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Das größte anzunehmende Glücksmoment

Schiller im Iran

// Gunnar Leue

 

Der Iran ist auf der Popweltkarte kaum präsent. Du warst in den letzten Monaten gleich zweimal zu Konzerten dort? 
Ja, das war sehr beeindruckend. Insgesamt habe ich acht Konzerte gegeben, fünf im vergangenen Dezember, drei weitere im März. Die Auftritte fanden in der Teheraner Keshvar Big Hall vor jeweils gut 3000 Zuschauern statt und waren erstaunlicherweise alle ausverkauft. Jeder Abend war unvergesslich.

Wie kam es zu den Konzerten, wo Liveauftritte westlicher Popmusiker in dem islamischen Land doch praktisch tabu sind? 
In den letzten zehn Jahren hatte ich mich oft gewundert, warum auf meinen Instagram- und Facebook-Accounts immer wieder Kommentare gepostet wurden: „Please come to Iran” oder „Iran loves you”. Einerseits habe ich das erfreut zur Kenntnis genommen, andererseits konnte ich natürlich nicht ahnen, ob es sich da eher um wenige Ausnahmen handelt, oder es wirklich ein größeres Publikum vor Ort gibt. Parallel dazu bin ich 2014 von einem iranischen Veranstalter angesprochen worden, ob ich nicht Lust hätte, ein Konzert in Teheran zu spielen. Natürlich hatte ich sofort große Lust, weil ich derlei auf den ersten Blick ungewöhnliche Projekte stets spannend finde. Schließlich befindet sich der Iran in einem aus unserem Blickwinkel fremden Kulturkreis. Da wird man neugierig, zumal ich den Iran bereits aus früheren Reisen in besonderer Erinnerung hatte.

 Hat dich das Interesse für deine Person und deine Musik nicht erstaunt? 
Ja, das hat mich wirklich sehr überrascht. Das Finden von Konzertterminen und die Genehmigungen vor Ort haben sich zwar zunächst immer wieder verzögert, und zwischenzeitlich ist die Sache vorübergehend auch ganz im Sande verlaufen, aber im Spätsommer 2017 kam die ultimative Zusage. Das war ein sehr aufregender Moment.

 Handelte es sich um einen privaten Veranstalter? 
Ja. Der Iran ist zwar religiös geprägt, aber Privatwirtschaft wird als Wirtschaftsordnung natürlich ebenso wie anderswo auf der Welt akzeptiert und praktiziert. Die Konzertagentur, die uns engagiert hat, veranstaltet üblicherweise vor allem Konzerte mit iranischen Künstlern. Aber offenbar hatte sie sich auf die Fahnen geschrieben, seit der Islamischen Revolution im Jahr 1979 die Erste zu sein, der es gelingt, jemandem aus dem sogenannten Westen einen Liveauftritt im Iran zu ermöglichen. Dass dem so ist, habe ich allerdings erst erfahren, als ich schon in Teheran war. Das hat die ganze Situation natürlich noch emotionaler gemacht. Die Beharrlichkeit, mit der die Veranstalter dieses Projekt vor Ort verfolgt haben, verdient wirklich allergrößte Bewunderung.

 

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 Gibt es im Iran – wo westliche Popmusik mit Gesang angeblich verboten ist – Schiller-Musik auf Tonträgern, was das Interesse an dir erklären könnte? 
Ja, es gibt CDs. Jedoch weiß ich nicht genau, wie sie ihren Weg dorthin gefunden haben, denn es handelt sich um Alben mit vollkommen anderen Plattencovern und Titelzusammenstellungen. Da meines Wissens offiziell keine Schiller-CDs in den Iran exportiert wurden, nehme ich stark an, dass man sich dort mit einem gerüttelt Maß Gewieftheit selbst zu helfen gewusst hat (lacht).

 Immerhin gibt es ja im Iran Internet…. 
Stimmt, und das ist dort bezüglich gewisser Inhalte überraschenderweise zugänglicher als beispielsweise in China. Jedenfalls erzählten mir viele Fans, dass sie seit über zehn Jahren fast ausschließlich Schiller hören. Noch erstaunlicher und für mich ungewohnt empfand ich, dass ich während meiner Aufenthalte in Teheran regelmäßig auf der Straße angesprochen wurde. Man ist direkt ins Gespräch gekommen. Das war sehr eindrücklich.

Hat dich das Erlebte inspiriert?  
Auf jeden Fall. Ich habe direkt vor Ort ein Stück komponiert, welches dann im März in Teheran seine Premiere erlebte: „Berlin Teheran”. Ich habe versucht, die empfundene Energie gebündelt in kraftvolle Musik fließen zu lassen.

 Wie war das Interesse von Seiten der iranischen Medien? 
Das war durchaus beachtlich. Es gab zwei große Pressekonferenzen, bei denen ich überaus interessiert und fundiert befragt wurde. Zudem musste ich zwischendurch immer wieder Interviews geben.

 Wurdest du auch zu politischen Themen befragt, zumal sich der Konflikt um das – inzwischen von den USA gekündigte – Atomabkommen bereits zugespitzt hatte? 
Politik war zu keinem Zeitpunkt ein Thema, auch nicht in privaten Gesprächen. Die Musik stand im Vordergrund und die Menschen haben es sichtlich genossen, während der Konzerte für zwei Stunden in eine gemeinsame Gefühlswelt einzutauchen. Das beruhte vollkommen auf Gegenseitigkeit.

Auffallend oft habe ich Teenager getroffen, die Goethe und Schiller gelesen haben.

 Wie eng war der Kontakt zu deinen Fans? 
Die Gespräche mit den Konzertbesuchern, meist zwischen 20 und 30 Jahre alt und zu gleichen Teilen männlich und weiblich, waren teilweise sehr emotional. Ich konnte intensiv spüren, was meine Klänge mit den Menschen machen. Die Menschen haben sich offenherzig artikuliert, wie tiefgreifend sie die Musik bewegt. Das fand ich bemerkenswert, weil man das aus anderen Teilen der Welt in dieser ungefilterten Offenheit nicht unbedingt kennt. Auffallend oft habe ich Teenager getroffen, die Goethe und Schiller gelesen haben, und zwar aus freien Stücken und nicht etwa, weil es in der Schule verlangt wird. Man ist wahnsinnig gastfreundlich und aufgeschlossen und ich fühlte mich in jedem Moment sehr willkommen. Viele Iraner sprechen fließend deutsch, englisch sowieso. Man fühlt sich Deutschland und den Deutschen seit jeher aufs Tiefste verbunden.

 Gibt es eine große Sehnsucht nach westlicher Musik? 
Ich möchte keineswegs altklug erscheinen, denn ich habe ja wirklich nur einen kleinen Ausschnitt des Iran erlebt. Allerdings einen sehr intensiven Ausschnitt. Mein Eindruck aus den vielen Begegnungen ist, dass gerade die jungen Iraner nicht unbedingt eine bedingungslose ad-hoc-Simulation des westlichen „Way of Life” herbeisehnen. Man ist stolz auf die eigene Kultur und deren Ursprung. Man schaut gleichwohl sehr interessiert und zugewandt auf andere Teile der Welt. Ich habe jedoch nicht das Gefühl, dass man es kaum abwarten kann, dass Teheran möglichst bald aussehen möge wie Las Vegas oder man im Fernsehen von nicht enden wollenden Trash-TV-Tiraden traktiert wird. Aber das ist, mit Verlaub, nur meine subjektive Wahrnehmung der Dinge.

 Wie reagierte das Publikum auf deine Musik im Konzert? 
Als Erstes war ich überrascht, wie euphorisch gerade die energetischen Passagen aufgenommen wurden. Dabei hatte ich noch vor den ersten Konzerten gedacht, dass einige Stücke vielleicht zu energiegeladen wären. Dem war aber nicht so. Insgesamt war die Reaktion auf die Musik sehr direkt und authentisch. Immer wieder gab es Szenenapplaus und Jubel an Stellen, an denen ich es im ersten Moment nicht gleich nachvollziehen konnte. Es wird nicht etwa bis zum Ende des Stücks gewartet, um sich dann zu artikulieren, sondern es gibt wirklich Applaus für einzelne Takte oder Sequenzen. Beim ersten Konzert war das noch relativ verwirrend. Danach versuchte ich, die Zuhörer zu „lesen” und zu lernen, warum man ohne Umschweife auf bestimmte Klänge und Passagen reagieren.

 Hast du eine Ahnung, warum die Iraner so intensiv auf die Klänge ansprechen? 
Wenn ich mit den Menschen sprach, entdeckte ich stets eine beachtliche emotionale Tiefe und ein großes Interesse an geschriebener und klingender Lyrik. Ich vermute, dass das wohl auch mit der überwiegenden Abwesenheit von kulturellen Oberflächlichkeiten zu tun hat. Kopf und Geist scheinen noch nicht von nihilistischen Nichtigkeiten narkotisiert worden zu sein. Außerdem ist dem Iraner offenbar eine gewisse romantische Melancholie, die wohl auch meine Musik in einigen Facetten ausmacht, sehr vertraut. Es ist schon eine bemerkenswerte Erfahrung: Irgendwann habe ich in einem Studio versucht, meine Gefühlswelt in Klangfarben auszudrücken, und das Ergebnis ist dann aus eigner Kraft auf den verschlungensten Pfaden in einen völlig anderen Kulturkreis gelangt. Das ist für einen Künstler schon ein besonderes Geschenk, vielleicht sogar der größte anzunehmende Glücksmoment. Man möchte ihn gerne für immer festhalten.

 

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 Hattest du Kontakt zur einheimischen Musikerszene? 
Es gab durchaus einen Austausch, aber weniger mit elektronisch arbeitenden Musikern. Im Iran wird viel zu Hause mit traditionellen persischen Instrumenten musiziert. Es gibt diverse Rhythmusinstrumente, auch viele interessante Blas- und Saiteninstrumente. Ich habe etliche Musiker getroffen, die mit solchen Instrumente kleine Konzerte geben und sich über die Jahre ein Publikum erspielt haben. Oft geschah das nach der Show, wenn man eigentlich nicht sonderlich gesellschaftsfähig ist, weil man sich noch in seiner eigenen Welt befindet (lacht). Es gab stets ein perfekt organisiertes Aftershowprogramm.

 Aftershowprogramm oder -party? 
Das hängt von der Definition des Begriffs Party ab. Ich empfand es als gepflegt und respektvoll. Es waren stets viele Musiker und Kulturschaffende hinter der Bühne, Schauspieler und viele Fans. Wir führten lange, intensive Gespräche, was sehr schön war. Man bekommt natürlich auf diese Weise ein gutes Gefühl für das Publikum, wenn man direkt nach dem Konzert die Reaktionen spürt.

 Wurden die Konzerte mitgeschnitten, möglicherweise für eine Live-DVD? 
Das wurde gemacht, und wir überlegen, ob und wie es veröffentlicht werden kann. Außerdem arbeite ich gerade an meinem neuen Album. Die beiden Reisen kamen mir sehr gelegen, um über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken. Was daraus in der Praxis für das Album entsteht, weiß ich noch nicht. Es sind glücklicherweise weitere Konzerte geplant. Ich möchte sehr gerne auch als reiner Besucher in den Iran reisen. Das Land ist ja nur vier Flugstunden entfernt, fühlt sich aber ungleich weiter weg an. Ich würde wirklich jedem Interessierten einen Besuch empfehlen, denn mir fallen wenige Länder ein, bei denen die von außen gefühlte Wirklichkeit und die vor Ort erlebte Wirklichkeit so eklatant differieren. Auch wenn man als aufgeschlossener Mensch und belesener Bildungsbürger vielleicht glaubt, alles Relevante über den Iran zu wissen – das Land ist doch ganz anders als im Fernsehen. So wie das Deutschland, in dem das ganze Jahr über Oktoberfest gefeiert wird, wie ja auch manche Menschen draußen in der großen weiten Welt zu glauben scheinen (lacht).

 Würdest du gern mal iranische Musiker zu dir nach Deutschland einladen? 
Dazu hätte ich große Lust.

 

  

Fotos: Schiller