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Der Osten ist Rot

Eine persönliche Würdigung Holger Czukays

// Fred Fronner

Aus heutiger Perspektive kann ich nicht sagen, wie viel Zeit verging, bis mir der Name wieder unterkam. Ich würde behaupten, dass es eine Sendung mit dem Titel „Tendenz Progressiv“ war, aber die Unschärfe der Erinnerung verortet fast jedes Stück unerhörter Musik in dieser nächtlichen Radio-Oase der Kreativität. Wie auch immer, es wurde eine neue Platte von Holger Czukay vorgestellt. Neue Platten waren für DDR-Bürger magische Artefakte aus einer Welt, zu der wir nicht gehörten. Manchmal, ganz selten hatten wir aber den Eindruck, da drüben wurde eine Platte ganz allein für uns im Osten gemacht. David Bowies „Heroes“ war so eine Platte. Wie fühlte ich mich damals verstanden. Dank David Bowie war ich ein Held für einen Tag, und das jeden Tag aufs Neue.

Genauso erging es mir, als ich in besagter Radiosendung 1984 Holger Czukays Album „Der Osten ist rot“ zum ersten Mal hörte. Sofort hatte ich wieder die Bilder dieses seltsamen Gnoms vor Augen. Das waren Zeiten, in denen es nicht nur kein Internet gab, sondern ein Land, in dem man von nahezu jeglicher Informationsquelle abgeschnitten war. Ich konnte nichts nachschlagen oder nachlesen, sondern musste mich damit begnügen, die aus der Doku in meinen grauen Zellen gespeicherten Bilder mit diesen utopischen Sounds zu synchronisieren.

Der Osten ist rot! Auf eine einfachere Formel hätte man es nicht bringen können, was wir damals empfanden. Der zweite Teil dieses Dyptichons lautete: Der Westen ist bunt. Aber woher ahnte dieser Typ, der – soviel wusste ich damals schon – in Köln lebte, wie wir uns fühlten? Seine Klänge schossen mir jedenfalls sofort in die Venen. Diese verhaltenen Marschrhythmen, diese Maschinenmusik, dieses kommunistische Schmettern. Dieses Gefühl von Distanz in der Enge. Klaustrophobie, Vereinsamung. Russische Wortfetzen = Bevormundung vom großen Bruder. Kadavergehorsam im Warschauer Pakt. Die Ästhetik des Widerstands.

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Ich hatte keinen Schimmer, dass es um nichts weniger ging als um die menschlichen Befindlichkeiten östlich des Vorhangs, den wir den Eisernen nannten. Holger Czukay ging es um die Faszination des Fremden und Fernen. Je ferner desto besser. Mit seinem Kurzwellenempfänger fing er auf, was immer ihm in die Rippen seiner Antennen kam. Er zeichnete es auf, schnitt es und klebte es neu zusammen. Vom Mixen hielt er nichts, Czukay war ein genialer Schneider. Dass seine Musik die Blaupause für vieles war, was später in der elektronischen Musik und im HipHop passieren sollte, wäre ihm sicher egal gewesen, selbst wenn er es gewusst hätte. Er nahm auf „Der Osten ist rot“ nicht die Technologie, aber die Ästhetik des Samplings vorweg. Dieses kurze Album mit seinen vier Songs war der aberwitzige Vorläufer späterer Visionen von J Dilla oder Flying Lotus.

Der Titelsong war eine Bearbeitung eines gleichnamigen Loblieds auf Mao Tse-Tung, das in Czukays Version fast wie ein Stück Alpenfolklore klang. Mit dem Prädikat „genial“ gehe ich sehr sparsam um, aber das Geschenk, das Holger Czukay mit diesem sechsminütigen Stück der Musikwelt gemacht hat, war wirklich genial. Heute kann ich sagen, seine Bedeutung wird sträflich unterschätzt.

Hätte ich all das 1984 schon gewusst, hätte ich dem Stück sicher nicht ansatzweise die Bedeutung beigemessen, die es für mich bekam. Erst das fatale Missverständnis machte es für mich zum Teil meiner musikalischen DNA. In späteren Jahren hatte ich persönlich oft mit Holger Czukay zu tun. Ich lernte ihn in völlig unterschiedlichen Situationen kennen, verinnerlichte seine Klangphilosophie, lernte seine Errungenschaften einzuordnen. Nicht alles, was Czukay in seiner langen musikalischen Laufbahn von den Anfängen mit der Band CAN bis zu seinen späten technoiden Platten gemacht hat, war von vergleichbarer Qualität. Aber wann immer ich „Der Osten ist rot“ höre, blicke ich innerlich aus meinem damaligen Fenster im vierten Stock einer Mietskaserne in Friedrichshain auf eine wild zugewucherte Baulücke – und fühle mich verstanden.

Am 5. September 2017 ist Holger Czukay in seinem Studio in Weilerswist tot aufgefunden worden.