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„Das Kleinbürgerliche ist etwas sehr Deutsches“

Ein Interview mit dem Filmemacher Jochen Hick

// Ulrike Rechel

 

Ulrike Rechel: Sie haben sich jahrelang mit queeren Biografien im Westen und Osten beschäftigt. Auf welcher Seite gab es die erstaunlicheren Geschichten?

Jochen Hick: Auf beiden Seiten gleichermaßen. In meinen Filmen versuche ich zu zeigen, dass Menschen in denselben Situationen teils ganz verschiedene Erfahrungen machten. Nicht immer gibt es eine klare Kausalität, wonach beispielsweise Menschen im Osten, wo es die stärkere politische und gesellschaftliche Repression gab, ständig mit dem Staat zusammengeknallt sind und vielleicht eher depressiv wurden. Es finden sich dort genügend andere Beispiele von Männern, die prima durchgekommen sind und mindestens so viel Sex und Spaß hatten wie die im Westen. Aber eben anders, weil es dieses „Öffentliche“ in dem Sinne nicht gab.

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Ulrike Rechel: Das Lebensglück hing also nicht vom Grad der staatlichen Einmischung ab?

Jochen Hick: Ich wüsste nicht, wer da ein objektiver Psychologe wäre und einen Überblick geben könnte, welche Probanten im Osten und Westen die größeren Diskriminierungen erfahren haben. Gleichzeitig würde ich auch nicht sagen, dass Menschen in der DDR aufgrund ihrer Homosexualität besonders diskriminiert wurden. Sie wurden aber zum Beispiel in dem Sinne diskriminiert, da sie als Schwule und Lesben eine Gruppe darstellten. Und die war viel mehr darauf angewiesen, sich zu treffen, denn Gleichgesinnte oder Partner können sie nicht wie die Stecknadel im Heuhaufen suchen. In der DDR war das aber streng genommen ab der dritten Person eine „Versammlung“: Es erzeugte Verdacht und Umstürzlerisches wurde vermutet.

Ulrike Rechel: Nicht zu vergessen aktive Behinderungen durch den Staat, teils auch im beruflichen Bereich.

Hochen Hick: Richtig, Staat und vorauseilender Gehorsam sorgten dafür, dass Schwule und Lesben keine Anzeigen in Zeitschriften schalten konnten und auch lange nicht im Radio und Fernsehen vorkamen, bis in die 1980er Jahre hinein. Sie wurden im Grunde gesellschaftlich ignoriert – obwohl § 175 (der Homosexualität unter Strafe stellte und in Bundesrepublik erst 1994 außer Kraft gesetzt wurde, Anm. d. Red.) in der DDR bereits 1968 abgeschafft worden war. Darin lag die Diskriminierung. In wieweit Schwule und Lesben im Osten Beschädigungen davon getragen haben, kann ich mir als im Westen Sozialisierter nicht erlauben zu beurteilen. Ich denke aber, dass man durchaus einen Unterschied der Schäden erkennen kann.

Ulrike Rechel: Erklären Sie das bitte genauer.

Jochen Hick: Im Westen ging es mehr darum, dass man die Enge in kleinbürgerlichen oder religiösen Haushalten und in kleinen Städten nicht mehr ausgehalten hat und weg wollte. Diese Stadt-Flucht gab es überall im Westen. Im Osten begegnete mir bei meinen Gesprächspartnern eher eine gewisse Melancholie. Der Jüngste war 50, der älteste 80. Und wenn man davon ausgeht, dass unsere sexuellste und lebendigste Zeit etwa zwischen 20 und 40 liegt, dann lag das für diese Männer in der Zeit vor der Wende. Man spürt eine gewisse Wehmut oder Sentimentalität, dass da ein Teil des Lebens verschwunden ist. Viele finden, danach sei alles „schlechter“ geworden. Das liegt sicher auch daran, dass wenig gewürdigt wird, was sie damals erlebt hatten.

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Ulrike Rechel: In welchen Bereichen fehlt eine solche Würdigung?

Jochen Hick: Es gab in der DDR eine schwule oder lesbische Kultur. Die Schwulen sagen: „Wir hatten zwar keinen CSD, aber wir hatten die HIB (Homosexuelle Interessengemeinschaft Berlin, Anm. d. Red.), auch wenn diese vielleicht durch die Existenz der West-Berliner HAW (Homosexuelle Aktion Westberlin) und Praunheims Film (Nicht der Homosexuelle…) angestoßen wurde. Es gab Charlotte von Mahlsdorf, Klappen und wilde private Partys, wir hatten Netzwerke, in denen wir uns unterstützt haben.“ Es kann eine gewisse Bitterkeit hervorrufen, wenn all das nicht gesehen wird. Und es führt dazu, dass teils auch etwas überhöht wird, wie es damals war. Auf der anderen Seite zeigt sich daran eine riesige Ignoranz seitens des Westens.

Ulrike Rechel: In „Mein wunderbares West-Berlin“ prägt sich die Erzählung eines Protagonisten ein, der am Vorabend des Mauerbaus seinen Geburtstag gefeiert hatte. Er hätte mit seinen Freunden im Westteil übernachten können. Doch er entschied sich, zuhause zu bleiben und seiner Mutter beim Abwaschen zu helfen. Seine Reaktion: „Pech gehabt.“

Jochen Hick: Eine wahnsinnige Geschichte, nach dem Prinzip kleine Sache – große Wirkung… Gleichzeitig, das fiel im Gespräch auf, scheint er es auch nicht so groß zu bereuen oder das Beste für sich daraus gemacht zu haben. In der DDR hatte er ganz gut gelebt, er war mit einem recht erfolgreichen Anwalt liiert und hatte keine Probleme. Was er immer wollte, war „einen gepflegten Herrn“ – also einen Älteren, der sich sorgt – eine Einstellung aus dem 50ern/60ern, wenn man so will. Dass sich die große Geschichte in der kleinen zeigt, gibt es nicht nur bei Heterosexuellen!

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Ulrike Rechel: Aus Episoden wie diesen spricht eine Sehnsucht eines Teils der schwulen Community nach einem „ganz normalen Leben“.

Jochen Hick: Das war im Osten so wie im Westen. Unter Schwulen gibt es die „Spießigen“, „Konservativen“ und es gibt die, die meinen: „Wir sind die Flippigen, die Progressiven“. Diese Lagerzugehörigkeit ist völlig systemunabhängig. Das Kleinbürgerliche und Brave, mit einem System mitzuschwimmen, das man vielleicht gar nicht mal so toll findet – das ist vielleicht schon etwas sehr Deutsches. Letztlich war sicherlich nichts kleinbürgerlicher als die DDR! Vielleicht sogar noch mehr als die 1950er Jahre in Westdeutschland. Die waren eher reaktionär, mitsamt einer Agenda, zum Beispiel dass Frauen nur mit Erlaubnis des Mannes arbeiten gehen durften.

Ulrike Rechel: Ihr Westberlin-Film ist dagegen insbesondere ein Gruppenporträt bekannter Querdenker wie Rosa von Praunheim, Egmont Fassbinder oder Wieland Speck. Ist Rebellentum eine Westberliner Spezialität?

Jochen Hick: In Ost-Berlin spiegelte sich insgesamt schon die DDR, auch wenn es natürlich etwas anderes war, in Ost-Berlin aufzuwachsen als sagen wir im Vogtland. West-Berlin war dagegen nicht Westdeutschland. Als gesellschaftlicher Spiegel funktionierte es höchstens anhand mancher politischer und emanzipatorischer Bewegungen, die in West-Berlin natürlich massiver auftraten. Nicht zuletzt, weil so viele Schwule dort hin gezogen waren, um der Bundeswehr zu entgehen und um dort machen zu können, was sie wollten. Auch wer dachte: „Ich brauche eine große Auswahl an potentiellen Sexualpartnern, die gibt es nur in der größten Stadt“, zog nach Berlin. Und es war auch preiswert. Die Leute, die kamen, waren nicht unbedingt die, die eine berufliche Karriere planten. Wem die Karriere wichtig war, der oder die blieb oft nicht lang. Von denen, die für immer geblieben sind, haben vielleicht auch manche dieses Peter-Pan-Syndrom leben können, nach dem Prinzip „Ich will nie erwachsen oder älter werden“.

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Ulrike Rechel: Man wird es letztlich doch.

Jochen Hick: Stimmt, nur für die anderen wirken sie nicht erwachsen, weil sie vielleicht immer noch so schwul wie am Anfang sind, so aktionistisch wie am Anfang, dass sie in gewisser Weise noch studentisch leben – und noch mit 50 ausgehen. In anderen Großstädten endet das Ausgehen oft mit 30!

Ulrike Rechel: Von Berlins schwuler Subkultur ist es kein weiter Weg zum legendären West-Berliner Nachtleben, dem Sie ein wichtiges Kapitel im West-Berlin-Film widmen. Bedingt das eine das andere?

Jochen Hick: Westbam hat dazu in „Mein wunderbares West-Berlin“ viel zu sagen. Für ihn hat der Beitrag der Schwulen zum Nightlife die Techno-Bewegung angestoßen. Das Blöde sei nur: Sobald die Schwulen merken, dass es, die „Heten“ auch machen, verlieren sie das Interesse und gehen woanders hin…

Ulrike Rechel: Techno war mit Köpfen wie Westbam Berlins Sound der Nachwendezeit.

Jochen Hick: Stimmt. Westbam glaubt selbst, dass der kleine Techno-Anfang im Westen ’88/’89 gestorben wäre; dann kam zum Glück der Osten dazu, der wahnsinnige Lust hatte zu feiern und Party zu machen. Ohne die Wiedervereinigung, aber auch ohne den queeren Hedonismus wäre Techno tot gewesen, hätte es wahrscheinlich auch keine Love Parade gegeben. Dazu war West-Berlin allein zu müde. Ende der Achtziger schien im Westteil der Stadt alles abgegessen und auf der Stelle zu treten, so beschreiben es viele. Durch die Wende bekamen die West-Berliner so etwas wie eine zweite Jugend geschenkt und konnten alles nochmal erleben: nochmal durch die Clubs, nochmal an neue Orte, nochmal neue Leute kennen lernen, obwohl sie nicht mehr 20 waren, sondern vielleicht 30 oder 40. Alle, die also die gesamte Zeit in Berlin waren, haben auf diese Weise zwei Wellen des Ausgehens erleben können. So eine Konstellation ist einzigartig.

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Ulrike Rechel: Diese Zeit des Partymachens prägt viele Lebensläufe bis heute.

Jochen Hick: Wer zum Beispiel 1960er-Jahrgang ist und 1980 zum Studieren nach Berlin zog, ist damals schon viel ausgegangen und hat sein Studium vielleicht in die Länge gezogen. Und 1990 ging’s dann nochmal los! Dann war man durch das viele Feiern ohne Langeweile flott mal 40 oder 50 geworden und hatte vielleicht seine Sachen noch nicht zu Ende studiert. Gleichzeitig kamen viele Wessis – aber auch Ossis – mit einer anderen Agenda in die Stadt, die versuchten, so etwas wie Wirtschaftlichkeit oder vordergründige Effizienz und Berufsmäßigkeit einzuführen. Eine Denke, zu der man nicht passte und passen wollte. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber da ensteht dann bei den „Alt-Berlinern“ teils eine gewisse Art von Bitterkeit, denn manches ist dann plötzlich gar nicht mehr so sexy.

 

Out in Ost-Berlin, D 2013, DVD (DVD: GALERIA ALASKA PRODUCTIONS / VOD: REALEYZ)

Mein wunderbares West-Berlin, D 2017, (Verleih: EDITION SALZGEBER), seit 29.6. im Kino

 

Fotos: Patrizia Straubhaar