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Der Tach is‘ nich‘ aus Jummi

Eine Ost-West-Betrachtung aus der Ich-Perspektive  

// Aron Hentschel

Während des Abiturs war das politisch „links“ Sein bei uns en vogue. Was für eine bessere Möglichkeit der Emanzipation von einem finanziell-stabilen Elternhaus bleibt denn auch übrig, wenn man viel Zeit (und Taschengeld) zum Kiffen und Rage Against The Machine zum Hören hat? Den gut situierten familiären Background konnte ich jedenfalls ebenso mit vielen meiner Freunde teilen wie den Musikgeschmack. Bevor diese Haltung aber Mode wurde, war uns das linke Ostding oft etwas suspekt. Viele meiner Mitschüler hatten Eltern, die wie meine zum Studieren oder vor der Wehrpflicht ins neutrale Westberlin geflüchtet waren. Als sich dann geopolitisch einiges getan und man Kinder bekommen hatte, wirkte Berlin plötzlich nicht mehr wie die charmanteste Umgebung für das Familienglück. Kurzerhand flüchteten sie abermals, nur diesmal ins preußische Umland. Und da landete ich dann, ab Beginn der Schulzeit. Zusammen mit anderen Wessi-Eltern-Kids in der Höhle des roten Löwen. Wie gesagt: Bis zum späteren adoleszenten Wohlstandspunk-Dasein war das mitunter verwirrend.

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Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich mal eine Coca Cola Flasche auf dem Schulhof rausholte. Da hatte ich plötzlich ziemlich viele Freunde bei den unter 1,60m-Großen. Unter den Größeren erntete ich damit eher wenig Sympathie. Das Ding mit dem Kühlschrankinhalt war auch, soweit ich mich erinnern kann, der erste Moment, in dem ich am Osten zweifelte. Bei meinen Kumpels gab es zuhause kein Nutella und höchstens Fruchtsaft, den wir unter strenger Aufsicht mit Wasser verdünnen sollten. Nach heutigen Ernährungstrends macht das ja wieder Sinn, aber damals fand ich das höchst sträflich. Und andersrum, wenn meine Freunde mal zu Besuch bei mir waren und wir Gummibärchen- und Limo-Orgien feierten, fiel mir auf, wie komisch mein Besuch damit umging. Zuerst kamen da immer so schuldbewusste Fragen, wie: „Dürfen wir wirklich die Packung aufessen?“ Ich wurde Zeuge von einem latenten Junkie, der seine Rückkehr zum „Stoff“ auf eine so grotesk gierige Art zelebrierte, dass das selbst einem Sechsjährigen auffiel. So war das auch mit dem Fernsehen und Videospielen. Dass man bei uns im Haus den lieben langen Tag in einer vor Zucker triefenden Bildschirm-Opium-Höhle Zeit verbringen konnte, machte mich wieder ganz schön beliebt. Ich dagegen fand das ja oft langweilig und wollte viel lieber raus und zu meinen Kumpels nach Hause. Da gab es nämlich Gärten und liebevoll gebaute Baumhäuser, an denen die ehemaligen Insassen komplett ihr Interesse verloren hatten.

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Unsere Lehrer stellten eine ebenso anachronistische Erinnerung an ehemalige Strukturen dar. Der für uns auserkorene eight-to-four-Elternersatz war ausnahmslos DDR-sozialisiert und bis auf wenige Ausnahmen mit dem eigenen Beruf nicht ganz warm geworden. Ich finde es immer noch absurd, wie viele meiner Lehrer uns von ihrem Schicksal erzählten, dass sie eigentlich etwas vollkommen anderes hatten studieren oder zumindest unterrichten wollen. Unser Informatiklehrer während des Abiturs war zum Beispiel für die DDR bei den olympischen Spielen angetreten. Sport sollte er aber nicht lehren, sondern Physik und später Informatik. Und jetzt musste der seinen armen athletischen Körper in gekrümmter Haltung vor einen Rechner zwängen und Halbstarken erklären, wie man Internetseiten programmiert. Mann, war der glücklich.

Mein höchst geschätzter Geschichtslehrer geriet anders in die Bredouille. Dieser „hatte noch mit der Waffe im Anschlag den Sozialismus verteidigt“ (seine Worte) und jetzt war er für die politische Formung junger Menschen verantwortlich, die in der Pause rüber zu McDonalds gingen. Wie verfährt man da mit seiner eigenen Prägung? Er war der festen Überzeugung, dass die Leute im Osten damals kein neues System gewollt hätten, sondern nur einen „besseren Sozialismus“. Nach dem Fall der Mauer mussten ein paar von diesen guten Seelen dann zusehen, wie ich Cola schwenkend vor ihnen herumstolzierte. Oder miterleben, wie so ein “Jungscher“ 10 Euro die Stunde auf der Baustelle neben ihnen verdient, ohne irgendwas zu wissen. Und das beim Bau einer Wohnung, die dann mal 15 Euro pro Quadratmeter kosten und die nächste Bionade-Familie aus dem Westen beherbergen würde.

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Dieses Thema sitzt ohnehin besonders tief. Als ich Leuten von der Baustellenarbeit mal erzählte, dass mein Papa eine Wohnung vermietet – es handelte sich dabei um eine 30 Quadratmeter Studentenwohnung – wurde dies monatelang abgespeichert als: „Dem sein Vadda is‘ so’n Immobilienhai, ha’ick jehört“, und das so lange, bis ich es dann zum hundertsten Mal richtig gestellt hatte.

Mein „schreckliches Herkunftsgeheimnis“ und mein Hochdeutsch haben also immer mal wieder für anfängliche Spannungen gesorgt. Erst vor wenigen Jahren entdeckte ich meine Vorliebe für den Brandenburger Dialekt. Davor fand ich das immer etwas grob, meine Eltern nannten es sogar prollig. Verbunden habe ich den Verzicht auf harte G-Konsonanten auch eher mit Opas, die mich aus ihren Kleingärten angeschrieen hatten: „Jeh mir da mit die Scheiß Fahrräder bloß nich‘ uffe Beete !“

Aber mit dem jungen Erwachsenenalter kam dann ‚die Wende‘. Auch wenn ich ahne, dass ich mir da nur was vorspiele. Aber das Rumberlinern hat eine profunde Wirkung und war für mich immer ebenso präsent wie Hochdeutsch. Dieser Dialekt wurde am Ende ein sehr dienliches Schutzschild gegen Benachteiligung und die Art ‚Wessis‘, die ich auch als ätzend an unserer Stadt empfand. Ich wurde fortan immer schneller bedient im Café. Auch die Arbeitskollegen fingen an, mich ernst zu nehmen. Außerdem: „Aron, ßieh ’n Finger ! Der Tach is‘ nich‘ aus Jummi !“ Das ist doch wahre Poesie.

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Im Augenblick fällt es sicher leichter, die Sympathien zu den USA zu reduzieren und kritisch gegenüber vielen westlichen Ideologien zu sein. Man meckert vermehrt über Apple-Produkte, und Hollywoodfilme hatten schon einen solideren Stand. Aber die Leute, in deren Umfeld ich aufgewachsen bin, fanden das alles schon fragwürdig, so lange ich zurückdenken kann. Auch wenn das natürlich nicht immer auf eine mündige Entscheidung zurückgeht, sondern Sozialisierungssache ist, haben viele dieser Haltungen heute großen Charme für mich. Ich rede von Dingen wie dem kategorischen Misstrauen gegenüber allzu schön glänzenden Profilierungsgegenständen, denen so mancher auf den Leim geht. Wenn ich in meiner alten Heimat mit zu schicken Klamotten oder einer teuren Uhr ankäme, würde ich wahrscheinlich Jahrzehnte harter Annäherungsarbeit zunichte machen. Oder wenn ich mein Fahrrad nicht selber reparieren würde… Uiuiui.

Neulich sagte ein Kollege von mir über einen anderen Mitarbeiter, mit dem er zu tun hatte: „Ditt is‘ ja ’n netter Kerl, aber ditt wird auch immer’n Wessi bleiben, für mich.“ Was auch immer das bedeuten sollte, Recht hat er wahrscheinlich.


Fotos: Patrizia Straubhaar