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Der Akkudativ

 

Eine launige Meditation über den Klang von Berlin

//Wolf Kampmann

Ick liebe dir!

Ja wie klingt denn nun Berlin? Mit dem speziellen Berliner Sound, der angeblich von Rio über New York und London bis Tokio in aller Munde ist, meint man meist die Musik zwischen Wannsee und Müggelsee. Wenn ICH über dieses Thema nachdenke, fällt mir hingegen eine Episode ein, die ich vor ein paar Jahren in der S-Bahn erlebt habe.

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Ich teilte mir ein Viererabteil mit einem Großelternpaar samt Enkeltochter. Als wir von Hackescher Markt kommend Richtung Friedrichstraße die Spree überquerten, fragte die Kleine: „Oma, kann man in der Spree stehen?“ Oma guckte ihre Enkeltochter entsetzt an und warf einen verstohlenen Blick zu mir herüber, ob ich diesen Ausrutscher auch hoffentlich nicht mitbekommen habe. Dann fragte sie barsch: „Wie heeßt ditt“? – „Kann man in der Spree stehen“ – wiederholte die Kleine korrekt. Oma – einem Herzinfarkt nahe, seufzte ungeduldig: „Heeßt ditt der Spree oder die Spree?“ Das Mädchen dachte kurz nach, ließ einige Kugeln Eis am inneren Auge vorüberziehen und setzte erneut an: „Oma, kann man in die Spree stehen?“ Oma war glücklich, streifte mich mit einem triumphalen Augenaufschlag, blieb ihrer Enkeltochter aber eine Antwort auf die Frage schuldig und meinte nur erleichtert: „Siehste, jeht doch.“

Ich saß daneben und war fassungslos. Ja ich überlegte ernsthaft, ob ich einschreiten solle. Aber nach ein paar Augenblicken wurde ich mir bewusst, dass mir gerade das unfassbare Glück zuteil geworden war, eine aussterbende Spezies in Aktion zu erleben. Den echten Berliner mit Herz und Schnauze, wie man so schön sagt. Das ist wie gesagt schon ein paar Jahre her. Als alteingesessener Berliner Musikjournalist werde ich indes immer wieder gebeten, diesen typische Sound von Berlin zu beschreiben. Offen gestanden, ich kann es nicht.

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Mal ehrlich, gibt es wirklich dieses Rauschen der Großstadt, das von Millionen Stimmen, Autos, Radios und Fernsehern, Kochtöpfen, Industrie- und Handwerksbetrieben, Zügen, Sirenen, Telefonen und Musikinstrumenten hervorgerufen wird, oder ist das nur ein von Generation zu Generation und einer Zuwandererwelle an die nächste weitergegebener Mythos? Anders gefragt, hat die Stadt selbst einen Sound, von dem sich der Klang ihrer Einwohner ableitet, oder sind es die Berliner, die mit ihrem Tun und Tönen die Stadt zum Tosen bringen?

Und da beginnt sie nun, die Spurensuche nach jenem sagenumwobenen Berliner, der MIR und MICH genauso leidenschaftlich verwechselt wie ALS und WIE und sich einen Dreck darum schert, dass er den ewigen Kampf gegen die Allianz von Akkusativ und Dativ längst verloren hat. Immerhin ist er einfallsreich und hat speziell für sich den fünften Fall erfunden. Den Akkudativ. Wie erklärt doch der echte Berliner seiner Liebsten, was er für sie fühlt? Ick liebe dir.

 

Prenzlauer Berg vs. Prenzlberg

Die Zeiten, in denen man in Bus und U-Bahn einfach nur die Ohren aufzusperren brauchte, um ein paar deftige Berliner Zoten aufzufangen, sind ein für alle mal vorbei, es sei denn, man gerät an einen Busfahrer einer der Flughafenlinien. Doch dann kann der deftige Hauptstadtjargon auch ganz schön schnell nerven. Ansonsten hört man eher eine babylonische Sprachenverwirrung aus Türkisch, Russisch, Schwäbisch, Rheinländisch und Kanak, aber sicher kein Icke und Ditte.

Versuchen wir’s doch mal zwischen Prenzlauer Berg und Mitte, jenen Stadtbezirken, in denen der Kiez längst von der Szene abgelöst wurde und man statt der Molle Kölsch, Tannenzäpfle, Corona oder San Miguel trinkt. Es fängt ja schon mit der Benennung der Stadtbezirke an. Neulich wies mich ein Neuberliner, dessen Dialekt weit mehr an Stuttgart als an die Schönhauser Allee erinnerte, nachsichtig flüsternd darauf hin, dass man nicht mehr Prenzlauer Berg sage. Das heißt jetzt „Prenzlberg“.

Aha. Also wenn ich von Weißensee aus die Greifswalder Straße Richtung Alex runter radele, dann rolle ich immer noch über den Prenzlauer Berg. Aber die Leute, die ich da sehe – zumindest einige von ihnen – die verkörpern dann eben den Prenzlberg. Hier auf den rustikalen Berliner zu treffen, ist aussichtslos. Nichts ist in diesen Szene- und In-Vierteln exotischer, als der alte Kiezjargon.

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Apropos Alex. Da hat ja vor einigen Jahren direkt um die Ecke vom Alexanderplatz ein riesiges Münchner Hofbräuhaus aufgemacht. Und auf dem Alex versucht das original bayrische Oktoberfest dem Münchner Original Konkurrenz zu machen. Na gut, könnte man sagen. In der deutschen Hauptstadt sollen selbst die Bayern glücklich werden dürfen. Aber was hätte wohl Alfred Döblins Franz Biberkopf zu diesen Obszönitäten gesagt, die weder für Preußen noch für Bayern, sondern ausschließlich für Japaner und Amis eingerichtet wurden, die auf die Schnelle mal ein paar Klischees im Paket abhaken wollen.

Vielleicht kann man es ja mal mit alten Filmen oder Vorabend-TV-Serien versuchen. Brigitte Mira und Günter Pfitzmann, die konnten noch berlinern. Im Osten war es Helga Hahnemann, die mit ihrer unvergleichlichen Berliner Schnauze jeden in Grund und Boden quatschte. Aber die gucken, bzw. kieken sich die Radieschen eben alle längst von unten an. Ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns damit abfinden, in Berlin berlinert nur noch eine verschwindende Minderheit ewig Gestriger. Einige von denen findet man zum Beispiel vor Discountern lungernd in den sogenannten Problembezirken.

Dafür hat man das neudeutsche Wort Präkariat erfunden. Diese Jungs und Mädels sind freilich nicht besonders weltstadttauglich. Und wer will denen schon aufs oder gar ins Maul schauen? Wer das Berlinern trotzdem lernen will, schult sich heute nicht mehr auf der Straße der Hauptstadt, sondern besucht einen Kurs auf der Volkshochschule. Das ist zwar nicht besonders anwendungstauglich, da selbst die Mundart-Lehrer meist aus Schwaben oder dem Ruhrpott, möglicherweise sogar aus Polen kommen, aber es hilft zumindest, um einem verstockten Altberliner mal so richtig zu geigen, wie man im Prenzlberg authentisch berlinert.

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Sachsenscheißer

Ich hatte es da leichter, und das verdankte ich meinen aufrechten Klassenkameraden, alles echte Berliner. Als ich mit sieben Jahren mit meiner Mutter von Dresden nach Berlin zog, lernte ich nämlich von einem Tag auf den anderen, dass ich ein doofer Sachsenscheißer und somit selbst dran schuld war, wenn ich überdurchschnittlich oft mit einem blauen Auge nach Hause kam. Wenn irgendwas in der Klasse nicht lief, und sei es, dass der Meinungsführer bei seiner Angebeteten nicht landen konnte, war der Sachsenscheißer schuld. Das Wort Migrant gab es damals noch nicht, aber im realsozialistischen Ostberlin der siebziger Jahre hätte ich als Sachse mit Sicherheit einen Migrationshintergrund gehabt.

Es gab also sehr pragmatische Gründe dafür, dass ich nicht länger als ein halbes Jahr brauchte, bis ich ein lupenreines Berlinerisch draufhatte. Als Jugendlicher war mir mein Dialekt dagegen oft peinlich und ich versuchte ihn durch gestochenes Hochdeutsch zu vertuschen. Berlin war mir viel zu sehr Hauptstadt der DDR, und die war weiß Gott keine Weltstadt. Heute ertappe ich mich immer öfter belustigt dabei, wir mir das Berlinerische wieder durchrutscht und ich es sogar mit meinen Kindern übe. Auf dass sie sich einst die Volkshochschule sparen können.

Wer sich mal so richtig nach Herzenslust an waschechtem Berlinerisch satthören will, der darf keinen Aufwand scheuen und muss nach Brandenburg fahren. Brandenburg – das ist jene Steppenlandschaft im Nordosten Deutschlands, die vor allem durch ihre vielen Kreuze am Straßenrand auffällt. Von wegen Landflucht. In Cottbus oder Frankfurt/Oder, Oranienburg oder Eberswalde hört man es jedenfalls tausendmal öfter und radikaler Berlinern als in Charlottenburg, Friedrichshain oder Neukölln. Selbst in Halle an der Saale wird mehr berlinert als in der Hauptstadt, und das liegt immerhin in Sachsen/Anhalt.

Mein Vorschlag wäre daher, wir schaffen das Wort Berlinern einfach ab. Was wäre das für eine Hauptstadt, in der nur EIN Provinzjargon den Ton angeben würde? Nein, Berlin muss die Tonart des ganzen Landes repräsentieren. Hier spricht die deutsche Bevölkerung. Da von 80 Millionen Deutschen nur dreieinhalb Millionen in Berlin wohnen und selbst von denen bestenfalls zehn Prozent einen genuinen Berliner Hintergrund haben, dürften also Pi mal Daumen maximal 0,5 % aller Berliner überhaupt berlinern. Und die sind mit den grauen Gestalten vor den Discountern gut abgedeckt.

Der zweite Teil meines Vorschlags geht aus diesem Grund in eine ganz andere Richtung. Man könnte das Urberliner Phänomen „Icke Ditte Kieke Ma“ ja durch den Begriff Brandenburgeln ersetzen. Das würde auch viel besser zu den übrigen Dialekten der Bundesrepublik passen. Wir sagen ja schließlich auch nicht Dresdnern oder Leipzeln, sondern Sächseln, und Schwäbeln macht allemal mehr Sinn als Stuttgarteln.

Diese Idee ist übrigens nicht neu, denn der Schriftsteller Carl Philipp Moritz sprach schon 1781 vom märkischen, nicht vom Berliner Dialekt. Er war es auch, der erstmals Bemerkungen über den Akkudativ machte.

Doch jetzt wollen wir mal nicht zu historisch werden. Wenn vom Klang der deutschen Hauptstadt die Rede ist, geht es ja nicht allein um die Innenansicht des lärmgeplagten Hauptstadtbewohners, mag er nun alt- oder neueingesessen sein. Da geht es um den globalen Blickwinkel. Berlin ist viel mehr als ein Ort, der nur seinen Einwohnern gehören würde. Berlin verkörpert die Überwindung der Mauern und Systeme, die Durchsetzungskraft des Freigeistes. Berlin ist ein internationales Symbol. Schon John F. Kennedy ließ die ganze Welt wissen, dass er ein Berliner ist. Und seit diesem Augenblick war eben die ganze Welt ein Berliner. Wir sind zwar arm aber sexy, aber von Berlin lernen heißt, Überleben lernen.

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Ein Koffer in Berlin

Und damit kommen wir zur Musik. Der Klang von Berlin, der bis über die Ozeane an den Gestaden ferner Kontinente widerhallt, ist in aller erster Linie Musik. Früher war es das alte West-Berlin, das Pop-Ikonen wie David Bowie, Iggy Pop oder Nick Cave wie Fliegen anzog, auf dass sie sich von der besonderen Insellage der Stadt und ihrem permanenten Ausnahmezustand inspirieren ließen. Niemand wäre damals auf die Idee zu kommen, Berlin mit New York zu vergleichen. Berlin war Berlin, und New York war New York. Fertig. Aber damals lebten eben noch Pfitzmann und Mira, und der Berliner war in Berlin noch nicht in der Mehrheit. Heute ist das anders.

Die da permanent aus allen Teilen der Welt hinzuziehen, brauchen ja eine Rechtfertigung, warum sie hier sind. Und da kommt es gerade recht, Berlin als das neue New York zu feiern. Die Feuilletons sind voll davon. In Wirklichkeit hat es ja in Berlin noch nie eine übergreifende Musiksprache gegeben. Weder im Pop noch im Jazz und schon gar nicht unter den drei verfeindeten Opernhäusern. Vielleicht gab es das mal in Ansätzen zu Zeiten der Neuen Deutschen Welle mit Bands wie Ideal, den Neonbabys und den Einstürzenden Neubauten, aber das währte nur kurz und ist zudem lange her.

Von einer typischen Berliner Musikszene zu reden, ist also nichts als die Pflege einer Legende. Es gibt so viele unterschiedliche Szenen, wie es Musiker gibt. Sicher ist es verführerisch, die unfassbare Vielzahl von musikalischen Idiomen Berlins mit dem unversiegbaren Quell an musikalischer Innovation in New York gleichzusetzen. Viel Sinn macht das deshalb noch lange nicht. New York wird ja nicht umsonst als Big Apple bezeichnet. Es ist dieser große Apfel, der die Maden anzieht. Sie können sich voll fressen und nach Herzenslust rülpsen, aber der Apfel wird und wird nicht kleiner.

In der deutschen Hauptstadt ist die Situation freilich etwas anders. In der Tat hat auch Berlin über einen gewissen Zeitraum Künstler aus aller Herren Länder angezogen. Das war schön und sorgte für eine positive und kreative Stimmung in der Stadt. Aber warum waren all diese Künstler, Filmemacher, Theaterleute, Schriftsteller und eben auch Musiker gekommen? Weil dieser Bündelung von Kreativität an der Spree ein Naturgesetz zugrunde läge, wie das zwischen Hudson und East River durchaus der Fall ist? Wohl kaum. Der wahre Grund war viel profaner. Berlin war billig. Da lässt sich preiswert leben und lärmen.

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WAR, wohlgemerkt, denn die Zeit der Schnäppchen-Ateliers und gut gelegenen Budget-Lofts ist vorbei. Und sie wird nicht wiederkommen. Inzwischen muss man es sich leisten können, in Berlin zu leben. Nichts für Künstler, die ihre Erfolgsphase noch vor sich haben. Die ziehen einfach weiter, nach Prag, Krakau, Breslau, Warschau und irgendwann nach Minsk und Kiev, bis sie am Ende doch noch in New York ankommen. Und New York kann eben so teuer sein, wie es will, die Künstler kommen und bleiben. Genau genommen war Berlin auch schon VOR dem großen Hype immer eher ein flüchtiger Bahnhof als ein dauerhafter Standort. Musiker kamen, hinterließen für ein paar Wochen, Monate oder vielleicht auch Jahre ihre Duftmarke und zogen weiter.

Dagegen ist ja auch gar nichts zu sagen. Dieser fröhlich nervöse Lärm der Bewegung definiert eben seit mehr als hundert Jahren den besonderen Charme von Berlin. Schon Marlene Dietrich besang in ihrem Song „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“ diesen Dauerzustand der Durchreise. In Berlin kommt man nicht an, in Berlin macht man Station. Man lässt etwas dort und nimmt etwas mit. Genau aus diesem Grund ist ja überall in der Welt etwas von Berlin, und jeder ist ein Berliner.

Die Stadt selbst profitiert von diesem permanenten Durchlauf, denn es werden ständig neue Ideen angespült, während die Ideenträger selbst weiterreisen. Mit einem Big Apple, in dem die Maden dick und fett werden, hat das aber absolut nichts zu tun. Berlin ist nicht einmal eine Big Boulette. Berlin ist einfach nur ein riesiger Durchlauferhitzer. Aber auch der kann ja bekanntlich genug Krach machen.

Diese Flüchtigkeit ist vielleicht das prägende Moment, das heute viele Berliner Klangprojekte von Party über Rock und Jazz bis Klassik und Avantgarde gemeinsam haben. Man kann HEUTE spielen, was man will, in Gedanken ist man immer schon im MORGEN, wenn nicht gar im Übermorgen. Bloß an nichts festhalten, denn während man im Augenblick verharrt, könnte man ja etwas verpassen, das noch vor uns liegt. Jeder will der Erste sein. Sinnbilder dafür sind die großen Berliner Bio-Märkte. Die Gänge können noch so eng sein, jeder hat mit seinem Wagen Vorfahrt, bis nichts mehr geht. Doch alle arrangieren sich mit dem Chaos, bis man sich vor der Kasse wieder trifft.

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Kaum eine andere Stadt repräsentiert derart kompromisslos und überzeugend unser globalisiertes Lebensumfeld. Und das hört man. Genau aus diesem Grund gehört dem Sound von Berlin auch die Zukunft. Die künstlerische Lebenswirklichkeit in einer geschichtsträchtigen Stadt wie Berlin ist von einer frappierenden Geschichtslosigkeit. Es ist wie beim Märchen vom Hasen und Igel.  Erinnerung richtet sich bestenfalls nach vorn. Keine Atempause, Geschichte wir gemacht, es geht voran. Ja, sicher, die das skandierten, kamen aus Düsseldorf. Sei’s drum. Der Sound von Berlin genießt weltweit gerade deshalb so großen Zuspruch, weil er eben KEIN spezifisches Gesicht hat. New Orleans kann man nur in New Orleans hören, Berlin geht überall.

 

Fotos: Wolf Kampmann