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Die Westplatte

Ein später Nachruf

// Wolf Kampmann

In der DDR war man keineswegs abgeschnitten von westlichen Medien. Westradio und -fernsehen gehörten zum Alltag der meisten DDR-Einwohner. Viele von ihnen glaubten den Verheißungen der TV-Werbung, weshalb sie sich auch nach der Wende bis über beide Ohren verschuldeten. Der ostdeutsche Musikliebhaber konnte sich indes kaum beschweren. Allein in Ostberlin konnte man über Sender wie SFB, RIAS, AFN, BBC, Radio Luxemburg, Radio 100 und zahlreiche andere Stationen nahezu 24 Stunden am Stück das Musikgeschehen jenseits der Mauer verfolgen, wenn man die entsprechenden Frequenzen und Sendezeiten kannte. Zeige- und Ringfinger ruhten ununterbrochen auf den Aufnahmetasten der RFT-Kassettenrekorder. Sendungen wie „Platten à la Carte“ und der „Friday Fanclub“ auf der BBC mit der großartigen Marina von Sänger waren legendär. Sie sendete vom Savignyplatz. Für den normalsterblichen Ostberliner kam das dem Mars gleich. Marina, auf welchem Planeten bist du abgeblieben?

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Der Rockpalast versorgte uns zudem mit Konzerteindrücken. Speziell die Rockpalast-Festivals waren in der DDR der 1980er Jahre Straßenfeger. Undenkbar, einen solchen Marathon allein mitzumachen. Auf billigen Grau-Grau-Empfängern boten die Rockpalast-Nächte Anlass für bis heute unvergessliche Partys. An bestimmten Punkten Ost-Berlins – wie zum Beispiel dem Wasserturmberg beim Kollwitzplatz – konnte man sogar Konzerte vor dem Reichstag von Pink Floyd, Genesis und anderen Größen in bester Tonqualität genießen. Es waren immer kleine Woodstock Festivals, wenn sich ganze Familien mit vollem Picknickzubehör zum Genuss von Rock-Spektakeln jenseits der Mauer einfanden.

Nur eines war absolute Mangelware. Schallplatten. Nicht dass die volkseigene Plattenfirma AMIGA keine LPs einheimischer Künstler rausgebracht hätte, aber wer wollte diese Ladenhüter von Puhdys, Karat und Co. schon hören, geschweige denn kaufen? Das Zauberwort hieß Westplatte, von subtilen Geistern auch Lizenzplatte genannt, wobei kaum jemand wusste, was Lizenz überhaupt bedeutete.

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Als Westplatte wurde jede Schallplatte bezeichnet, die aus dem Westen kam. Dass da drüben auch CDs kursierten, interessierte im Osten kaum, denn CD-Player gab es ohnehin nicht, und so konnte man mit den bedrohlichen Silberlingen auch nichts anfangen. Nun war es mit der Westplatte nicht so, dass es sich dabei um originale Pressungen von Columbia, Warner oder EMI gehandelt hätte, von Indie-Veröffentlichungen gar nicht zu reden. Es waren von AMIGA für die DDR lizensierte und limitierte Ausgaben, oft in Compilations (damals sagte man Sampler) zusammengestellt, mit neuen Covern versehen und mit der politischen Lesart entsprechenden Texten ausgestattet. Was da maximal einmal im Monat veröffentlicht wurde, war völlig willkürlich. Pink Floyd, Andreas Vollenweider, Udo Jürgens, Gilbert Becaud, Depeche Mode, Konstantin Wecker, Harry Belafonte, Silver Convention, die Bee Gees, Angelo Branduardi, Miles Davis und so weiter. Hauptsache Westplatte. Wenn man sie nicht hören wollte, konnte man sie gegen Kaffee oder Handwerkerstunden eintauschen.

Westplatten standen nicht im Schaufenster. Wenn eines der begehrten Artefakte erschien, erkannte man das an den langen Schlangen vor den Plattenläden. Zuerst stellte man sich an, dann fragte man seinen Vordermann, was es gibt. So machte man das in der DDR. Da stand dann die Omi im Dederon-Blümchenkittel gemeinsam mit dem Hippie im Shell-Parka und dem Volkspolizisten in seiner grünen Uniform an. Denn die Westplatte war nicht nur ein musikalischer Tonträger, sondern zugleich Währung und Statussymbol. Wer Westplatten hatte, der hatte Beziehungen, und Beziehungen waren alles.

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Ich erinnere mich an mein allererstes Einstellungsgespräch im Jahr 1984. Nachdem mein Chef in spe alle arbeitstechnischen Fragen geklärt hatte, beugte er sich vertraulich über den Schreibtisch, presste die Augen zusammen und flüsterte mit konspirativem Nachdruck: „Hamse Westplatten?“ Ich traute meinen Ohren kaum und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Wollte er mich auf meine realsozialistische Gesinnung prüfen? Bevor ich mich fangen konnte, kam er noch ein Stück näher – ich konnte die Schuppen auf seinem Scheitel erkennen – und drückte mir einen Zettel in die Hand, von dem ich aus dem Augenwinkel eine handgeschriebene Liste erheischte. „Könnse behalten. Das sind die Westplatten, die ich habe. Vielleicht hamse ja Beziehungen. Ich wäre auf jeden Fall dankbar. Verstehnse?“ Sein verbindliches Augenzwinkern danach löst bei mir noch 33 Jahre später Gänsehaut aus. Ich hatte keine Westplatte für ihn, und wir sind keine Freunde geworden.

Meine Westplatten von damals habe ich heute noch. Zumindest einige. Nicht weil ich sie hören würde. In vielen Fällen besitze ich auch längst die Originalpressungen oder entsprechende CD-Editionen. Aber sie sind ein – wenn auch grotesker – Teil meiner Biografie, den ich keinesfalls missen möchte.

  

 

Fotos: Patrizia Straubhaar