SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: Editorial Dicke Fäuste - Dünne Haut

Dicke Fäuste | Dünne Haut

Muhammad Ali

Champions kommen und gehen. Wenn sie sterben, sind sie meist längst vergessen. Auf Muhammad Ali trifft das nicht zu.
Peter Gabriel hat mit dem Song „I’m Amazing“ umgehend auf den Tod des Boxers reagiert.

//Vanessa Sonnenfroh

Diese Tatsache allein zeigt, wie sehr der Mann mit den Eisenfäusten ein ganzes Zeitalter geprägt hat.
Die Berliner Songwriterin Vanessa Sonnenfroh – 44 Jahre jünger als der britische Sänger – erzählt, was die Ikone des Boxsports für ihre Generation bedeutet.

Muhammad Ali war ein schöner Mann. Keiner von diesen zerbeulten Riesen der Szene, denen man nachts nicht allein begegnen möchte. Weiche Gesichtszüge, harter Blick, seine Augen schienen den Überlebensmodus angenommen zu haben. Ein Mann, der viel erlebt hat und doch mit jugendlicher Leichtigkeit zwischen den Seilen der Box-Arenen tanzte. Der als Cassius Clay geborene, zum Muslim konvertierte Afroamerikaner war der Rockstar unter den Boxern und das Gesamtpaket seiner Selbstdarstellung schon fast ein Kunstwerk für sich.

Die hart erarbeitete Weltbühne nutzte er, um den Finger im Boxhandschuh in die Wunden der Diskriminierung zu legen. Er setzte sich gegen Rassentrennung und für Gleichberechtigung ein. Mit dem trotzigen Bekenntnis, der Vietkong hätte nichts gegen seine schwarze Hautfarbe, verweigerte er den Kriegsdienst in Vietnam, worauf eine dreijährige Sperre folgte. Er war weg vom Fenster und kam zurück, und auf jede seiner protzigen, größenwahnsinnig erscheinenden Aussagen folgte ein weiterer Sieg.

„I am the greatest.“ Er schien diesem Credo merkwürdig gewachsen. Ein eindrucksvoller Mann, dessen Beruf(ung) es war, anderen professionell auf die Nase zu hauen, und irgendwie gerechtfertigt, akzeptabel, im Hinblick auf seine Biografie. In Muhammad Alis Bauch loderte eine unbändige Wut, aber zur Rage hatte er allen Grund. Die Diskriminierung der Schwarzen war damals noch Alltag, und selbst nach seinen großen Siegen wurde ihm im Diner um den Block noch die Tasse Kaffee verweigert. Ein Schwarzer, ein Nigger, der sich sein Ticket in die Welt mit so viel Stil erboxte, dass er es über die Katakomben des Boxermilieus hinaus schaffte.

SPAM Musik Magazin Ausgabe eins: hands

Muhammad Ali war kein großartiger Redner, doch bei ihm flogen nicht nur die Fäuste. Was ihm auf der Seele brannte, brachte er auf den Punkt. Seine spezielle Mischung von Großmäuligkeit und lässiger Weisheit ermöglichte selbst den desinteressiertesten Box-Muffeln einen Zugang zu ihm. Ali hat es auf ein Albumcover der Beatles geschafft. Als der damals 22-Jährige die Beatles im Jahr 1964 für einen Fototermin traf, hielt sich deren Begeisterung zunächst in Grenzen. Ein großer Kampf zwischen Box-Neuling Ali und dem damaligen Champion Sonny Liston stand bevor.
Lennon bezeichnete ihn als Großmaul und wollte lieber mit dem Gegner fotografiert werden. Selbst ein Beatle ist eben nicht unfehlbar. Ali gewann den Kampf wider Erwarten.

Über Muhammad Ali wurde ein Superhelfen-Comic verfasst. (Superman vs. Muhammad Ali). Wer, wenn nicht er? Dreimal hintereinander gewann er den Titel des Weltmeisters im Schwergewicht, eine Leistung, zu der bis heute kein anderer fähig war. 1999 wurde er zum Athleten des 20. Jahrhunderts gewählt, zum damaligen Zeitpunkt litt er bereits einige Jahre an der Parkinsonkrankheit. „God gave me this illness to remind me, that I am not the greatest. He is.“ Nach dem Sparring mit Superman stieg er also mit Gott in den Ring. Selbst in der Krankheit immer noch keine Spur von Demut.

Ein Held blieb er trotzdem, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen als bei seinem legendenumwobenen Kampf gegen George Foreman oder bei seiner Kriegsdienstverweigerung. Von Beginn des Krankheitsverlaufes an ging er offen mit der Diagnose um, zeigte sich der Welt bei den Olympischen Spielen 1996 in aller Hilflosigkeit. Ein Milliardenpublikum sah ihm zu, wie er zitternd die olympische Flamme entzündete. Er hörte mit dem Boxen auf, war allerdings geistig keineswegs beeinträchtigt, schrieb ein Buch („The Soul of a Butterfly“) und widmete sich sozialen Projekten.

Muhammad Ali hat es geschafft, in Würde zu altern. Er unterlag der Krankheit, siegte aber gegen das Vergessen. Sein letzter Sieg. Der offene Umgang mit Schwäche wurde zu seiner größten Stärke. Über die eigene Legende hinaus hat er geschafft, wonach wir alle im Verborgenen streben. Er setzte ein Zeichen, um in unseren Köpfen weiterzuleben. Muhammad Ali vergisst man nicht.

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