SPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Children of the Revolution, Vanessa Sonnenfroh

Children of the Revolution

Die Protestsong-Kultur der 1960er Jahre

Me and Bob D.

Februar 2015, Neuseeland, irgendwo im Wald. Seit zwei Tagen lebe ich zwischen Aussteigern, Künstlern und Hippies auf einem Rainbow-Gathering. Ein junger Kerl, welcher es nur zu gut versteht, seine Zerbrechlichkeit hinter einem wilden Bart, Dreads und Wutgesprächen zu verstecken, singt nachts am Feuer Bob Dylans „Like A Rolling Stone”. Hier sitze ich nun, angekommen am Ende der Welt, like a rolling stone, no direction home, und ich fühle mich erstmals seit langer Zeit zuhause. Meine eigene kleine Mondlandung, mein Woodstock. Bob Dylan wird zum persönlichen neuen Helden gekrönt, der Bärtige singt mir noch weitere Lieder vor bis ich schließlich einstimme.

//Vanessa Sonnenfroh

Zwei Jahre später zurück in Deutschland bleibt mir immerhin die Gewissheit, zumindest für den Bruchteil einer Sekunde gefühlt zu haben, was Dylan singt. Ich verstehe diesen porzellanhäutigen zerbrechlichen Jüngling, welcher in den 1960er Jahren versehentlich zum Idol einer Generation wurde, und als mir bei meiner Rückkehr eine Joan-Baez-Platte als Erbstück überreicht wird, frage ich mich langsam ernsthaft, ob mir jenes Zeitalter besser gestanden hätte. Mit Musik die Welt verändern – die romantischste Vorstellung, die es gibt.

Vielleicht ist es auch makaber, sich in ein Zeitalter, das von so viel Leid und Unrecht geprägt war, zurückzuwünschen – doch ebenso wird man eines Tages ungläubig auf heutige Tage zurückblicken, und manch Nostalgiker wird sich in diese nie gelebte Wirklichkeit zurücksehnen.

Mehr als nur ein Lied

In Deutschland wurde 1961 Mauer gebaut, ab 1964 wütete der Vietnamkrieg – die USA fast bis zum Ende involviert – der Sechstagekrieg in Israel-Palästina, das Attentat auf Martin Luther King, die Ermordung der Kennedys, die allgemeine Unterdrückung Dunkelhäutiger in Amerika, die Niederschlagung des Prager Frühlings – und zwischen all dem Grauen die Friedensbewegung. Eine ebenso lebendige wie dunkle Ära. Eine gute Zeit für Träumer und Alternative. Eine Zeit der Emanzipation, Selbstbestimmung und Veränderung. Ein Zeitalter, das die kreativen Köpfe der Gesellschaft dazu veranlasste, ihre Träumereien zu Worten und Worte zu Taten werden zu lassen. Die Zeit der Protestlieder.

Ein Protestlied kann sich an eine politische oder nicht-politische AutoritätSPAM! Musik Magazin Ausgabe 2: Editorial, Children of the Revolution, Vanessa Sonnenfroh richten, aufklärend oder auffordernd sein, manchmal verschlüsselt und manchmal direkt – die verschiedensten Ansätze wurden mit der Zeit bereits umgesetzt. Im Grunde gab es musikalischen Protest jedoch schon immer. Die Sklaven im früheren Amerika sangen gegen die Gefangenschaft an und träumten vertonte Träume von Heimat. Jizchak Katzenelson  schrieb mit „Donna Donna“ ein Klagelied in der Nazizeit (Ein Kälbchen auf der Schlachtbank als Synonym für die Juden auf dem Weg ins KZ), in Lateinamerika entstand in den 1940er Jahren eine Strömung namens Nueva Canción welche die allgegenwärtige Armut und Menschenrechte thematisierte, auf der ganzen Welt fasste man den wachsenden Ärger gegen die Obrigkeit in Töne. In den Sixties häuften sich weltweit politische Misstände, und man begann den Spieß kreativ umzudrehen. Besonders in den USA, wo sich außergewöhnlich viel auf dem Zweig der Folk Music tat.

How many roads must a man walk down?

Woodie Guthrie war einer der ersten, der schon in den 1940er Jahren mit politischen Texten auffiel, aber bereits gegen Ende der 60er verstarb. Mit “This Land Is Your Land” schrieb er einen der berühmtesten amerikanischen Folk Songs – ein weniger politisches Werk. Sein Lied “Tear The Fascists Down” erreichte gerade wegen seiner politischen Direktheit ein breites Publikum, bei seinen Auftritten bespielte er eine Gitarre, auf die er die Worte „this machine kills fascists” gemalt hatte, und setzte so ein unübersehbares Zeichen. Musik als weiche und doch scharfe Waffe in der politischen Auseinandersetzung. Guthrie war der Mentor und die wohl größte Inspiration von Bob Dylan. Der Jüngere besuchte schon in jungen Jahren seinen Helden am Sterbebett, sang ihm vor und ließ sich musikalische Ratschläge geben. Welche er wohl anzuwenden wusste.

Bob Dylan war wohl eine der prägenden Person der Protestsängerbewegung. Er war jung, wütend, emotional und traf mit seinen teils eher rätselhaft anmutenden Songtexten den Nerv der Zeit. „Blowin’ In The Wind” besteht im Grunde aus völlig zeitlosen Zeilen, und doch wurde der Text des Liedes auf den Vietnamkrieg und die Beendigung von jeder Form von Unterdrückung gemünzt und von den Protestlern der Bürgerrechtsbewegung regelrecht als Hymne verwendet. Hier die erste Strophe:

How many roads must a man walk down
Before you call him a man?
Yes, ’n’ how many seas must a white dove sail
Before she sleeps in the sand?
Yes, ’n’ how many times must the cannonballs fly
Before they’re forever banned?
The answer, my friend, is blowin’ in the wind
The answer is blowin’ in the wind

Ewan MacColl meinte dazu einst: „a grocery list song where one line has absolutely no relevance to the next line […] puerile – too general to mean anything“, womit der britische Produzent, Autor und Dichter wohl recht haben mag – trotzdem wurde der Song zu einem der größten Protestsongs seiner Zeit und der folgenden Epochen. Dylan selbst, zählte sich nie so recht zur aktiven Fraktion der politischen Songwriter, und seine Vorbildfunktion sowie sein hoher Bekanntheitsgrad machten ihm oft zu schaffen. (Paradox, da doch Woodie Guthrie ein bekennender Bürgerrechtler war). Doch die Welt zeigte sich begeistert vom unwilligen Helden.

Neben Bob Dylan muss selbstverständlich Joan Baez erwähnt werden. Die amerikanische Singer/Songwriterin leistete mit ihrer Interpretation von Pete Seegers „We Shall Overcome” ihrerseits einen wichtigen Beitrag zur Bürgerrechtsbewegung. Visionen einer friedvollen Zukunft, ein positives Weltbild und der Glaube an bessere Zeiten wurden thematisiert. Ein ganz anderer Stil als der von Dylan, direkt, optimistisch, vielleicht ein wenig utopistisch „Black and white together now, some day“, „Oh, deep in my heart, I do believe we shall overcome, some day.” Dylan und Baez, die zeitweise auch ein Paar waren, traten 1963 beim March of Washington auf, dieser stellte einen Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung dar. Im Gegensatz zu Dylan, sah Baez sich jedoch als aktives Mitglied der Friedensbewegung. Sie protestierte, demonstrierte und mischte sich für den Frieden energisch unters Volk. Dylan blieb größtenteils beim Schreiben und Spielen – er war und wollte Musiker sein und Lieder schreiben.

Barry Mc Guire malte 1965 mit seinem Lied „Eve Of Distruction” ein politisch direktes, sehr greifbares Bild des Krieges und wetterte so gegen den Vietnam-Krieg. Ebenso Country Joe McDonald, der durch seinen Auftritt auf dem Woodstock Festival 1996 mit dem „Feel Like I’m Fixing To Die Rag” berühmt wurde. The Byrds, Crosby, Stills, Nash & Young, Richie Havens, Joni Mitchell, Aretha Franklin und John Lennon sowie die Jazzmusiker Charles Mingus und Max Roach und nicht zu vergessen die Rolling Stones mit ihrem überaus politischen Album „Beggar’s Banquet“ waren aktive Mitglieder der Strömung und beeinflussten in politischer wie kultureller Hinsicht den Geist der Zeit.

Where have all the flowers gone?

Was ist aber übrig geblieben von der politischen Direktheit, der Sozialkritik und dem vertonten Protest der 1960er Jahre? Weder das Woodstock Festival mit seinen barfüßigen und eher friedvolleren Weltveränderern hat überlebt noch die energischen Proteste. Andere Zeiten sind angebrochen, mit diesen sind auch neue Mauern entstanden. Ja, es wird protestiert, gegen den Brexit, TTIP, Trump, Kriege, Massentierhaltung und für Gleichberechtigung, doch die Massenbasis der Protestbewegung von 1968 bleibt unerreicht. Dylan konnte ab 1980 kaum mehr politischen Konsens in seinen Liedern vorweisen, die überlebenden Mitglieder der Beatles und die Rolling Stones haben ihre politische Zeit ebenfalls weitgehend hinter sich gelassen, die Helden der Zeit sind alt geworden. Unsere junge Generation ist ein wenig schläfrig – obwohl es natürlich musikalischen Protest gibt. Bei den Demonstrationen gegen die Ölpipeline in Dakota war Neil Young vertreten, ein altes Gesicht in neuen Demonstrationen, ein Vorbild für viele junge Musiker von heute. Auch Künstler wie Madonna, Alicia Keys, R.E.M. oder Lenny Kravitz schreiben ab und zu Protestlieder, Punkrockbands wie Green Day oder System Of A Down thematisieren in ihren Songs in weichgespülter Version die gegenwärtigen Missstände auf der Welt. Immerhin, besser als nichts. Die Poesie der Songs aus den Sixties und die Anmut mit der eine Baez für den Frieden sang, sind unwiederbringlich, die Energie und Leidenschaft welche man zur besagten Zeit in ein politisches Lied steckte, ist weit entfernt vom heutigen Protestlied.

Wir sollten uns eine Scheibe abschneiden von der damaligen Strömung, und beginnen, wieder mehr mit unserer Kunst bewegen zu wollen anstatt selbst politische Misstände für Ruhm, Bestätigung und Narzissmus zu für uns selbst zu instrumentalisieren. Vielleicht ändern sich die Zeiten dann ja doch noch und alles wendet sich zum Guten, vielleicht kann ein Song ja tatsächlich die Welt verändern. Was damals möglich war, kann heute auch funktionieren. Wenn ein Bob Dylan in diesen Zeiten einen Literaturnobelpreis nach Hause tragen kann – wie missmutig auch immer – besteht definitiv Hoffnung.

Gehen uns tatsächlich die Helden aus? Höchste Zeit selbst einer zu werden.

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