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Fangesänge – natürlich nicht vom Blatt

 

// Gunnar Leue

 

Am 7. Juni 2006, zwei Tage vor dem ersten Spiel der 18. WM-Endrunde, wagten sich in der Berliner Kulturbrauerei vier Teams von Fußballfans auf die Bühne, die sonst Bands vorbehalten ist. Die Veranstaltung nannte sich Festival der Fangesänge und wurde als eine Art Mini-„WM der Stimmen“ verkauft. Für eine gewisse Skepsis sorgte nicht nur die für Stadiongesänge ungewöhnliche Location, sondern gleichfalls der Organisator des Fußballchor-Treffens: der Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen der Freien Universität Berlin, der in einem langjährigen Projekt die verschiedenen Formen der Inszenierung untersuchte.

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Die Veranstaltung unter dem Titel „Akademischer Anpfiff!“ erwies sich dann auch nicht als Zuschauermagnet (rund 200 Besucher), obwohl oder weil es sich bei den Wettbewerbsteilnehmern meist um Fangruppen lokaler Vereine handelte. Neben den Fanteams von Hertha, Union und Tennis Borussia sorgte eine Gruppe von Togo-Fans für Internationalität. Das Ausgeklügeltste an der Show waren die Kriterien für die Jury unter Vorsitz von Trevor Wilson und Michael Schäumer, den Erfindern der Fußballlieder-Website fc45.de. Zu beurteilen waren unter anderem die Aufnahme von Melodien aus bekannten Popsongs, der inhaltliche Hohn und Spott für den Gegner sowie die Kreativität der Gesänge. Für die Darbietung hatten die Fanteams jeweils 20 Minuten Zeit, um Jury und Publikum zu überzeugen. Am Ende gewann der Union-Chor knapp vor Togo, was mit fußballaffinen Prämien belohnt wurde. Es gab eine Zapfanlage, ein Bierfass und einen Doktor-Hut für den Sieger.

Obwohl die Veranstaltung offenbar keiner größeren Erinnerung wert war, darf sie in Anspruch nehmen, wahrscheinlich das erste offizielle Fangesänge-Turnier gewesen zu sein. Als solches war es zwar unnötig wie eine Helene-Fischer-Halbzeitshow, aber irgendwann musste es wohl zu diesem Ausscheid kommen, schließlich ist das Fansingen seit vielen Jahrzehnten ein eigenes Genre in der großen Fußballunterhaltung.

Natürlich singen nicht alle Stadionbesucher, vor allem nicht die auf den teuren Plätzen. Der Stimmung ist das selbst in einer imposanten Arena wie der in München sehr abträglich, wie ein Mitglied des FC Bayern auf der Jahreshauptversammlung 2007 kritisch anmerkte. Woraufhin ihm Uli Hoeneß wütend beschied: „Scheißstimmung?! Da seid ihr doch für verantwortlich und nicht wir!“. So kann man das natürlich sehen und so sehen es auch eine Menge Fans auf den gehobenen Rängen und in den Logen: Die Billigticketbesitzer haben fürs Fluidum zu sorgen, während die Südkurvensteher quasi das Folkloreensemble der großen Fußballschau bilden.

Ja, für die Stimmung ist jeder selbst verantwortlich, weshalb sie bei einigen Vereinen eben auch viel besser ist als in München. Was eben nicht zwingend mit sportlichem Erfolg zu tun hat, im Gegenteil, manchmal ist sie umso besser, je weniger Erfolge es zu bejubeln gilt. So wie lange Zeit beim 1. FC Union Berlin.

Weihnachtschor (…) Er entsprang keiner Marketingidee des Klubs, sondern entstand aus einer Fanidee.

Der Verein war früher immer ein Pechverein, aber seine Fans waren Spitze. Haben alles selbst gemacht – übrigens auch 1987 die erste und bis heute existierende deutsche Fan-Liga gegründet. Bei den Fangesängen waren sie ebenfalls früh kreativ. Vor allem im Umfeld von tornahen Freistößen. „Die Mauer muss weg“ sangen sie zu DDR-Zeiten oder „Torsten Mattuschka, hau ihn rein für den Vereeeiiin!“ nach der Wende. Das Tusche-Lied – auf der Melodie von Gloria Gaynors „I Love You Baby“ – erklang immer dann angestimmt, wenn ein Tor vom ruhenden Punkt in Aussicht stand, weil Tusche den Ball so gefühlvoll auf eine Flugbahn durch die Luft schicken konnte, dass er häufig erst hinter der Linie des Gästekeepers wieder Bodenkontakt bekam. Auch vor Strafstößen vom Elfmeterpunkt wurde es gern angestimmt.

Was sie bei Union nicht erfunden haben, sind Weihnachtslieder, aber – als Krönung des Selbermachens (neben dem Stadionumbau 2008) – das Weihnachtssingen im Stadion an der Alten Försterei. Immer am Vortag von Heiligabend versammeln sich dort seit nunmehr vierzehn Jahren Fußballfans zum öffentlichen Weihnachtssingen. Letztes Jahr waren es wieder knapp 30000, die den größten Weihnachtschor Deutschlands und möglicherweise darüber hinaus bilden. Er entsprang keiner Marketingidee des Klubs, sondern entstand aus einer Fanidee. Im Advent 2003 hielt sich die Seligkeit bei den Fans der „Eisernen“, die sich selbst als „Union-Familie“ bezeichnen, ob der schlechten Tabellensituation des Klubs gerade in Grenzen. Nach verlorenen Spielen waren die Anhänger meist frustriert nach Hause geschlichen, weshalb der langjährige Union-Fan Torsten Eisenbeiser die Idee hatte: Warum nicht statt Fanchorälen ein paar traditionelle Weisen zum Fest der Nächstenliebe singen, um sich in Zeiten der sportlichen Not das Herz zu erwärmen?

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Weil die meisten Fans durch ihre DDR-Prägung keiner Religion anhängen und auch nur bei den bekanntesten christlichen Weihnachtsliedern textsicher sind, hatte Torsten Eisenbeiser im Internet recherchiert und eine Handvoll Lieder auf Zettel kopiert. Mit denen schlichen sich 89 Mitglieder seines Fanclubs „Alt-Unioner“ heimlich ins damals noch marode Stadion, um auf den Traversen nur für sich „O du Fröhliche“ anzustimmen. Den „Fußballgott“ konnte das zwar nicht beeindrucken und ließ den 1. FC Union am Saisonende aus der Zweiten Liga absteigen. Trotzdem wurde das von den Fanclubmitgliedern ehrenamtlich organisierte Weihnachtssingen zum Ritual. Aus der anfänglichen Minischar wurden Tausende, die sich mit Glühwein, Kerze und Liederbuch in den Händen zum Massenchor vereinten. Zudem liest ein Pfarrer die christliche Weihnachtsgeschichte, was nicht davon abhält, dass die in den Klubfarben Rot-weiß gewandeten Fans zwischendurch den einen oder anderen Choral auf ihren Verein anstimmen. Nachdem das Stadion 2013 erstmals komplett gefüllt war, entschlossen sich die Organisatoren notgedrungen, den Zustrom über den Verkauf von Tickets (die Einnahmen kommen dem Vereinsnachwuchs zugute) zu steuern. Natürlich ist die Veranstaltung im Nu ausverkauft.

Längst strahlt die Idee vom Weihnachtssingen im Fußballstadion nach außen. Sie wurde von Fans anderer deutscher Vereine direkt aufgenommen und in teils abgewandelter Form umgesetzt. Unter anderem bei Alemania Aachen, 1860 München und Dynamo Dresden, in dessen Stadion es 2015 erstmals einen Auftritt des weltberühmten Kreuzchores gab. Auch beim 1. FC Köln standen mit der Band Die Höhner bekannte Musiker auf der Bühne und animierten zum Mitsingen. Selber machen ist bei Union quasi Programm, übrigens auch beim Programmheftmachen. Das liegt nicht in den Händen des Vereins, sondern in denen des Fankollektivs „Die Programmierer“. Und das Programmheft wurde immer mal wieder zum Besten in der zweiten Liga gekürt.

 

Der Grundstein für den fußballerischen Stadionpop wurde in England gelegt, wo sonst. Auf Tonkonserve belegt ist, dass vor dem FA-Cupfinale 1927 Arsenal London gegen Cardiff City 90000 Zuschauer in Wembley den religiösen Choral „Abide With Me“ anstimmten, womit eine Tradition begründet. Als England 1966 zur WM rief, war die Welt bereits eine gänzlich andere, vor allem poppigere. Nachdem die moderne Fußballära mit den Titelkämpfen 1950 in Brasilien begonnen hatte, stand nun die Modernisierung des Fußballumfelds an. In England grassierte Beatlemania, was sich auch auf den Rängen widerspiegelte. So schwappte ein bisschen Gefühl von Swinging London in die Stadien. Ausgerechnet einige Besucher aus Germany drückten es auf einem Transparent aus: „Die Beatles kommen aus England, der Weltmeister aus Deutschland“. Mit Teil zwei der Behauptung lagen sie falsch. Ansonsten waren es eher die Gastgeber, die den Pop in die Stadien brachten. Wie es sich für die Sparte gehört, wurde dabei ein wenig gekupfert. Die von rhythmischem Klatschen begleiteten „Bra-zil“-Rufe bei der WM in Chile 1962 hatten den englischen Fernsehzuschauern so gefallen, dass sie die Supportvariante zunächst in Liverpool übernahmen und danach allerorten. Erweitert wurde das Spektrum durch Fangesänge wie „When The Reds Go Marching In“, mit denen die Engländer ihren Ruf begründeten, über die besten Stadienchöre der Welt zu verfügen.

Somit lagen Welten zwischen dem, was sich noch 1958 bei der Weltmeisterschaft in Schweden abgespielt hatte. Obwohl die Skandinavier über ähnliche Sekundärtugenden (Trinkfreudigkeit) und popmusikalische Talente wie die Briten verfügen, ging der Beitrag der schwedischen Zuschauer in den Stadien nicht als Gesang in die Geschichte ein. Jedenfalls nicht in Deutschland, wo man die Einpeitscher mit Landesflagge und Megaphon und die „Heja, Heja“-Sprechchöre der Zuschauer als geradezu kriegerisch empfand. Dabei hatten die von den amerikanischen Cheerleadern inspirierten Schweden den Chant „Heja Sverige“ bereits 1916 bei einem Länderspiel gegen Dänemark eingeführt. Den ahnungslosen Deutschen klang er 1958 so gewaltig in den Ohren, dass sie den Krachmachern die Schuld an der Niederlage der Herberger-Elf gegen die Tre Kroners im Halbfinale gaben. Im Stile glühender Rock’n’Roll-Verächter geißelten die (West)deutschen das „Heja, Heja“ wie ein paar Jahre später Walter Ulbricht das „Yeah, Yeah, Yeah, oder wie das heißt“ als Ausgeburt von Unkultur. Nach dem Turnier-Aus wurden in der Bundesrepublik aus Vergeltung schwedische Tanzkapellen sogar mit Auftrittsverboten belegt. Auch „Schwedenplatte“ und „Schwedeneisbecher“ wurden in einigen Restaurants von der Karte verbannt. Als Abba 1974 mit ihrem ersten Welthit „Waterloo“ auftauchten, hatte sich die Sache wieder beruhigt.