieb außerdem an vielen Drehbüchern mit. In dem Fotoband „Eine verlorene Welt: Polnische Juden. Fotografien aus den Jahren 1918–1939“ ist eine Szene aus dem Film „Ein Stockwerk höher“ (1937) zu sehen: Warszawski sitzt am Klavier, Bodo befeuert die Band – es ist die Szene, in der die Jazzcombo das klassische Quartett der gesetzten Herren im Stockwerk darunter zur Verzweiflung bringt. Auch Emanuel Szlechter war ein Genie des Films und der Revuetheater: Er schrieb Liedtexte und Drehbücher, komponierte und führte Regie.

In dem Film „Vagabunden“ (1939) fanden sie noch einmal zusammen: Szlechter als Co-Autor des Drehbuchs, Wajda und Vogelfänger in ihren Lebensrollen, als „Szczepko und Tońko“, Wars schrieb die Musik. Das Lied, das zum Synonym dieses Films wurde, sollte nur wenige Monate später düster symbolischen Charakter erhalten: „Lwów jest jeden na świecie“ [Lwów gibt es nur einmal auf der Welt], bekannt zumeist unter dem Titel „Tylko we Lwowie“ [Nur in Lwów].

„Vagabunden“ kam im Frühjahr 1939 in die Kinos. Am 1. September überfiel die Deutsche Wehrmacht Polen; am 17. September griff von Osten die Rote Armee an. Warszawski geriet in deutsche Gefangenschaft, konnte aus einem Transport fliehen und schlug sich ins sowjetisch besetzte Lwów durch, wo er das Orchester Tea Jazz gründete, eine der Nischen polnischer Kultur unter sowjetischem Diktat. Auch Eugeniusz Bodo gehörte der Band an. Szlechter konnte in einem Theater unterkommen.

Hanka Ordonówna, dem deutschen Besatzungsterror in Warschau mit knapper Not entronnen, erlitt – nach ihrer Flucht nach Wilna – das Schicksal Hunderttausender Polinnen und Polen in den sowjetisch besetzten Ostgebieten; sie wurde nach Usbekistan deportiert. Als die Deutschen 1941 die Sowjetunion überfielen, gab es kaum noch Fluchtwege. Schon in den ersten Tagen der Besetzung Lembergs ging die Zahl der ermordeten Juden in die Tausende. Warszawski konnte rechtzeitig entkommen. Emanuel Szlechters Spur verliert sich im Lemberger Ghetto. Wahrscheinlich wurde er dort ermordet.

Stalin suchte nach neuen Verbündeten – und spekulierte auf die Hilfe der Polen, die er seit dem 17. September 1939 mit aller Brutalität schikanierte. Ende Juli 1941 erging im Rahmen des Sikorski-Majski-Abkommens eine Amnestie für die polnischen „politischen“ Häftlinge. Eine polnische Armee sollte auf sowjetischem Boden entstehen. Es waren nicht nur Männer, die sich auf den Weg zu General Władysław Anders machten – nach ein, eineinhalb, manchmal fast zwei Jahren GuLag –, auch polnische Frauen und Kinder stießen zu dem Tross, sie kamen aus den zahllosen Hungerkolchosen, den zahllosen Waisenhäusern. Wars schloss sich der Armee von Anders an, leitete dort „das wohl größte Militärorchester der Geschichte“ (Henryk Grynberg).

Auch Eugeniusz Bodo hatten die Sowjets 1941 verhaftet; jetzt wurde ihm sein Schweizer Pass zum Verhängnis. Die Amnestie für die Polen galt für ihn nicht. Er starb 1943 im Durchgangslager Kotlas an Entkräftung. Das letzte Foto zeigt ihn als Gefangenen, stoppelbärtig, verschorfte Wunden im Gesicht, die Augen starren resigniert ins Leere. Tausende von Kilometern legte die Anders-Armee zurück – aus der Sowjetunion über den Iran, Irak in den Nahen Osten, von wo aus sie mit alliierten Kräften nach Süditalien übersetzte. Wer sich einen Eindruck verschaffen möchte von diesem Kapitel des Zweiten Weltkriegs, das in Deutschland außerhalb von Fachkreisen so gut wie unbekannt ist, sei auf Józef Czapski verwiesen. In seinem Buch „Unmenschliche Erde“ (1967 in deutscher Übersetzung) legt der Schriftsteller und Maler, der als polnischer Offizier der Erschießung in Katyn um Haaresbreite entkommen war, ein erschütterndes Zeugnis ab. Norman Davies widmete der Armee von Anders vor wenigen Jahren ein Buch mit einem gleichfalls sprechenden Titel: „Trail of Hope: The Anders Army. An Odyssey Across Three Continents“.

Man mag versuchen, sich auszumalen, was die Konferenz von Jalta für diese Menschen bedeutet hat. Auch Warszawski sah keine Hoffnung mehr in einem Polen, das die Deutschen in ein Massengrab verwandelt und die Sowjets dem „Ostblock“ zugeschlagen hatten. Nach einer Zwischenstation in England emigrierte er in die USA.

Jahre der Armut, in denen seine Frau mit Näharbeiten einen kärglichen Lebensunterhalt verdiente – dann kam durch eine Zufallsbekanntschaft ein Kontakt mit Hollywood zustande. Auf einige kleinere Arbeiten folgte endlich ein größerer Auftrag: die Titelmelodie für die Fernsehserie „Flipper“. Von da an schrieb Warszawski regelmäßig Filmmusik für Hollywood.

Hanka Ordonówna, die sich nach der Amnestie von 1941 für polnische Waisenkinder eingesetzt hatte, deren Eltern bei den Deportationen ums Leben gekommen waren, gelangte aus der Sowjetunion über Bombay nach Beirut, wo ihr Mann eine Stellung als polnischer Botschafter fand. 1948 publizierte sie – ebendort – unter dem Pseudonym Weronika Hort ein Buch über das Elend der verbannten polnischen Kinder: „Tułacze dzieci“ [Vagabundenkinder]. Sie starb 1950 in Beirut.

Ein knappes Jahrzehnt nur liegt zwischen dem Buch und dem Film von 1939 –zwei Diktaturen hatten Mitteleuropa in ein Leichenhaus verwandelt.

Noch einmal mit den Worten Henryk Grynbergs: „Wars war ein lebendes Denkmal, durch ein schieres Wunder gerettet, die postume Stimme jenes Vorkriegswarschaus, das es nicht mehr gab.“ Als er am 1. September 1977 in Los Angeles starb, war der Verfasser dieser Sätze knapp zehn Jahre alt. Und weder er noch die Großväter, die damals in den Gärten des Dorfes werkelten, Kaninchenställe ausbesserten, die Stangenbohnen hochbanden und ab und an von einem Krieg erzählten, in dem weder Polen noch Juden vorkamen, nur „Iwans“ oder „Amis“, hatten auch nur den Schimmer einer Ahnung von dem „unbekannten“ Komponisten, dessen Melodie die Enkel so selbstverständlich trällerten.