Wolf Kampmann

Editorial

Liebe Musikfreunde, wo auch immer,

Die Begriffe „Ost“ und „West“ sind immer noch wesentlich stärker historisch und politisch festgelegt als geografisch. Wenn wir vom Osten sprechen, käme hierzulande niemand auf die Idee, dass ein Franzose damit GANZ-Deutschland meinen könnte. Als wären Osten und Westen nicht relativ und würden sich nicht nach dem jeweiligen Standpunkt des Betrachters richten. Nein, die amtliche Grenze zwischen Ost und West zieht sich mitten durch Deutschland. In Berlin wird sie von einer kopfsteingepflasterten Doppellinie markiert.

Ich gebe zu, wenn ich über die Oberbaumbrücke vom Friedrichshain nach Kreuzberg wechsle, dann verlasse ich immer noch Ostberlin in Richtung Westen und zeige meinem Staatsbürgerkundelehrer innerlich den Stinkefinger. Vergeblich haben wir seit 1989 versucht, diese Demarkationslinie wenigstens bis an Oder und Neiße zu verschieben, als ob das mehr Sinn ergeben würde. Auch wenn sich Gelsenkirchen und Chemnitz weder infrastrukturell noch in Sachen Wahlergebnisse mehr allzu viel nehmen, wird das Eine immer im Westen und das Andere zumindest noch sehr lange im Osten bleiben. Und das ist durchaus nicht nur geografisch gemeint.

Wie oft hört man die Forderung, „Die Mauer in den Köpfen muss weg!“? Wie schade. Der amerikanische Saxofonist Kamasi Washington hat gerade ein Album unter dem Titel „Harmony Of Difference“ veröffentlicht. Wann fangen wir endlich an zu akzeptieren, dass unsere historisch bedingt unterschiedlichen Grundlebensentwürfen ein Geschenk sind? Und wie sonst wollten wir zur Akzeptanz der Vielfalt von persönlichen Hintergründen und Lebensläufen in der deutschen Gesellschaft finden, die nicht erst seit den Bundestagswahlen von rechts außen torpediert wird?

Mindestens ebenso problematisch ist eine noch viel öfter und selbstverständlicher gebrauchte Formel. Kaum ein Kommentar zur Lage der Nation, in dem nicht von den „neuen Bundesländern“ die Rede wäre. Und das fast drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung. Klaus Kleber, Moderator des Heute Journals im ZDF sprach am Abend nach der Wahl ganz beiläufig von „neuen“ und „gebrauchten“ Bundesländern. Bingo!

Die Jahrzehnte vor dem Mauerfall standen im Zeichen des so genannten Wettrüstens. Das war eines von mehreren Synonymen für den damaligen Ostwest-Konfikt. Der bezog sich auf das Tauziehen der beiden Supermächte USA und Sowjetunion sowie ihrer jeweiligen Einflussgebiete. Den Nachgeborenen, die keine Vorstellung mehr von jenen Absurditäten haben, seien alte James Bond-Filme mit Sean Connery oder Roger Moore empfohlen. Je nach weltpolitischer Lage – Konfrontation oder Entspannung – arbeiteten Russen auf der einen und Engländer und Amis auf der anderen Seite gegen- oder miteinander und Doppelnull Sieben immer mittendrin. Seit einigen Monaten tut sich nun ein neuer Ostwest-Konflikt auf, mit dessen grotesker Zuspitzung wohl niemand je gerechnet hätte. Die USA und Nordkorea rüsten auf – nicht nur verbal sondern auch nuklear – und das in einer bislang nicht für möglich gehaltenen Art und Weise. Ob das zwischen Sowjetunion und USA erprobte Mittel der Abschreckung auch diesmal seine Wirkung tut – wer wollte dafür schon seine Hand ins Feuer legen?

Am Ende steht nur eines fest: Im Osten geht die Sonne auf, im Westen geht sie unter. Wir haben in unserer dritten Ausgabe versucht, uns dem Thema „East/West“ aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu nähern. Wir gehen nach Nord- und Südkorea, vergegenwärtigen uns Techno in West- und Ostberlin, verfolgen die Jugend eines Wessis im Osten, lassen einen alteingesessenen Münchner mit dem Ostberliner Szene-Rapper Romano sprechen, kommen dem Akkudativ auf die Spur, zeichnen den Eastcoast-Westcoast-HipHop-Krieg nach, hinterfragen die Klezmer-Romantik, setzen uns mit einem Film über die Schwulenbewegung in Ost- und Westberlin auseinander, begleiten eine syrische Rockband auf der Flucht in den Westen, rekapitulieren Musik im kalten Krieg, besuchen einen ukrainischen Zigeuner-Punk in New York, erinnern uns an die Westplatte in der DDR und vieles mehr. Und damit wir nicht unser ganzes Pulver auf einmal verschießen, werden in den nächsten Wochen noch weitere Artikel folgen – unter anderem zum Underground in Bratislava, dem estnischen Rapper Tommy Cash, einem polnischen Jazzmusiker, der nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der erfolgreichsten Filmkomponisten der USA wurde, einem Erlebnisbericht aus China und dem tunesischen Oud-Spieler Anouar Brahem.

 

Ausgabe 4 von SPAM ist für Ende Dezember mit dem Schwerpunkt „Do It Yourself“ geplant.

 

Genug der Vorbemerkungen, viel Spaß beim Lesen,

Wolf Kampmann, Chefredakteur